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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 16

3. Dezember 2014

– XVI –

Woran erkennt man seinen Traum? Nicht einen von den flüchtigen, anscheinend so vielsagenden, wahrscheinlicher aber nicht viel mehr als eine Entlastung des überlasteten Vorstellungsvermögens bedeutenden mehr oder weniger sprunghaften Bilderfolgen, verbunden mit diffus bis deutlich sich hervordrängenden Gefühlen (oder Gefühlsattrappen?). Alles Bilderfolgen, die beim Erwachen mehr oder weniger lange nachleuchten. Nein, einen richtigen handfesten Traum, so einen aus dauerhaftem, unzerstörbarem Material, so einen, der uns das ganze Leben hindurch begleitet, einen Traum also, von dem man, wenn man ehrlich zu sich selber ist, sagen muß: Das bin ich selber.

„Dein Rheingauer Wein schmeckt mir.“

„Ehrlich? Ich hatte schon gefürchtet, er könnte dir zu trocken sein. Es ist ein ehrlicher Tropfen aus Rauenthal, direkt vom Winzer, vom Ernst R… Keine große Sache, aber solide und konsequent ausgebaut. So etwas trinken die Menschen, die dort wohnen und arbeiten, wenn sie Besuch haben, selber.“

„Wir teilen die Bekanntschaft dieses Weines miteinander, wir teilen sogar deine Geschichten durch mitteilen, Läßt sich dein Traum auf solche Art auch teilen?“

„Teilen wird er sich schwerlich lassen. Schon deshalb wohl nicht, weil er noch niemals formuliert wurde. Er ist mehr eine Melodie als ein Bild, mehr ein Gefühl als ein Vorsatz, etwas, das man ahnen aber nur mühsam in Worte fassen kann. Ein Psychotherapeut, der sich offensichtlich für einen unfehlbaren Menschenkenner gehalten haben muß, – er war als Helfer durch seinen persönlichen Einsatz beeindruckend; wir nannten ihn Fide, – sagte mir zu Beginn unserer Zusammenarbeit, weil er mich impulsiv und intuitiv knacken wollte wie einen verschlossenen Tresor, mit brutalem Ton ins Gesicht: „Rudolf Anders ist bescheiden. Unterm Nobelpreis macht er’s nicht.“

Rudolf Anders schaute den Fide – du kannst mich duzen, hatte er sogleich gesagt – verdutzt an und versuchte, rasend schnell zu kombinieren, hatte der Fide nun etwas vernünftiges gesagt, etwas, woran er im Innersten selber glaubte, oder wollte er ihn nur provozieren und zum Reden bringen?

Weil Rudolf nicht spontan anfing zu reden, und weil er mit klar erkennbarem aufsteigenden Zorn im Blick den Fide zögernd anschaute, sagte der chefhaft-dienstlich: „Denk‘ darüber nach. Wir machen morgen weiter.“

Fide selbst war damals auf diesen Satz, auf diese provokante Frage nicht wieder zurückgekommen. Es war seine Methode, verbale Interventionen wie Luftballons oder Drachen steigen zu lassen. Man sollte ihnen nachschauen, sollte selber sehen, wie weit sie flogen, soll heißen: wie weit man etwas damit anzufangen wußte, sollte sie aber möglichst nicht „zer“reden. Also dachte Rudolf nach, locker, entspannt, ohne zu grübeln, ohne sich zu zergrübeln. Schwebend sozusagen, selber die eigenen Gedanken fliegen lassend wie die kleinen Fallschirme des Löwenzahns: Mal sehen, ob und wo sie Wurzeln schlagen.

Nobelpreis, das war ohne Zweifel nur eine Metapher, für das gewiß verborgene Eigenwertgefühl gleichsam der Gipfel, die Metapher der Metaphern. Fide hielt ihn offensichtlich nicht nur für einen Streber, er schätzte ihn gleichwohl als zäh ein. Na gut, dachte er, ich wollte immer der Beste sein, aber doch nur in der jeweiligen Situation: in der Schule, in der Lehre, in der Firma, beim Fachstudium, beim Industriemeisterlehrgang, im Amt, im Ministerium…, o.k., soweit hast du etwas Richtiges gesehen, (woran hat der das gesehen?). Aber Nobelpreis wollen, das klingt doch arg nach Spinner. Für einen Spinner wollte er sich nicht gerade halten, auch nicht halten lassen. Wenn nicht Spinner, was dann? Ein Träumer, gut, das würde er ohne äußere oder innere Abwehr zugeben. Träumer sind schließlich Realisten: Sie glauben an sich, und „man selbst“ ist doch schließlich die einzige Realität, die man wirklich diskursiv verteidigen kann. Jedenfalls dann, wenn Maturana, Varela und von Foerster und ihre Denkfreunde recht haben.

