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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 28

23. Dezember 2014

– XXVIII –

Meine Gastgeber machten ernst am nächsten Morgen. Es ging wirklich früh raus. Doch das Frühaufstehen war er ja gewohnt. Jeder bekam eine Schüssel Wasser für die Morgenwäsche, und er revanchierte sich für die so selbstverständlich gewährte Aufnahme in diesem Trümmerhaushalt mit einem halben Stück – gut schäumender! – Wehrmachtsseife, einem Zehntel seines kostbaren Besitzes. Mit der anderen Hälfte hatte er sich – vorsichtig dosierend – selber gewaschen, und die übrigen vier Stücke, die er sich in Salzburg in der Kaserne organisiert hatte, waren als Morgengabe oder Einstand für seine Mutter gedacht. Sie liebte ihn zwar, daran zweifelte er nicht, doch er war es gewohnt, daß sie ihn streng behandelte: „Die Oma verwöhnt dich sowieso viel zu sehr.“ War ihre stehende Redensart. Darauf war er eingestellt. Er war schließlich als „guter Sohn“ so zielstrebig heimgekehrt, wie sein banges Gewissen es ihm vorschrieb, und wie die Leute es alle unausgesprochen – dessen war er sich auch gewiß – von ihm erwartet hatten. Doch ihm war völlig klar, er begab sich in ein ungewohntes Regiment. Ärmste Verhältnisse waren ihm vertraut, doch ein verwöhntes Einzelkind zu sein, war ihm gleichermaßen eine liebe Gewohnheit gewesen. Vorschriften hatte ihm im Grunde niemand gemacht. Nach Einhaltung der Spielregeln bei Großeltern, in der Schule und in der Lehre fühlte er sich vollkommen frei. Dieses Freiheitsgefühl bezog sich auf’s Lesen (die Auswahl der Bücher), auf’s Kinogehen (über zehn Kinos standen fast bis zum Schluß immer zur Auswahl), und auf den Umgang mit anderen (soweit ein Typischer Einzelgänger Umgang mit anderen hat). Jetzt aber würde er von morgens bis abends zwei Brüder haben und eine Mutter, die Mutter sicher als Chef. Er war entschlossen, auch diese Spielregeln angemessen zu beachten, wie man eben Spielregeln beachtet: indem man sich und die anderen beim Anwenden als praktiziertes Einhalten mit strukturbedingten Abweichungen beobachtet, indem man die Regeln als ungeregelt geregelte Regeln erkennt. Alles Weitere würde sich finden. Schließlich war er froh, so etwas wie eine Restfamilie zu haben und nicht vollkommen alleine dazustehen, wie tausende anderer.

Was es zum Frühstüch gab, ist auch vergessen. Es war einfach ohne situationsbedingte Bedeutung. Das muß wohl ein gutes Zeichen sein, denn hätte es nichts gegeben, wäre es wohl deutlich im Gedächtnis hängen geblieben. Das Gehirn, als Speicher, lebt nämlich vom Vergessen und erinnert nur die Dinge, die zum Überleben relevant erscheinen. Anders würde es, als Speicher, bald überlaufen und könnte vor lauter Erinnern nichts mehr erinnern. Zufriedenheit prägt sich, wenn überhaupt, schwächer ein als der erlebte Mangel. Dann machten wir drei uns auf den Weg. Das erste große Stück zu Fuß durch die vollkommen unvertraute Vertrautheit der so arg verwüsteten Straßen seiner Kindheit. Die Kleine und die Große Frankfurter, mein Gott! Bis zur Boxhagener Straße wollten sie gehen, dann Richtung Schlesischer Bahnhof. Von dort mit der S-Bahn nach Karlshorst, und den Rest wieder zu Fuß. So hatten sie es am Abend zuvor besprochen. Er wollte diesen Weg erleben. Gleich zum Alex, so wie er gestern gekommen war, und dann von dort nach Karlshorst, das wäre wie Drückebergerei gewesen. Er wollte sehen, welchen Weg DIE genommen hatten, mit Panzern und mit Artillerie, mit Haß, Elan und Erfolg. Er war tief im Innern froh, nicht dabei gewesen zu sein, doch er war auch voller Scham, daß Mutter und Brüder diese Flutwelle, dieses Grauen, dieses Schicksal, diese Unaufhaltsamkeit hatten über sich ergehen lassen müssen. Er spürte bei jedem Schritt voran, bei jedem Blick nach links und rechts ganz klar und deutlich: diesen Erlebnisgraben würde er niemals überwinden, geschweige überspringen können. Trotz der geringen Wohndistanz hatten die jahrelang gemeinsam durchlebten Luftangriffe ein deutliches und uneingeschränktes „Wir“ intakt gelassen. „Wie war’s bei euch gestern?“ und das dazugehörige „Bei uns war es genau so“ hatten sie nicht voneinander entfernen können. Doch diese Trümmerschneise hier veränderte diese Einstellung vollkommen. Er war auf dem Weg zu seiner Familie, doch er spürte es ganz deutlich, er würde niemals dazugehören, wenn es um diese durchlebte Angst gehen wird. Rund zwölf Jahre lang war er des Sonntags als Besucher gekommen, im Sonntagsanzug mit Sonntagsgefühlen. Die ganze Woche über war er immer derjenige gewesen, der nicht dabei war. Jetzt würde er endgültig derjenige sein und bleiben, der nicht „dabei“ gewesen war.

