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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 23

12. Dezember 2014

– XXIII –

Als wir beide aufatmend im Bremserhäuschen saßen, den Koffer und den Tornister etwas Mühsam unter der kargen Holzbank verstaut hatten, sahen wir uns an: „Na siehste“, meinte meine von mir beschützte Beschützerin, „war doch ganz einfach.“ Das war es wirklich gewesen. Runter vom Bahnsteig. Die vielen Menschen, die dort einzeln oder in Grüppchen hockten oder lagerten, schwiegen, redeten oder schliefen, alle auf den erhofften nächsten Zug wartend, sie achteten nicht auf uns. Wenn überhaupt, werden sie gedacht haben, aha, ein Liebespaar, die verkrümeln sich, oder zwei Klugscheißer, die sich was ausgedacht haben. Wir kamen an Lagerhallen mit Rampe und an einem Lokschuppen vorbei. Nirgendwo ein Bediensteter, nirgendwo Betrieb. Eine leichte Kurve, vom Bahnsteig war schon längst nichts mehr zu sehen, da stand Er: Unser Zug! Am letzten Wagen ein Bremserhäuschen. Das war tabu. Weiter. Nach wenigen Wagen wieder solch ein luftiger Anbau mit einer verdammt schmalen Stiege. Macht nichts. Dort hinauf, Tür zu, von uns aus konnte es losgehen. Aber Mitternacht war noch lange nicht.

Eine ganze Weile saßen wir beide dann stumm und nachdenklich nebeneinander auf unserem Armesünderbänkchen. Bequem würde diese Reise nicht werden. Der Arbeitsplatzkomfort in einem Bremserhäuschen der Reichsbahn ließ doch arg zu wünschen übrig. Schlimmer jedoch war der Bammel, der uns erfaßt hatte. Auf verbotenem Gelände verbotener Weise eingedrungen in einen unter Besatzungshoheit zu denkenden Güterzug, ohne das geringste Wissen darüber, um welche Güter es sich in diesen ziegelroten Waggons handeln möge, erzeugte ein fatales Gefühl der Flauheit in der Magengegend. Die Unbekümmertheit, mit der sie beide dem Rat des unbekannten Reichsbahners vertrauensvoll gefolgt waren, hatte sich in allzu grau umwölktes Vorausdenken verwandelt: Wenn vor der Abfahrt noch eine Kontrolle kommt…, wenn dieser Zug überhaupt nicht nach Berlin fährt…, wenn er am Ende in drei Tagen hier noch steht…? Fragen über Fragen und allzuviele Wenns. „Aufhören mit der Schwarzseherei. Erzähl deine Geschichte weiter. Du bist doch viel zu jung fürs Militär. Wie biste denn bloß nach Bad Ischl gekommen?“

„Wenn du recht hast, haste recht“, räumte er nachdenklich ein. Dennoch war er wie sie beim Reichsarbeitsdienst gewesen; wozu man kurz RAD sagte, jeden Buchstaben einzeln sprechend. Ende September vierundvierzig hatte er die Luftwaffenhelferuniform der Werkflak mit dem erdbraunen Rock des RAD getauscht. Ein unerwarteter Einberufungsbescheid hatte ihn ins RAD-Lager 1/76 nach Husum, der Grauen-Stadt-am-Meer des Theodor Storm gerufen. Ein undurchschaubarer Wink der Vorsehung, mußte er sogleich denken. Von Storm hatte er alles gelesen in der prächtigen Stadtbücherei des Bezirks Friedrichshain. Storms phantastischer Realismus hatte ihn sogleich gepackt und hin- und hergerissen zwischen Furcht und Hoffnung, Sehnsucht und Einsamkeit. Storm war ihm auf den Leib geschrieben. Vor allem liebte er Storms Gedichte, und seine Märchen und Spukgeschichten. Den „Knecht Ruprecht“ hatte er stets zu Weihnachten aufsagen müssen, und Gedichte wie „Die Zeit ist hin“, „Beginn des Endes“ und „ In Bulemanns Haus“ hatten seine Seele schon früh tief getroffen und zur Resonanz gebracht. Ohne Vater aufgewachsen, hatte er sich oft gewünscht, einen Vater zu haben, der ihm Sätze wie die Verse „Für meinen Sohn“ ans Herz gelegt haben möge. Von den vielen schönen Novellen Storms liebte er am meisten „Aquis submersus“ mit seinem „Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selber begriff, wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.“

