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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 15

2. Dezember 2014

– XV –

„Wir sind zu Hause,“ hatte Elisa auch gesagt, als die Taxe das genannte Ziel erreicht hatte. Zu Hause, mußte er flüchtig denken, was und wo ist das? Man sagt diese zwei Worte oft so leicht hin, und welcher reale Ort im jeweiligen Falle auch gemeint sein sollte, irgendwo da drinnen, ganz tief und doch immer ganz nah und präsent ist dieses ganz individuelle, über alle Maßen vertraute Gefühl von Sicherheit und Freude, Vertrautheit und Sich-geborgen-fühlen, ein Ort des besonderen Sprachklangs, einer unnachahmlichen Artikulationsmelodie, wodurch so eigentlich die gesamte übrige Welt zur Fremde wird.

Andererseits, wo hatte er nicht seit seiner Kindheit schon überall gewohnt. Die Liste seiner amtlichen Adressen ist mit der Zahl dreißig nicht abgeschlossen. Er war auch an jedem Ort, in jedem Land, in jeder Straße und in jedem Haus, wo er einige Nächte oder ein beträchtliches Stück seines Lebens verbrachte, immer zufrieden und mit sich im reinen gewesen. Glücklich oder nicht, erwartungsvoll oder resignierend, soweit er sich auf die äußeren Umstände oder Verhältnisse bezog, bei sich zu Hause, im besten Sinne dieser Umschreibung war er jedoch immer gewesen.

Sein Vater hatte einmal zu ihm gesagt, in den Fünfzigern, als er für wenige Monate bei ihm wohnte: „Junge, vergiß nie, wo wir sind, ist oben!“. Und er hatte es ohne die geringste aufgesetzte Arroganz gesagt. Er wollte ihm lediglich die Angst vor der Welt und ihren Menschen nehmen. „Wir“ hatte er gesagt, und „oben“. Er hätte ebensogut sagen können, wo wir, (die Familie), sind, ist „zu Hause“. Und noch genauer, noch enger und damit treffender, das spürte er später selber, hieß dieser Satz der Selbstkonstitution: Wo du bist, ist ZUHAUSE. So wird die ganze Welt zum möglichen Lebensort, zum Platz, um die so oft erwähnte Angelegenheit mit dem Haus, dem Baum, dem Kind und dem Buch „ins Reine“ zu bringen. Jeder auf seine ureigendste Weise. Wenn solcherart die gesamte Welt – potentiell – zum Zuhause geworden ist, auch wenn man irgendwann einmal seinen kleinen Ort gar nicht mehr verläßt, weil man ja überall „nur“ Zuhause sein kann, dann bleibt immer noch der kleine Weltflecken, den man mit der vertrauten und durch Geburt vorgegebenen Sprache Heimat nennt, auch wenn dieser kleine Bereich der großen Welt in vertrauter Form gar nicht mehr existiert, zerstört ist, zerbomt, ausgelöscht, enttrümmert, planiert, umgestaltet, neu benannt. Von solcher Art ist seine Heimat: Die Lichtenberger Straße im ehemaligen Berlin.