Die S-Bahn-Fahrkarte kostete zwanzig Pfennige, wie eh und je. Es war ein schönes Gefühl, sagen zu dürfen: „Einmal Karlshorst bitte“, als wäre nichts geschehen. Nur der Bahnhof selber spielte dieses Spiel nicht mit. Die verdeckten Gänge und Treppen, die schöne düstere Bogenhalle, diese vormals gigantisch erscheinende Ingenieurleistung der Jahrhundertschwelle hatten sich zum Freilichttheater gemausert. So etwas sah man, doch es erreichte einen nicht. Es war zu viel zu Bruch gegangen in den letzten Jahren. Der Rest, die Vollendung sozusagen, machten den Eindruck des Verlustes nun auch nicht mehr größer. Alles weg ist eben ALLES weg. Deshalb jammerte auch niemand. Die Leute gingen ihrer Wege und taten das Nächtliegende. Wie er, er ging zu seiner Mutter. Mehr wollte er zunächst einmal nicht. Mehr war übrigens auch gar nicht vorstellbar.

Der Weg, den sie vom Bahnhof Karlshorst weg zu gehen hatten, wäre tatsächlich nicht zu beschreiben gewesen. Eigentlich war hier überall Rußland. Karlshorst war schließlich ihr Hauptquartier in Berlin. Es war ihr Berlin. Sie hatten es mit viel Blut, auch mit viel eigenem Blut, erobert und waren nun Herren im Land der Deutschen, von denen sie immer respektvoll gesagt haben: „Die Deutschen haben den Affen erfunden.“ Hier in diesem Karlshorst, das überall, wohin man blickte, den Stempel des Siegers und des Eroberers trug, hier hatte der arrogante Keitel, den seine eigenen Generalsgenossen Lakeitel tituliert hatten, hier hatte er, noch in der Katastrophe der Niederlage, die durchaus auch die Frucht seines Wirkens genannte werden muß, unnahbar und in falsch verstandener Preußenhaltung mit Monokel im Auge und Feldmarschallstab in der Hand, hier hatte er, der jetzt mit den anderen, die nicht getürmt waren oder sich nicht erschossen hatten oder sich nicht hatten verbrennen lassen, in Nürnberg saß und wartete auf das große Gericht, hier hatte dieser Generalfeldmarschall, der schon am zwanzigsten Juli vierundvierzig in der Baracke der Wolfsschanze den realen Knall der Staufenbergbombe überlebte, hier hatte der „Paladin des Führers“, wie man ihn jetzt nannte, seinen Namen unter das Unconditional Surrender setzen müssen, stellvertretend für den Größten Feldherrn aller Zeiten und stellvertretend für uns alle. Was würde der machen, wenn sie ihn davonkommen ließen? Nun, seine Sorge, Rudolfs Sorge war dies gewiß nicht.

Er versuchte hochaufmerksam, sich den gewundenen Weg durch das „Speergebiet“ oder genauer: um das Sperrgebiet herum zu merken. Sein weiblicher Lotse und ihr Sohn aber kannten sich aus. Es ging an prächtigen Siegestoren und Triumphbögen vorbei, alles nur Holz und Pappe, und vorbei an den riesigen Lettern des Stalinwortes, das er jetzt zum ersten Male bedächtig und bedachtsam laß: „Die Hitler kommen und gehen, doch das Deutsche Volk, der Deutsche Staat bleiben.“ Rudolf dachte: Er hat die Deutsche Sprache vergessen. Die wird auch bleiben. Wir werden sie weiter sprechen, und sie wird als Gesprochene sich und uns verwandeln, damit wir weiter leben können.

Schließlich fanden sie endlich und richtig den Eingang in die Laubenkolonie, wo seine dritte Großmutter, die er nur wenig kannte (die Mutter seines Stiefvaters), offensichtlich schon immer eine Laube mit Grundstück besaß oder gepachtet hatte. Gehört hatte er bis gestern davon nie.

„Hier ist es“ erklärte seine Führerin. Ein breiter Sandweg, ein überraschend hoher Drahtzaun, dahinter eingefaßte Beete voller grüner Pflanzen (Kartoffeln?). Er wußte nicht, wo er war, er war aufgeregt. Die Laube in der Mitte des ziemlich umfangreichen Grundstücks war verrammelt wie eine Festung. Der erste Eindruck: Die haben Angst, haben also immer noch Angst! Weit und breit kein Mensch. Alles still. Es gab einen Klingelzug. Sie zogen daran. In der Festung rappelte es. Falls Besuch unüblich war, werden die Insassen jetzt zusammenzucken. Es war nicht zu ändern. Er rief laut und erschrak dabei: „Maaamaaa!“

Ein Fensterladen wurde von Innen aufgedrückt, ein weiblicher Oberkörper, bekleidet mit einem beigen Chamoisunterrock und verhüllt mit einem riesigen Kopftuch beugte sich heraus und sagte: „Mein Gott, der Junge!“ Dann ging alles Weitere sehr schnell. Die beiden Brüder stießen die Tür auf, rannten auf ihn zu und öffneten die Drahtgitterpforte in dem hohen Zaun. Rudolf selber lief mit unbeschreiblichen Gefühlen auf seine weinende Mutter zu, nahm die zitternde Frau in den Arm und hörte sie, trotz der Tränen, resolut und realitätsfest sagen: „Was hast du denn für eine Affenjacke an? Du siehst ja scheußlich aus!“ Sie hatte ja so recht.

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