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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 24

13. Dezember 2014

– XXIV –

Schon im Einschlafen erfüllte ihn eine tiefe, schwere Traurigkeit. Was und wen würde er zu Hause antreffen? Das eigentliche, das ursprüngliche Zuhause, gab es ohnehin nicht mehr. Die Großmutter war nun schon über ein Jahr tot, gestorben im April vierundvierzig, gerade noch rechtzeitig, um den harten Schicksalschlag des Ausgebombtseins nicht erleben zu müssen, aber leider zu früh, um als überzeugte Kommunistin voller Genugtuung zu erleben, daß der braune König als Volksbetrüger und Volksverderber endgültig vor der Geschichte entlarvt werden konnte, auch wenn es die Deutschen nicht aus eigener Kraft geschafft hatten, sondern ihren fast schon unverdienten Neuanfang dem totalen Einsatz und der fast unbegreiflichen Hilfe und Toleranz der siegreichen Alliierten verdanken mußten. Für Rudolf war eines klar und deutlich als Bild in seiner Seele und Vorstellung: Die schreckliche Lücke in der kindheitsvertrauten und liebgewonnenen Häuserzeile der Lichtenberger Straße hatte die lebendigen Glieder seiner Kindheit sozusagen für immer amputiert. Geblieben war ihm hiervon nur der unendliche Phantomschmerz der ständig sich meldenden Erinnerungen. Mit beiden Fakten, soweit sie eben unabweisbare Ereignisse der Außenwelt waren, hatte er sich abgefunden – er glaubte es jedenfalls. Stimmte die Metapher vom Phantomschmerz, dann war nicht zu leugnen, es gab eben in der Brust oder im Herzen die Stelle, wo die realen Verluste sehr weh taten, trotz aller vernünftigen Rationalisierung, daß eben niemand ändern kann, was ihm sein Schicksal als anzunehmende Realität diktiert. Wollte das Gefühl nachfassen, blieb das Erschrecken darüber: Es war gleichermaßen nichts mehr zu greifen viel weniger noch zu begreifen. Als vager Trost blieb nur die Hoffnung auf die Verschiebungskraft der Zeit, und als Motor für das Weitermachen fungierte der deutliche Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Den Großvater hatte die Krankenkasse nach Marienbad geschickt, zur Erholung, und zum endgültigen Auskurieren des Schocks, den die Ärzte bei ihm vermuteten, nachdem er im Luftschutzkeller verschüttet worden war – zum zweiten Mal in seinem Leben hatte erleben müssen, wie es ist, noch atmen zu können und zu müssen, und doch keinen Ausweg mehr zu finden aus der lebensbedrohenden Enge, jedenfalls nicht aus eigener Kraft.

Als der Opa aus Marienbad zurückkam, äußerlich gesund, war er noch schweigsamer geworden, als es Rudolf vom jahrelangen Zusammenleben mit ihm vertraut war. Nach seiner Rückkehr waren sie beide in die Landsberger Straße gezogen, in die Wohnung von Erna, der Tochter von Tante Anna, seinem ersten Kind. Es war eine kleine Parterrewohnung im letzten Haus rechts vor dem Landsberger Platz. Bis zum großen Flakbunker im Friedrichshain waren es nur ein paar hundert Meter. Schon beim nächtlichen Voralarm sprangen sie nun schnell in die Kleider und liefen hinüber zu dem riesigen tarngrünen Betonklotz mit seiner bahnhofsweiten Vorhalle und der Vertrauen schaffenden Schwenktür aus Stahlguß, die wuchtiger war als ein Panzer. Zum dritten Mal wollte der Opa nicht verschüttet werden. Das konnte man sich denken, mußte man sich denken, gesprochen hat er auch darüber nicht.

Im Hause der neuen Wohnung hatten sie eine Witwe kennengelernt, die sich einfühlsam ihres kleinen Haushaltes annahm, soweit dies der Großvater nicht selber erledigte. Er brauchte nun nicht mehr arbeiten zu gehen, er war vierundsechzig, und man hatte ihn trotz des Krieges ein Jahr vorzeitig in Rente geschickt. Im Kontakt zu der freundlichen Witwe wurde Großvater sogar gelegentlich ein wenig schelmisch. Jedenfalls wurde abends am Abendbrottisch häufig gelacht.