Es gibt heute wieder eine Lichtenberger Straße in Berlin, gewiß. Doch man braucht nur einmal die beiden Stadtpläne, den neuen und den alten, übereinander zu legen, und es wird offenbar: Die heutige Lichtenberger ist die zusammengefügte Straußberger Straße mit der Krautstraße, quer über den Straußberger Platz hinweg, der früher diese beiden Straßen trennte. Diese neue Lichtenberger Straße führt auch zum Landsberger Platz, der dann Leninplatz hieß und endlich jetzt Platz der Vereinten Nationen beschildert ist. Einverstanden. Gegen die Vereinten Nationen ist schließlich grundsätzlich nichts einzuwenden. Und wenn auch diese Fläche vor dem Friedrichshain mit den beiden nur bedingt schönen – gottseidank nicht allzu hohen – Hochhäusern wieder Landsberger Platz hieße, die wahre Lichtenberger Straße ist und bleibt verschwunden. In einem der beiden Hochhäuser wohnt sein Halbbruder, der Hans mit seiner Frau Anne. Ihre Kinder sind aus dem Haus. Von deren Balkon aus schaut man auf einen Grünstreifen, und genau dort, wo heute das Gebotsschild „50 km“ steht, dort war die Haustür zur Nummer drei. Dort war seine Heimat. Vom übriggebliebenen roten Backsteingebäude des Telegrafenamtes in der Palisadenstraße, das zum Postkomplex in der Lichtenberger Straße gehört hatte, ließ es sich leicht mit Schritten abzählen. Es war ein wehmütiges Schreiten. Ach, einmal noch vom Standplatz von Großmutters Obstwagen gegenüber dem Merkurpalast nach Hause gehen, zur Heimat, an der Drogerie vorbei, dann die Eckkneipe, der zweite Bäcker, die zwei Stufen tiefer als die Straße gelegene Metzgerei, wo Freitags der Stuhl vor der Tür stand mit der weißen Metzgerschürze, welches Zeichen jedem Verständigen bedeutete: heute Wurschtsuppe. Daneben die offene Toreinfahrt zur Leimfabrik, anschließend die fremden und abweisenden Häuser fünfzehn bis siebzehn: keine Geschäfte, Tore geschlossen, keine Kinder zum spielen, quasi „out of area“, schließlich Nummer achtzehn mit Feinkostladen im Keller vorn und Pferdestall und Remisen hinten und mit jeder überschießenden Anzahl Kinder aller Alterstufen, deren Familienstatus schwerlich zu eruieren war, voran eine wahre Großfamilie mit acht Kindern. Mit einem dieser acht ging er in eine Klasse. Nummer neunzehn war die Post, und genau gegenüber war er zum ersten Male „Zuhause“.

Ja, einmal noch… In seiner Lehrzeit kam er jeden Abend von der anderen Seite, vom Landsberger Platz her, wo die Straßenbahnen 64 und 76 hielten, vom Alex her, wo er aus der S-Bahn kommend umzusteigen hatte in die heimatliche Straßenbahn. An dem schlimmen Tag, im Mai vierundvierzig, war er eine Haltestelle vorher ausgestiegen, impulsiv, warum ist vergessen. Wahrscheinlich grundlos. Er liebte zwar Routinen, aber impulsive Routinebrüche gehörten zu seinem Charakter. Er stiefelte in Gedanken. Ein Tagesalarm war vorübergegangen. Während des Alarms hatte er gegenüber dem Telefunkenwerk in Zehlendorf an der Vierlingsflak gestanden, stumm, mit den Lehrlings-Kameraden, Kondensstreifen am Himmel, das Donnern der 10,5er Zwillingsflakgeschütze in Lichterfelde West im Ohr, Skepsis im Bauch und Neugier im Kopf, alles auf einmal, und alles wie gehabt. Nach Feierabend fuhr alles, was er brauchte, um nach Hause zu kommen: Straßenbahnen und die beiden benötigten S-Bahn-Linien. Also hatte es irgendwo anders eingeschlagen. Was einen nicht betraf, bekümmerte einen auch nicht. Mit solchen Gedanken ging er, bis ihm auffiel, es standen ungewöhnlich viele Menschen am Dreieck und schauten alle Richtung Lichtenberger Straße. Plötzlich stand Ursel vor ihm, Inges große Schwester aus Nummer zwanzig. Ursel war knapp zwei Jahre älter als er, für ihn somit kein Mädchen mehr, fast schon eine Frau. Sie schaute ihn so seltsam an, als er sie fragte: „Ist was bei euch?“, und sie antwortete kryptisch-deutlich: „Nein, bei uns nicht.“

