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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 18

5. Dezember 2014

– XVIII –

Was tut man selber, und wozu zwingen einen die Anderen, die Umstände, die Konventionen? Zwingen? Die Konventionen zwingen nicht, sie wären sonst keine. Konventionen sind die Fäden, an denen man als Gesellschaftspuppe zappelt. Und der Beobachter sieht die Fäden nicht, der Beobachter rechnet zu. Zu den konventionell bewirkten Regelhaftigkeiten kommen die durch persönliches Erleben gefilterten Umstände. Zehn Leute an einer Bushaltestelle. Der Bus Nummer 14 kommt. Wie man wartet, wie man beim Einsteigen nach Alter, Aussehen, Geschlecht, Kleidung oder Hautfarbe die Reihenfolge ermöglicht, regeln die Konventionen, die tradierten und der Zeitgeist. Daß von den zehn Leuten beispielsweise nur sechs einsteigen, liegt an den jeweiligen persönlichen Umständen. Die anderen vier warten vielleicht auf den Bus Nummer 8.

Beim Versuch, einzuschlafen, war er ganz deutlich bei Telefunken in der Lehrwerkstatt. Der Jugendwalter der Firma war in seiner HJ-Uniform der höheren Führer erschienen, mit der kurzen Jacke wie ein Stammführer, aber ohne die weiße geflochtene Schulterschnur. Sein Erscheinen überraschte. Er hatte lange vorn am Werkstatteingang beim Meister gestanden, und eindringlich hatten sie miteinander geredet. Die Lehrlinge dachten: was will der denn hier? Sie sollten es bald erfahren. Der Meister rief die Lehrgesellen zusammen, die brachten zu ihren nach Lehrjahren gegliederten Gruppen die Aufforderung: Im Mittelgang antreten.

Dort standen sie nun alle, die rund einhundertzwanzig Lehrlinge der vier Jahrgänge, in der üblichen Dreierreihe, locker, zwanglos, routine-geregelt. Es wurden flüsternd Vermutungen ausgetauscht, als der Jugendwalter mit dem Meister vor der Formation stand: Der Meister, einsachtundsechzig, im braunen Kittel – alle anderen trugen grau – die feinen schlanken Hände und die Goldrandbrille bezeugten seine fachliche Kompetenz und seine berufliche Würde. Der Jugendwalter in schwarzen Breeches mit Stiefeln und seiner braunen Jacke, zwar ohne Mütze und ohne irgendwelchen Rangabzeichen, nur mit einer HJ-Ehrennadel am Revers. Seine tatsächliche Stellung im Betrieb war schwierig einzuschätzen. Fest stand nur: er war die staatliche Autorität. Dieser gemischte Augenblick ließ sogleich alles Gerede verstummen.

Kameraden, sagte der Jugendwalter mit befehlsgewohnter Stimme, obwohl er eigentlich nur ein Schreibtischhengst war. Kameraden durfte er getrost sagen, denn alle Lehrlinge kannten ihn, alle hatten bei ihm jahrgangsweise einmal in der Woche nach der Arbeitszeit Unterricht in Elektrotechnik, Fungerätekunde und Morsen. Und er war ein guter Kerl, gab sich zwar gern martialisch, doch alle konnten ihn leiden. Er war durchaus zugänglich, tolerierte alle Fragen, auch die dümmsten, war beim Unterricht immer geduldig und kleinen Flaxereien nicht abgeneigt. Beim Einmarsch der Russen sollte er die Verteidigung des Werks organisieren – er zog es vor, sich aufzuhängen. Rudolf war nicht dabei, er war zu dieser Zeit schon Soldat in Österreich. Auf Nachfrage war 1946 auch zu hören: „Den hamse uffjehängt“. Wer? So genau wollte man es wieder nicht wissen.

Noch stand er vor der Mannschaft und erklärte den Zweck der Übung. Die Flaksoldaten der Luftwaffe, die seither die vier Geschütze und die beiden Scheinwerfer bedienten, die man auf sechs Treppenhaustürmen im Werk verteilt hatte, sie sollten an die Front versetzt werden. Ausgebildete Leute wurden langsam knapp. Es wäre doch gelacht, so der Jugendwalter, wenn nicht auch die Lehrlinge… Auf einmal stand ein Hauptmann in luftwaffenblauer Uniform neben ihm. Man hatte ihn gar nicht dazukommen sehen. Rote Kragenspiegel, E.K.1, silbernes Verwundetenabzeichen, Narvikschild, drei Panzerstreifen auf dem linken Ärmel: ein Fachmann. Er war bestimmt schon fünfzig. Seine Mütze saß nicht schräg und keß sondern vorschriftsmäßig grade. Ein ruhiger, sachlicher Mann. Er versprach eine schnelle und gründliche Einweisung und appellierte an unseren Ehrgeiz. Jeder ginge davon aus, daß man uns vor Beendigung der Lehrzeit nicht einziehen würde, und er hätte vor allem an das zweite und dritte Lehrjahr gedacht. Er brauchte vier komplette Mannschaften, und wir hätten dann alle vier Tage für vierundzwanzig Stunden Dienst beziehungsweise Bereitschaft, das hieße, wir dürften an diesem Tage nicht nach Haus. Eine Luftwaffenuniform bekämen wir auch. Seinen Schreiber habe er mitgebracht. Wer sich jetzt bei dem melde, werde in den nächsten Tagen im Sprechzimmer des Werksarztes von einem Luftwaffenarzt untersucht…

Es gab in der Mitte ein ziemliches Hallo. Der Jugendwalter ließ wegtreten. Das vierte Lehrjahr ging nachdenklich auf seine Plätze. Beim Schreiber herrschte Gedränge, bis der sich Ordnung verschaffte und eine lange Reihe sich formieren ließ. Wir vom ersten Lehrjahr standen bedeppert da: Wir waren zu jung. In Grüppchen murrten wir rum. Einer sagte, laß uns doch den Hauptmann fragen. Gesagt, getan. Der schaute uns ernst an: „Wenn ihr groß und kräftig genug seid, und der Arzt nichts dagegen hat…“ Ha, die über einsachtzig schauten sich triumphierend an: „Na, wer sagt’s denn?“ So wurde auch er im Herbst dreiundvierzig Flaksoldat.

Krank war niemand. Telefunkenlehrlinge waren ja schon ein gesiebter Haufen. Nur die Knirpse mußten verzichten. Wir hängten die Uniform in den Schrank Neben den Luftschutz-Overall, denn alle zehn Tage Luftschutzdienst hatten wir sowieso. Da fuhr man abends nicht nach Hause, ging noch einmal an diesem Tag in die Kantine essen und harrte der Dinge, die kommen konnten, aber nicht kommen mußten. Bisher hatte das Werk nur einmal etwas abgekriegt, im August, als er in Urlaub war. Brandbomben. Der Bauteil H mit der Lehrwerkstatt brannte dabei völlig aus. Sie hatten die Lehrwerkstatt in einem dafür geräumten Untergeschoß neu eingerichtet. Alles ging weiter wie bisher. Wenn jetzt der Drahtfunk eingeschaltet wurde und es in allen Räumen und Fluren zwischen den Ansagen tick-tackte, unterbrochen von: „Feindliche Flugzeuge im Raum Gustav-Gustav nach Gustav-Heinrich…“, dann warteten wir, soweit gerade betroffen, nur auf den Spruch: „Flakbereitschaft an die Geschütze“ und man sprang in die blauen Klamotten und lief zu seinem Treppenhaus. Denn anfangs standen die Zwo-Zentimeter-solo-Geschütze noch auf vier gleichmäßig im Werksgelände verteilten Treppenhaus- und Fahrstuhltürmen. Als einer der Scheinwerfertürme eines Nachts weggebomt worden war, kamen die Geschütze auf die andere Seite der Goerz-Allee in Erdstellungen im Gelände. Jetzt hieß es bei Voralarm verdammt schnell laufen. Nun bekamen wir auch Vierlingsflak, die für die Türme zu schwer gewesen wären. Aber ob Solo oder Vierling, was sollten wir mit den Zweizentimeter-Dingern schon weiter bewirken als unsere eigene Beruhigung. Die Herren Feinde kamen in achttausend Metern Höhe und waren für uns unerreichbar. Die 10.5er Eisenbahnflak in Lichterfelde West haben wir beneidet, doch unserem Stolz (oder unserer Eitelkeit) tat dies keinen Abbruch. Und vor allem: Man brauchte bei Alarm nicht mit dem Wehrlosigkeitsgefühl im Keller zu hocken.