Am dreißigsten Januar fünfundvierzig war Rudolf aus dem Reichsarbeitsdienst unversehrt entlassen worden. – Das dieser Tag für den Staatsmythos ein ganz besonderer war, erinnerten nur die Zeitungen in den zu diesem Anlaß vertrauten Floskeln; man selber nahm daran in verbaler Interaktion keinen Anteil. – Fast alle der Arbeitsdienstkameraden hatten mit den Entlassungspapieren ihren Einberufungsbefehl erhalten, auch viele der Berliner. Zuerst reisten die Norddeutschen ab; sie waren schließlich auch zuerst gekommen. Sogleich hieß es gerüchteweise: Die lassen uns hier nicht weg, weil die Russen vielleicht bald in Berlin sind. Das war jedoch Unsinn. Auf den Einberufungsbefehlen der Berliner standen schließlich auch feste Orte und feste Daten. Die Gerüchteküche wollte es besser wissen, und als auch die eingezogenen Berliner weg waren, tönte es: Na bitte, sie lassen uns nicht weg. Klar, jeder wollte nach Hause, weil man immer glaubt, in der Heimat lastet das Schicksal mit leichterem Gewicht. Was aber sollte man sich wirklich wünschen? Zeigte nicht jedes Märchen, nachdem die helfende oder die böse Fee gesprochen hatte, wer sich wünschend an die Gestaltung seines eigenen Schicksal wagt, wagt meist mehr, als ihm zum Bewältigen gelingen konnte. Wer einberufen war, hatte keine Wahl und konnte sich leichten schweren Herzens fügen. Sich nach Berlin zu wünschen war angesichts der Russen an der Oder und kurz vor ihrem Panthersprung über die Seelower Höhen eigentlich ziemlich unvernünftig. Angeblich sollte es sogar schon russische Fliegerangriffe auf Berlin geben. Da war man doch hier oben weitaus besser aufgehoben. Zwar flogen hier auch alle Augenblicke Engländer oder Amerikaner über uns hinweg und scheuchten uns des nachts ziemlich regelmäßig aus unseren Strohsäcken hoch, zum Schlafen kam man wenig, doch diese Pulks flogen nach Lübeck, Peenemünde oder Schwerin, oder gleich nach Hamburg oder Hannover. Husum war trotz des nahen Feldflughafens, um den herum sie oft und ausdauernd geschanzt hatten, noch ungeschoren davongekommen. Die Russen konnten also fast die Oder sehen und würden für die – entscheidende? – Frühjahrsoffensive bestimmt nicht warten, bis die Birken Blätter hatten. Nur nicht drängeln, war die vernunftgeborene und erfahrungsgestützte Landsermaxime, die sogar sie als junge Spunde längst verinnerlicht hatten.

Da der Koch nun nur noch für eine Handvoll Leute zu kochen hatte, gab es exzellentes Essen. Viel und ausreichend hatte es ja immer gegeben, jetzt gab es fast Luxus. Es ging an die letzten Vorräte, Arbeitsdienstleute würden hierher nicht mehr herkommen. Der Oberfeldmeister hatte es unserem Resthaufen verkündet: Das Lager wird hergerichtet zur Aufnahme von Flüchtlingen, die der Russe vor sich hertreibt, genauer: die sich getrieben fühlten von der undurchschaubaren Angst vor einem Feinde, dessen Gefühle sich jeder ausmalen konnte, der nur einen Funken Phantasie hatte, wenn er an die Parolen des vertrauten Wehrmachtsberichtes dachte, wo doch allzu oft von der verbrannten Erde Rußlands die Rede gewesen war. Was seit Ostpreußen so an Gerüchten und Parolen durch die Gefilde der Vorstellungskraft drängte, war nicht angetan, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Und der Reichspropagandaleiter war schließlich ein wortgewaltiger Mann, dessen rhethorische Sieges-und Haßtiraden und seine Art, dem Volke gleichzeitig Mut und Angst zu machen, wenig geeignet waren, den Alltag tatsächlich unbefangen zu erleben.