Wovon hatte Marie Anders geträumt? Wollte man genau sein, mußte er zugeben, es nicht zu wissen. Schaute man sie mit Liebe an, dann war klar, sie hatte von der Gerechtigkeit geträumt, möglicherweise sogar in der deutlich gefühlten Gewißheit, daß Gerechtigkeit nur eine „handlungsleitende Idee“ ist; (Kant möge gnädig zustimmen). Und Karl Anders der Ältere, wie hieß sein Traum? Lieber Opa, hättest du doch ein wenig mehr geredet. Falsch!, ich selber hätte nicht so viel lesen, dafür ihn mehr fragen sollen. Diesen Opa mit einem Wort einfangen, kann nur heißen: Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Gebefreudigkeit. Sein Traum hatte offensichtlich mit der Zufriedenheit der ihm nahestehenden Menschen zu tun. Beider Träume waren deutlich Charakterseiten, keine Pläne, keine Absichten, keine Motive. Sie konnten gar nicht anders sein und handeln. Da war noch Anna Wenzel, die andere
Großmutter. Ja, die hatte einen Traum, sie hat ihn gelebt, sie hat ihn verwirklicht, und sie hat gern, stolz und offen darüber geredet, aber mehr wie ein Koch, der sich freut, wenn es seinen zuhörenden Gästen geschmeckt hat, ohne gleich alle seine Rezepte zu verraten. Sie hatte als junges Mädchen in Schneidemühl die Eltern verlassen und einen zähen Verehrer. Sie wollte nach Berlin, wollte selbständig werden, ein bißchen reich sein, ein Haus haben, Männer, Kinder, und das Leben genießen. Das alles hat sie sich geleistet, im vollen Sinne des Wortes, ohne – so weit man sehen kann – anderen damit zu schaden. Sie konnte rechnen, war aber nie kleinlich. Sie hat leicht gegeben, doch nie etwas verschwendet und, wenn und wo es ging, sich alles Erreichbare genommen. Im Grunde war sie ganz bescheiden: Für arme Leute, konnte sie schmunzelnd sagen, ist das Beste gerade gut genug. Bei ihr hat keiner gedarbt, und sie hat jeden – Mann oder Frau – für einen „Kerl“ gehalten, sofern man die Geduld aufbrachte, mit ihr Rommé zu spielen, oder gar den Mut, mit ihr einen Skat zu wagen. Beides war zwar nicht gefährlich, aber nicht ratsam: Oma Wenzel gewann immer.

Die Träume der Menschen und die Art, wie sie versuchen, sie zu verwirklichen, sind von Fall zu Fall allzu verschieden. Wenn einer gegangen ist, macht man es sich leicht, ihm einen Traum nachzusagen oder gar anzuhängen, weil sich da niemand mehr wehren kann. Die Lebenden tun sich meist schwer, andere an ihren Träumen teilnehmen zu lassen. Wenn man einem Menschen näher kommt, ist man – für einen Moment, für eine gewisse Zeit – schon mittendrin in seinem Traum.

„Die Flasche ist alle, Elisa.“ (Meine, hier eben beim Schreiben, ebenfalls; seltsam). „Wir hätten noch eine…“

„Besser nicht, mein Frosch, mit zwei ungeknickten Traumflügeln fliegt es sich sicherer. Eine Verdoppelung der Leichtigkeit beeinträchtigt sonst das Küssen, und ich müßte vergebens nach dem Prinzen Ausschau halten.“

„Ich sehe, du hast gottseidank neben vielen unbekannten auch nachvollziehbare Träume.“

„Wünsche, mein Bester, Wünsche!“

– – – – –

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