Nachts bei Alarm auf dem Turm. Die Stadt war verschwunden. Das Werk fast auch. Die Verdunkelung verschluckte alles. Zunächst eine tiefe Stille, nachdem die Geschützbedienung ihre Plätze eingenommen hatte, nur leicht angerissen vom stereotypen Ticken des eingeschalteten Flaksenders, das aufreizend herauströpfelte aus dem kleinen Lautsprecher in der einen Ecke der viereckigen Plattform mit ihrer niedrigen Brüstung, die den Blick rundum freigab hinaus in das gespannte, erwartungsschwangere Dunkel über der Großstadt, die fatalistisch ihren Baukörper einer erneuten Verwundung durch einen nicht abzuhaltenden unsichtbaren Feind entgegenhielt. Einen harten Schlag würde es geben, das war seit dem dreifachen, dreitägigen Septemberansturm mit dem neuen Instrument gewiß, dieser teuflichen Mischung aus ungezählten Brandbomben und immer größer werden Sprengbombenkalibern; nur auf welchen Körperteil der kommende Schlag zielen würde, es mußte sich bald zeigen. Zuerst die Ankündigung im Lautsprecher: Das Ticken verstummte und eine neutrale, gefühllose, Professionalität signalisierende Stimme orakelt: Feindlicher Bomberverband im Raum Hannover, voraussichtlich im Anflug auf die Reichshauptstadt. Nicht lange danach, erst noch in der Ferne, meist nordwest, das näherkommende, anschwellende, dann alles einhüllende, alles überdeckende Gebrumme, bis es zum Dröhnen wurde. Flak oder Jäger heute? Im Lautsprecher die Befehlsstimme: Feuer einstellen! Wilde Sau frei. Alles sofort still in Zehlendorf West, hinter dem Bahnhof, wo die flachen Wagen der 10.5er Eisenbahnflak standen, die mit kräftigen aber erfolglosen Gegenschlägen ein paar Beruhigungssalven riskiert hatten. Wieder warten, doch schnell, immer wieder verblüffend wie schnell, waren die Jäger da. Von Werneuchen und den anderen umliegenden Feldflugplätzen war es für die Me 109 und vor allem für die FW 196 nicht weit. Die Jägerleitoffiziere führten sie heran, dann mußten sie es mit ihren Hilfsmittel allein schaffen. Dumpfes Dröhnen und helles aufheulen der Jägermotoren jetzt durcheinander. Jede Menge Scheinwerfer von allen Seiten, auch unsere beiden Ein-Meter-Strahler streckten ihre grellen Lichtfinger suchend nach oben. Und die Jäger schafften es immer wieder. Es war unglaublich. Sie schossen in die Pulks, die wir nur hörten, mit Leuchtspur hinein, und die anderen schossen genauso sichtbar zurück. Von ihrem vorgeplanten Kurs aber ließ sich die Bombermasse nicht abhalten, nicht vom Feuer der sie jagenden Bordkanonen, nicht von den Verlusten, die sie –für unseren Geschmack viel zu wenig – hinnehmen mußten. Treffer führten zu Stichflammen und Explosionen, kleinere bei unseren, größere bei denen. Aber zweihundert oder dreihundert Bomber kann man nicht abschießen. Die machen ihren Weg, und wir konnten nur raten, wohin heute? Charlottenburg, Tegel, Stadtmitte, Friedrichshain, Lichtenberg, Mahlsdorf, Köpenik, Grünau. Himmelsrichtungen wurden zu Höllenfahrtsrichtungen. Dann fiel das erste Leuchtzeichen, danach die Weihnachtsbäume, womit sie die Zielflächen markierten, ihr Opfergebiet absteckten, das sich ihre Bombenschützen vor wenigen Stunden auf ihrem Befehlsempfang auf ihren Klemmbrettern notiert hatten, kühl, nüchtern, Menschen kamen bei solchen Überlegungen nicht vor. Die saßen jetzt stumm und mit voneinander abgewandten Blicken in ihren meist völlig unzureichend ausgebauten Luftschutzkellern und lernten wieder zu beten, still in sich hinein, oder mit zitternden Lippen vor sich hinmurmelnd, bis einer wegen der angespannten Nerven sagte, nun hör’n se doch bloß damit auf.

Es hörte nicht auf, noch nicht. Die Leuchtzeichen am Himmel standen, es war entschieden. In die von ihnen umschlossene Fläche rauschten sie hinab, die Brandbombenbündel, die Allesverzehrenden, und ihre harten Brüder, die Sprengbomben im Zwillingstakt, immer gleichzeitig aus jedem Schacht rechts und links eines jeder der Bomber, rauschten hinab ins noch Dunkle und fanden ihr Ziel, immer, wer oder was es auch sein würde. Mit der Dunkelheit am Boden war es dann für dieses Gebiet vorbei. Wenn es weiter weg war, sah man als ferner Zuschauer, wir hier auf unserem engen Turm, jeder an seinem festen, gelernten Platz, nur die Wirkung am Boden: Die schnell dahinzuckende feuerrote Unheilschlange der dicht an dicht liegenden Einschläge, der Bombenexplosionen, in dieser Perspektive ein schreckliches Menetekel: Wartet nur, vielleicht seid ihr auch bald dran. Wir wollen keinen vergessen. Mit Guernica fing es, denkt an Coventry, oh ihr Zyniker, vergeßt auch die eigenen Fehlwürfe der eigenen Luftwaffe auf Freiburg nicht, gleich anfangs des Frankreichfeldzuges. Alles unerbittlich. So schnell, wie das für uns ohnmächtige Zuschauer zu Ende war, in dieses Flammenzucken hinein fielen ja noch die Brandbomben aller Kaliber. Mit deren Wirkung war es dann nicht so schnell zu Ende. Diese Wunden leuchteten noch lange am Horizont.

Wenn es näher dran war, Lichterfelde oder noch Zehlendorf, dann standen die Weihnachtbäume bedrohlich dicht vor einem, man verlor die Übersicht, das angstmachende, herzzusammenpressende Rauschen schwoll an uns schwoll an, bis die Feuerwand die Antwort gab: DORT! Der Blick fror in diese Richtung fest: Die armen Schweine.

Am nächsten Tag, bei der Heimfahrt, konnte man schon in Lichterfelde West am S-Bahnhof auf frisch angeklebten oder angeschlagenen Plakaten lesen, welche Strecken ausgefallen waren. Aus solchen Informationen versuchte man dann die Antwort zusammenzusetzen auf die Frage, was man wohl zu Hause vorfinden würde.. Der Rundfunk schwieg ja zu solchen Ereignissen.