Am Stettiner Bahnhof hatten sie sich einfinden müssen. Zum zweiten Male war dieser Platz an diesem Bahnhof sein Schicksalsort. Hier hatte er gestanden, als es Monate zuvor, Anfang Juni, ins Wehrertüchtigungslager nach Pommern gegangen war. Das waren drei der härtesten Wochen seines Lebens gewesen. Er hatte sie bestanden, ohne zu verbittern. Seitdem kannte er alle Waffen durch Handhabung, die einem Infanteristen oder Grenadier zugemutet wurden. Seitdem wußte er, was es heißt, nachts zwanzig Kilometer zu marschieren mit einem MG 42 auf der Schulter oder mit zwei gefüllten Munitionskästen in den Händen, die die Arme zum Boden herabziehen wollten. Hier stand er nun wieder mit über hundert anderen Jungen aus Berlin, von denen er nicht einen kannte. Sie standen zunächst als loser Haufen um einen kleinen Untertruppführer versammelt, der an einer übermannshohen Stange ein beidseitig bedrucktes Schild hielt mit der Zahl 1/76. Als die im Einberufungsschreiben genannte Zeit erreicht und alle, die auf seiner Liste standen, abgehakt waren, hieß es locker: „Alles folgt mir zum Einsteigen.“ Eine lange Fahrt im verdunkelten Zug durch die Nacht und schließlich durchs ebenso verdunkelte Hamburg brachte sie am nächsten Mittag nach Husum. Ein halbstündiger Marsch im Nieselregen, und sie trafen auf dem Appellplatz des Lagers 1/76, der wie in einem Musterbuch von den typischen flachen Baracken umstellt war, mit schätzungsweise der gleichen Anzahl im Regen wartender Burschen zusammen, die aus dem Norden des Reiches kamen und ziemlich platt sprachen, und die sauer waren, weil sie offensichtlich auf unser Eintreffen hatten warten müssen, auf berliner Großschnauzen hatten warten müssen. In dieser schönen langsamen Mundart, die ihn durchaus an seine Großmutter erinnerte, die nämlich – wenn sie wollte – ein ähnliches Platt aus der Magdeburger Börde klönen konnte, in dieser schönen Sprachmelodie hieß es unüberhörbar und abschätzig: „De hebben uns grode noch gefehlt.“

Eine Stimme, die keinen Lautsprecher brauchte, forderte: „Dort drüben, wo der Haupttruppführer steht, wird angetreten. Aber exakt der Größe nach. Moment, Moment, Leute, immer schön der Reihe nach, wie ich es ansage: Wer ist zwei Meter groß? Niemand? Einsneunundneunzig?, achtundneunzig?“ “Solcherart ging es langsam voran, Zentimeter um Zentimeter abwärts. Bei jeder neuen Zahl liefen ein, zwei, drei Jungs nach vorne und reihten sich ein. Bei einsdreiundachtzig war er dran und fand seinen Platz in der Mitte der Gesamtformation, wie sich herausstellte, als auch der Letzte sich eingereiht hatte. Er stand im hinteren Glied und hörte die Lautsprecherstimme des Feldmeisters, dem übrigens der rechte Arm fehlte, schneidend sagen: „So wie ihr jetzt steht, aber genau so und ohne Abweichung, will ich euch jedesmal sehen, wenn es heißt >In Linie antretennachhaltig< gab es selbstverständlich nicht). Und dieses Bewußtsein bestimmte unser Sein. Es gab Tabakzuteilung für jeden Arbeitsmann, Alter spielte keine Rolle. Ein Mann rauchte eben. Nur die deutsche Frau rauchte nicht, war jedenfalls die Parole, doch die Frauen, die in der Heimat schließlich den Laden schmeißen mußten, die hielten sich nicht dran. Meine Mutter rauchte wie ein Schlot, die Großmutter auch.

Also wir rauchten auch. Es gab Tabak, Zigarren, Zigarillos, Zigaretten, von jedem etwas, sogar gelegentlich Kautaback. Den konsumierten dann die Plattdeutschen, jedenfalls einige von ihnen, andere tauschten entsprechend und schickten den Kram nach Hause. Untereinander wurde also entsprechend den persönlichen Vorlieben getauscht oder auch verkauft. Wir hatten ja die – spärliche – Löhnung, was sollte man schon dafür erstehen. Auf unsere Gesundheit nahm ohnehin niemand Rücksicht, die Reichsleitung in Berlin nicht, und die Engländer und Amerikaner am Himmel ebenfalls nicht. Doch über solche Sachen zerbrachen wir uns nicht unsere Köpfe.

