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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 20

7. Dezember 2014

– XX –

Hatte es nicht an der Tür geklopft? Er lauschte: Tatsächlich, ganz deutlich war es zu hören, pock-pock-pock, so wie man mit dem Knöchel des Zeigefingers an eine fremde Türe klopft, geduldig-ungeduldig, voll der Hoffnung, sie möge sich doch bitte-bitte öffnen. Vielleicht eine Elfe, die sich, vor der Verfolgung durch den Elfenkönig flüchtend, verflogen hat und nun atemlos nach einem Unterschlupf sucht. Das kannte er. Es war ihm schon einmal geschehen, vor Jahren, in Pfronten. Er hat ein Gedicht darüber geschrieben, das besonders Frauen immer gefallen hat. Es ist Jahre her. Er lag, wie jetzt, angezogen auf dem Bett, wollte ein wenig ausruhen oder einen kleinen Mittagsschlaf halten. Alle hatten sich hingelegt, seine Schwiegereltern, auch seine Frau, jeder in einem anderen Zimmer. Die Augen hatte er geschlossen, jetzt wie damals, dachte unbestimmt und – wie gewohnt – generalisierend ans autogene Training, wohl wissend, solcherart hinüberzuträumen. Das eine Fenster des großen bäuerlichen Eckzimmers war weit geöffnet, als urplötzlich ein gewittriger Sommerregen mit offenbar sehr großen Tropfen herniederrauschte und eine bemerkenswerte Melodie hervorbrachte. Nach wenigen Minuten war dieses Vivaldi-Rauschen vorüber, die himmlischen Musikanten hatten ihre Celli und Bratschen wieder eingepackt, nur von Ferne noch grummelte ein leiser verhaltener Zwergdonner. Und mitten durch das offene Fenster flog sie herein, flog geradewegs, dennoch wie suchend auf ihn zu und setzt sich leicht wie ein zärtlicher Windhauch und wahrhaft elfenzart auf seine muschelhaft nach oben gekehrte Handfläche. Er hielt den Atem an und öffnete zaghaft und vorsichtig seine Augen: Welch ein Gesicht, märchenhaft wie Milch und Blut, schneeweiß und rosenschön, ganz ohne den leichten Kunstkitschhauch der Disneyzeichnungen. Sie hatte dunkle, tief-unergründliche Augen wie – eine Elfe. Er wollte jetzt etwas sagen, doch sie hielt verstohlen ihren ausgestreckten Zeigefinger seitlich mitten über ihre wunderschönen geschlossenen Lippen und erbat sich damit sanft fordernd Schweigen, sich dabei scheu über die Schulter blickend, als sollte sogleich ihr Verfolger durchs Fenster hereinschwirren. Nachdem sie sich derart versichert hatte, daß sie beide allein und ungestört waren, konnte sie auch wieder sprechen. Bislang hatte sich ihr engelzarter Brustkorb als Zeichen ihrer Gehetztheit in schnellem Rhythmus auf- und abbewegt. Während sie sich vorbeugte und zu ihm sprach, flirrten ihre vier allerzartesten Flügelchen auf ihrem Rücken wie tanzend hin und wider und gaben ihrer kleinen Gestalt völlig das Aussehen des Geträumtseins. Höre, flüsterte sie, der Elfenkönig unseres Nachbarlandes verfolgt mich. Ich soll seine Gemahlin werden, aber ich mag ihn nicht. Er ist allzu grob und hat zwei riesige Facettenaugen und einen langen spitzen Stachel. Ich will nicht dorthin zurück, wirst du mir helfen?

Sein Herz klopfte so laut, daß er erwachte. Schade, er hätte ihr allzu gerne ihre kleine Bitte erfüllt. Da, es klopfte wieder: pock-pock-pock. Hatte er es doch richtig gehört. Er stand auf und ging zur Flurtür. Durch die geriffelte Scheibe der Abschlußtür sah er deutlich eine Frauengestalt im hellsten Sonnenlicht stehen. Unglaublich. Eine große Elfe? Die war ja erwachsen und paßte in keine Hand. Dummkopf, dachte er, mach auf und frag sie, ob sie (auch) Hilfe braucht.