Die in Berlin oder nicht in Berlin erlebte Zeit des Krieges stellte sich für Rudolf dar wie ein unfreiwilliger Besuch in einem Abenteuerzirkus: Man schauderte schon bei der ersten Nummer und wußte doch, die wilden Tiere in dieser Manege würden zahlreicher und angsteinflößender werden. Aber es gab kein Davonlaufen. Man mußte auf seinem Platz ausharren. Man mußte hinschauen oder gar mitspielen bei diesem blutigen Spiel. Ausgang gewiß ungewiß. Zuerst machte man die Dachböden klar zum Gefecht. Alle Lattenverschläge aus Holz, seit Jahrzehnten durch sommerliche Hitze ausgedörrt wie Zunder, die jedem Mieter ein Stück Raum zur eigenen Nutzung bereitgestellt hatten, mit dem Ergebnis eines Berges von altem, angesammeltem Gerümpel, das alles mußte herausgerissen und weggeschafft werden. Wir Kinder fanden das herrlich. Jetzt konnte man auf dem Dachboden ums ganze Haus herumgehen: vom rechten Seitenflügel übers Vorderhaus zu den beiden linken Seitenflügeln, deren hinterer Teil, weil später angebaut, wegen der Sparbauweise (Zeitgeist!) trotz ebenfalls vier Stockwerken eine halbe Geschoßhöhe tiefer lag. Dieses kriegsvorbereitende Aufräumen geschah schon vor dem ersten September neununddreißig. Kurz vor dem Krieg mußte Tante Anna ihre kleine Kellerwohnung räumen und ausziehen. Ihre Wohnung wurde als Luftschutzraum für uns sechs Familien des rechten Seitenflügels gebraucht. Anna zog mit Kind und Kegel in die Koppenstraße 10. Ein guter Zufallstreffer in ihrer Lebenslotterie, denn die Koppenstraße 10, dieses ausgedehnte Haus mit den beiden großen, hellen, begrünten Hinterhöfen wurde verschont, fast bis zum letzten Kriegstag. Verschont von wem? Vom Kriege, den die Griechen als einen Gott mythologisierten, und so war er denn auch so unerbittlich und zugleich so willkürlich, wie es eben Götter sind. Die Anna aber liebte dieser Gott. Er schickte sie instinktiv kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee aus einem simplen Zufallsanlaß nach Neukölln, in den späteren Westteil der großen Stadt. Sie hatte für die drei Jahre in der engen Kellerwohnung zuerst die Schadenfreiheitskarte gezogen und dann noch als Schicksalspreis als einzige der Familie den Westbonus erhalten.

In Annas Kellerwohnung, Ort enger, gedrängter, gemütlicher Familienfeiern, mauerte man die Fenster zu, meterdick, zog zwei Reihen dicker Holzbalken unter der Decke ein, abgestützt durch ebensolche Stempel, fest verklammert und verkeilt. In diesen beiden Räumen verbrachte Rudolf mit den vertrauten Hausgenossen die schier endlose, ungezählte Anzahl der Nacht- und später der Tagstunden, die während der sechs Jahre des Krieges den Berlinern als die politischen Konsequenzen der europäischen Hybris beschert wurden. Der Kriegsverlauf hatte es doch gezeigt: Wo immer die siegreichen Deutschen einmarschierten, sie stießen auch immer auf die Quislinge, auf die bereits auf die Herrenmenschen wartenden europäischen Faschisten. Dänemark sollte man vielleicht ausnehmen, die Dänen und ihren tapferen König, der sich nicht von Hitler in den Judenzirkus Maximus hineinziehen ließ. Saßen die Erzfaschisten nicht in Italien, Ungarn und Spanien? Gab es in Frankreich nicht außer der kleinen heimtückischen und erfolgreichen Resistance, – wie überall – neben der großen Masse der Trägen auch die doch keineswegs geringe Anzahl der willigen Vollstrecker von Hitlers macht- und brutalitätgestützter, zeitgeistgetragener europäischer Einigungs- oder Vereinigungspolitik der ersten Stunde? Immer fair bleiben. Es gab nicht nur deutsche Faschisten, und der Faschismus ist kein Meister aus Deutschland. Wir Deutsche haben die Faschismusmaschine nur – leider und zu unserem eigenen Schaden – mit dieser fanatischen und (un)menschlichen Konsequenz bedient. Mit all den gelesenen Geschichtsbüchern im Kopf hätte sich ein beträchtlicher Teil dieser Gedanken bereits im Luftschutzkeller denken lassen. Aber zugegeben, der traurige Rest davon ist mir eben erst beim Schreiben so rausgerutscht.

Die erste Phase mit ellenlangen Nachtalarmen, manchmal zwei, gar drei in einer Nacht, lief mehr oder weniger intensiv – eigentlich alles noch ziemlich „harmlos“ – bis zu den drei schrecklichen Brandnächten im September dreiundvierzig. Es gab Schäden, es gab Opfer, doch die Engländer zelebrierten vorerst mehr Nervenkrieg als Bombenkrieg. Mit zwei einzelnen, aus Holz gebauten Doppelrumpfmoskitos, die sehr hoch flogen, von Flak und Radar kaum erreichbar, konnte man eine ganze Großstadt um den Schlaf bringen und etwas verrückt machen. Die moralische Wirkung war da, artikulierte sich aber meist im zähneknirschenden „Scheißengländer“, genau so, wie die Londener – sie haben es mir in meinen sechziger Dienstjahren drüben oft genug bestätigt – eben gleichermaßen seelenentlastend sagten: „fucking germans“. Nachdem die nächtliche Ablauforganisation auf beiden Seiten eingespielt war, hieß es dann lapidar: Einzelne Kampfflugzeuge im Raum X,Y… Diese hochfliegenden Einzelgeier spielten die Doppelrolle Nervenkrieg und Aufklärung. Aufklärung vor einem Angriff, Aufklärung danach, damit die Schadensbuchführung an der Themse auf pari gebracht werden konnte. Wenn ein zwei Nächte außer Warten und vereinzeltem Flakgeballere nichts passierte, wußte man, beim nächsten Mal wird es ernst. Morgens, nach durchwachter oder im Keller verschlafener Nacht, gingen wir Jungen vor der Schule schnell durch die Straßen und über die Höfe, Granatsplitter sammeln. Der größte oder der ausgefallen geformte Splitter aus der Vernichtungsindustriewelt des Feindes brachte in der Schule den größten Ruhm. Wir hatten für eine Weile dadurch auch neue Tauschobjekte. Dieser fatale Sport legte sich aber bald.

Berlin ist und war groß, jedenfalls ausgedehnt. Fünfzig Kilometer Durchmesser ergab einen Kreis mit viel Platz für’s Bombenschmeißen. Zum allerersten von Sprengbomben zerstörten Haus – ich weiß nicht mehr, wo es war – pilgerten die Neugierigen. Ob Rudolf oder der Großvater, wer wen dorthin lockte, wird nicht mehr erinnert. Jedenfalls mußte man fahren und umsteigen und laufen. Dann stand man davor und staunte und fürchtete sich nachträglich und vorträglich, wenn dieses Wort gestattet wird. Eine hausbreite Lücke. Die Brandmauern zerfetzt. Drei Häuser unbewohnbar. Die Keller hatten offensichtlich gehalten. Rundherum alle Scheiben zu Bruch, Luftdruckschäden. Die Leute standen und flüsterten. Meist schwiegen sie. Polizisten regelten den Andrang: Bitte weitergehen! Es ging weiter.