Wir paar Leute lebten also ohne dienstliches Exerziergehetze bei guter Verpflegung und kümmerten uns mit allem Nachdruck um die Reparatur und Bereitstellung von Feldbetten. In einer abseits gelegenen Baracke lagen genug solche Trümmer gestapelt, die den Belastungen der letzten Dienstjahre nicht standgehalten hatten. Mit ein paar Schrauben, Nieten oder Hammerschlägen waren sie bald wieder instandgesetzt. Für einen Feinmechaniker eine häßliche, wenn auch leicht zu bewältigende Arbeit, und wenn man an die Flüchtlinge dachte …

Nach wenigen Tagen war alles erledigt. Die Flüchtlinge konnten kommen. Das RAD-Lager 1/76 war bereit, sie aufzunehmen. Wir Berliner ohne Einberufungsbefehl machten uns sang- und klanglos auf die Socken. Erst fuhr stundenlang der Zug nicht ab – die wolln uns doch hierbehalten, hieß es sofort -, endlich gings voran. Wieder nachts durch’s verdunkelte Hamburg. Keine Ahnung, wie diese Stadt aussah. Es war uns nicht gleichgültig, aber es betraf uns nicht direkt. Wichtiger für uns war: Was würden wir zu Hause vorfinden?

Zu Hause war alles gesund, nur die Zahl der bewohnbaren Häuser hatte in den vier Monaten etwas abgenommen. Opa und die Witwe waren froh, ihn zu sehen. Sie verwöhnten ihn, soweit es die Lebensmittelkarten und die Zuteilungen zuließen, doch er war ohnedies mit allem zunächst erst einmal zufrieden. Essen als Thema Nummer eins war zwar immer wichtig, doch er kam ja gerade aus dem Schlaraffenland. Keiner sagte, er solle schnellstens wieder arbeiten gehen – was er selbstverständlich gemußt hätte, schließlich hatte er keinen Urlaub. Wir warteten einfach ab.

Nach zehn Tagen etwa meldeten sich verschiedene Gefühle: Neugier = wie würde es bei Telefunken aussehen; Pflichtgefühl = Dienst ist Dienst; und Angst = er war zwar kein Fahnenflüchtiger, aber doch wohl ein Drückeberger? Wenn Vorsicht die Mutter der Porzellankiste sein sollte, dann hieß es Familiengefühle für diese Dame zu entwickeln. Also packte ihm die liebe Witwe Frühstücksbrote ein, und er fuhr wohlgemut und wie gewohnt in seine Lehrwerkstatt. Dort war ebenfalls alles wie vertraut. Das Werk stand und arbeitete normal. Bomben waren hier nicht mehr gefallen seit der unseligen Sportplatzgeschichte. Promt wurde er auch zum Flakdienst eingeteilt und brauchte gar nicht erst nach Hause zu fahren. Dort machte man sich einen Tag lang Sorgen, doch der Spuk – oder die Freude – währten nicht lange. Schon als er am zweiten Tag abends nach Hause kam, sagte der Großvater bedrückt: „Du hast Post.“ Es war ein sogenannter Einberufungsbefehl A (wie „abholen“). Nun ging es Schlag auf Schlag. Am nächsten Morgen fuhr er nach Lichterfeld in die bezeichnete Kaserne und meldete sich bei der genannten Stelle. Es gab ein Donnerwetter. Er hielt still, und es stellte sich schnell heraus, es betraf ihn zwar, er war jedoch völlig unschuldig. „Mensch, sie sollten schon längst in Unna sein!“. Er konnte beruhigt auf den Poststempel verweisen: na bitte. Die Folge war: „Ich stelle ihnen sofort den Marschbefehl aus. Sie fahren heute Nacht noch, klar?“ „Jawoll, Herr Feldwebel!“, und ab ging es, schnell noch Mal ins Werk, alle Formalitäten abwickeln, und dann schnurstracks nach Hause. Dort erzeugte sein Kommen die hellste Aufregung. Die gute Witwe war sehr aufgeregt und fing nach Frauenart sofort an zu kochen. Der Opa sagte kein Wort. Er schaute nur bedrückt in seine „Morgenpost“. Mit Hilfe dieser Zeitung hatte er ihm, dem kleinen Rudolf, vor elf Jahren das Lesen beigebracht. Sie waren es beide nicht gewohnt, nicht Zweckgebundenes miteinander zu bereden. Jedenfalls fragte man niemals etwas Peinliches. Und von Angst zu reden, wäre doch peinlich gewesen, oder? So dachte man eben. Weil es so war, so war es so, frei nach Novalis.