Es war also so weit. Fünf Jahre lang war – was denn?, wie lächerlich – „alles gut gegangen“, soll heißen, es hatte immer die andern getroffen. Fünf Jahre lang nur geduldig-unwirsch im Keller hocken, müde, ängstlich, wenn die verdächtigen widerlichen Geräusche näher kamen, aufatmend, wenn wieder einmal alles vorüber war und man noch einmal für ein paar Stunden ins verlassene Bett zurück konnte. Vor einem Jahr Brandbomben, die roten 14-Kilo-Kanister aus England, wie abgezirkelt auf der rechten Straßenseite in jedem Hof eine: von Nummer drei bis nummer sieben, folgenlos. Bis auf eine, die in Nummer sieben, waren alles Blindgänger. Vielleicht setzte der Boden in den Höfen den Zündern zu wenig Widerstand entgegen. Die Jungs in Nummer sieben hatten ihre bald unter Kontrolle. Auf dem Hof gab es nicht viel Brennbares, außer der Bombenfüllung selber. Mit Ruhe, Geduld und Sand war bald alles vorbei. Die Blindgänger holte der Feuerwerker der Polizei vom Landsberger Platz am nächsten Vormittag ab. Noch am Abend lagen sie gestapelt vor dem Revier. Herrenlose Fahrräder waren zu dieser Zeit kein Thema mehr. Wir Jungen hatten davorgestanden und „kiekten“, so wie die Leute jetzt standen und in die Lichtenberger Straße hineinschauten. Als er um die Ecke bog und sich durch den Menschenhaufen hindurchgearbeitet hatte, sah er, was sie sahen und was sie so faszinierte: Eine Sprengbombenlücke von Nummer zwei bis Nummer drei. Er war ausgebomt, heimatlos. Wenige Minuten stand er inmitten all der schauenden Leute „ganz„allein“. Der Trümmerhaufen bedeckte die halbe Straßenseite. Zwei Polizisten hielten die Leute zurück. Auf dem Trümmerberg, der bis in die Höhe des gewesenen ersten Stocks reichte, standen Feuerwehrleute und spritzen Wasser in die Staubwolke, die immer noch über dem Ganzen schwebte. Trümmer stürzten nach. Die Wehrleute wollten besser sehen können. Sie hatten wohl auch Angst, es könnte brennen. Schließlich waren die Treppenhäuser und die Deckenbalken aus Holz, und in jeder Wohnung hatten doch die Frauen Essen auf dem Herd gehabt. Dazu die Gasleitungen.

„Den Opa ham wa rausjeholt,“ sagte die vertraute Stimme meines Cousins Gerhard zu mir. Gerhard war Postgehilfe zur Ausbildung. Er hatte dienstlich auf dem Dach der Post gestanden, als Beobachter: „Der Pulk kam genau auf uns zu. Uns ging die Muffe. Scheiße! Als sie die Rauchzeichen setzten, stürzten wir wie die Irren nach unten Richtung Keller. Dann rumste es, immer zweimal zugleich, du kennst das ja, immer aus jedem Schacht eine. (Symmetrie ist die Ordnungsfunktion der statischen Welt. Symmetriebrüche markieren alle Dynamik. Das sagte er natürlich nicht. Es geht mir jetzt beim Schreiben durch den Kopf). Das Rumsen kam näher und näher, dann war es ganz laut, und dann war Schluß. Wir raus und nach oben. Mensch, euer Haus alles eine Staubwolke. Zu sehen war praktisch nichts mehr. Mit einem Kumpel von mir bin ich gleich hinüber, hinein in den Schlamassel. Alles hin. Die Trümmer vom Seitenflügel waren nach vorne gefallen. Die Bombe war links über eurer Wohnung eingedrungen, dann durch’s Treppenhaus, rechts weiter nach unten, und im Vorderhaus über dem vorderen Luftschutzkeller muß sie explodiert sein. Schau rüber, man sieht es genau.“ Ich konnte und mußte seine präzise Schilderung bestätigen. Die Brandmauer im hinteren Teil stand, und oben im dritten Stock an der Kammerwand hing mein Fahrrad. „Und der Opa, der war doch im Seitenflügelkeller, in der ehemaligen zum Schutzraum ausgebauten Wohnung der Tante Anna?“ Das bestätigte der Gerhard: „Ja, auf diesem Keller legen auch die Trümmer. Die Feuerwehrleute versuchen gerade, den vorderen Keller zu erreichen. Mein Kumpel und ich, wir sind beide ins linke letzte Kellerfenster der Nebenwohnung eingestiegen, weißt du, wo ihr früher gewohnt habt. Dann schnell durch diese Wohnung hindurch bis ins Treppenhaus. Zum Glück ließen sich die Hebel der Luftschutztür nach oben drücken. Wir rein und dann die sechs bis acht Leute hinausgeleitet. Alle verschüchtert und unter Schock. Der Opa war dabei. Jetzt sind alle im Krankenhaus.“ Soweit der Gerhard. Dann trat Tante Anna aus der Theaterkulisse und sagte beruhigend: „Komm man, Kleener, beim Opa im Krankenhaus war ich schon. Dem kannste im Moment nicht helfen. Komm‘ man mit. Bei uns kannste wohnen.“