Es kam die Kinderlandverschickung. Von Oktober vierzig bis zum Überfall auf Rußland (eine Nachkriegsvokabel!) ging Rudolf in Rossitten in die Schule, auf der Kurischen Nehrung im fernen Ostpreußen. Die berliner Jungen gingen zwar nicht in die Dorfschule, sie hielten selber Schule, und sie hatten sich dazu ihren eigenen Lehrer mitgebracht, einen kopfverletzten Kriegsveteranen aus dem Ersten Krieg, der drei halbe Klassen zusammenhalten sollte – die Teilnahme an der Verschickungsaktion war – überraschend? – freiwillig. Man erkenne: Auf allen Gebieten und in allen Bereichen gibt es Vorurteile. Gewesenes ist im Einzelfalle häufig völlig anders als es das Kollektivgedächtnis erinnern will. Von der Schwierigkeit, sich selber unvoreingenommen erinnern zu können, ganz zu schweigen. Der alte Lehrer hielt den neuen Streß nicht aus, obwohl er einen jungen Lehramtskandidaten zur Stütze hatte, der gleichzeitig den hauseigenen HJ-Führer zu mimen hatte. Der alte vertraute Lehrer ging, er ließ sich wegen Krankheit pensionieren – seinerzeit mußte man dieserhalb noch tatsächlich krank sein; doch auch dies nur nebenbei gesprochen; aus dem off sozusagen – und er machte seinen bombensicheren Platz frei für einen kerngesunden, aktiven, auch als Lehrer aktiven strammen Nazi. Wir liebten ihn nicht, er war aber auch nicht zum fürchten, er verschaffte sich einfach – zackzack – Respekt. Seine ganze Liebe galt einer riesengroßen Landkarte von Europa, und er strahlte, wenn er wieder ein weiteres Land blau (warum blau?) anfärben konnte und mit Stolz in der Stimme sagen: Das ist jetzt auch unser. Und sehr oft und sehr gern fügte er dann hinzu die bekannten Namen der neuen SS-Divisionen, die sich in den dazugewonnenen Ländern aus den dort wohnenden neueuropabegeisterten Mitmenschen hatten aufstellen lassen.

Eine Woche vor dem Einmarsch unserer siegreichen Armeen in die Weiten Rußlands (Sowjetunion sagte niemand) kamen die berliner Jungen nach Österreich, nach Bieberbach, Bahnstrecke hinter der Station Wien: Sankt Pölten, Melk, Pöchlarn, Amstetten, eingebrannt ins erinnernde Gehirn. Eine fast abenteuerliche, unendlich lange Bahnfahrt von Königsberg nach Wien, quer durch’s Großdeutsche Reich. Welch ein Gefühl. Wir waren schon wer, gell? Sogar die Österreicher trugen gern braune Uniformen, und sie konnten sich spielend wie stramme Nazis zeigen und bewegen. Man durfte staunen. Bis wir aber in Wien ankommen sollten, verging unendlich viel Zeit. Niemand wußte mehr genau, wo wir waren. Polen (der Warthegau!), die schier unendliche Weichselebene, ein Fluß, ach was, eine Flußsystem wie eine Welt für sich. Wie hat man so etwas erobern können? Welch ein Wasser-Land-Komplex: Schau mal, dort drüben, was ist das? Eine Burg? Thorn, sagte der Lehramtskandidat, die Marienburg, doch es klang mehr wie geraten als gewußt. Dann die Tschechoslowakei, das Protektorat Böhmen und Mähren, so genau kannte sich damit keiner aus. Auch der stramme Nazilehrer lag immer mal daneben, wenn unser Zug durch Stationen brauste, die schier unaussprechliche Namen auf ihren Schildern zeigten. Dann endlich Wien, eine Einschnittbahn, es ging langsam voran. An einer Steigung, mit der der Lokführer wohl nicht gerechnet hatte, drehten die Räder der Lokomotive pfeifend und kreischend durch. Es ging für eine lange Weile nicht mehr weiter. Für den wiener Verkehr waren wir Berliner
aus Ostpreußen ein temporäres Hindernis, bis eine zweite Lok kam, sich vor unseren Zug spannte und auffi gings, pack mers, in Amstetten alle aussteigen. Mit dem Bus weiter nach Bieberbach. Wieder ein Dorf, aber ganz anders als das Fischerdorf Rossitten auf der Kurischen Nehrung, deren karge, fleißige, hilfsbereite Menschen unvergessen sind. Je ärmer sie waren, und reich waren sie alle nicht, umso gebefreudiger waren sie. Die Weihnachtsbescherung bei seiner Fischerfamilie zeigte es, – jeder Schüler hatte einen Patenfamilie, wo man seine Wäsche gewaschen bekam -, es waren Stücker sechs Kinder daheim, die hatten auch Hunger, doch an diesem Festtag wurde gepräpelt: Fische aus dem Haff, an Eislöchern mit Geduld und Klopfen mit Knüppeln angelockt und gefangen, alles so fett und lecker, daß einem das Wasser im Munde zusammen und das Fett aus ihm wieder herauslief. Hinterher selbstgeformtes Traditionsgebäck, eine Tüte davon gab es zum Mitnehmen in die Jugendherberge, wo wir Schule hielten, und nach dem Festessen sangen diese Leute erzfromme Lieder. Herzschönes armes Ostpreußen. Es ist zum heulen.

In Bieberbach diesmal keine Jugendherberge, ein Gasthof, reich, mit Metzgerei, mit einem großen Saal, eine RiesenKüche, viel Personal, doppelstöckige Betten. Schnell war man heimisch, einnvertraut im neuen Lebenskreise, ach Hermann Hesse. Alles lief ab wie gehabt. Ostpreußen oder Österreich, für uns Kinder nur ein – beträchtlicher – Unterschied in der Landschaft, und im Essen. Wenn ich an die Berge von Grünkohl mit Schweinebauch und die vielen Rote Bete in Rossitten denke, auch wenn Grünkohl für mich eigentlich ein Traumessen war, weil die Oma Anders es uns partout nur zu Weihnachten servierte, der ostpreußische Überfluß davon war den doch besser ersetzt durch die vielen Arten Knödel, seien es deftige Speckknödel oder überaus liebliche Marillenknödel. Tu felix austria, die paradiesischere Küche darfst du getrost dein eigen nennen. Waren auch die Kochgebräuche so grundverschieden, unser Heimweh blieb dasselbe. In Berlin tröpfelte der englische Luftkrieg wie gehabt weiter. Man hätte auch daheim sein können.