Nach dem Fahrplan hatte der aufgeregte Feldwebel gleich selber geschaut. Der Zug nach Unna sollte um 23 Uhr vom Schlesischen Bahnhof fahren – kein Alarm vorausgesetzt. Es würde sich empfehlen, frühzeitig auf dem Bahnhof zu sein. Und vor allem: Er mußte unbedingt noch einmal bei seiner Mutter vorbeischauen, die war nämlich gerade zu einer Stippvisite aus Thüringen nach Berlin gekommen, nachsehen, ob das Haus noch stand und die Wohnung noch intakt war. Sie plante wahnsinnigerweise ihre Heimkehr: „Ick muß ma wieder berliner Flasta küssen…“. Sie hielt es einfach auf dem Dorf in Lengefeld nicht aus. Also nichts wie hin, Aufwiedersehen sagen und versuchen, ihr diesen Irrsinnsplan sachte auszureden. Und den traurigen Opa und die besorgte Witwe – „Junge, haste allet, watte so brauchst?“ – konnte er auch nicht mehr aushalten. Da ging er lieber sobald als möglich zu seiner Mutter. Die beiden, der Opa und die Witwe, brachten ihn bis an das wie immer sperrangelweit offene Haustor. Die Witwe weinte leise – „Jetzt ziehn se wirklich schon de Kinder ein.“ – und die Witwe blieb an der Torfahrt zurück. Rudolf hatte beide umarmt. Er war mit dieser Frau zwar nicht verwandt, aber schon des Opas wegen hatte er sie liebgewonnen. Bei ihr wußte er seinen Großvater gut aufgehoben.

Der Großvater kam mit bis an die Landsberger Straße. Menschen gingen vorbei. Straßenbahnen fuhren wie immer vorüber. Niemand beachtete die beiden. Der Soldat des ersten Weltkrieges mußte seinen Enkel ebenfalls in den Krieg ziehen lassen. War das der Lauf der Welt? Vor vier Monaten hatte er schon einmal so geschaut. Doch den Arbeitsdienst hatten sie beide nicht so ganz ernst genommen. Da war ziemlich klar: Das würde vorüber gehen. „Grüß deine Mutter schön; sie soll doch noch Mal vorbeikommen.“ Dann ging er schnell um die Ecke. Rudolf ging bewußt nicht durch die Lichtenberger Straße, die Lücke hätte ihn nur noch trauriger gemacht. Lieber den kleinen Umweg: Straußberger Straße, Straußberger Platz, Kleine Frankfurter, Marsiliusstraße und dann die Blankenfeldestraße. Die Mutter stand schon vor der Tür: „Junge, wo bleibst du denn?“

Sie wollte wissen, wo Unna liegt. Er wußte es selber nicht genau: Ruhrgebiet, Kohle, Stahl, Rüstungsindustrie, Fliegerangriffe; „alles wie hier bei uns.“ „Junge, spotte nich.“ Zum Spotten war ihm durchaus nicht zumute. Sie ging bei Nachbarsleuten einen Schulatlas holen, und gemeinsam suchten sie Unna. „Wie lange wirst du dort bleiben?“ „Erst Grundausbildung, dann Funkausbildung, kann drei Monate dauern.“ Ein wenig wollte er sie damit trösten. Selber glaubte er nicht an solchen Zeitplan. Grundausbildung waren das Wehrertüchtigungslager und der Reichsarbeitsdienst. Er kannte alle einschlägigen Waffen der Infanterie, bis hin zur Panzerfaust I und II. Und Funken hatte er doch bei der Werk-HJ gelernt. Jedenfalls konnte er ziemlich sicher 60 geben und empfangen. Wenn sie beide geahnt hätten, er würde in vier Wochen in Österreich auf einem Truppenübungsplatz landen, dort mit feldgrau eingekleideten Russen, die sich wegen Hunger freiwillig gemeldet hatten – die offizielle Parole war aber ein glasklarer Antikommunismus, der allerdings nur von den Offizieren der Wlassow-Division bekannt und vertreten wurde – mit diesen Hungernationalisten also Gefechtsübungen veranstalten, abends am Lagerfeuer russischen Volksliedern lauschen und schließlich mit ihnen als Angehöriger eines sogenannten Marschbattaillons der Wlassowarmee Richtung Kroatien marschieren, hätten sie anders geredet. So sagte er: „Die Amerikaner sind bald am Rhein, bis Unna ist es dann nicht mehr weit, schau doch selber.“ Sie schaute selber, doch ziemlich skeptisch. Er setzte nach: „Die Russen hinter der Oder machen mir da bedeutend mehr Kummer. Bleib du mit den Jungs bloß in Thüringen“ Hierauf ging sie nicht ein und meinte nur tastend und ein wenig zögernd: „Ich kann mir hier weder die Russen noch die Amerikaner vorstellen.“ Und so richtig laut und entschlossen und Mut machend sagte sie, was alle Mütter unter Druck sagen: „Jetzt wollen wir erst einmal was Richtiges essen.“

