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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 14

1. Dezember 2014

– XIV –

Es schneite. Es schneite so dicht, als sollte die Außenwelt annulliert werden. Er stand am Fenster, schaute hinaus in die vorbeiwirbelnde geregelt-chaotische, ständig wechselnde Gleichförmigkeit. Wenn er sich auf einen willkürlich imaginierten Raumpunkt in dem opaken Hellweiß hinter der Scheibe konzentrierte, konnte er zwar einzelne vorbeiflitzende Flocken unterscheiden, die vertraute Welt der vertrauten Dinge vor seinem Fenster aber war verschwunden. Er schaute und schaute weiter nach außen, bis der unfixierte Blick auf dieses undifferenzierte Wirbelweiß keinerlei Anschauung mit Außenhalt mehr ergab sondern sich gleichsam meditativ nach innen verlagerte und er mit offenen Augen Bilder sah, deren Quelle offen bleiben kann, weil sie, mit zunehmender Intensität des Gesehenen, ihn mehr und mehr zum Beteiligten machte, als daß er sich noch wie ein Zuschauer fühlte.

Bei diesem Wetter wäre er niemals mit dem Wagen nach Köln gefahren. Wo man nicht ist, kann man nicht sterben oder verderben, ist das logische Pendant zur Warnung, wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Also den Wagen in der Garage gelassen, Taxe zum Bahnhof und – herrlich – ein Fensterplatz im Intercity mit demselben verzaubernden, verwandelnden Blick durch die Scheibe nach Draußen ins dynamische Flockenweiß und, wieder umgelenkt, ins eigene träumende Herz. Neben sich die FAZ als Spiegel der realen Außenereignisse, – eine Realität, die für den lesenden Unbeteiligten, wenn auch kraftvoll Interessierten, durchaus nur virtuelle Realisation bedeutet -, für den Fall, daß die Innenschau sich selber, aus welchen Gründen auch immer, unterbricht, oder den SPIEGEL, für das Bedürfnis weniger nach kritisch beschriebenen Zeit-Punkten in vertrauten oder exotischen Raum-Punkten, sondern mehr als optisch-emotional gestützte Sicherheitsgarantie der Art: diese Seitenaufmachung bin ich seit 1947 gewohnt, also bin ich trotz aller Bewegung in der Landschaft daheim bei mir, sicher verbarrikadiert in der Gedankenpyramide einer aus jahrzehntelanger Erfahrung aufragenden Gewißheit, man verstehe, was sich „draußen“ ereignet.

Er freute sich auf die Begegnung mit Elisabeth, diesem Wiedersehen im Ansehen, Vertrautes und Überraschendes (ein neuer Mantel? Ja, gefällt er dir? Steht dir gut. Siehst großartig darin aus). Gegenseitiges Austauschen der während der Trennungszeit angestauten Fragen, taktvoll, quasi regelhaft wie ein Offenlegen von Karten beim Spiel, dennoch alles mit offenem Ausgang im fundamentalen Kontext des Vertrauens. Als sie nebeneinander in der Taxe saßen, fragte sie ihn: Weißt du, was mir so durch den Kopf gegangen ist, die letzte Woche? Ich habe mich gefragt, wie du innerlich und im realen Alltagsleben so mit den drei verschiedenen Familiennamen zurechtgekommen bist.“

