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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 19

6. Dezember 2014

– XIX –

Die real-virtuell-fiktive Elisabeth meldet sich nicht, wird sich wohl – von selber – nie mehr melden. Man sollte in einer kölner Zeitung vielleicht folgende Annonce aufgeben:
Liebenswürdige Frau ersehnt
Zum Austauschen von
Gedanken (Was kann man wissen?)
Zärtlichkeiten (Was kann man tun?)
Zeit (Was kann man hoffen?)

Lassen Sie uns beide eine Antwort auf Kant’s Frage suchen:
Was ist der Mensch?

Nur ernstgemeinte Zuschriften unter Chiffre an diese Zeitung;
Kennwort: „Auf dem Streitacker“.

Der zierliche große Königsberger möge dem vorgestellten Protagonisten, den wir hier agieren lassen nach den affektiven Kognitionsmaximen: aktiv/passiv; stark/schwach und gut/böse sowie bekräftigt durch seine ihm von uns unterstellten Intellektuellen Fähigkeiten, bei seinem Verhalten souverän zwischen präskriptiven und deskriptiven Beschreibungen der Spielzüge in seinem Leben zu unterscheiden, und dem wir (pluralis domestiae), als der dienende, wenn auch keineswegs demütige Erzähler, die überaus anspruchsvolle Doppelrolle eines Welt- und Selbstbeobachters zuschreiben; diesem an den Fäden seiner Umweltkonditionen gleichwohl zappelnden und sich dennoch als Individuum frei fühlenden und nach konstanten Eigenwerten strebenden Helden möge der unsterbliche große kleine Mann aus dem verlorengegangenen Ost-Preußen seine mutigen Vermutungen verzeihen, wenn er sich bemüht, in der Undurchschaubarkeit der Welt nicht den perönlich konstruierten Überblick zu verlieren.

Der erwähnte große Philosoph war zwar – bewußt? – frauenlos, im allzu alltäglichen Alltag und seinen Simplizitäten angewiesen auf die Hilfe und das lebenskluge Verständnis seines Hausknechtes Lampe, der ihn sogar an- und auskleiden mußte, doch daß er nicht gewußt haben sollte, was Einsamkeit und Sich-hingezogen-Fühlen für einen Menschen bedeuten, mag man ihm nicht unterstellen. Warum hat er dennoch nicht das Buch geschrieben: Kritik der suchenden Vernunft? Man darf vermuten, er hat es geschrieben, nämlich: Kritik der suchenden, der versuchenden Vernunft ist ganz gewiß der große, unausgesprochene Obertitel aller seiner Schriften. Ein Philosoph, der so liebenswürdig ist, ausdrücklich für die weniger geistig hochstrebenden Bedürfnisse seines Dieners Lampe die komplementäre Fassung seiner „Kritik der reinen Vernunft“ zu schreiben und mit dem mehr lebensweltlichen Titel „Kritik der praktischen Vernunft“ zu versehen, ein solcher Weisheitsfreund kann doch gar nicht so weltfremd gewesen sein, nicht einzuräumen, sich als Mann zu einem Weibe hingezogen zu fühlen, sei eine vernünftige, eine praktische, eine pragmatische Suche. Was immer auch die Semantik des jeweiligen Zeitgeistes darüber zu raisonieren sich bemüht. Man möchte jedenfalls hoffen, auch als nur ein Dilettant der Kantischen Gedankenwelten, der weitsehende Mann vom Pregel (Gedanken zum Weltfrieden!) möge nicht so giftig von Frauen gedacht haben, wie sein ebenfalls Welten haltender Nachfahre aus Danzig, der sich in Berlin dermaßen über den Zeitstar Hegel aufregte, daß er nach Frankfurt retirierte, um an diesem Ort schreibend die hohe Säule philosophischen Ruhmes zu erreichen, nicht so giftig also wie der Pudelfan Schopenhauer, der gerne im Main kalt badete, über die Frauen geschrieben hat. Dessen „Aphorismen zur Lebensweisheit“, soweit dieser schöne Text die Frauenfrage betrifft, macht einem wort- und sinngläubigen Leser nicht Mut, eine derartige Zeitungsanzeige veröffentlichen zu lassen.

Aber gerade Schopenhauer macht einem lesenden einsamen Mann zwingend klar: In der „Welt als Wille und Vorstellung“ bedingt ebenfalls komplementär der Wille die Vorstellungen und die Vorstellungen bedingen den Willen. Es ist mein Wille, weiterzuschreiben, also brauche ich die Vorstellung, es hörte jemand liebenswürdiges aufmerksam und interessiert dieser geschriebenen Rede zu. Jede subjektive, also systemische Gedanken- und Vorstellungsstruktur muß nach einer den Gedanken und Vorstellungen angemessenen selbstreferentiellen Semantik des eigenen Ausdrucks suchen. Man will einfach (möchte!) mit seinen Vorstellungen verstanden werden, möchte bei anderen Menschen anschlußfähig sein, wenn sie zu Gedankenpartnern werden sollen. Obwohl ein herzensguter aber als Profi knallharter und cooler Psychotherapeut einmal zu Rudolf gesagt hat, er brauche sich keine Mühe zu geben und möge sich damit abfinden, „die Anderen“ würden ihn nie verstehen. Fide, so hieß der Therapeut, hatte mit den Anderen zwar allgemein die Menschen gemeint, aber – gottseidank – zu den Menschen gehören ja schließlich nicht nur auch sondern in erster Linie: Die Frauen. Jedenfalls argumentieren ihre kämpferischsten Vertreterinnen unter der schwarzen Aufruhrfahne des Feminismus in diesem Sinne. Sie tun es sogar mit der historisch nicht unberechtigten Maxime der Selbstbefreiung.

Menschen können herzlos und unzugänglich sein, warum also nicht auch Frauen. Nur von der einen, der jeweils konkreten und dadurch unausweichlich auch idealisierten (idola! = mach dir ein Bild von der Welt!, folglich auch von den Frauen) weiblichen Zielperson will man es systemimmanent nie wahr haben, weil sonst das Gleichgewicht des Systems auf dem Spiel stünde. Der handelnde Mensch braucht Plausibilität. Und Plausibilität heißt für ein psychisches System, für einen Menschen, für ein handelndes Subjekt, nur das tun, woran man glauben kann, wovon man überzeugt ist, wovon man sich selber überzeugt hat, was man als Zeuge bezeugen würde, oder wovon man in der gerade laufenden gesamtgesellschaftlichen Kommunikation mit-leidend (compassionans) sich hat überzeugen lassen. Deshalb beschloß Rudolf, ausgehend von der Gewißheit, die Zeitgenossen von ihm gesellschaftssystemisch und funktional und eingehüllt von universitären Gesellschaftsstrukturen innerhalb einer spezifischen gesellschaftlich gestützten Semantik erarbeitet hatten, wie er sich seit Jahren lesend überzeugen konnte, nämlich daß alle Zukunft kontingent sei, also auch der in der komplexen, nichteinfachen, quasi „chaotischen“ Zukunft liegende Erfolg einer einfachen aber komplex gemeinten Zeitungsanzeige, die lumpigen hundert Mark ans Bein zu binden und sogleich – morgen!, (jetzt ist es ein Uhr dreißig mitten in der Nacht) – die KÖLNER RUNDSCHAU dieserhalb anzurufen. (Ob es diese Zeitung gibt? Auf jeden Fall prinzipiell).

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