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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 21

8. Dezember 2014

– XXI –

Als er aufwachte, war es stockdunkel im Zimmer, und es dauerte eine geraume Weile, bis er sich wieder in Raum und Zeit zurechtfand. Hatte er das alles bloß geträumt: Die kleine und die große Elfe? Schade, und schon hatte er wieder Wasser in seinen Augen, mehr als die Lider fassen konnten. Er tastete nach dem Lichtschalter, schaute auf die Uhr und faßte sich an den Kopf: Es war sehr spät geworden gestern Abend nach dem Singen, und als er endlich wieder daheim war und ins breite französische Bett gefunden hatte, war es draußen schon fast hell gewesen. Er versuchte, sich an den Abend am Stammtisch zu erinnern: Wenn die Chorgemeinschaft 1841 Bad Schwalbach e.V. ihre wöchentliche Gesangprobe unter der Leitung von Chordirektor Hans Günter Schuhmacher beendet hatte, zog es die meisten Mitglieder, Frauen wie Männer, schnell nach Hause an den heimischen Herd. Der Chorgeist – im wahrsten Sinne des Wortes – ließ zumindest in Bezug auf ein erstrebenswertes Zusammensein im Anschluß an die Probe ziemlich zu wünschen übrig. Es waren am Ende immer die selben, die sich entweder beim Jugoslawen gegenüber dem Kurhaus oder beim Italiener im Restaurant der Stadthalle zum Nachplausch zusammenfanden. Gelegentlich bildeten die Frauen des Chores noch eine hitzige Plauderrunde, aber zumeist an einem gesonderten Tisch; und die Frauen gingen auch fast immer vor Mitternacht heim. Am Männerstammtisch saßen dann – mit seltenen Ausnahmen – doch immer nur die Taunusschwalben und ihre engsten Freunde. Die Taunusschwalben waren ein Doppelquartett, acht gestandene Männer, die seit über dreißig Jahren, auch geleitet vom Dirigenten Schuhmacher, sich nicht nur in die Herzen der Menschen in Bad Schwalbach und des gesamten Untertaunuskreises hineingesungen hatten, nein, sie hatten schon im Hessischen Rundfunk singen dürfen, und es gab eine Kassette mit ihren schönsten Liedern. Wenn die Chorgemeinschaft 1841 irgendwo auftrat, sei es bei einer eigenen Veranstaltung im Kurhaus oder in der Stadthalle, sei es als Gastchor bei einem der anderen Chöre in der näheren oder weiteren Umgebung, vorzugsweise beim Schubertbund und beim R+V-Chor in Wiesbaden, dann waren die Sondereinlagen der Taunusschwalben stets einer der publikumswirksamsten Höhepunkte des jeweiligen Abends.

Rudolf, der vor vier Jahren zu diesem Traditionschor gefunden hatte – sein Vermieter, der Willi H., Ehrenmitglied des Vereins und mit seinen fünfundachtzig Jahren ein nimmermüder und allzeit gutgelaunter erster Baß mit einer schönen Belcantostimme, er hatte ihm nicht nur eine schöne, geräumige und gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung vermietet, er hatte ihn auch sogleich mit dem Slogan: singen könne jeder, der ein fröhliches Herz hat, für diesen Gesangverein gekeilt -, Rudolf also war gestern Abend, genauer: bis gestern früh im Kreise dieser Stammtischbrüder gesessen, wie gewöhnlich bei einem ausgezeichneten trockenen Wein aus Rauenthal. Über die Wahl im September hatten sie geredet, diskutiert, gestritten und wieder gelacht. Er hörte sich noch ganz deutlich sagen – und vor allem viel zu laut – noch nie, seit er wählen durfte, also seit achtundvierzig, sei eine Wahl so ausgegangen, wie er es sich gewünscht habe. Diesesmal werde es gewiß wieder genau so ausgehen. Die Deutschen seien entweder zu klug oder zu konservativ, wer wüßte das schon bei der handvoll Leute, die man wirklich persönlich kenne. Aber möge es ausgehen, wie es wolle, lärmte er, „wenn wenigstens die EF.DE.PE von der Bildfläche verschwindet, will ich laut Hurra schreien und einen ausgeben.“ Für eine lange Sekunde war es ganz still im Lokal, dann sagte hinter ihm im Publikum jemand „bravo“ und ein anderer „jawoll“ und alle klatschten. Die Sängerrunde grinste und der Hartmann sagte sarkastisch: „Dann gib schon mal einen aus; mit deinem Herzenswunsch liegste richtig.“