„Du hast recht, Elisa, verzwickt war es schon; jedenfalls im Sachlichen.“ Und wie hatte er es gemacht? Was für den Beobachter von Außen verwirrend sein mochte und sein mußte, war für ihn selber ohne Nachzudenken die vertrauteste Sache der Welt. Die Mutter hieß M…, der Vater hieß S…, und auf dem eigenen Taufschein stand eindeutig: Rudolf Anders, Mutters Mädchenname. Na bitte, er hieß anders als Vater und Mutter, er hieß Anders, wie die Großeltern. Das war seine Familie. Alles was Anders hieß, stand in seinen Gedanken und Gefühlen in der ersten Reihe. – Eben liest er in einem Bericht über einen Bühnendiskurs dreier berühmter Psychotherapeuten: Affekte seien Gedanken, die Gefühle machten -. Die vier Brüder der Mutter mit ihren Frauen und Kindern hießen Anders und waren damit DIE Familie. Mamas Schwester hieß Leszcz, seitdem sie den polnisch geborenen Betonierpolier geheiratet hatte, und sie war eine geschiedene Schulz. Weil sie ebenfalls in der Lichtenberger Straße Nummer drei wohnte, schaffte der tägliche Umgang die sichere und nie angefochtene Familienvertrautheit, obwohl ihre Kinder Schulz und seine Kinder Leszcz hießen. Kinder rufen einander nur beim Vornamen, so gab es flüchtigen Grund zum Nachdenken nur, wenn man bei der Tante nach dem Klingeln wartend vor der Wohnungstür stand und das Namensschild bemerkte. Das gleiche Stutzen und – wegen der Routine – Nichtstutzen zeigte sich beim sonntäglichen Besuch bei der Mutter. Die beiden Halbbrüder Gerd und Hans hießen M… wie ihr Musikervater. Es tat ja nicht weh. Und mit den drei S…Kindern, dem Peter aus der ersten Ehe des Vaters und der Angelika und der Gabriele aus seiner zweiten Ehe, war es das Gleiche, als er sie in den naturgegebenen Abständen später kennenlernte. Was weh tat, war zum Beispiel, wenn der Lehrer in der Volksschule, aus welchen Gründen immer, der Reihe nach die Kinder in seiner Klasse fragte, wie der Vater heiße, und wenn die Klassenkameraden dann unbefangen antworteten: Franz, Heinrich, Otto und so weiter, und er, Rudolf, wenn er an der Reihe war mit der erwarteten Antwort, vor der juristisch einwandfreien Wahl stand, zu sagen: ICH HABE KEINEN VATER, (aber das Bürgerliche Gesetzbuch damaliger Fassung, wonach das uneheliche Kind mit seinem „Erzeuger“ nicht verwandt ist, kannte er doch gar nicht), also sagte er wahrheitsgemäß und voller Beklemmung, wohl wissend, wie die Klasse ihn jetzt anstarren würde: Mein Vater heißt Willy S… Das war peinlich bis komisch. Die Kerls in den Schulbänken um ihn herum lachten auch mehr oder minder verstohlen, aber geschadet hat es schließlich auch nicht. Je älter er wurde, umso seltener wurden solche öffentlichen Befragungen: Lehre, Arbeitsdienst, Wehrmacht, Standesamt. Der Standesbeamte schaute in beiden Fällen an diesem Punkt nicht einmal hoch. Professionalität macht Hornhaut. Berufsstigma.

Manchesmal läuft der Erinnerungsfilm wie die Fernsehwerbung bei ausgeschaltetem Ton. Kennst du doch: Man hockt vor dem Kasten, sieht einen spannenden Film, sagen wir „Eine Frage der Ehre“ mit Demi Moore, Tom Cruise und Jack Nicholsen. Wer wird sich durchsetzen, Anwalt oder Staatsanwalt. Die Paradoxalität der Handlung hat ihre Klimax erreicht, es erschüttert uns die Frage, dürfen die Verteidiger der Menschenrechte die Menschenrechte eines untergebenen Menschen auslöschen, pipapo: Werbung, Weltschöpfung wie aus dem Urknall! Aber Zack, man ist helle, schneller als die Inflationsphase bei der primären Ausbreitung des Universums, Fernbedienung unten links, und der Ton ist weg. Es erscheinen weiterhin Gesichter, Menschen kommen und gehen, die Perspektive wechselt ständig, mal erkennt man etwas, dann wieder nicht oder nur voller Ungewißheit oder Zweifel, was hat das alles zu bedeuten, wo steckt der Sinn in diesem fremdbestimmten Geschehen? Man versucht einfach, dem schnellen Ablauf der Bilder ohne den dazugehörigen Originalton und –text einen plausiblen Sinn zu geben. Verkalkte Gläser, opak und undurchsichtig, kein Problem, Bauknecht weiß, was Frauen wünschen, Bifi muß mit auf den Underberg, wo Meister Proper die schlaue Nummer weiß, damit Boden und Kacheln streifenfrei glänzen, denn ich weiß noch ganz genau, als ich zum ersten Mal Polycolor nahm, die zarteste Versuchung, seit es Fielmann gibt von Ford, die tun was (aber was?).