Onkel Kurt nahm sich das Leben. Krebs am Zwölffingerdarm und im Magen. Gasvergiftung. Der jüngste Sohn. Die Oma wurde depressiv. Der Opa reiste nach Österreich, nach Bieberbach. Er blieb drei Tage, und wir machten gemeinsam eine wunderschöne Wanderung zum und auf den Sonntagsberg. Über herrliche Wiesenwege, an strotzenden Feldern vorüber, durch schattengrüne Wälder, nicht gepflanzt aber beschrieben von Adalbert Stifter, dessen Nachsommer mir dank der Weisheit meiner Büchereidamen von der städtischen Jugendbibliothek bereits vertraut war. Sonntagsberg ist auch ein kleiner Wallfahrtsort. Die Wirtsleute in Bieberbach, wo der Opa Unterkunft gefunden hatte, sie waren wohl auch ein wenig erschrocken über des Opas Geschichte vom verlorenen Sohn, der nun – anders als in der Bibel – nie mehr zurückkehren würde. Daß Karl Anders zwar getauft doch als aufgeklärter Sozialdemokrat – damals glaubte man noch, so konsequent sein zu müssen – längst aus der Kirche ausgetreten war, konnten seine Wirtsleute nicht wissen, sie hätten es auch als gute, bodenverhaftete Katholiken nicht für möglich gehalten, und so hatten sie auf seine allgemeine Frage, wohin man denn wandern sollte, bei so wenig verfügbarer Zeit, ihm den Wallfahrtsort mit seiner Barockkirche genannt, in der Gewißheit, die gottesfromme Weltabgewandtheit einer Kirche als Andachtsort, die dennoch durch ihre pralle Formfülle dem Leben so zugewandt erscheinen muß, würde ihm Trost und Stärkung gewähren. Beides fanden wir allein schon durch die geradezu mütterliche Freundlichkeit der Natur an diesem Wandertage, dem einzigen, der mir als ein solches Gemeinsamkeitserlebnis beschieden war, seitdem ich und solange ich noch mit dem Opa zusammen war. Wir kauften für die Oma als Mitbringsel eine kleines rundes geschnitztes Nähnadeletui. Um ehrlich zu sein, wir kauften es nur, weil es mir so gefallen hatte. Genauer: Der Feinmechaniker in mir war von dem kleinen Mädchenspielzeug wegen der Fülle seines liliputhaften Innenlebens begeistert. Es hatte beim Aufziehen nicht nur Gefächer für Nadeln und winzige Garnrollen mit bunter Nähseide freigegeben, in der Krone seiner zierlichen Kappe verbarg sich ein Mikrogeheimnis, das ich nur durch Zufall entdeckte, als wir nach der Kirchenbesichtigung, die wir selbstverständlich – schon wegen etwaiger Nachfragen der Wirtsleute – absolviert hatten – noch eine Limodade, ich, und ein Bier, der Opa, auf der Terrasse vor dem Kirchenportal getrunken hatten. In der Kappe glitzerten zwei gegenüberliegende kleine Glasknöpfchen. Wozu waren die? Nach längerem Drehen und Wenden des zauberischen Holzbehältnisses versuchte ich einfach mal, hindurchzuschauen. Und siehe da, welch Wunder, welch wunderbare Überraschung: Wenn man das Röhrchen ganz dicht an das Auge hielt, sah man den Sonntagsberg mit seiner Wallfahrtskirche im prächtigsten Sonnenscheine dieser Stifterischen Landschaft. Wir nehmen es mit für die Oma war von meiner Seite aus nur ein leicht durchschaubarer Vorwand. Der Opa schmunzelte dazu und wird gedacht haben, die arme Oma hat für so etwas gewiß keinen Blick mehr. Auf dem Rückweg, als wir wieder in dem dämmerigen Märchenwald mit seinen dreißig Meter hohen Bäumen, die den Weg wie einen Tunnel zu einer anderen Welt einhüllten, angelangt waren, hatten wir eine seltsame Begegnung: Der baumumschirmte Waldweg, wir waren mitten drin, öffnete sich erst nach gut hundert Metern wieder wie ein kleines Fenster hinaus in die Wiesenlandschaft. Auf einmal vor uns, durch unsere Annäherung wohl aufgeschreckt, flog ein riesiger Vogel auf, wie ich nie zuvor einen gesehen hatte. Seine ausgebreiteten Schwingen schienen die ganze Breite des dämmerigen grünen Tunnels zu überspannen. Mit majestätisch langsamem Flügelschwingen flog er vor uns davon in den Wiesengrund hinein, der noch hell von der Abendsonne beschienen war. „Ein Adler“, rief ich, durchaus ein wenig erschrocken, doch im stillen dachte ich, es könnte doch vielleicht die Seele von Onkel Kurt sein, der ja an unserem Spaziergang durch diese für uns unbekannte Natur in unseren Gedanken durchaus teilgenommen hatte. Hiervon sagte ich zum Opa vorsorglich lieber nichts. Und der Großvater stutzte meinen Adler auf die wahrscheinlichere Realität zurück und meinte milde berichtigend: „Es wird wohl eher ein Bussard gewesen sein.“

Wieder zu Hause war mein erster Eindruck: Mein Gott, wie ist das alles klein und eng und niedrig. Der Riesenschlafsaal in Bieberbach und die ungewohnte Weite der Natur waren zum inneren Maßstab geworden und ließen die doch sonst so vertraute heimatliche Umgebung von Küche, Flur, Schlafzimmer und Kammer einschnurren, als wäre ich selber ein Gulliver, der sich auf eine fremde Insel verfahren hätte. Diese Maßstabverschiebung legte sich aber schnell, und der erste Fliegeralarm nach knapp einem Jahr friedlicher Ruhe, der gedrückte Aufenthalt im engen Luftschutzkeller rückte die Realität schnell wieder zurecht. Es geschah nichts besonderes, nur die innere, die selbstverständlich unterdrückte Angst war wieder da. Im Friedrichshain wurden die beiden Flakbunker gebaut. Onkel Eduard leistete ganze Arbeit. Der Krieg wurde erwachsen und entsprechend weniger „lustig“.

Es kam die Nacht mit der Reihe nicht explodierter Brandbomben. Wir hockten im Keller. Wenn wer redete, wurde nur geflüstert. Werner Pohlmann, der Sohn der Eheleute Pohlmann, die schräg über uns wohnten, der Vater war ein Oberpostamtsgehilfe und ein ausdauernder Angler vor dem Herrn, sein Hauptjagdgebiet war die Pfaueninsel in der Havel, sein Sohn also, mein Werner, denn wir haben als Kinder noch zusammen Tischtennis gespielt, obgleich er älter war als ich. Weihnachten neununddreißig bekam Werner seine eigenen Schläger, dazu das Netz und die Zelluloidbälle; es war im Hause eine Sensation. Endlich mal ein völlig neues Spielzeug. Eine Platte wurde nicht verkauft. Es hieß ja Tischtennis, und das war auch so gemeint. Man sollte das Netz mit den beiden Schraubzwingen eben zu Hause an seinen Ausziehtisch klemmen. Dieser Werner endlich war längst Soldat, und an dem oben erwähnten Tage grade auf Urlaub zu Hause bei seiner Mutter. Er saß, in Uniform, mit uns im Keller und fühlte sich offensichtlich nicht wohl. Allen Soldaten, die kurz auf Urlaub nach Hause kamen, ging es genauso: Sie fühlten sich wehrlos, ausgeliefert, was ja auch der realen Situation entsprach.

Nach einer Stunde Alarm, mehrere Wellen waren dröhnend vorübergezogen, vom Bellen der Flak begleitet, sagte der Werner in einem Anfall männlichen Pflichtbewußtseins: „Komm, laß uns auf dem Boden nachschauen, was los ist.“ Das hatte mir grade noch gefehlt. Er hatte natürlich recht. Wir stiegen langsam die Treppen nach oben. Dritter Stock: Anders, vierter Stock Pohlmann. Hier war unser beider Zuhause, und oben über uns schwirrten die zielstrebigen Engländer. Der fünfte Stock, der ehemalige Speicher, alles ausgeräumt, jetzt als Trockenraum für gewaschene Wäsche genutzt, soweit sie nicht einfach hinten im Hof aufgehängt wurde. Ein Blick in die Runde: Alles in Ordnung, Sandeimer und Sandkästen, auch eine Luftschutzpumpe, die in jeden Eimer paßte. Alles mehr Weiße Salbe, doch wenn die Leute Nerven behalten und beherzt sind, gegen die ekelhaften sechseckigen Stabbrandbomben mit der schwer löschbaren Magnesiumfüllung (bloß kein Wasser!) soll es schon oft geholfen haben. Werner sagte nichts, ich fragte nichts, wir gingen schweigend oben ums ganze Haus. Fehlanzeige. Alles im normalen Bereich.