Aber warum war es jetzt fast neunzehn Uhr? Er mußte den Fernseher einschalten wegen „heute“. Er fühlte sich durch und durch wohl, ein guter langer Schlaf war das gewesen, und er hatte das dichte Gefühl, nicht allein geschlafen zu haben. Die Träume jedoch, wenn es welche gewesen waren, hatten sich aufgelöst und ließen sich nicht zurückholen. Nachprüfbare Tatsache: Er lag allein in seinem Bett.

Aufstehen, Bademantel, Kaffeemaschine, Brötchen zum Aufbacken aus dem Kühlschrank… Alles Routine wie jeden Morgen. Nur, daß es eben Abend war. Der Tag war weg. Dennoch: Nur für heute will ich leben, noch gute zwölf Stunden, die ersten zwölf hatte er ja verschlafen. Heitere Gelassenheit, das stand in korrekter Normschrift, schwarz auf weiß, von ihm selber geschrieben, an der Mitteltür seines dreiteiligen Kleiderschrankes im Schlafzimmer. Yoshi hatte es ihm so empfohlen in seinem 24-Stunden-Buch „365 zen-tenzen“ vom kessen aber offenbar grundsoliden Eichborn Verlag, dem mit der Fliege, und mit H.M.E. als Berater, Spitzenniveau also unvermeidbar. Yoshi war ein Weiser und ein Spötter, ein Schalk und ein Schelm, Rudolfs morgendlicher Stab und Stecken. Yoshi ließ ihn jeden Morgen gleich nach dem Blumen- und Pflanzengießen im frischen Wasser der freimütig geborgten Intelligenz aufjauchsen oder auf der grünen Aue der geliehenen Weisheit barfuß in den neuen Tag hineintasten. Vielleicht war Yoshi nur ein Autorenkollektiv, sei’s drum. Rudolf liebte diese allmorgendliche Seite des neuen Tages, den er sonst eher grau in grau beginnen müßte. Danke Yoshi.

Heitere Gelassenheit hätte er gebraucht, als er fünfundvierzig an der Elbe stand und offensichtlich nicht hinüberkommen würde. Die Eisenbahnbrücke zwischen Dessau-Roßlau und Dessau war zwar nicht gesprengt, aber die Russen, die soeben in Anhalt und Thüringen die abgezogenen Amerikaner abgelöst hatten, ließen keine Züge hinüber. Rudolf war von Lengefeld bei Sangerhausen gekommen, wo er – aus amerikanischer Internierung kommend – seine Mutter gesucht aber nicht mehr angetroffen hatte. „Die ist mit den beiden Kindern wieder zurück nach Berlin. Als die Russen über die Oder drängten, hat sie’s hier nicht mehr ausgehalten“, hatten ihm die freundlichen Wirtsleute erklärt, bei denen seine Mutter ein Jahr lang evakuiert gewesen war.

Heitere Gelassenheit. Die Amis waren abgerückt, und nach drei Tagen seelischen Luftanhaltens klapperten morgens die Panjewagen durch Lengefeld. „Die Russen sind da!“ Gesehen hatte er nichts. Alles blieb ruhig. Das Dorf bekam zehn Mann Einquartierung, einen davon als Bürgermeister oder Dorfkommandanten. Das Dorf mußte die zehn neuen Gäste verpflegen. Das war zunächst alles. Die jüngste Tochter der Wirtsleute, ihr Name wird leider nach vierundfünfzig Jahren nicht mehr erinnert – nennen wir sie Traudel, sie war ein Jahr älter als Rudolf – diese Jüngste, ihre gleichübsche Schwester hieß Hanchen, ging unbehelligt am Tage über den Berg nach Sangerhausen und kam mit der Nachricht zurück: Am Bahnhof gibt es Fahrkarten, und es sollen auch wieder Züge fahren. Nun hielt ihn hier nichts mehr. Er wollte nach Berlin. Er mußte wissen, wie die Stadt aussah und was mit seiner Mutter, mit seiner Familie geschehen war. „Bleiben sie doch hier, bei uns, und warten sie ab“, sagten die Wirtsleute, die Familie E., und die Jüngste schaute ihn liebreizend an. Half nichts, er packte seinen Tornister, ließ sich belegte Brote einpacken und machte sich ebenfalls auf den Weg über den Berg nach Sangerhausen. Auf halbem Weg, auf der Höhe, lagen rechts und links am Wege, beim Steinbruch, die aufgehäuften Kleinpflastersteine, die in ruhigen Zeiten hier von den Arbeitern geschlagen und behauen worden waren. Alles sah aus, als sollte es im nächsten Augenblick wie gehabt weitergehen. Er bekam am Bahnhof seine Fahrkarte, nachdem er den schönen Satz gesagt hatte: „Einmal zweiter Klasse einfach nach Berlin.“ Am gleichen Mittag fuhr dann tatsächlich ein Zug. Von den Russen war nicht viel zu sehen.