Sie hatte ihn nach seinen Wünschen gefragt, und er hatte promt geantwortet: „Milchreis oder deine Klüternsuppe.“ Sie schüttelte den Kopf und meinte: „Milch könnte ich zwar besorgen, aber Reis für Milchreis, hat wohl keiner mehr. Und überhaupt ist das ja alles kein Essen für einen ausgewachsenen Mann. Jetzt bist du fast schon so groß wie Bruno.“ So erzieht man Helden. Also gab es etwas „Richtiges“, nämlich Kotelett, geschmorten Wirsing und Klöße. Wie sie das als Besucher ohne berliner Lebensmittelkarten gedeichselt hatte, bleibt im Dunklen. Einen Bäcker duzte sie ja, das war Brunos Skatkumpel, aber wie sie an einen Metzger herangekommen war, wird man aufs Konto ihres gewaltigen Charmes setzen dürfen. Denn schließlich hatte sie ja bei ihrer Mutter, meiner Oma, nicht nur Kochen, sondern auch Organisieren als Notüberwindungsstrategie gelernt. Armut mach Erfinderisch. Ihre Klöße waren Marke Eigenbau. Sie rollte den Teig (halbe/halbe) zu einer Wurst, drückte sie flach und schnitt Scheiben davon ab. Ich sehe die dampfende Schüssel nach vor mir. Das Essen war schmackhaft, aber es hat nicht geschmeckt. Eines war klar: Bei Voralarm mußte er gehen. Die Strecke bis zum Schlesischen Bahnhof, immer den Grünen Weg entlang, der in diesen Jahren – unglaubhaft, aber wahr – doch tatsächlich Brauner Weg hieß, wäre bis zum Vollalarm wahrscheinlich gerade zu schaffen. Damit war die Stimmung der beiden fast am Nullpunkt. Sie sprachen über Onkel Bruno, ihren Mann, den Musiker, der jetzt Feldwebel in Norwegen war, noch jenseits des Polarkreises, diesen Mann also, den er – er war sein Stiefvater – seit einem Briefwechsel aus dem RAD-Lager nun Vater nennen durfte. Der Bruno bewachte dort oben – wie man blöderweise als ein die Kartenrichtungen verinnerlicht habender Planetenbewohner so völlig widersinnig, bezogen auf die unvorstellbare Kugel, zu sagen gewohnt war – die nördlichste Grenze des Großdeutschen Reiches und war schon über anderthalb Jahre nicht auf Urlaub zu Hause gewesen. Auf der letzten Reise zur Front zurück durften sie nicht mehr wie gewohnt über Schweden fahren. Sein Truppentransporter wurde torpediert, im Skagerrak, aber ein Begleitboot fischte ihn aus dem eiskalten Wasser. Seitdem kränkelte, doch für eine Entlassung reichte es nicht.

So verging die schleichende Zeit, dann entschieden die Alliierten: Voralarm. Den letzten Teil des Gespräches hatte sowieso schon das Ticken des Alarmsenders begleitet. Also auf! Den kleinen Koffer – keinen Persilkarton – die letzte Umarmung auf der Straße vor der Haustür. Es war stockdunkel. Er stolperte über die Straße, bis er sich etwas ans Dunkel gewöhnt hatte, und die Mutter rief hinter ihm her: „Junge, paß bloß auf dich auf!“ Dazu war die Zeit wohl nicht geschaffen, doch er rief brav zurück: „Mach ick!“ Dann hetzte er den grünen Weg entlang. Hier hatte sein erster und einziger HJ-Führer gewohnt, der „Jannowitz“, aber der war schon in Polen gefallen. Noch bevor es Vollalarm gab, stand er im Schlesischen Bahnhof auf dem richtigen Bahnsteig neben seinem Zug: Berlin-Dortmund-Oberhausen über Stadtbahn. So stand es auf den außen angehängten Streckenlaufschildern. Der Zug war gerammelt voll. Ein Wehrmachtszug, alles voller gewesener Urlauber oder Anfänger wie er. Überall Feldgendarmerie, an jedem Wagen einer. Er zeigte einem seinen Marschbefehl, der Kettenhund nickte: „Einsteigen“, doch der Lautsprecher korrigierte ihn: „Der Zug Richtung Oberhausen wird den Bahnsteig erst nach Ende des Alarms verlassen. Alles aussteigen, suchen sie den Luftschutzkeller unter dem Bahnsteig auf.“ Der Rest ging im Heulen der Sirenen unter. Im Westen begann sogar die Flak schon zu schießen. Die Zentrale wartete mit dem Alarm wirklich bis zur letzten Minute. Der ungestörte Ablauf in den Rüstungsfabriken hatte absoluten Vorrang. Wer schon einen Platz im Zug gehabt hatte, murrte vor sich hin. Rudolf beeilte sich, nach unten zu kommen. Beruhigend lange Treppen, dicke Gewölbe. Ein Bahnsteig als Kellerdecke war ja wohl ausreichend, also beruhigend. Ein fremder Keller war immer mies. Jeder Keller war schlechter als die freie Übersicht in der Flakstellung, so hatte er das immer empfunden, wenn er Flakdienst durchstehen mußte. Aber das war jetzt vorbei.

