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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 27

20. Dezember 2014

– XXVII –

Das schöne Haus. Ein einigermaßen aufgeräumter Trümmerhaufen. Drei Parteien wohnten noch darin. Solche Häuser hatten sich Handwerker, mittelständische Unternehmer und Geschäftsleute gebaut als Sicherung für ihr Alter. Der Eisenwarenhändler, dem dieses Haus hier gehörte, lag jetzt in dem kleinen Garten seines Hinterhofes, begraben von den Frauen, die seine Mieter waren. Er war noch der einzige Mann gewesen, den sie alle in der bangen Erwartung der Russen beim Beginn der Beschießungen in den Keller zogen. In einer vermeintlichen Gefechtspause wollte er – ehemaliger Weltkriegs-I-Soldat – draußen nach den Rechten sehen. Die Frauen hatten dringend abgeraten. Er hörte nicht auf sie, weil sicher war, seine Rolle zu kennen, und diese Rolle verlangte, daß er sich kümmerte. Die nächste Granate schleuderte ihn vom Balkon und riß ihm einen Unterschenkel ab. Er schrie den Namen seiner Frau, die bereits seit zehn Jahren tot war, und er verblutete schnell.

Rudolf hatte diesen Mann flüchtig gekannt. Er wußte, daß die Leute über ihn gesagt hatten, er sei ein wenig sonderbar geworden, seit dem Tode seiner Frau. Das Geschäft hatte er längst geschlossen, schlich aber bei heruntergelassenen Jalousien im Laden herum und beschäftigte sich mit all den Kästen und Schubladen, die noch gefüllt waren mit Schrauben, Muttern, Schlüsseln und all dem Kleineisenzeug, das früher hier bei ihm über die Ladentheke gegangen war. Sonntagsnachmittags, wenn Rudolf in der Küche seiner Mutter beim Kaffeetrinken saß, hörten sie den alten Mann über den gemeinsam benutzten Flur schlurfen. Meine Mutter sagte dann: „Er macht wieder Inventur, damit kommt er nicht mehr zurande.“

Die Wohnung im ersten Stock des Seitenflügels war notdürftig zum Wohnen hergerichtet. Sie saßen bei offenem Fenster in der Küche, die Frau, deren dreizehnjähriger Sohn und er, der Gast für eine Nacht. Wasser mußte von der gegenüberliegenden Straßenseite geholt werden. Elektrisches Licht gab es wundersamerweise, allerdings war oft Stromsperre. Fensterscheiben gab es nicht mehr. Die Fensterrahmen waren, so gut es ging, mit Holz und Pappe vernagelt Gas gab es auch nicht. Die Frau kochte auf dem gekachelten Küchenherd , auf der sogenannten „Kochmaschine“. Brennholz gab es vorerst in den Trümmern ja genug. Was es zum Abendessen gab, ist vergessen. Nicht vergessen ist, daß am Tisch auch gelacht wurde. Aus dem Bericht über die schrecklichen Tage wurden immer wieder Anekdoten, lustige oder makabere. Das Lachenmüssen war stärker. Meine Mutter, über die Straße robbend, hinüber zum Bäcker in der Marsiliusstraße. „Ohne Brot sind wir auch bald tot“ soll sie gesagt haben. Dieser Bäcker, ein Skat- und Saufkumpan von Hertas Mann, hat bis zum Schluß jeden Tag gebacken. Er konnte polnisch, hatte selber einen Namen mit szcz, und die Russen machten mit ihm schnell ihren Frieden und schliefen nachts in seiner warmen Backstube.

Rudolf ließ die Frau erzählen und stellte keine Fragen. Er achtete mehr auf das, was die Frau nicht erwähnte. Ein Keller voller Frauen, auch kleine Kinder dabei, was sollte man da gezielt fragen. Weil sie am nächsten Morgen früh raus wollten, gingen sie bald schlafen. Die Frau machte ihm eine Schlafstatt im Wohnzimmer, dann wurden die Fenster geschlossen, und es war stockdunkel.

Ein Behelfsbett in einer unvertrauten Umgebung, fremd aber bedeutend anheimelnder als die letzte Nacht im Bremserhäuschen oder die halbe Nacht davor am Ufer der Elbe. Er war wieder in Berlin. Geographische Länge und Breite waren exakt dieselben wie bei seinem befohlenen Aufbruch vor sechs Monaten. Nur das Klima hatte sich gewaltig verändert, das Gefühlsklima. Die Mutter lebte, das war zunächst einmal und grundsätzlich die Hauptsache. Seine Entscheidung in Sangerhausen, nicht mit den Amis gen Westen zu ziehen, sondern sich überrollen zu lassen und nach Osten aufzubrechen, war somit im Ergebnis gerechtfertigt. Alles Weitere würde sich finden. Die Frau hatte allerdings auch eine sehr sehr schlechte Nachricht übermitteln müssen. Der Großvater war gestorben. Noch einmal ausgebombt, diesmal durch Brandbomben, (er war sicher im Flakbunker gesessen), war er zu Onkel Walter, seinem dritten Sohn, in die Gollnowstraße gezogen. Dort im Keller holte er sich (vor Aufregung?) eine Lungenentzündung. Jedenfalls bekam er schnell hohes Fieber, sie brachten ihn noch mit einem Handwagen ins Krankenhaus Friedrichshain. Dann kamen sie selber tagelang nicht mehr aus dem Keller heraus. Walter, der bei der Ortsgruppe beschäftigt gewesen war und eine protzige „Goldfasan“-Uniform besaß, zog diese Uniform an, steckte sich seine Pistole ein und machte sich auf den kurzen Weg „zum Einsatz“ Richtung Alexanderplatz. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Als seine Frau, Opas Schwiegertochter, mit ihrer großen Familie den Keller wieder verlassen konnte, erfuhr sie im Krankenhaus, daß der Opa tot ist. Man hatte ihn aus Not mit manchem andern in all den Wirren Verstorbenen in einem Massengrab bestatten müssen. An diesem Gedanken blieb Rudolf bis zum Einschlafen hängen. Er war wieder in Berlin. Einen Wohnplatz hatte er offensichtlich noch nicht. Mit dem Tode des Großvaters riß die Verbindung zur Lichtenberger Straße als Wirklichkeitsbezug nun endgültig ab. Eine Bombenlücke und ein Massengrab blieben als Ruhepunkte für ein beklommenes, ein trauriges Herz.

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