Ich war also nicht allein. Schönes Gefühl. Und der Großvater war versorgt. Ein Glück, daß dies die Oma nicht mehr hatte erleben müssen. Sie wäre wohl nicht im Keller gewesen. Wie kam die Tante Anna im rechten Moment in die Lichtenberger Straße? Zufall, sie wollte uns die Wäsche bringen. Seit Omas Tod halfen die beiden Töchter Anna und Herta, soweit sie konnten. Aber Herta, also meine Mutter, war ja mit ihren Kindern in Thüringen, in Lengefeld bei Sangerhausen, als berliner Evakuierte. So blieb alles an Anna hängen, was wir beide, der Opa und ich, nicht selber bewältigten.

Tante Anna nahm ihn mit in die Koppenstraße 10. Ein Riesengebäudekomplex mit zwei großen hellen Hinterhöfen. Im ersten Stock des ersten Hofes wohnte Anna Leszcz mit ihren vier Kindern, seinen Cousinen und Cousins, alle älter als er, immer jeweils um ein Jahr, jahrgangsweise. Er war schon immer gut mit ihnen allen ausgekommen. Problematisch war schon eher die Platzfrage: Erna, die Älteste, sie war neunzehn und seit kurzem verheiratet, sie hatte zwar unmittelbar vor dem Landberger Platz eine eigene kleine Wohnung, doch seitdem ihr Mann Soldat geworden war, fürchtete sie sich vor dem fast allnächtlichen Gang mit dem Kinderwagen bis zum Flakbunker im Friedrichshain. Dort nahm man bei Angriffen seit kurzem auch Zivilisten auf, denen der eigene Luftschutzkeller zu unsicher schien, seitdem die Bombenkaliber zugenommen hatten; schließlich hatten die Engländer links von der Großen Frankfurter Allee die erste Luftmine plaziert, einen wahrhaftigen Häuserblockknacker. Erna wohnte seit kurzem also auch noch mit dem Enkelkind bei ihrer Mutter. Die beiden jungen Frauen teilten sich eins der beiden ehemaligen Kinderzimmer, zusammen mit dem Baby, im anderen wohnten die beiden Jungen, Heinz, bald achtzehn, und Willi, der gerade siebzehn geworden war. Beide rechneten mit der baldigen Einberufung, die auch nicht mehr lange auf sich warten ließ. Heinz zog das Fallschirmjägerlos und wurde bei einem Einsatz im Baltikum schon in der Luft am Schirm hängend schwer verwundet. Er hat den Krieg aber überlebt. Der arme Willi, er hatte gerade die erste echte Freundin, da mußte er im Frühherbst vierundvierzig eine allzu kurze Schnellausbildung abreißen, kam sogleich an die Oderfront, und als die Russen ihre Januaroffensive starteten erwischte ihn auf einer freien Pläne ein Artillerievolltreffer. Es blieb nicht einmal seine Erkennungsmarke. Der Hauptmann, der die Nachricht der Anna überbrachte, hat diesem Umstand ausdrücklich erwähnt.

Für Rudolf war die Koppenstraße die erste von den gut dreißig Adressen, die das Schicksal in den nächsten fünfundvierzig Jahren, die auf die Lichtenberger Straße folgen sollten, für ihn noch bereithielt. Der Heimatbegriff wurde immer ephemerer. Doch jetzt war erst einmal Ruhe angesagt.

Die Annakinder waren keine Trauerklöße. Man lebt im heute und nahm jeden Tag so, wie er kam. In ihrem Kreis und in dieser Wohnung versuchte er die ersten Tanzschritte, mit mäßigem Erfolg, da konnte er den anderen noch so lange und intensiv auf die Füße schauen, Rhythmus und Wechselschritte ließen sein unterentwickeltes Taktgefühl immer wieder entgleisen.