Der Einarmige hatte eine wirksamere Methode, uns den vermeintlichen Spaß am Rauchen zumindest einzuschränken. Er jagte uns jeden Mittag über seine Standardstrecke von dreitausend Metern: „Rechts um, im Dauerlauf Marsch“, raus aus dem Lager, rechts entlang anderthalb Kilometer geradeaus, zack nach links über die Bahngleise, durch den Wald auf der anderen Seite zurück bis kurz vor Husum, „ohne Tritt über die Brücke“, (wir versuchten doch, die Fußgängerüberführung durch unseren Gleichschritt ins Schwanken zu bringen; er fluchte), und wieder zurück ins Lager. Zum Verschnaufen gab es eine Viertelstunde, dann hieß es wieder: „Raustreten“ zum üblichen Bewegungszirkus. An den fünf ersten Wochentagen rauchten nur noch die echten Recken. Wir anderen begnügten uns damit, am Wochenende ein bißchen zu paffen. Man wollte nicht völlig zurückstehen.

„Und was hast du von Husum selbst gesehen?“ „Du wirst es nicht glauben, trotz meiner Liebe zu Storm reineweg nichts.“ „Wie denn das? Gab’s denn nie Ausgang?“

Er zögerte eine Weile mit seiner Antwort und formulierte dann etwas zaghaft: „Ausgang gab es nach einer Weile schon, vor allem, wenn man gut beim Schießen war…“ „Aha“, lachte seine vertraute Zuhörerin leise vor sich hin, „haste denn lauter Fahrkarten geschossen?“ „Was du denkst, nein, geschossen habe ich immer wie der Deubel, oder wie ein Gott, wie man’s nimmt. Feinmechanikeraugen, verstehste? Nein, der Grund war ein völlig anderer, und er ist peinlich. Einem Mädchen mag ich’s kaum erzählen, aber es ist ja dunkel.“ Sie stieß ihn mit ihrem Ellenbogen in die Seite: „Mensch, nun hab dich man nich so.“ „Na gut, also die Sache war die…“

Und er erzählte, wie er sich zum ersten Stadtgang fein machte. Uniform pikobello, Stiefel gewienert, Fingernägel peinlichst gesäubert, und mit Widerwillen die blöde RAD-Mütze aufgesetzt. Im Dienst gab es nur das Käppi, entweder zum Drillich oder zur erdbraunen Uniform. Zur Ausgangskluft gehörte jedoch diese Mütze, ein Unding, der Volksmund hatte sie treffend „Arsch mit Griff“ getauft, weil sie oval war, einen ausgebogten, gesteppten Rand hatte, vorne den Mützenschirm und – oh Graus – oben wie mit der flachen Hand hineingehauen eine Längsfalte von hinten nach vorn, eben „wie ein Arsch“. Darum aber gings gar nicht. Er wollte ja in die Stadt, da wurde diese blöde Mütze eben in Kauf genommen. Nicht zu akzeptieren war etwas ganz anderes. Die Ausgangswilligen und entsprechend eingeteilten Ausgangsbefugten hatten sich zur bestimmten Zeit bei einem altgedienten Haupttruppführer zum Appell einzufinden. Dort ging es streng zu: Hände vorzeigen – gut. Taschentuch, Geld, Taschenmesser, Sicherheitsnadel, Bindfaden, Pariser – alles vorzeigen bitte! Alle Erschienenen schauten dumm, Rudolf wurde rot und fühlte sich beschämt, und mancher andere ebenfalls. „Was, ihr Lausekerle wollt in die Stadt und habt keine Präser dabei?“ Er feixte unverhohlen; darauf hatte er sich wohl den Vormittag über gefreut. Unsere Verlegenheit war die Bestätigung seiner Männlichkeit. „Ab, zum Sani, der verkauft euch welche, weggetreten!“

Sie stürmten aus der Appellbude, fast alle Richtung Sanitätsbaracke, aber er und einige andere nahmen resignierend den miesen Diensthut wieder ab und gingen zurück auf die Stube. „Deshalb kann ich dir nichts über Husum erzählen.“ Eine ziemliche Weile schwiegen sie einvernehmlich, – Da! Was war das? Ein Ruck ging durch den gesamten Zug: Mitternacht, die Lok hatte angekoppelt. Die beiden Königskinder drückten einander die Hände. „Morgen früh sind wir in Berlin, sind wir zu Hause, toi, toi, toi!“

Ein herrlich gellender Pfiff durch die rabenschwarze Nacht. Der Zug setzte sich langsam und zuverlässig mit den erwartbaren und vertrauenerweckenden Geräuschen in Bewegung. Jede Minute rückte das erhoffte Ziel ein paar hundert Meter näher. Sie versuchten, ein bißchen zu schlafen.

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