Ganz so einfach war es nun doch nicht. Er saß in Dessau fest. Der Zug hatte unerwartet gehalten. Die Reichsbahner erklärten kategorisch: „Alles aussteigen, der Zug endet hier. Es fahren nur Militärzüge über die Brücke.“ Na was nun? Die Bahner zuckten mit den Achseln. Das konnte heiter werden. Hunderte stiegen murrend aber gleichwohl resignierend aus und machten sich auf den Weg. Auf welchen Weg? Rudolf trottete der brummelnden Meute hinterher, ein wenig bange, ziemlich skeptisch, aber wo war die Wahlmöglichkeit? Gab es eine Alternative? Er sah keine. Berlin lag ostwärts, also weiter Richtung Osten.

Nach kurzer Zeit kamen sie an den Fluß. Ach du meine Güte. Er hatte mit dem Marschbattaillon auf dem jeweils nächtlichen Wege nahe Wels die Donau überquert, im Dunst eines Aprilmorgens. Die Spree als Vergleichsmaßstab ließ ihn damals staunen, aber das hier? Breite Auen, und wahrhaft gelassen floß sie dahin, die große Trennerin, Deutschlands neuer Schicksalsstrom, die Elbe. Jeder schaute stumm und grübelte. Im halbbewußten Abseits der Gedanken flüsterte es: Schwimmen. Doch diesen Wahnsinnsgedanken gab er beim zweiten Hinschauen sogleich auf. Da waren schon die Gerüchte: Drüben stehen die Russen und schießen auf jeden, der es versucht. Es gab Kräftigere, Entschlossenere als er. Als es dämmerte, stieg der Erste in der Unterwäsche, das geschnürte Bündel mit den Klamotten auf dem Kopf haltend, in die schnell dahindrängende Flut. Bei der Strömung, bei den sichtbaren Wirbeln, das ist doch Wahnsinn! Alle schauten gebannt hin, soweit die Sicht bei zunehmender Dunkelheit noch reichte. Die ersten Nebelschleier milderten den abschreckenden Anblick und täuschten die selbsternannten Tatmenschen. Doch dauerte es nicht lange, als mehrfach ein langgezogenes „Hilfe!“ übers Wasser und durch die Knochen zog. Ihn schauderte.

Als Ausweis hatte er einen amerikanischen Entlassungsschein, ein „Certificate of Discharge“, in der Tasche. Wenn die Russen kontrollieren kämen, könnte dieses Papier die Freifahrkarte nach Sibirien sein.

Also erst einmal Biwak, erst einmal hinsetzen. Kommt Zeit, kommt Rat. Der Volksmund ist kein Trottel. Das nächste Gerücht wollte wissen, nachts ziehen die Russen drüben ihre Posten ab. Kunststück, wem sollte das nützen? Er fing an zu essen. Essen beruhigt immer. Es war der erste Happen an diesem Tage, seitdem er Lengefeld hinter sich gelassen hatte. Wer wußte schon, wie lange der Vorrat zu reichen hatte? Da hieß es haushalten mit der Fressage.