Tante Anna nimmt ihn mit ins Wahllokal, buchstäblich in eine Kneipe an der Landsberger Ecke Lichtenberger. Stufen, zwei vorhangabgeteilte Boxen, wann war das? Bilder ohne Ton. Märzwahl dreiunddreißig? Wie wird sie gestimmt haben? Vor dem anderen Wahllokal in der Lichtenberger Straße zwanzig, neben der Post, stehen Männer, die Plakate auf Brust und Rücken tragen. Das kann doch nur vor dreiunddreißig gewesen sein. Zahlreiche Männer für zahlreiche verschiedene Parteien mit seltsamen Namen: Hausbesitzerpartei? Ist das ein Scherz oder Schabernak der Erwachsenen? Nur ein Bild ohne Text, aber verblüffend deutlich. Dazu Mamas Erzählung, ihr besoffener Bruder Karl, der Hühne aus der Großmarkthalle, ihr ältester Bruder, der habe bei der letzten freien Wahl auf dem Hof der Lichtenberger Straße drei die dortige Pumpe vor unartikulierter Wut aus dem Boden gerissen. Der Wasserstrahl sei bis knapp in den dritten Stock aufgestiegen, und das viele Wasser, bis man es abstellen konnte, habe Annas Wohnküche ihrer Kellerwohnung überschwemmt. Oder: Er kommt mit der Großmutter aus dem Friedrichshain, wo er im Sandkasten am kleinen Ententeich buddeln gedurft hatte. Da marschieren von der Friedenstraße her über den Landsberger Platz seltsame Musiker mit silbernen Instrumenten: Schallmeien (heißt das so, Oma? Ja kiek ma‘, jetz ham se die alle inne SA übernomm‘; früher ham die for die Roten jeblasen). Von den im neuen Braun uniformierten Männern, die mit Trommeln, Pfeifen und mit ihrer Hakenkreuzfahne durch die Lichtenberger Straße marschierten, kannte er keinen. Auch die Leute am Straßenrand offensichtlich nicht. Sie ließen sich anlocken von der Musik, schauten begierig auf das so noch nicht Gesehene, aber niemand zeigte, daß er einen in der Formation erkenne. Wer sich nicht hatte umdrehen und im Hauseingang verschwinden können, der hob stumm seinen rechten Arm, als die Fahne vorbeigetragen wurde. Ein Brauner sprang heraus aus dem Glied und schlug einem der Gaffer die Mütze vom Kopf, weil der seine rechte Hand in der Hosentasche gelassen hatte. Ein etwa zwanzigjähriger Zuschauer mit langen Haaren (warum lange Haare?) wurde von zwei Uniformierten die Kellertreppe zum Frisör Koch hinunterbugsiert und kam nach zehn Minuten mit Streichholzlänge wieder nach oben. Da war die Kolonne schon um die Ecke Landsberger Straße verschwunden. Noch heute frage ich mich, ob der wohl den ungewollten Haarschnitt beim alten Koch hat bezahlen müssen. Proteste oder Kommentare werden nicht erinnert. Alles Bilder ohne Ton. Fragen an die Oma ebenfalls nicht. Es verstand sich alles stillschweigend und offensichtlich wie von selber. Wenn es irgendwo haperte, pendelte es sich schnell wieder ein. Zum Beispiel die Fahnenfrage. Zur Olympiade, als die Straße rot war von Hakenkreuzfahnen, die besseren Leute in den Vorderhauswohnungen waren dem gewordenen Staat aus Ordentlichkeit so nahe wie dem gewesenen, im Gegensatz zu den Leuten auf den Hinterhöfen, aber auch in unserem Hof hing je Wohnung eine Fahne, mindestens eine. Der neue Hauswart rechts im Parterre, der jetzt dort wohnte, wo zuvor der sozialdemokratische Lehrer gewohnt hatte, von dem niemand wissen wollte warum er ausgezogen war und wohin, dieser ehrgeizige junge Mann, dessen hübsche junge Frau einmal im Monat die Pfundspenden für die Winterhilfe oder die NSV im Hause einsammelte, dieser Portier also hatte seine vier Blumenkästen an den vier Fenstern seiner Wohnung je rechts und links mit kleinen niedlichen Hakenkreuzfähnchen dekoriert. Marie Anders war stur: Ick hab‘ keen Jeld für ne Fahne. Der Hauswart mahnte milde: Mariechen, warum…?, und Tante Anna pflichtete ihm bei: „Mutter, du könntest wirklich auch…; mußt ja nich immer aus der Reihe tanzen.“ Also gut. Wir beide, die Oma und ich, wir gingen nach oben, in unsere schöne, neue Dreizimmerwohnung, zerschnitten dort ein altes rotes Inlett, ich schnitt geschickt die beiden weißen Kreise aus einem ausrangierten Taschentuch, und dann mußte ich mich ziemlich quälen, bis ich die beiden Hakenkreuze in angemessener Größe aus einem schwarzen Stoffrest, der wegen der Großzügigkeit von Omas jüdischem Hausschneider bei der Anlieferung ihres letzten Feiertagskleides mitgeliefert worden war – einen Flicken braucht man immer – herausgeschnippelt hatte. Oma nähte wortlos alles zusammen. Ich nagelte ihr Werk mit Blaupinnen an einen passenden Stock aus meinem Indianerwaffenarsenal, und Jahre später schrieb ich in einem Gedicht über meinen Großvater die Zeile: „…und später hatten wir auch eine kleine Hakenkreuzfahne…“.

