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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 29

28. Dezember 2014

– XXIX –

Es war eine große Aufregung in der kleinen Laube. Im Mittelpunkt stand der „große“ Umzug. Dem Umfang nach war er tatsächlich nur klein: Alle geretteten Sachen der Mutter, ihr Hab und Gut also, fanden ihren Platz auf einem geliehenen zweirädrigen Handkarren. Der Bedeutung nach war dieser Umzug eine Riesenveränderung. Die Mutter konnte das dankbar angenommene aber ungeliebte Notquartier eintauschen in eigene vier Wände. Möglich gemacht hatten diesen heiß ersehnten Schritt jahrelang gelebte und gepflegte menschliche Beziehungen. Eine wirkliche Freundin, die in der Blankenfeldestraße im gleichen Hause gewohnt hatte und dort selber völlig ausgebombt war, genauer: Ihre Wohnung samt Einrichtung hatten Granaten zerschossen, von welcher Seite abgefeuerte auch immer, diese Freundin der Mutter fand ihre allein lebende Mutter in der Weichselstraße im Bezirk Lichtenberg, heute Bezirk Friedrichshain, wohlbehalten und gesund in deren schöner großen Wohnung wieder. Dort quartierten sie sich sogleich selber ein. Folglich war für diese Wohnung fremde Einquartierung ausgeschlossen, was die alte Dame beruhigte. Die Freundin wohnte also mit Mann und Tochter bei ihrer eigenen Mutter. Dieser Mann, als Spezialdrucker in der Reichsdruckerei unabkömmlich, also nicht eingezogen gewesen, hatte nicht nur den Krieg wohlbehalten überstanden, er war auch nie in einer Partei oder einer sonstwie diskriminierten Organisation gewesen. Mit seinem bewährten guten berliner Humor und mit dieser notorischen Unbelastetheit in politicis setzte er sogleich seinen unbeugsamen Tatendrang ein. Seine Frau war nicht nur Hertas beste Freundin, er selber, nachdem er mit seiner Familie diese gute und dauerhafte Unterkunft gefunden hatte, schaute sich sofort beflissen nach allen Seiten um, um für „seine Herta“ auch ein Zuhause zu finden, denn Onkel Bruno, den man sich jetzt als Gefangenen am Eismeer dachte, der schon erwähnte Bäcker aus der Marsiliusstraße und eben er, der Drucker, sie waren eine unzertrennliche Skatrunde. Sie mischten nicht nur einmal in der Woche lustvoll, lautstark und schnapsselig die Karten, sie waren selber nicht nur ein Kleeblatt dreier verschiedener Berufe, genau so gemischt waren ihre politischen Ansichten. Onkel Bruno war SA-Mann aus der „linken“ Strasser-Ecke, der Bäcker war ein „fördernder“ Sozialdemokrat, er unterstützte die gemäßigten Roten mit Geld und guten Worten, in der Not auch mit Backwaren, war aber als Geschäftsmann ebenfalls, wie der Drucker, kein Parteimitglied gewesen, und unser Drucker war, wie alle Drucker, bis dreiunddreißig ein guter und überzeugter Gewerkschafter, aber er war eben ein so exzellenter Fachmann und ein so liebenswertes Schlitzohr, daß es ihm mühelos gelungen war, bis fünfundvierzig alle Kurven elegant zu kratzen und nirgends anzuecken.

Nur in den allerletzten Tagen, als der Beschuß begann, wäre er beinahe in die lebensgefährlichen Netze des Volkssturms geraten. Er gründete lieber schnell eine „Sonderkampfgruppe“ zur Verteidigung der Reichsdruckerei und zahlte den Preis, in den entscheidenden drei Tagen nicht bei seiner Frau im Keller sein zu können. Die unmittelbar Betroffenen der Blankenfeldestraße meinten aber, gerade dies habe ihm möglicherweise tatsächlich das Leben gerettet. Er selber sagte nur: „Unkraut vajeht eben nich.“