Gesagt, getan. Er öffnete die Tür, schaute die Frau an, und sie sagte: Ich denke, wir kennen uns, doch schwerlich sollte es uns gelingen, einander zu erkennen. Es sei denn…

Warten sie, warten sie bitte… In seinem Kopf rauschte es wie ein gewittriger Sommerregen. Er riß an allen Saiten der Erinnerungsharfe, aber es kam kein Ton heraus. Solch eine schöne Frau hätte er liebend gerne gekannt, aber woher? Er konnte sich partout nicht erinnern, oder doch? Er konnte sie doch nicht ewig vor der Tür stehen lassen und grübelte, woher er sie denn nun kenne, wenn er sie doch offenbar kennen sollte. Hatte sie das nicht zumindest angedeutet?

Kommen sie doch bitte herein. Er dachte etwas beklommen an X-Y-Zimmermann, aber wie eine Bauernfängerin oder Betrügerin sah sie wahrlich nicht aus: ganz schlank machende Edeljeans, unten ganz leicht seitlich geschlitzt, beige Strumpfhose und passenden Trotteur mit halbhohem Blockabsatz, der das Bein streckte und einen modelhaften Gang ermöglichte. Er hatte ihr mit einer Handbewegung den Weg gezeigt, und so ging sie durch den Gang des Flurs vor ihm her zum Wohnzimmer. Er bot ihr seinen Ledersessel an, sie setzt sich und stellte ihre dezente Goldpfeiltasche neben das Beistelltischchen. Sie hatte einen geradezu distanzierend schicken, zu den Edeljeans passenden Blaser an, dezentes, unbetontes Schottenkaro, vorausschauende Frühherbstfarben, reine Schurwolle mit Seide, das sah sogar er, praktisch, bequem und ladylike. Milde gesagt, wie aus einem Peter-Hahn-Katalog, der sich ungebeten zweimal im Jahr auch in seinem Briefkasten verirrte. Wo aber kam sie her?

Darf ich uns einen Kaffee machen, fragte er sie, immer noch schauend und hoffend, seine Erinnerung möge klick machen. Die Anzeige in der KÖLNER RUNDSCHAU?, blitzt es feurig durch seinen Kopf, sollte sie die tatsächlich gelesen haben? Das Fernsehbild, der Heldenfriedhof, die Stimme, ihr zögerndes Lächeln, es könnte passen, aber nein, irgendwie paßte doch alles nicht.

Entweder stellte sie sich jetzt selber vor, oder er mußte sie einfach direkt fragen: Sie sind doch nicht etwa Elisabeth Z. aus Köln?

Jetzt machte sie staunend-nachdenkliche Augen: Elisabeth Z. aus Köln? Nein, die bin ich nicht. Sie denken – aus meiner Sicht – in eine völlig falsche Richtung. Ich will sie nicht auf die Folter spannen, nachdem sie mich so vertrauensvoll hereingebeten haben. Jetzt lächelte sie wieder: Ich bin Erika aus Berlin. Als ich im Herbst siebenunddreißig geboren wurde, müssen sie, wenn ich in meinen Überlegungen richtig gerechnet habe, und ich habe sehr oft darüber nachgedacht, etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Sie haben mir die Flasche gegeben. Bei ihnen habe ich sprechen gelernt, und in der Küche ihrer Großmutter habe ich meine ersten eigenen Schritte getan. Genau so hat es mir meine Mutter erzählt.

Mit immer stärker werdendem Krampf im Magen hatte er zugehört und nach innen auf die Bilder geschaut, die sie mit ihren Worten heraufbeschworen hatte. Sehen konnte er sie in diesem Augenblick nicht mehr, denn das Wasser aus dem Ozean der Erinnerungen hatte seinen Blick überschwemmt. Er mußte erst einmal schlucken und sich die Augen auswischen. Dann stand er auf und sagte zu ihr, dabei auf sein eingerahmtes, vergrößertes Foto zeigend, das vor ihm und rechts von ihr an der Wand hing: Wenn sie diese kleine Erika sind und W. heißen, dann seien sie mir von Herzen willkommen. Sie war nun ebenfalls aufgestanden, schaute sich das Foto an, atmete tief ein und leise bebend wieder aus, ging zu ihrer Handtasche und zog ohne zu suchen ein kleines sechs-mal-neun-Foto mit dem früher üblichen gezackten Rand heraus, hielt zum Vergleich und wie zur Bestätigung seiner Frage ihr Foto neben das seine, und beide Betrachter mußten weinen. Er führte sie wieder zu ihrem Sessel und sagte undeutlich und kaum hörbar: Setz dich, jetzt mache ich wirklich erst einmal unseren Kaffee.

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