Als wir beide wieder im Keller saßen, verhaltenes Heldengebaren. Die Frauen schauten dankbar. Aber um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Sonst gingen die Frauen selber mit der gleichen Selbstverständlichkeit diesen schweren Gang allein, schon zu zweit, doch durchaus ohne auf Männer zu rechnen, eben weil es nur zu junge oder zu alte gab. Man muß sich nur klar machen, wo die echte Feministenstärke ihre geschichtlichen Wurzeln hat: Im Krieg!

Plötzlich wurde die Flak auf dem Bunker im Friedrichshain noch einmal wie verrückt aktiv. Kamen die Brüder gegen Germanien etwa noch einmal zurück? Scheußlich dieses Zwillingsgeballere der 10.5er Doppelrohrgeschütze: Immer über Eck, Höhenmaschine einstellen, Laden, Feuern: Ram-Bam, Zwei Schläge, als schlüge der Deibel besessen auf den Welteimer. Plötzlich rauschte es, man zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schulterblätter – das werden die Griechen an den Termopylen schon so gehalten haben, weil man ohne zu denken denkt, man bekäme so etwas weniger ab, wenn einen die Schwerterschläge treffen – und dann gab es hinter mir einen kurzen, trockenen Schlag. Ich stand mit dem Rücken an einem der beiden zugemauerten Fenster. Hinter mir mindestens achtzig Zentimeter Mauerwerk. Aber die Hofdecke: Der Hof war unterkellert, allerdings alles vermodert und schon ewig von niemandem genutzt, nur vom Ungeziefer. Da hatte etwas eingeschlagen, ohne Zweifel, aber was? Das Licht hatte geflackert, der Raum war in eine leichte Kalkstaubwolke gehüllt, alle hüstelten. Jemand sagte laut: „Laßt uns nachsehen!“ Ein anderer bremste: „Aber kein Licht machen!“ Wir schlichen mit einem flauen Magen zu mehreren nach draußen auf den Hof, und der erste wäre beinahe ins Loch gefallen. Mit einer abgedunkelten Luftschutztaschenlampe sahen wir die
Bescherung. Ein Loch von knapp drei Meter Durchmesser, tangential an der Außenwand. Im Erdreich des darunterliegenden Rattenkellers war ein rotes etwas zu sehen. Einer ordnete an: „Wir machen gar nichts. Das ist ein Blindgänger. Nach dem Ende des Alarms benachrichtigen wir die Polizei oder die Feuerwehr.“ So geschah es. Als Rudolf am nächsten Mittag aus der Schule kam, war der Blindgänger weg. Hiervon war weiter oben schon die Rede.

Am ersten April dreiundvierzig begann die Lehre bei Telefunken in Zehlendorf. Jede zehnte Nacht verbrachte er jetzt im Werk: Luftschutzdienst. Keiner der dort Beschäftigten, Männlein wie Weiblein, war hiervon ausgenommen. Darüber murrte man nicht. Im Herbst begann der freiwillig erstrebte Flakdienst, zusätzlich natürlich. Man hatte es so gewollt. Als sie sich das erste Mal zur Geschützausbildung in einem Betriebsraum versammelt hatten, schleppte der ausbildende Obergefreite, unser Geschützführer, „die Waffe“ herbei. Man konnte sie mit ein paar gelernten Griffen aus der Drehlafette herausheben. Unser Mann legte sie auf den Holztisch und zeigte und erläuterte uns die Einzelheiten der Einzelteile. Für Feinmechaniker-Lehrlinge hochinteressant und kein Problem. Wir lernten die Chose gern. Und wir lernten, alle gemeinsam sprechend, den folgenden Spruch: „Die Zwo-Zentimeter-Flak-38 ist eine vollautomatische Waffe; sie dient zur Bekämpfung von Luft- See- und Erdzielen; sie ist ein Rückstoßlader, bei dem Rohr und Verschluß bis kurz nach Geschoßaustritt starr miteinander verriegelt sind.“ Wir nahmen alles flink auseinander und setzten es mit Kennermiene wieder zusammen. Die Engländer ließen sich davon nicht beeindrucken.

Der tägliche Wehrmachtbericht war das eine, der Alltag in der Lehrwerkstatt das andere. Arbeitsmoral und Lernbereitschaft knickten zu keiner Zeit ein. Als er seine Lehre begann, lag Stalingrad als Schock schon hinter uns. Die einheitlich blau gefärbte Fläche auf der Landkarte Europas hatte ihre größte Ausdehnung längst gehabt, sie schrumpfte kontinuierlich. Man sah es mit Unglauben und Schrecken, thematisiert wurde es nicht. Frontbegradigung und geordneter Rückzug wurden die positiven Begriffe für die Negativität. Der Feuersturm von Hamburg kündete veränderte Maßstäbe an. Die Engländer wollten die Demoralisierung der arbeitenden Bevölkerung erzwingen. Wer heute mit Unglauben auf den Fanatismus der Palästinenser schaut und sich zweifelnd an den Kopf faßt, der möge begreifen, was wir damals gleichermaßen verbohrt für die gesamtgesellschaftliche Norm des Verhaltens hielten.

Wenige Wochen nach Hamburg, in der zweiten Septemberhälfte, schlugen die Engländer drei Nächte hintereinander in Berlin zu. Er kam auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit vom Landsberger Platz über den Alex und den Bahnhof Friedrichstraße nur bis Schöneberg. Dann war Schluß. Alle aussteigen. Im Zug hatte er Arbeitskollegen aus seiner Flakbereitschaft getroffen. Sie mußten bis spätestens zum Mittag im Werk sein, wegen der Wachübergabe. Also beschlossen sie, sich zu Fuß auf den Weg nach Zehlendorf zu machen. Am Insbrucker Platz schien nun wirklich alles zu Ende zu sein. Alle Häuser rund um den Platz brannten. Die Feuerwehr kämpfte, um die Selbstachtung nicht zu verlieren, aber es war sinnlos. Jeder sah das. Nur mit dem bestimmt vorgebrachten Spruch: „Wir müssen zum Flakdienst“ ließ die Polizei uns überhaupt passieren. Der große Gasometer in Schöneberg stand in Flammen. Er fackelte ab, deswegen explodierte er nicht. Nachdem Steglitz passiert war – Friedenau sah noch übel aus – wurde es ruhiger. Ab Lichterfelde West fuhr dann sogar die vertraute Straßenbahn. Jeder tat eben, was er vermochte. Am Osteweg sprangen wir ab, wie üblich, und liefen den knappen Kilometer bis zum Osttor. Die Ablösung verlief normal.

Alles wiederholte sich in den beiden folgenden Nächten und Tagen. Man brauchte sich nur die Anwesenheitsliste als Abwesenheitsanzeiger anzusehen, dann wußte man, wen von uns es getroffen hatte. Das Werk stand, und dort gehörte man hin. Der nächtliche Blick auf die roten Horizonte ließ jeden verstummen. Nach einer Woche waren alle wieder im Dienst. Es gab zahlreiche Ausgebomte, mehr als je zuvor, aber irgendwo waren sie alle untergekommen. Keine Verluste. So groß, so ausgedehnt war diese Stadt, daß einhundertzwanzig Lehrlinge zwar einhundertundzwanzig Geschichten erzählen konnten, aber noch war unmittelbar selber niemand getroffen. Wir lebten.