Er setzte sich im Keller in eine Ecke und schaute sich noch einmal um: Keine Röhren, das war gut. Er erinnerte sich an einen Berufsschultag. Der Unterricht war ausgefallen, sie hätten ungesäumt ins Werk fahren müssen, aber wer tut so etwas, ein Drittel der Klasse stellten fröhliche, unternehmungslustig kichernde Mädchen, nicht alle von Telefunken, auch interessante Gesichter und Figuren aus anderen Betrieben. Die Feinmechaniker gingen gemeinsam mit diesen Mädchen und den Mädchen der Zeichenklasse ins AKI, ins Aktualitätenkino. Das war in den S-Bahn-Bögen nahe dem Bahnhof Friedrichsstraße eingerichtet. Obwohl dort auch ein Bahnkörper über dem Gewölbe lag, mußten sie beim Alarm – der natürlich nicht ausblieb – raus und mußten sich einen Unterschlupf suchen. Viel freie Wahl war nicht, vor allem mußte es ja schnell gehen. Luftschutzwarte brüllten schon: „Runter von der Straße!“, also rein in den nächstbesten Kellereingang. Es war ein wuchtiges Behörengebäude, welches hatten sie in der Eile nicht gelesen. Als sie dort unten hockten, inmitten der vielen dort versammelten unbekannten Menschen, fielen Rudolf die vielen Rohre auf, isolierte Heizungsrohre, verschraubte Wasserrohre, abgedichtete Gasleitungen. Die waren doch bekloppt, so etwas zum Luftschutzkeller zu deklarieren. Sie stießen sich an: „Nüscht wie raus hier!“ Sie drängelten zum Ausgang. Ein Ordner zeterte: „Niemand verläßt während es Alarms den Keller!“ Sie scherten sich nicht drum und stürmten ins Freie. Wohin jetzt? Bloß weg hier. In einer anderen Straße mußten sie dann doch nach unten, in einen Vertrauen erweckenden Keller wenigstens. Sie atmeten auf.

Jetzt saß er als Zivilist mit einem Koffer voller Verpflegung inmitten erfahrener Landser und hörte deren Geschichten zu. Mit der Situation des Fliegeralarms kamen sie alle schlecht zurecht. Wehrlos im Keller zu sitzen, wollte keinem behagen. Rudolf dachte für sich, ob dies mein letzter Fliegerangriff auf Berlin sein wird? Es war so, aber wer konnte soweit voraus denken?

Es war schon weit nach Mitternacht, als sie wieder ihren Zug besteigen durften. Um den Schlesischen Bahnhof herum hatte es offensichtlich keine Einwirkungen gegeben, und die Stadtbahnstrecke mußte ebenfalls heil geblieben sein. Jedenfalls setzte sich der völlig überfüllte Zug kraftvoll in Bewegung und fuhr langsam aber nicht durch Schäden aufgehalten durch die vertrauten Stationen: Warschauer Straße, Jannowitzbrücke, Alexanderplatz, Bahnhof Börse, Friedrichstraße, Lehrter Bahnhof, Bellevue, Tiergarten, Bahnhof Zoo, Savignyplatz, Charlottenburg, Westkreuz. Adieu Berlin. Ab Richtung Westen. Ab nach Unna, ins Unbekannte.

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