Die SA marschierte bald nicht mehr durch die Lichtenberger Straße. Warum nicht? Woher soll ich das wissen. Die letzte halbuniforme, halbzivile Marschkolonne, die mein innerer Fernseher visualisiert ist ein Quasidemonstrationszug, der sich zu einem Erstem Mai am Landsberger Platz versammelte. Vom Landsberger Berg herunter stieß ein weiterer Zug zu uns und wir alle, ich war mit meinem Opa dabei, – er trug demonstrativ sein Kriegsverdienstkreuz und sein Verwundetenabzeichen – wir setzten uns langsam in Bewegung und marschierten durch die Landberger Straße, über den Alexanderplatz, am Roten Rathaus vorbei, das damals schlichter Berliner Rathaus hieß, zum Lustgarten. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Auf jeden Fall war es weit vor dem Krieg. Ich meine zu spüren, ich hätte mich vor dem Abmarsch beim Opa beschwert, weil sie mich nicht wie versprochen am Morgen davor geweckt hatten, um eine partielle Sonnenfinsternis anzuschauen. Es waren am Abend dazu extra kleine Glasscheiben mit Ruß geschwärzt worden. Ach, hatte der Opa milde geantwortet, du hast so schön geschlafen, da wollten wir dich nicht wecken.

Anders als die SA – vielleicht hatte ihre auffällige Unsichtbarkeit in unserem Arbeiterviertel mit dem Römputsch und Hitlers Mordwelle zu tun – ließ sich die HJ schon eher blicken, jedenfalls mit ihrem beeindruckenden Spielmannszug, schicke Trommler und Pfeiffer, die hinreißend „die Locke“ bringen konnten. Dahinter dann mehrere Reihen Fanfaren mit kleinen viereckigen, seidenen und befransten Hakenkreuzfähnchen daran. Alles in auseinandergezogenen Sechserreihen. Doch so ab neununddreißig unterblieb auch das. Die meisten der Jungen waren dann wohl eingezogen und Soldat geworden.

Und irgendwann trugen einige Leute einen gelben Stern an ihrer Kleidung. Manche Überraschung war dabei. Es waren Leute aus der Landberger Straße, die man vom Sehen kannte, weil sie in unserer Straße einkauften. Wer hatte schon zuvor vermutet, sie Juden nennen zu sollen. Es waren schließlich Leute wie alle anderen. Und irgendwann sah man dann solche Leute weniger oder nicht mehr. Es war für Kinder kein besonders bemerkenswerter Vorgang. Und die Erwachsenen thematisierten diese Veränderung nicht, oder ganz selten, mit eigenartigem Verschweigen trotz Erwähnen: „In der Landsberger ham se heut morjen wieda welche abjeholt; janz früh solln se jekomm sin, mit Lastwagen, da warn schon welche druff.“

Im Friedrichshain, auf einer minimalen Erhebung, standen im Halbkreis drei Bänke mit der Aufschrift „Nur für Juden“. Als er, in den ersten Pubertätswirren wohl , gedankenvoll/gedankenverloren allein durch den Park ging und über diesen „Hügel“ kam, saß da eine Frau, allein, an ihrer Jacke der gelbe Fleck, und schaute die Büsche und Bäume an, und ihr Blick begegnete auch seinem Blick. Er kannte die Frau nicht. Er kannte außer Friedebergs und Doktor Markus und dem für ihn namenlosen Schuhhändler überhaupt keine Juden. Leute im Park grüßt man nicht. Er ging, mit seinen Gedanken beschäftigt, weiter. Die Frau sitzt heute noch auf dieser Bank, stumm, ein Bild ohne Ton. Wie weggezappt. Sich einen Reim darauf zu machen, lernte er erst nach fünfundvierzig. Zu Hause und in der Schule kam dieses Thema konkret nicht vor.