Am vierundzwanzigsten Dezember, an seinem Geburtstag, hatte er Flakdienst. Nach dem Abendessen in der Werkskantine wurde beschert und gefeiert. Es gab mal kurz Voralarm, Nervenkrieg vom Tommy, doch das störte niemanden. Man saß zusammen, redete, lachte, sang, jemand trug eine Parodie auf die Luftwaffendienstvorschrift für Zwo-Zentimeter-Flakgeschütze vor: „Der leichte Kehrbesen 08/15 ist eine Spezialwaffe…“, und um Mitternacht war er zum ersten Male sturzbetrunken. Die Nachrichtenhelferin der Batterie hielt ihm mütterlich den Kotzeimer, brachte ihn in die Koje, streichelt ihm den Kopf und meinte weise: Das geht bestimmt bald vorüber. Er träumte noch lange von ihr.

Mit dem beginnenden Frühjahr wurde vieles anders. Die Amerikaner flogen die ersten richtigen Tagesangriffe. Jetzt konnte man sehen, was ein Bomberpulk ist. Von Westen zogen sie heran. Ein einziges breites Bündel von Kondensstreifen. Sie flogen mindestens achttausend Meter hoch. Die kleinen grauen Flakwölkchen lagen meist deutlich unter den weißen Kondensteppich. Die normalen Achtkommacht-Geschütze hatten Mühe mit dieser Höhe. Die Zehnfünfer-Zwillingsflak in Zehlendorf West war da besser dran. Die Flugzeugsilhouetten hatten wir alle auswendig gelernt. Wer aber klar sagen wollte, das sind B 17 zum Beispiel, der braucht ein gutes Doppelglas. Das hatte nur der Batteriechef. Wir saßen wortlos auf unseren Plätzen auf der Vierlingslafette und starrten hinauf. Langsam mußten sich unsere Köpfe Richtung Süden drehen. Die Meute zog unbehindert vorbei. Links, in etwa drei Kilometer Entfernung lagen die Gleise von Lichterfelde Ost. Wollten sie dorthin? Ja! Die fast schwarzen Rauchzeichen der drei Leitmaschinen tropften langsam nach unten, und gleichzeitig – endlich – ein Flaktreffer. Während die zigtonnenschwere Todeslast aus den Schächten rauschte, daß uns von diesem so nie gehörten Ton der Atem stockte, löste sich ein Silberpunkt unfreiwillig aus dem Verband, eine schwärzer und schwärzer werdende Rauchfahne zog er nach sich, die zeigte uns sein Verderben an. Während am Horizont Richtung Bahnhof Lichterfelde Ost die kilometerlange Reihe der Sprengwolken zur apokalyptischen Staubwolkenwand emporwuchs, lösten sich oben von dem Unglücksvogel acht weiße Pünktchen, öffneten sich nacheinander und wurden gewöhnliche Fallschirme, an denen jeweils ein Menschlein hing und zappelte. Einer von Ihnen hatte es nicht richtig geschafft. Das weiße Knäuel blieb unlösbar am Leitwerk seiner abtrudelnden Maschine hängen. Die kleine Figur schleuderte, in seinen Gurten gefesselt, hilflos herum und wurde von der mit aufheulenden Motoren nach unten stürzenden silbernen Masse mit in die Vernichtung gerissen. Unmöglich zu sagen, was das Gehirn dabei denkt. Nach vierundfünfzig Jahren beschreibt man nur zögernd das unauslöschliche Bild im Kopf.

Diesmal kamen wir noch als Zaungäste davon. Das nächste Mal sollte es uns „an den Kragen“ gehen. Sechsen von uns kostete es sogar „den Kopf“, nämlich das Leben. Wir anderen kamen mit der Genugtuung des Überlebens davon. Elias Canetti spricht sogar vom Triumph des Davongekommenseins.

Es war ein heller Tag Anfang Mai, wolkenloser Himmel, Flugwetter, als der Drahtfunk über die ELA-Zentrale sich einschaltete und mit seinem Tick-Tack alle unbefangenen Gespräche und Gedanken unterbrach: „Im Raum Hannover-Braunschweig…“. Wer mit Flakdienst dran war, wartete gar nicht erst auf die unvermeidliche Aufforderung, sondern lief ohne falsche Hektik zum Umkleideraum. Und richtig: Die ELA-Zentrale bestätigte die Angemessenheit dieser Entscheidung mit dem vorhersehbaren Routinesatz: „Flakbereitschaft an die Geschütze!“ Soweit man mit Luftschutzdienst an der Reihe war, legte man auch die Werkzeuge beiseite, schaltete die Maschinen aus und machte sich auf den Weg zu seinem befohlenen Standplatz. Ein gutes Drittel der Lehrlinge war jetzt unterwegs. Die Lehrgesellen wiesen mit Nachdruck die übrigen darauf hin, daß ab Voralarm niemand in der Werkstatt bleiben dürfe. Aber das wußte man ja. Na bitte, die Werksirene unseres unmittelbaren Nachbarn, der Kreiselfabrik, hatte es wieder einmal eiliger als unsere Zentrale: Voralarm! Mit dem dreifachen kurzen Dauerton schlenderten alle pseudolangsam nach draußen, Richtung Splittergräben.

Rudolf stand an der eingeschalteten, laufenden Bohrmaschine, intensiv beschäftigt mit einer Privatarbeit. Damit wollte er sich zwar nicht erwischen lassen, doch möglichst schnell fertig werden damit wollte er auch. Also machte er weiter. Nur noch die letzte Bohrung, dachte er. Er war wohl wirklich der Letzte. Auch alle Vorgesetzten waren offensichtlich bereits abgerauscht, sonst hätte doch schon einer gedrängelt. Eine Mädchenstimme sagte: „Was soll denn das ? Willste den Helden mimen?“ Die Zeichner-Praktikantin Gisela pflaumte ihn von der Seite an. Welche Ehre, sonst übersah sie ihn geflissentlich. „Nein, mein Fräulein, komme sofort mit.“ Maschine ausschalten, mit der linken Hand am Bohrfutter anhalten (verboten!), Bohrer ausspannen, das unerlaubte Werkstück in der Kitteltasche verschwinden lassen, war alles eins. Jetzt war Eile geboten. Die Abstände zwischen Vor- und Hauptalarm wurden auch immer kürzer. Wer sagt’s denn? Der widerliche an- und abschwellende Heulton jagte sie beide über die Werkstraßen Richtung Sportplatz. Um den Sportplatz herum waren die für sie zuständigen Splittergräben angeordnet- Gisela blieb dicht an seiner Seite. Das rettete ihm das Leben.

Die Funktionalität des Sportplatzes hatte teilweise der Zweckgerichtetheit des Schutzsuchens weichen müssen. Rund um Spielfeld und Aschenbahn hatte man mehrere unabhängige Splittergräben in dem üblichen und allseits bekannten Zicksacksystem ausgehoben und ausgebaut. Die schwachen Hügel, die sich dabei durch den wieder aufgeschütteten Aushub ergeben hatten, waren mit Gras überwachsen. Die Münder ihrer Zugänge blickten schwarz und eher abweisend. Dort sollte man hinein? Diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Erstens war man schon öfter in diesen klammen Kunsthöhlen, und zweitens begann die benachbarte schwere Flak zu schießen. Die ungebetenen Besucher waren offensichtlich nicht mehr allzu weit von uns entfernt. Gisela hatte seine rechte Hand gepackt und zog ihn zielstrebig (oder unbewußt?) zum letzten Splittergraben auf der rechten Seite des Platzes. „Wir sollen doch in den mittleren…“ versuchte Rudolf einzuwenden, doch mit „komm nur, komm nur“ zog sie ihn unwidersprochen und unwiderstehlich hinein in den hinteren Schlund. Warum war denn hier kein Licht? Man sieht ja die Hand vor Augen nicht. Kaputt, was weiß ich. Noch wurde allgemein palavert. Gisela zog ihn weiter voran, vorbei an unbekannten Gestalten, Figuren, Personen, Körpern. Die Anonymität tolerierte jede ungewollte Berührung. Lachende Abwehrbewegungen und schräge Bemerkungen. Auch hier war Lehrwerkstatt, war Jugend, war Leben und Lebenswille. Manche Stimme erkannte man oder man glaubte, sie erraten zu können. Ein unerkannter autoritärer Baß mit Vorgesetztenmentalität schimpfte: „Zum Donnerwetter, nun bleibt doch endlich mal, wo ihr seit.“ Gisela zog ihn in eine gefundene freie Nische der Zickzackerei. Sie mußten erst einmal verschnaufen. Gisela war unter seinen rechten Arm geschlüpft, sie streichelte in einem langsamen Rhythmus seinen Rücken und tastete mit ihrer rechten Hand sein Gesicht ab, als wollte sie eine Büste von ihm machen.

