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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 17

4. Dezember 2014

– XVII –

Es regnet. Meistens sagt man: Es regnet draußen. Wohl wissend, es könne drinnen, erstens im Raume und schlußvoll endlich gar im Gehirn nicht regnen, so sagt man doch voller vernunftgesättigter Denk- und Sprechroutine: Es regnet draußen. Der Mensch ist – ohne spezielle Reflexion – auch unbewußt ein kluges Köpfchen. Maturana und Varela mögen verzeihen, aber das denkende Tier weiß eben, daß es Konstruktivist ist. Im Gehirn regnet es offensichtlich nicht, also: Es regnet draußen. Das ist im unvermeidbaren, im unumgänglichen Kommunikationsalltag nun einmal die gebrauchsfähige Verhaltensweise, und folglich die bewährte weil anschlußfähige Redeweise. Jemand wird auf der Straße erschossen. Heutzutage ein fast schon alltäglicher, jedem Schulkinde durch das Fernsehen geläufiger Vorgang. Der für uns fast alle geradezu undurchschaubare Ablauf des Weltgeschehens scheint solche für die jeweils Betroffenen – Opfer wie Hinterbliebene – quasi unausweichlichen Ereignisse geradewegs zu erfordern. Auf stammtischart wird solcherart das allzu Komplexe auf menschliches Mittelmaß zurückvereinfacht. Auf einer Straße erschossen, dort, wo alle gehen und leben müssen, weil ihre Geschäfte es erfordern. Dieser ungeheuerliche Bruch der fundamentalsten zwischenmenschlichen Verabredung: LASS MICH IN RUHE, zwingt jeden vernünftigen und herzensgebildeten Korrespondenten oder Reporter zu schreiben: Man hat ihn auf offener Straße erschossen, auch – und gerade -, wenn es sich nicht um irgendeinen sogenannten prominenten Zeitgenossen handelt. Der Berichterstatter will nun einmal vor allem anderen mitteilen, welch unbeschreiblicher Vertrauensbruch mit einem solchen Schuß begangen wurde und daß man damit das Grundvertrauen der Gesellschaft verletzt und nachhaltig beschädigt habe. Deshalb sprengt die Sprache die enge Logik der Erfahrung. Die Sprache weiß, sie kann die Welt nicht wie auf einer idealen Landkarte eins zu eins abbilden. Auch die detailreichste, präziseste Beschreibung eine Sache oder eines Geschehens ist und bleibt immer nur eine praktikable Landkarte, eine brauchbare Hilfskonstruktion. Soll eine solche Sprach- und Sprechlandkarte auf einen Blick etwas deutlich machen, braucht es Kontraste, abrupte Gegen-Sätze: Frankreich rot, Deutschland blau macht die Mitteilung: Nachbar-Staaten mit allen Freuden und allen Verdrießlichkeiten gelebter benachbarter Enge und Reibung. In der Natur findet der mißtrauisch Nachschauende nur milde, gemilderte, kontinuierliche Übergänge. Aus solchen tiefen Gefühlsquellen geschöpft scheint auch die allen bekannte Vorliebe der Gazettenschreiber für den Quantensprung, einem offensichtlich niemanden als Gedankenstörung bewußten Kollossalmißverständnis. Immer dann, wenn es zum Beispiel in der Technik oder auch in der Politik eine für alle verblüffende Veränderung gegeben hat, liest man nächsten Tages: Dieser Vorgang, dieses Ereignis, dieser Sachverhalt sei ein Quantensprung in der Geschichte dieser Ereignis- oder Hervorbringungskategorie. Da ein Quant die universal bedingte kleinste Veränderung der jeweils involvierten Parameter bedeutet, wären ja die immer wieder beredeten Quantensprünge, die uns die Zeitungen und Magazine vorsetzen und nahebringen wollen, geradezu der perfekte Ausdruck für Stillstand und Konstanz.