Überraschend kam Annas Ehemann, der Betonpolier Eduard Leszcz, auf Kurzurlaub. Ein seltenes Ereignis, denn er baute in Ganz Europa Luftschutzbunker und ähnliche dickwandige Dauerhaftigkeiten. Das erste, was er tat, – welcher Schrecken! – Er schaltete den Londoner Rundfunk ein. Anna nahm es locker, die Jungen machten blind mit, sie krochen mit ihrem Vater fast in den Kasten hinein, wenn das ersehnte Pausenzeichen ertönte. Eduard hatte als deutsch sprechender und deutsch denkender Pole 1921 für Deutschland „optiert“, wie er sich immer ausdrückte. Klar, so sagte er, „aber ich habe nicht votiert für Hitler.“ Domdomdom Dom!, als Rudolf das zum ersten Mal mitanhörte, mitanhören mußte, – er und die Mädchen hatten Todesangst dabei -, da gefror ihm schier das Blut in den Adern. Jetzt wußte er, was ein tödliches Geheimnis ist. Eduard mußt bald wieder an seine Betonmischmaschinen und zu seinen Eisenpflechtern. Und Rudolf kam im Sommer vierundvierzig ins Wehrertüchtigungslager nach Pommern.

„Da war ich drei Wochen, Elisabeth, und hatte keine Sekunde Zeit, an die verlorene Wohnung, an die verlorenen Sachen, an die verlorene Heimat zu denken. Als ich wieder nach Berlin entlassen wurde, wohnte der Opa schon in Ernas Wohnung.“ Auch diese Veränderung war schnell und einfach zu begreifen. Das meiste im Leben regelt sich immer irgendwie von selber. Landsberger Platz, das war doch fast noch das gleiche vertraute Fleckchen Berlin. Hier kannte er sich aus.

Von hier aus trat er nach der jeweiligen Einberufung den Weg an zum Reichsarbeitsdienst, nach Husum, und – daran fast nahtlos anschließend – die Fahrt nach Unna in Westfalen zur Grundausbildung bei der Funkertruppe.

Diese Funkertruppe hatte er sich mit seiner nolens volens zustandegekommenen Meldung als Kriegsfreiwilliger sozusagen selber ausgesucht oder eingebrockt. Man hatte sie ihm im Wehrertüchtigungslager ziemlich aufgenötigt. Dieser Umstand hat aber wahrscheinlich sein Leben gerettet. Als Funker kam er nach Zwettl in Österreich auf den Truppenübungsplatz Döllersheim. Dieser Haufen versuchte noch in odentlicher Formation als bespannte Einheit nach Kroatien zu marschieren. Immer nachts, mit Rücksicht (Vorsicht!) auf die gefürchteten Tiefflieger. Durch diese Versetzung von Unna zu dieser sogenannten Zweiten Wlassow-Division entging er dem üblen Zusammenstoß seiner Kameraden aus der Unna-Kaserne, den sie nach dem gelungenen Rheinübergang der Alliierten mit den schnell vorrückenden englischen Truppen hatten, bei schrecklichen Verlusten. Der Versuch der Wlassow-Reserve, sich in den Endkampf verwickeln zu lassen, wurde in St. Andrä vor Klagenfurt „ordnungsgemäß“ abgebrochen. Die „Kosaken“, die russischen Kameraden, marschierten vertrauensselig in die englische Gefangenschaft, die an diesem Frontabschnitt auf sie wartete, wo man ihnen zuerst die Waffen abnahm und diese unglücklichen Menschen dann heimtückisch an die Rote Armee auslieferte (mit den bekannten Folgen. (Aber dies erfuhr er ja alles erst richtig ziemlich lange nach Kriegsende, als der an allem in der Welt interessierte Bücherwurm und Zeitschriftenfresser). Er selber schlug sich durch auf die amerikanische Seite, hörte im Gefangenenlager den schönen Spruch: „Mir Österreicher sans keine Deitschen“, hörte etwas von Bayern, Thüringen, Hessen als deutschen „Ländern“ und fragte sich, wo ist Deutschland geblieben? Was soll das alles? Wo konnte er jetzt hin? Das Wort Heimat wagte er schon gar nicht mehr in den Mund zu nehmen. Doch nach Hause hätte er gerne gewollt.

„Doch diese Geschichte, liebe Elisa, die muß ein andermal erzählt werden.“

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