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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 25

15. Dezember 2014

– XXV –

Das Klapp-klapp, Klapp-klapp der Güterwagenräder war seit Stunden durch nichts unterbrochen worden. Es war einlullend. Schlafen, Dösen, Träumen war alles eins. Der Kopf seiner vertrauten unbekannten Begleiterin Lag auf seiner Schulter. Ihre Haare kitzelten sein rechtes Ohr. Er mußte ebenfalls zeitweise geschlafen haben, in seinem Kopf ging alles durcheinander. Sie fuhren doch gar nicht Richtung Unna. Das war schier ewig her, sechs Monate. Der Güterzug fuhr nach Berlin, so Gott will, und soweit die Umstände, die Reichsbahn und die Russen es zulassen. Der Krieg war vorbei. Es war unfaßbar. Es war schön.

Fuhr etwa der Zug langsamer? Es schien so, und was waren das für Stimmen? Es war nicht mehr Nacht, aber richtig hell war es doch auch noch nicht. Er rüttelte vorsichtig die Schulter der Schlafenden neben sich: „Wach auf, da draußen sind Stimmen.“ Der Zug fuhr jetzt im Schritt-Tempo, und wir näherten uns einer Ansammlung sprechender Leute. Was machten die hier im Halbdunkel der sich auflösenden Dämmerung? Das Rätsel löste sich schnell. Leute in Zivil mit Hacken und Schaufeln arbeiteten am Nebengleis. Ab und zu eine grelle Karbidlampe. Es wurde so hell, daß man kaum hinaussehen konnte, dann wurde das Licht wieder schwächer. Die Leute wurden bewacht. In Abständen standen Uniformierte. Es waren Russen, klar, und sie hatten grüne Kragenspiegel. Die beiden erschrockenen Beobachter zogen geschwind die Köpfe ein. Der Zug sollte hier bloß nicht anhalten. Von denen möchte man nicht nach dem Weg gefragt oder sogar aus dem Wagon gezerrt werden. Nur die Ruhe. Der Zug fuhr ja noch. Nach einem guten Kilometer war der Spuk vorbei, und ihre gekaperte Transportschlange nahm wieder ihre gewohnte Geschwindigkeit auf.

Beide Königskinder schauten einander an und schnauften: „Freiwillig haben die da draußen nicht gearbeitet; sah nicht so aus.“ „Sah nicht so aus, du hast recht. Weißt du was? Laß uns was essen.“ Und schon zog sie ihren Koffer mühsam unter dem Sitz hervor. „Apfel oder Karotte?“ „Haben wir denn kein Brot mehr?“ „Nein. mein Herr, leider nein!“ „Dann lieber einen Apfel, denn zu trinken haben wir doch auch nichts mehr.“ Sie reichte ihm lächelnd den Apfel und biß in die Mohrrübe. „Warum ißt du keinen Apfel?“ Sie lächelte abermals und sagte keck: „Wir haben nur noch diesen einen.“ Scheiße, er war auf den allerältesten Trick hereingefallen. „Hexe!“ Er holte sein Messer aus dem Rucksack, schnitt den Apfel haarscharf neben der angebissenen Stelle in der Mitte durch und reichte ihr die unberührte Hälfte: „Meine Dame, guten Appetit.“ Sie lächelte zum dritten Male und sagte schwesterlich: So pingelich hättste beim Teilen nicht zu sein brauchen. Wir kennen uns doch schon zwei Tage.“ Die angebissene Mohrrübe steckte sie in ihre Manteltasche. Beide bissen in ihre Apfelhälfte und er sagte kauend: „Anderthalb Tage.“ Sie senkte den Kopf ein wenig, schob mit angedeuteter Geste eine nicht vorhandene Brille auf ihre Nasenspitze, schaute wie eine Gouvernante über den imaginären Brillenrand und sagte im allerschönsten Tadelton: „Mit vollem Munde spricht man nicht.!“

Der Zug rumpelte zufriedenstellend vor sich hin, und seine Mitfahrer fühlten sich wieder völlig sicher. Das Adrenalin war verrauscht, keine Russen weit und breit , die Nerven beruhigten sich. „Soll ich dir erzählen, wie es in Unna war?“ „Ham se dem Knaben dort das Di-da-di-ditt beigebracht?“