Es regnet. Draußen real, drinnen, im Gehirn, nur ziemlich grob abgebildet: Gleichmäßiges Rauschen im Ohr, „Bindfäden“ im Blickfeld durch die Fensterscheibe, den Wetterbericht im Hinterkopf, ergibt mit den gelernten Parametern der Erfahrung – eigenen und fremden -, sprich Wiederholung ohne falsifizierende Ereignisse: Es regnet draußen. Schnelle Gegenprobe: Duscht jemand?, sprengt jemand den Rasen?, nein, man ist allein im Haus und ringsum alles menschenleer, also regnet’s.

Man steht am Fenster und schaut und schaut. Die erlebte Gleichförmigkeit verändert das Fühlen und folgend auch das Denken. Die Assoziationsmaschine, Bewußtseinshintergrund ständig mitlaufend, gewinnt gegenüber der Einförmigkeit der „Eindrücke“ genannten gleichförmigen Irritationen von Außen im inneren Gedankenfluß und Gedankenreichtum die Oberhand. Hier man selber, als Natur(Teil), dort die Natur(Ganzheit) selber als (Um)Welt, alles unfaßbar, als Information unfaßbar gleichzeitig, unaufhaltsam, übermächtig, sich machtvoll durchsetzend gegen alle wahrscheinlich ebenfalls gleichzeitig ablaufenden Ereignisse der physikalischen Reduktion im molekularen oder gar atomaren Bereich, (vom energetischen Wechsel bei gleichzeitiger Konstanz der Energiefelder im „leeren“ und als Kontingenz doch so „angefüllten“ oder „erfüllten“ Vakuum-„Raum“ ganz zu schweigen). Die Ganzheit des undurchschaubaren Außen als Gott oder Natur. Die Gesamtheit der mit knallharter binärer Logik (entweder/oder – tertium non datur) im Kopf als der Projektionsfläche all der angehörten und angelesenen Wissenschaftsdetails als ein Bild der Möglichkeits-Wahrheit als gottgleicher Popanz einer temporären, in den Fluten des Erkenntnisfortschritts untergehenden „Gewißheit“.

Gleichwohl nickt man zustimmend: Hast du gesagt, es regnet draußen? Gut, brauch ich nicht mit dem Hund raus. Oder man bedauert: Schade, dann wird Elisabeth heute wohl nicht kommen. Im Kopf wirbeln die gleichen Atome und Molekühle wie draußen. Das Individuum, die aufgeteilte und zerteilte Einheit, das allzeit obsiegende Untenliegende, das Subjekt, schmunzelt skeptisch in der konstruierten Gewißheit, es seien die gleichen Teilchen und nicht die selben.

Das schweigende Subjekt als denkendes System verläßt sich auf die in der gesellschaftlichen Kommunikation „erfahrenen“ Tatsachen der bewährten (sic) Weltbeschreibung.

Es regnet in Mitteleuropa. Vor unseren Fenstern ist Mitteleuropa. Diese Nachricht umrundet als bebilderter Wetterbericht auf den Fernsehfrequenzen im gedachten Zickzack den Globus: Von der Sendestation zu den Satelliten, wieder zurück zu den Bodenstationen in die installierten Metallschüsseln und geordnet und verstärkt als wahrheitsenthaltendes Weltsignal per Kupferleitung zu den angeschlossenen Glotzen. Alles im Bruchteil einer Herzschlagsekunde, also „gleichzeitig“. Eine physikalische Sekunde reicht aus, den schönen blauen Planeten in seinem elektro-magnetischen Feld siebeneinhalb Mal gigaherzlich zum zittern zu bringen. Sind es statt des Wetterberichts die Börsennachrichten, machen kluge Köpfe auf Kosten der weniger klugen Tröpfe in diesen Millisekunden Millionen, und ein noch cleverer Milliardär zockt achselzuckend eine weitere Milliarde ab. Erst kommt das Fressen, dann vielleicht die Moral, ob es regnet oder nicht.

Es regnet. Draußen auf offener Straße, im wassergierigen Garten in den dunklen Märchenwald hinein. Warum kommst du nicht, Elisa? Weil es draußen regnet. Bei mir im Schlafzimmer ist es trocken; in meinem Bett auch. Käme ich, bliebe es nicht mehr lange so. Und du sagtest dann wieder, schau, alles voller Moleküle. Es hat wohl geregnet. Tschüüüß, schlaf gut. Du auch.

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