Obwohl er, ziemlich verwirrt, den angenehm frischen Seifengeruch ihrer Haare einatmete und die Wärme ihrer Kopfhaut an seiner Wange spürte, machte ihn das zunehmende wilde Geballere der Eisenbahnflak nervös. Das Dröhnen über ihnen hat in den dunklen Gängen alle Reden verstummen lassen. Wieviele sind denn das heute? Die Antwort von oben läßt die Luft vibrieren und die Wände aus ineinandergefügten Betonfertigteilen wanken. Der Boden schwankt. Nichts scheint mehr senkrecht zu sein. Staub überall, in den Haaren, auf der Haut, im Mund, zwischen den Fingern. Mein Gott! Schreie: „Raus hier!“ „Ruhe!“ „Keine Panik!“ Wir beide, Gisela und ich, klammern uns aneinander. Wir tasten uns nach draußen. Endlich am Ausgang.

Der Sonnenschein ist weg. Staub- und Dunstwolken – es riecht nach Pulverdampf – vermindern die Sicht. Menschen hasten vorüber, stolpern, rappeln sich wieder auf. Der Sportplatz ist jetzt ein Acker, ein umgepflügter Acker, überall frisches Erdreich, es geht rauf und runter, die Krater nicht einmal allzu tief. Sie haben nur kleine Kaliber gewählt; da geht mehr in die Schächte, und man erreicht mehr Fläche. Beim Abzählen waren sie nicht kleinlich. Und dann der wahre Schrecken: Maximal zehn Meter von dem Einstieg entfernt, aus dem sie soeben gekrabbelt waren, der allernächste Trichter. Ein schweigendes Loch, braunes Erdreich dort, wo noch vor weniger als einer viertel Stunde der Grabeneingang gewesen war, in den er hinein gewollt hatte. Der Werkschutz und die Feuerwehr, schon zur Stelle, übernahmen das Kommando: „Wer hier keine Aufgabe hat, verläßt sofort das Gelände und geht zurück an seinen Arbeitsplatz!“ Sie folgten beide der Aufforderung stumm und schauten bekommen nach links: Noch ein solcher symmetrischer Trichterkegel, der den mittleren Graben aufgerissen hat. Um einen herum bekannte Gesichter, zitternde Lippen, Wasser in den Augen.

Der Werkschutz hatte den Sportplatz schon mit Leinen abgesperrt und drängte uns alle aus dem Bereich der Absperrung heraus. Wohin sollten wir denn wirklich gehen? Noch immer schoß die Flak unvermindert, und ebenso unvermindert drückte das Dröhnen von oben auf die Köpfe. Wir steckten doch noch mitten im dicksten Alarm. Würden sie noch einmal hier vorbeikommen? War eher unwahrscheinlich. Doch unmöglich war gar nichts.

Auf dem Rückweg zur Werkstatt kamen sie am Bunkereingang vorbei. Dieser sogenannte Bunker, ein Sonderkeller mit einer beträchtlichen Betondecke war völlig unbeschädigt. Er hätte die Dinger von oben spielend vertragen können, aber der Zufall hatte darauf verzichtet, seine Standfestigkeit zu testen. Zu betreten war dieser Bunker – bis zu diesem Tage jedenfalls – nur mit einer Sondergenehmigung. Hier wurden wichtige Zeichnungen und Unterlagen aufbewahrt, auch wichtige, kriegswichtige Geräte, Apparate, und Ersatzteile (Funkgeräte, Röhren, seltene Metalle und Profile). Rudolf hatte selber schon Sachen dort hineinbringen und herausholen müssen, alles gegen Quittung und mir Zugangserlaubnis für den jeweiligen Einzelfall. Morgen würde man erleben, daß es seitens der erschrockenen Werksleitung hieß: Lehrlinge gehen bei Alarm künftig in diesen Keller. Man hatte erkannt, daß auch junge Menschen für die Fortsetzung des Krieges unentbehrlich seien. Für sechs von uns kam diese Entscheidung zu spät.

Drei Tage später fand im großen Saal die Trauerfeier statt. Särge waren nicht aufgebahrt. Die hatten die Angehörigen schon zu sich heim genommen in ihren privaten Trauerbereich. Der Jugendwalter hatte die Zeremonie übernommen. Einige von uns halfen ihm. In die Mitte der niedrigen Bühne wurde eine sarggroße Kiste gestellt, etwas erhöht und schwarz verhangen. Das sah bedrückend aus, ergab aber einen Punkt, einen Ort, auf den sich die Aufmerksamkeit der Teilnehmer an dieser Trauerfeier ausrichten konnte. An jede Ecke dieses Pseudokatafalks kam ein mehrarmiger Leuchter. Links und rechts, von der Decke herab, hingen zwei riesige Hakenkreuzfahnen. Ihre weißen Kreise schauten wie Augen aus der Unendlichkeit in den Saal hinein. Die indischen Sonnenzeichen in den weißen Kreisen wirkten kalt und technisch. Not kennt kein Gebot, dachte er. Welche Not?

Als sie mit diesen Vorbereitungen fertig waren, meinte der Jugendwalter, der sich wie immer liebenswürdig und geschäftig gegeben hatte: Sieht doch feierlich aus, oder?“ Wir nickten. Wer wollte hier widersprechen oder gar diskutieren? Wir zogen uns unsere HJ-Uniformen an, und als sich die Kolleginnen und Kollegen schweigend im Saal versammelten und Platz nahmen, standen wir mit undurchsichtigen Augen beiderseits neben dem „Sarg“, die Kerzen brannten. Die Werkskapelle spielte leise das für eine deutsche Seele nicht zu bewältigende Lied von dem gehabten Kameraden. Ein Wehrwirtschaftsführer und der Jugendwalter hielten beide eine kurze Rede. Beide verwendeten die gleichen, allen vertrauten Worte: Vaterland, Reich, Führer, gemeinsame Not, eine Welt von Feinden. Sie setzten diese Elemente der Selbsttäuschung und der Selbstberuhigung nur jeweils etwas anders zusammen. Dann kam das Deutschlandlied und sein unverzichtbar gewordener Anhang, das Lied mit dem primitiven Kampftext des SA-Mannes Horst Wessel aus der Kleinen Frankfurter Straße, den angeblich ein Kommunist an seiner arglos geöffneten Wohnungstür erschossen haben soll. Onkel Bruno, selber ein SA-Mann, aber ein Boxer und Segler, eine grade Gestalt, sagte bei diesem Thema immer: Den Horst hat doch ein eifersüchtiger Zuhälterkollege aus der Welt geschafft. Jedenfalls die Kapelle Spielte wahnsinnig laut. Gesungen wurde nicht.

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