Also es war so: Die Fahrt nach Unna ging sozusagen durch Feindesland. Die Amis beherrschten den Luftraum. Wußte jeder, ist aber nicht so lustig, wenn es einem vorgeführt wird. Zweimal haben sie den Zug beschossen. Zwischen Braunschweig und Hannover zum ersten Mal. Der Lokführer machte auf einmal völlig unerwartet fast eine Vollbremsung und hielt den Zug so an, daß die Lok genau in einer Straßenunterführung zum Stehen kam. Er spielte Vogel Strauß. Die Maschine war auf diese Weise in Sicherheit, wir konnten zusehen, wo wir blieben. Es waren drei Lightnings von rechts. Diese Doppelrumpfflitzer aus Holz, die jeder fürchtete, der von ihnen gehört hatte. Niemand von all den Landsern hatte auf so etwas geachtet. Unser letzter Wagon war der Flakwagen. Als es bei den Lightnings vorne rechts und links blitzte, ballerte unsere Zwozentimeter ebenfalls kräftig los. Ich sah mich im Geiste als K-fünf links auf der Laffette sitzen und die beiden Magazine in ihren Halterungen mit je einer Hand fest umklammern. Die Leuchtspur zog nach oben, vergebens, nach hinten vorbei. Die Lightnings waren zu schnell, schneller als der K-eins, der Richtschütze, vorkalkuliert haben mag. Vielleicht hatte er auch sein elektrisches Folgevisier etwas durch ein wenig zu ruckartiges Drehen an den beiden Ríchtkurbelgetrieben, die ja gleichzeitig Signalgeber für sein Visier waren, verzogen. Den Schützen in den Lightnings, die vorne saßen und die Maschine ja auch noch fliegen mußten, ging es nicht viel besser: Ihre Salven rasselten in den Acker vor dem Bahndamm. Jetzt nischt wie raus (rechte Seite!), war die Parole. In den Dingern sitzen doch zwei Mann, sie sitzen Rücken an Rücken. Wenn die Piloten jetzt hoch ziehen werden, dann gnade uns Gott, gleich wird es noch einmal funken, und keiner kann wissen, ob es wieder bloß daneben gehen wird. Richtig, wir hauten uns in die Schräge des Bahndamms, und die Brüder schossen tatsächlich von rückwärts. Wieder zu kurz, jetzt auf der anderen Zugseite in den jungfräulichen Acker, der vielleicht schon Schlimmeres hat erleben müssen, nicht nur von Pflugscharen aufgerissen zu werden; man braucht ja nur an die Völkerwanderung, an die Hunneneinfälle oder an die glorreiche Grande Armée zu denken. Gings dabei meist von Ost nach West, spielten die Lightnings das gleiche Fürchtet-euch-Spiel von Nord nach Süd, und bald würde es wohl wieder von West nach Ost laufen, wie zur Zeit Napoleons. Alles noch Mal gutgegangen. Die Piloten hatten etwas zu steil hochgezogen. Die sechs Kameraden von der anderen Feldpostnummer verschwanden in einer schönen Rechtkurve. Die hatten ihren Pulk begleitet und spielten mit ihrer Spritreserve ein bißchen freie Jagd. Riskieren wollten sie aber nicht unnötig viel und machten sich davon. Die blitzartige Gerüchteformulierung hieß: „Die schießen auf alles, was sich bewegt.“ Sie waren schon völlig Herr der Lage.

Unser Lokführer ließ zweimal pfeifen, wir enterten schnellstens auf, und weiter gings gen Westen.

Nach Hannover „dasselbe in grün“ noch einmal. Diesmal fand der Lokführer nichts zum Unterschlüpfen und brauste unvermindert schnell durch die flache Landschaft. Unsere Vierling ließ sich nicht beeindrucken und die Amis riskierten wieder nicht allzuviel. Wozu auch. Es blieb beim kurzen Austauschen knisternder Freundlichkeiten ohne bleibende Eindrücke. Eine schöne breite ostpreußische Stimme gab den Abschlußkommentar: „Et jeiht doch nuscht üwer eine jemütliche Nachtfahrt.“ Zustimmung und alle Lacher waren auf seiner Seite.

Zehn Minuten vor Mitternacht hielt der Zug im Bahnhof von Unna. Rudolf verabschiedete sich von den Kumpels seines Abteils, zwängte sich durch die brummenden Schläfer im Gang hindurch und stand mutterseelenallein auf dem fremden Bahnsteig. Die Bahnhofsmission hatte schon finster. Der Bahnsteigschaffner zeigte ihm den Weg zur Bahnhofskommandantur. Ebenfalls geschlossen, aber Licht. Er klopfte. Drinnen sagte einer laut, aber nicht ungemütlich: „Je später der Abend, …“ und schloß die Tür auf. Ein Zivilist! „Die Bahnhofsmission ist dort hinten“, und der Stabsgefreite zeigte in die Richtung, die der Zivilist schon kannte. „Dort war ich schon, hier ist mein Marschbefehl und die Einberufung.“ „Na denn kommse erst Mal rein in die gute Stube“ und zeigte auf einen Stuhl, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und überflog die ihm anvertrauten Papiere. Er schaute nur nach der Datumsangabe und handelte sofort. Er ging in den Nebenraum und rief: „Walter, fahr unsern Freund hier schnell zur Nachrichtenkaserne.“ Der war nicht begeistert: „Hat das nich bis morgen früh Zeit?“ „Nein“, entschied der Stabsgefreite, „gestern hätte unser junger Freund hier schon seinen Dienst antreten müssen. Kommt er jetzt erst morgen, kriegt er vielleicht mächtigen Ärger, also auf!“