Stopp! Als er am ersten April 1935 eingeschult worden war, Friedenstraße, gleich neben dem Landsberger Platz Richtung Auferstehungskirche, 5te Volksschule Berlin-Friedrichshain, da saß in seiner Klasse ein Rotschopf, ein Junge mit grausam roten Haaren. Dies allein machte ihn zur Zielscheibe gelegentlicher rücksichtsloser Frozzeleien. Andererseits: Er war so still und eigentlich, verglichen mit uns, den Arbeitergören, irgendwie vornehm. Wie der andere Vornehme in unserer Klasse, der Udo, ein richtiger Reiche-Leute-Bubi, gehörte auch der Rote einfach nicht dazu. Wir ließen die beiden meistens links liegen. Es waren auch Muttersöhnchentypen, viel zu gut angezogen, und richtig Völkerballspielen konnten sie auch nicht. In der Turnhalle wurden einmal die „Flaschen“ aussortiert, die es nicht schafften, am dicken Kletterseil hinaufzukommen bis an die Decke. Was alle anderen im Nu vollbrachten, wir schafften es nicht und standen wie begossene Pudel beschämt hinten in der Ecke: Der Udo, der Rote und ich, die Leseratte, alle drei mehr Kopf als Muskeln. Anders in der Zeichenstunde. Wir sollten mit Buntstiften, mit oder ohne Lineal, nach jedem Gusto malen, was wir wollten und vermochten. Der Lehrer hatte eine bauchige blaue Vase mit matter Glasur, die er für diese Stunde aus einem der verglasten Materialschränke hatte holen lassen – ich hatte sie holen dürfen; so etwas war eine Auszeichnung – vorn aufs Katheder gestellt. Er hatte ausdrücklich gesagt, es sei nur zur Anregung, es ginge ihm um Licht und Schatten, aber wir sollten, wie gesagt, malen, was uns gerade in den Kopf kam. Die meisten malten wie blöde die Vase. Vielleicht auch aus Untertanengeist. Aber dies wäre sicher eine nachträgliche Überinterpretation. Jedenfalls der Rote, der zu dieser Zeit vor mir saß, – es war noch vor der Kinderlandverschickung – er malte, besser gesagt: er zeichnete einen schmucken weißen Musikdampfer, ein Schiff, wie ich es nie zuvor gesehen hatte, höchstens auf den Bildern im Kupfertiefdruck in meinen dicken, ausgeliehenen Bänden des Neuen Universums. Das Schiff war so schön und so präzise, die verschiedenen Decks, die Kommandobrücke, alles über die Toppen geflaggt. Auch der Lehrer staunte, und er lobte den Roten vor der gesamten Klasse. Der Lehrer, der wohl nicht kritisieren wollte, aber doch zeigen, wie ernst er den Unterricht nahm, er wies den Roten darauf hin, es fehle dem Schiff noch eine richtige Nationalfahne. Man müsse doch wissen, wohin das Schiff gehöre. Der Rote zeichnete am Heck den Flaggenstock, zeichnete die flatternden Umrisse der Fahne, ließ die Fläche aber seltsam leer. Bei seiner nächsten Runde sah es der Lehrer, er blieb stehen, schaute noch einmal prüfend und anerkennend und sagte leichthin: „Na, nun laß es man gut sein.“

Udo und der Rote verließen uns im April 1939. Beide kamen in die Oberschule, (in die „hohe Schule“). Aber dies trifft wohl nur auf den Udo zu. Sicher bin ich nicht. Mein Wunschdenken hofft immer, der Rote sei mit seinen Eltern, von denen wir nichts wußten, er hielt sich stets bedeckt, nach England gegangen. Denn der Rote war ein Jude. Wenn wir ihn ärgern wollten, nannten wir ihn Itzig. Und die echten Lümmel in der Klasse, wenn der Lehrer auf sich warten ließ und der Unterricht nicht anfangen konnte, was regelmäßig mildes Chaos zur Folge hatte mit unberechenbaren Unregelmäßigkeiten, bis hin zum Hosenschlitzöffnen und Schwänzchenvergleichen, diese Lümmel, meist ein Jahr älter, weil sitzengebleieben, sie konnten stolz die größten Schwänze vorweisen, und sie ließen den Roten schon mal antreten zum „Eierreiten“ auf dem zwangsweise durch die Beine gezogenen Zeigestock des Lehrers. Als der Zeigestock bei diesem gemeinen Spiel zerbrach, weil er beim Anheben zum Reiten die Last des Roten nicht aushielt, flog die ganze Chose auf. Es gab einen ziemlichen Wirbel. Es war wohl eher ein unziemlicher Wirbel.