Kauend starrte er vor sich hin, als neben ihm eine Mädchenstimme fragte: „Kannste mal auf meinen Koffer aufpassen? Ick muß mal pinkeln.“ Er schaute hoch. Vor ihm stand eine Arbeitsdienstmaid, ganz eindeutig, man sah es am Mantel. Die Farbe des Stoffs, der Schnitt, der große Kragen, „klar“, erwiderte er freundlich und wie erleichtert, eine berliner Stimme, „geh nur, ich paß schon auf.“ Sie verschwand abseits hinter die Büsche. Mensch, dachte er froh, eine Berlinerin, es war unverkennbar. Allerdings sprach sie ein viel besseres Hochdeutsch als er. Jedoch die vertraute heimatliche Sprachmelodie hatte sein Herz gerührt. Sie hatte einen Mordskoffer vor ihn hingestellt. Daß sie den hat schleppen können. Als sie wieder zurückkam und vor ihm stand, konnte er sie bewundern. Sie war einen Zacken älter als er, und sie war fast einen halben Kopf größer. Braunes Haar (wie seine Mutter), sie schaute ihn offen und lächelnd an, und er strahlte zurück: „Willste auch nach Berlin? Möchtest du eine Stulle?“, eröffnete er ihre frische Freundschaft.

Sie setzte sich neben ihn, nahm das Brot, und die nächsten paar Minuten mampften sie beide erst einmal still vor sich hin. Dann vertraute er ihr in komplementärer Weise seinen Tornister an, denn er mußte auch mal „für kleine Mädchen“.

Sie erzählten einander in den gröbsten Zügen ihre jeweilige Geschichte und beratschlagten, wie es weitergehen könnte. Sie erklärte, er solle beim Gepäck hier sitzen bleiben, sie werde sich ein wenig umsehen und versuchen, sich ein Bild von der realen Lage zu machen.

Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sah schon alles ein wenig rosiger aus. Zweihundert Meter unterhalb ihres derzeitigen Lagerplatzes hätten zwei Frachtkähne, zwei der üblichen Binnenschiffe, festgemacht. Die Elbschiffer säßen selber fest. Sie hätten ein „Abkommen“ mit den Russen drüben. Die würden spätestens um elf Uhr nachts abziehen, und die Schiffer würden uns übersetzen, wenn – wir die freundliche Überfahrt bezahlten. Sechzig Mark wollten die Herren des Flusses von jedem Einzelnen haben. Das war für beide von uns kein Problem. Sie hatte ihre angesammelte Löhnung von ihrer Arbeitsdiensteinheit, und er hatte ebenso gesparten Wehrsold zuzüglich der dreißig Reichsmark, die ihm die Gemeinde Helfta samt der Lebensmittelmarken für drei Tage ausgehändigt hatte, als er auf seinem Wege nach Lengefeld durch diesen menschenfreundlichen Ort gezogen war. Also auf, über die Elbe.

Kurz nach Mitternacht war es soweit. Zehn Personen in den Nachen, Ruhe bitte, man hört jedes ungewöhnliche Geräusch meilenweit, und mit zügigem Rudern zweier gediegener Bootsleute ging es über den damaligen Schicksalsstrom an ein unbekanntes Ufer. Fachmännisch gegen die starke Strömung haltend kamen wir gezielt auf der östlichen Seite an. Geschafft. Während der Überfahrt saßen wir beide verlorenen Königskinder mit hochgeschlossenem Kragen, einander festhaltend, nebeneinander auf einer der Querbänke. Als das Boot geräuschvoll am anderen Ufer auflief, hieß es sogleich, „Hopp-hopp, Beeilung, wir wollen diese Nacht noch öfter fahren.“ Wir kletterten an Land. Aber oh Schreck, wir waren noch gar nicht ganz „drüben“. Vor uns im Dunklen schimmerte ja wieder eine Wasserfläche. Wir standen auf dem Vordeich. Die Schiffer beruhigten uns und machten uns Mut: „Nur keine Bange, Schuhe und Strümpfe aus, Hosen hochkrempeln, es ist nicht tief.“ Keiner ließ es sich zweimal sagen. Schwapp, waren wir drüben. Diesmal wirklich am festen Ufer. Bis an die Knieoberkante hatte es schon gereicht. Abtrocknen, Strümpfe und Schuhe wieder an, und ab im Schnellgang Richtung Bahnhof Dessau-Roßlau. Alles mit wahrhaft heiterer Gelassenheit.

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