Unser Zivilist steckte seine wertvollen Papiere wieder ein, der Gefreite aus dem Nebenraum schnallte sein Koppel um und schon brausten die beiden im VW-Kübel in die Nacht der Verdunkelung hinaus. Den Weg kannte der Gefreite offensichtlich im Schlaf, was bei der dürftigen Beleuchtung durch die schmalen Schlitze der vorschriftsmäßig abgeblendeten Wagenscheinwerfer auch geboten war. Rudolf wußte bald nicht mehr, wo sie waren und entlangfuhren. „Wo kommste denn her?“ fragte er mäßig interessiert aber schön rheinländisch. „Aus Berlin.“ „Un wie alt biße?“ „Letzten Weihnachten war ich sechzehn“ antwortete er dem Landsturmmann, der gewiß sechzig Jahre alt war.“ Der erwartete und gewohnte Kommentar blieb aus, der Kübel hielt vor einem verschlossenen hohen Kasernentor. Daneben war eine normale Tür mit einer Klappe. „Mach jut“, wünschte ihm der Gefreite, nachdem er an der Tür geklingelt hatte, schwang sich in seinen Kübel und brauste unverzüglich davon.

Rudolf stellte sich mit seinem Koffer neben die Klappe. Drinnen rumorte es: „Mein Gott, da hats aber einer eilig. Hat man denn nich mal nachts seine Ruhe?“ Die Klappe öffnete sich, eine Taschenlampe leuchtete ihm ins Gesicht. Er reichte seine Papiere hinein und erklärte: „Ich soll mich hier melden.“ Der Posten schaute auf das Datum des Marschbefehls und murmelte: „Stimmt“, und schloß die Tür auf. Rudolf überschritt im vollen Bewußtsein der Bedeutung dieses Schritts als Zivilist diese Schicksalsschwelle und dachte: Das isses also. Ein zweiter Posten trat hinzu. Die beiden wechselten ein paar Worte über Kompaniezahlen und Gebäudenummern, dann sagte der, der hinzugekommen war zu dem Gelassenheit mimenden Zivilisten: „Deine neuen Kumpel sind aber schon drei Tage hier. Nachzügler sind nicht beliebt. Wer so auffällt, is schon verloren. Na, kommse man mit; wird den Kopp schon nicht kosten.“

Der Posten brachte ihn zu seiner Einheit. Sie gingen die breite Hauptstraße des Kasernengeländes entlang, dorthin, wo in mehreren Fenstern seitlich Licht durchschimmerte und wo das Treppenhaus überraschend bei offenen Türen hell erleuchtet war. Hektisches Stiefelgetrampel rauf und runter, ein irres Durcheinander, zorniges Befehlsbrüllen: „Auf die Stuben, …, im Hofe antreten“, alles gleichzeitig, bei aller Widersprüchlichkeit für einen, der nur von Außen zuhörte. Sein Posten zögerte, blieb stehen und meinte bedenklich: „Die machen gerade Budenzauber; nich schlecht, aber das will ich dir doch nicht gleich antun. Ich bring dich zur Unterkunft der Kuriere. Dort kannste pennen, die haben immer ein Bett frei. Und morgen früh wird der Kompaniefeldwebel dich schon aufgabeln.“ Gesagt, getan, sie drehten nach links ab zu einem anderen der gleichförmigen dunklen Gebäude. Im Parterre ein langgestreckter Raum mit dreistöckigen Betten. „Such dir ne Koje, alles andere findet sich morgen früh.“

„Schnauze, wir wolln schlafen“ unterbrach eine harsche Stimme die Freundlichkeiten seines Schicksalsboten. Der verschwand schnell, und Rudolf zog leise seine Klamotten aus und verkroch sich lautlos nach oben in eines der obersten Betten und schlüpfte unter die blau-weiß-karierte Staatsdecke. Gute Nacht mußte er sich selber wünschen.

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