Als Rudolf nach dem Theaterabend zusammen mit Elisabeth an der Haltestelle auf eine Taxe warteten, sprachen sie über das Thema Großvater und wie zeigt man seine Liebe. Sie hatten das Stück „Der Tod im Apfelbaum“ gesehen, und weil es so miserabel gespielt worden war, hingen sie fest an Einzelheiten, die zum eigenen Leben einen irgendwie kontextuellen Bezug hatten. „Du mußt deinen Töchtern geradezu die gesamte Familie ersetzen.“ Eine Taxe fuhr vorbei, aber die war besetzt. „Das stimmt verdammt genau. Der Vater bin ich sowieso. Meinen eigenen Vater kenne ich nicht, der ist gefallen, da war ich noch zu klein, um mich an ihn zu erinnern. Und meine Mutter starb vor zwei Jahren. Die Töchter können also kaum nachvollziehen, was ein Großvater bedeutet, geschweige denn ein liebevoller. In diesem Punkt hattest du mehr Glück.“

„Stimmt, wenn ich an die Fahrradgeschichte denke.“ Die nächste freie Taxe hielt, auch ohne das sie winken mußten am Standplatz. Sie stiegen ein und Elisa, die beim Zuhören oder Argumentieren nie abschweifte, – Homiletik verpflichtet zu gedanklicher Disziplin – fragte zurück: „Welche Fahrradgeschichte?“

Eines Tages stand in der Lichtenberger Straße an der Laterne vor dem Bäckerladen von Kanthak in Nummer 21 ein Fahrrad, einfach angelehnt, nicht angeschlossen. Es war mehr ein Fahrradveteran, nicht mehr sehr ansehnlich, alles ein wenig verrostet, man schaute zunächst gar nicht richtig hin. Als es nach acht Tagen noch immer am selben Platz stand, in Wind und Wetter sozusagen, da hatte mein Cousin Willi eine gewagte Idee. In der Clique, die sich fast allabendlich beim Kanthak versammelte, nachdem der Bäcker seinen Laden geschlossen und den breiten Rolladen heruntergelassen hatte, so daß man sich auf „die Bäckerstange“ setzen konnte, die in Bauchhöhe während der Geschäftszeit die Schaufensterscheibe sichern sollte, als wir da alle so saßen, jedenfalls die, die einen Platz ergattert hatten, wie die Hühner auf der Stange saßen, vor uns die Zuspätgekommenen, stehend und den Sitzenden gegenüber, in diese parlamentierende Runde hinein sagte der Willi mit großer Entschlossenheit: „Wenn wir dies Fahrrad da“, und er zeigte nach hinten über seine Schulter auf das offensichtlich herrenlose Gut, „wenn wir das putzen, auch entrosten, vielleicht neu anstreichen, die Bremsen nachsehen, könnten wir alle abwechselnd damit fahren.“

„Du spinnst doch,“ wurde ihm erwidert, „das Rad gehört uns doch überhaupt nicht.“ Willi konterte: „ Das weiß ich auch. Bin ja nicht blöd. Wir melden das Fahrrad der Polizei. Es steht schon ewig hier und gehört keinem. Wir sind die Finder und wollen es als Finderlohn.“ Großes Palaver, bei dem Willis Ansehen durch die Anerkennung, die aus unserer Begehrlichkeit sich ergab, beträchtlich wuchs. Und einer machte allem Gerede ein Ende mit der Aufforderung: „Fragt doch den Schupo, da kommt er ja gerade.“

Richtig, der wachhabende Beamte in seiner damals noch blauen Uniform mit Tschako und mit umgeschnallter wuchtiger Dienstpistole im steifen Lederetui an seiner rechten Seite kam langsam mit festen, amtsautorität signalisierenden Schritten als personifizierte – und unanfechtbare und unangefochtene – Staatsgewalt von der Landsberger Straße her auf uns zu, ohne uns als Gruppe zu beachten oder eines Blickes zu würdigen. Als konform sich verhaltende Bürger und Untertanen waren wir zunächst für ihn Luft. Genau genommen waren wir noch nicht einmal dies. Wir waren ja Kinder, somit für einen Polizisten ohne deutliche Bedeutung.