Kurz und gut: Er „kümmerte“ sich. In der Wohnung neben der Wohnung seiner Schwiegermutter wohnte ein Lehrer, der sich für einen nationalen Ideal-Sozialisten hielt, jedenfalls verhielt er sich so, und in den vergangenen tausend Jahren hatte er freudig die Musterrolle eines „strammen“ Nazis gespielt. Da er aber von Natur und Charakter nichts weiter war als eine schlaffe Deutschlehrerseele, der die Einhaltung der Kommaregeln noch wichtiger war als jedes Parteiprogramm und Hitlers angebliche nationale Einigung, war jetzt, im Nachhinein, schwer zu begreifen, auf welche Weise er sich bei seinen Mitbewohnern solchermaßen unbeliebt gemacht hatte, daß sie ihn partout aus seiner Wohnung vertreiben wollten. Die neuen alten Kommunisten, die nun das Bezirksamt beherrschten, hatten schon zugestimmt, als die Schwiegermutter des Druckers den Drucker veranlaßte, salomonisch regelnd „„einzuschreiten“, denn die Frau des Lehrers war eine überall beliebte, herzensgute zierliche Person, die wiederum niemand vertreiben wollte. Der Drucker rang dem örtlichen Oberkommunisten folgenden Kompromiß ab: Der Nazilehrer, zum Arbeiten auf dem Bau ohnehin zu alt und vor allem zu ungeschickt, der wird verwarnt, er muß zur Strafe zusammenrücken und eines seiner beiden großen Zimmer abtreten. An wen? Klar, an Herta und ihre beiden Kinder, (Rudolf war noch ferne). Auf diese schöne demokratische Weise, schließlich waren die verschiedensten Vertreter des wahren Volkes an der Lösung beteiligt, bekam die Mutter einen Einweisungschein für sich und „zwei Kinder“.

Rudolf Anders hörte deshalb, als sich die erste freudige Aufregung über seine zwar erhoffte, aber doch so überraschende Ankunft gelegt hatte, seine Mutter aufatmend sagen: „Jott, Rudolf, du kommst wirklich und wahrhaftig wie gerufen für unseren Umzug. Det mit den vier Personen, wat wa jetzt nu mal sind, det wird sich ooch noch irgendwie finden.“ Es fand sich.

So ging es denn „mit Sack und Pack“ von Karlshorst zu Fuß in Richtung Innenstadt, hin in die neue Heimat. Der lange dürre Rudolf vorneweg, mit seinem ganzen bescheidenen Gewicht mühsam die beiden Holme des zweirädrigen Handwagens herunterdrückend, der Halbbruder Gerd schob tapfer an der linken, die Mutter an der rechten Ecke hinten, und der kleine Hans, eine Hand am Karren, lief ebenfalls ausdauernd die ganze Strecke mit. Allerdings betonte er mit Nachdruck: „Kleen bin ick nich!“.

Ihr Weg war nicht nur der Siegesweg der Roten Armee, im Gegensatz zu heute morgen stimmte jetzt auch die „Einfall“-Richtung. Die Treskowallee war gesperrt. Man mußte sich auf Parallelstraßen voransuchen, Umwege machen, aber bald war Friedrichsfelde erreicht und man sah, wo der Widerstand eingesetzt hatte. Die Höhe der Bebauung hätte hier zunehmen müssen, was zunahm waren nur die Trümmerberge. U-Bahnhof Lichtenberg, (damals) Endstation der (gesperrten) Linie E. Die Treppen standen, der Tunnel war schließlich noch vorhanden, doch Züge fuhren noch nicht. „Die armen Schweine unten in der Linie E am Alex sind elendig ersoffen. Es muß schrecklich gewesen sein, als nach der Sprengung des Spreetunnels die Flutwelle im untersten Bahnsteiggeschoß des dreistöckigen Bahnhofs Alexanderplatz ankam“, kommentierte seine Mutter den Anblick des zugenagelten U-Bahn-Eingangs in Lichtenberg.

„Warum haben denn diese Wahnsinnigen den U-Bahntunnel an der Klosterstraße gesprengt? Die Russen sind doch nicht durch die U-Bahnschächte gekommen!“ Aber er hörte sofort auf zu fragen. Auf alle diese und ähnliche Fragen, das spürte er schon, würde es sobald – wenn überhaupt – keine zufriedenstellenden Antworten geben . Vor ihnen die vertraute Eisenbahnüberführung: Der Verbinder, wie die alten Berliner sagen, die flache gestreckte S-Bahnbrücke des Ostrings über die Frankfurter Allee. Beim Bau des Stadtbahnrings war dies die letzte zu schließende Lücke gewesen, der Verbinder schloß diese Lücke, erweckte damit öffentliche Aufmerksamkeit, und die gab ihm seinen einprägsamen Namen. Er machte den Ring des Fortschritts im Stadtverkehr komplett. Genaugenommen war dies der S-Bahnhof Frankfurter Allee. Rudolf kannte den Bahnhof nur dem Namen nach. Noch niemals zuvor war er hier ausgestiegen, nur gelegentlich durchgefahren. Die Mutter sagte, um Zugpferd und Schiebehelfer zu trösten, denn der Sechzehnjährige und der Dreizehnjährige waren mittlerweile doch ins Schwitzen gekommen: „Nu isset nich mehr weit.“