Willi ging tapfer auf ihn zu und erklärte ihm den Sachverhalt und seine Idee. Der Schupo traf sofort eine Entscheidung: „Ihr bringt dieses Fahrrad auf die Wache am Landberger Platz. Dort gebt ihr’s ab und sagt, ich hätte euch geschickt. Wenn das Rad in, sagen wir mal, zwei Wochen nicht abgeholt wird, könnt ihr’s behalten.“ Ein Hallo! Willi nahm entschlossen das Rad, schob es zielstrebig zur Wache und wir anderen latschten gestikulierend und freudig debattierend hinterher.

Auf der Wache lief alles glatt. Nach zwei Wochen hatten wir einen verrosteten Drahtesel und eine nicht immer völlig reibungslos verlaufende Freizeitbeschäftigung. Aber Willi, der nicht bei ihm vermutete Fähigkeiten entwickelte, setzte seinen Plan und seinen Willen eisern durch und organisierte alles. Es kostete auch unser Taschengeld. Willis Drohung: „Wer nicht zahlt und nicht mitarbeitet, darf nachher nicht fahren.“ Das half und motivierte alle.

Es klappte tatsächlich und ohne größere Streitereien. Willi nahm das Rad abend mit auf unseren Hof und stellte es hinter die Waschküche. Ich hatte im Sommer davor bei Oma Wenzel in Mahlsdorf meine Ferien verbracht, zum ersten Male, eine Geschichte für sich, und mein Vater, den ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte, brachte mir das Radfahren bei. Wir Jungen aus den Häusern 2, 3, 20 und 21 trafen uns nun täglich als mehr oder weniger vollständige Gruppe. Wer dran war mit Fahren, der durfte einmal rechtsherum ums Karreé fahren. Auf diese Weise gingen wir durch das damit vermiedene Linksabbiegen kein unnötiges Risiko ein. Und Wirklich: ein bißchen heikel war nur das Stück durch die Landsberger Straße, weil dort die Straßenbahn fuhr. Es war eine herrliche Zeit, Frühling, Sommer und Herbst. Das Fahrradfahrenkönnen und –dürfen stellte alles andere in den Schatten. Sogar mein Lesen wurde stark eingeschränkt.

„Gut,“ sagte Elisabeth und blieb exakt beim Thema, als wir vor dem Hause ausstiegen, „und wo bleibt der Opa in dieser Geschichte?“

Er lächelte in seiner Erinnerung und schlug vor: „Laß uns eine Flasche Kiedricher Sandgrub aufmachen, die ich mitgebracht habe, dann erzähle ich dir die Pointe der Geschichte mit dem Tenor: So schenkt man mit Liebe, oder – frei nach Fontane – man hat es, oder man hat es nicht. Dieses ES, darauf kommt es mir an.“

Die Großeltern hatten ihn selbstverständlich nun schon oft auf dem Fahrrad gesehen, aber nicht groß Fragen gestellt. Alle Erwachsenen in der Straße kannten inzwischen die Geschichte, die Willi für einen Sommer berühmt machte. Und für die Verbreitung der Zusammenhänge hat wohl vor allem seine Mutter gesorgt, die Tante Anna. Am Goldenen Sonntag vor Weihnachten, – seit dem ersten September war Krieg, es gab auch schon Lebensmittelkarten, doch die Kaufhäuser hatten wie üblich ihre Weihnachtsausstellung für die Kinder eingerichtet, – an diesem Goldenen Sonntag schlug der Opa vor, zum Alexanderplatz zu gehen und bei Hertie die Ausstellung anzuschauen.