Wie weit es doch war, für ihn, vom Schlesischen Bahnhof nach Unna, von Unna – mit der fast tödlichen Unterbrechung nach dem Aufenthalt in Eisleben auf dem
Bahnhof in Leipzig – über Eger nach Zwettl und Döllersheim, auf den Truppenübungsplatz der Österreicher, dann Richtung Kroatien über Linz an der Donau bis fast nach Klagenfurt. Dort das große Halt, Konfusion, was nun? „Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!“ Der alte Landserscherz als bittere Wirklichkeit. Am Traunsee entlang, den wunderschönen Soleweg oberhalb des Sees, unbehelligt von den Amipatroullien. Genau dort zum ersten Male aufgeschreckt von dem Unwort „KZ“ mit dem Hinweis der Einheimischen: „Dös hams aufgelöst; vor dena muß man sich fei in acht nehma!“ Bis Bad Ischl und Salzburg und Rosenheim. Die Entlassung. Mit dem Ami-LKW bis zum Hermsdorfer Kreuz. Zu Fuß über Jena, Weimar, Erfurt und Sondershausen nach Nordhausen. Station machen, Briefe abgeben, in einem richtigen Bett schlafen. Wieder von einem schrecklichen KZ hören und von der V2. Hier sollte sie entstanden sein. Nichts Genaues wußte keiner so richtig. Was kümmerte es den, der sich nach langen Strapazen wieder einmal verwöhnen ließ? Immer voller Unruhe wegen der unbekannten Lage in Berlin. Über Sangerhausen, Lengefeld an die Elbe. Dessau, Roßlau, der Schutzengel, der Güterzug, das Aufatmen. Die Objektivität muß es der Bombenvielfalt und dem artilleristischen Perfektionsbemühen doch entgegenhalten: Hier, an der Einmündung der Weichselstraße in die Frankfurter Allee standen ja noch Häuser! Ein schöner grauer hoher Bau mit so einer Kyklopenfassade aus grob behauenem Sandstein. Linksschwenkt marsch, noch dreihundert Meter, am Traveplatz vorbei, und da sind wir wirklich: Unser neues Haus in der Weichselstraße. „Haste jesehn, an der Ecke is’n Kino?“ sagte Rudolf zu seinem kleineren Bruder, als sie beide den beschwerlichen Handwagen zum Stehen brachten. Doch der Gerd war schon einmal hier gewesen und wußte mehr: „Ja, aber se spieln noch nich.“ Kino! Das Leben hatte – zumindest als Hoffnung und Möglichkeit – noch Glanzseiten in petto.

Die Wohnung, genauer: das Zimmer, das ihnen zu viert nun gehören sollte, lag im dritten Stock. Hans, der Kleine, der nicht mehr klein genannt sein wollte, paßte unten auf, daß keiner was klaute. Wenn keiner mehr etwas hat, kann jeder alles gebrauchen. Ein fast moralfreies Faktum. Rudolf und Gerd schleppten die letzten Habseligkeiten nach oben: Zwei Ehebetten, die man zum Glück hintereinander aufstellen konnte. (Gott hab‘ den Schreiner selig, der die geteilten Kopf- und Fußenden sich ausgedacht hatte). Ein Zieharmonikabett, das – zusammengeschoben – als Ofenbank diente, und ein hölzerner Liegestuhl, den die dritte Großmutter im letzten Augenblick dazugegeben hatte. Diese sinnvolle Kombination ergab klar vier Schlafgelegenheiten. Das Hauptproblem war damit gelöst. Es waren noch Kleinigkeiten auf dem Wagen. Das Küchenbuffet hatten sie schon gleich zuerst nach oben geschafft. Es folgten noch Kartons mit Geschirr, Küchengeräte, Kleinkram, Decken und (Achtung!): Zutaten für eine erste perfekte Mahlzeit. Die Mutter hatte sich wieder einmal beim Organisieren selber übertroffen. Alle Eingeweihten lachten. Diesmal gehörte Rudolf auch dazu – der liebe Leser noch nicht. Die zugrundeliegende Geschichte geht so:

Als im Frühjahr vierundvierzig die Amerikaner über dem Reichsgebiet die Lufthoheit übernahmen und ihre kaum angefochtene Überlegenheit auch zielstrebig in „action“ umsetzten, wurde es berliner Behörden zu heiß unter den Bürostühlen, und sie ordneten auf der bewährten „freiwilligen Basis“ die Evakuierung der Frauen mit kleinen Kindern an. Die Mutter und ihre beste Freundin, nennen wir sie Gertrud, machten mit. Mutters Schwägerin Käthe war auch dabei. Ihr Mann war ebenfalls an der Front, in Rußland. Also packen und auf nach Thüringen, eben nach Lengefeld. Eine lange Fahrt mit den üblichen Hindernissen. Ankunft in Sangerhausen, spät in der Nacht. Dennoch sofortiger Bustranfer – gut organisiert von der örtlichen Parteileitung – auf die jeweiligen Dörfer. Herta, Gertrud und Käthe kamen mit ihren Kindern nach Lengefeld, das der Leser schon kennt. Die Schwägerin Käthe, die aus der Laube in Karlshorst, landete mit ihrem Neugeborenen vornehm beim Bürgermeister, als den Familien ihre neue Bleibe zugewiesen wurde. Gertrud erwischte einen wohlhabenden Bauern, und die Mutter kam – standesgemäß – zu ehrlichen, einfachen, armen Leuten. Es sollte sich bald herausstellen, daß die Mutter es am besten getroffen hatte. Doch dies ist hier an dieser Stelle nicht die Geschichte. Der Mutter wies man eine schöne Häuslerstube zu, mit einem eingebauten Ofen, der eine Kochröhre hatte. Es war geheizt. Niemand fror. Schnell ging man erst einmal zu Bette. Alles war hundemüde nach der langen Fahrt.

Am nächsten Morgen klopfte die besorgte Hauswirtin an die Tür, sich erkundigend, ob es an irgend etwas fehle, was man halt so zum leben braucht. Die Hauswirtin schaute verdutzt, lächelte ungläubig, es roch unverwechselbar und nicht abzuleugnen nach – Eintopf, nach Wirsingkohl. Die Mutter war längst auf , die Kinder schliefen noch, und sie hatte sich drangemacht, hatte den mitgebrachten Wirsingkohlkopf geputzt und zubereitet, die mitgebrachten Kartoffeln und eine Scheibe Bauchspeck dazugetan und alles, wie es sich ihrer Erfahrung nach gehörte, im ebenfalls mitgebrachten Kochtopf in die herrliche Ofenröhre geschoben. „Weß man denn, wat det uff’m Dorf so zu essen jibt?“ Die Geschichte war im Nu im ganzen Dorf herum wie ein Steppenbrand. Die Bauers- und die Häuslerfrauen konnten es nicht fassen. Diese Herta aus Berlin hatte geglaubt, oder zumindest für möglich gehalten, sie könnte auf dem Dorfe verhungern. Vielleicht lachen die Alten im Dorf Lengefeld noch heute über diese Herta.

Auch diesmal, auch bei diesem schicksalbedingten Ortswechsel ging es in der Küche sofort zur Sache. Die Mutter übernahm freundlich aber bestimmt das Kommando. Die zierliche Lehrersfrau ließ es gerne geschehen. Sie war froh, die Wohnung als vertraute Umgebung behalten zu haben. Der Lehrer wurde nicht gefragt und ließ sich erst langsam und zögerlich blicken, als er merkte, es würde ihm nichts geschehen. Wir hatten im neuen Hafen Anker geworfen. Doch noch war nicht aller Tage Abend. Die Hafenbehörden waren zu informieren, daß die Mannschaft aus einer Kapitänin und drei Leichtmatrosen bestand! Nun gut, morgen war auch noch ein Tag.

Aus Karlshorst waren noch Möbel abzuholen: Ein zerlegbarer Kleiderschrank, das Oberteil des Küchenbüffets, von Granatsplittern leider häßlich verunziert aber funktionsfähig, ein kleiner runder Tisch war beim ersten Mal schon mitgekommen, dazu kamen zwei Stühle und zwei Hocker. Diese zweite Fuhre übernahmen die beiden älteren Jungen; der „Kleine“ wurde abgewiesen. Die beiden „Großen“ wollten ihn nicht dabei haben. Die Mutter übernahm den Part bei der „Hafenbehörde“

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