Das taten sie beide. Es war kalt, hatte jedoch noch nicht geschneit. Die vier Haltestellen bis zum Alex waren nicht weit zu laufen. Das Fahrgeld konnte man sich sparen. Nur, warum ging der Großvater den Umweg durch die Große Hamburger Straße? Unversehens standen sie vor den Schaufenstern der Firma Machnow, Berlins größtem Fahrradgeschäft. Es hatte achtzehn Schaufenster, eine schier endlose Reihe von Überraschungen für das interessierte Auge: Kinderwagen, Tretroller, Rodelschlitten gab es dort auch, vor allem aber Fahrräder und noch einmal Fahrräder. Er sah dieses Geschäft zum allerersten Mal. Es durfte und mußte gestaunt werden. Er schaute und schaute. Der Opa schob die Kälte vor und sagte unverfänglich: „Laß uns doch hinein gehen und uns ein wenig aufwärmen.“ Im Geschäft fragte sofort ein Verkäufer den Großvater: „Kommen sie zurecht?“ und schaute den Opa seltsam an. Vornehm war hier alles. Opa in seiner abgetragenen Lederjacke, die er auch bei seiner Arbeit trug, war dem Verkäufer vielleicht nicht recht? Der Großvater sagte unbefangen, selbstsicher uns so leichthin: „Wir schauen nur einmal.“ Und zu ihm, dem Jungen, sagte er aufmunternd: „Welches Rad gefiele dir denn am besten, wenn man eins kaufen könnte?“ Was völlig ausgeschlossen war. Darüber brauchte nicht einmal nachgedacht zu werden. Der Junge ließ sich spontan hinreißen und schnatterte begeistert los: „Einen sechsundzwanziger Rahmen, blau-glanzend wie dieser hier, aber einen anderen Sattel, nicht so breit, und vor allem als Lenker eine Flache Schwalbe…“ Großvater hörte geduldig und aufmerksam zu. Ein wenig wurde gefachsimpelt, aber klar, viel verstand der Opa von Fahrrädern nicht. Kein Wunder, niemand in der Familie besaß eins. Als sie den fiktiven Einkauf beendet und sich richtig aufgewärmt hatten, dem Jungen glühten die Wangen, erinnerte der Großvater ihn an die Ausstellung bei Hertie. Man hatte es gehört und in der Morgenpost gelesen: Dieses Jahr war das Thema nicht die Märchenwelt, sondern das Soldatenleben und der Krieg. Im verdunkelten vierten Stock das Kaufhauses waren zwölf historische Schlachtenbilder aufgebaut. Jeweils als Panoramabild mit zum Teil sich bewegenden Figuren zum verblüffenden Anschauen. Alles staunte über die bunten, plastischen Aufbauten und Kulissen. Es ging nur langsam voran. Die Warteschlange stand schon im Treppenhaus und wanderte von Bild zu Bild, und im Halbdunkel der Räume konnte man die Welt draußen vergessen. Das irreale Fahrrad hatte er schon längst nicht mehr im Kopf. Er hatte durchaus gelernt, Möglichkeiten von Wirklichkeiten zu unterscheiden.

Als sie wieder in den hellen Räumen des Kaufhauses angelangt waren und noch durch die Spielwarenabteilung schlenderten, den Jungen zog es mehr zu den Büchern, da erinnerte ihn der Großvater an’s Nachhausegehen. Wieder machte der Opa den Umweg durch die Große Hamburger Straße. Was nun? Er ging sogar hinein und sagte zu ihm: „Komm nur mit.“ Der Verkäufer von zuvor kam wieder auf sie zu. Er führte ein Fahrrad mit der rechten Hand und blieb genau vor dem Großvater stehen: „Bitte, Herr Anders!“ Kannte der denn den Opa? Der Verkäufer schob das Rad vor, aber das war ja unfaßbar: Ein blauglänzender sechsundzwanziger Rahmen, beinahe Rennsattel und die Flache Schwalbe. Der Großvater sagte nur: „Jetzt kannst du gleich alleine nach Hause fahren. Die Oma wird Augen machen. Die weiß nämlich auch noch gar nichts davon.“ Dem Jungen blieb wahrhaftig die Spucke weg, und er mußte mächtig schlucken. Der Opa bezahlte. Es kostete 65 Mark! Er rief ihm noch hinterher: „Paß auf die Straßenbahn auf!“

Als er stolz wie ein Spanier und mächtig aufgeregt am Dreieck vorbei in die Lichtenberger Straße einbog, gab es einen Auflauf: Alles was Kinderbeine hatte, rannte hinter ihm her: „Mensch, ick wer varrickt, kiek ma den an!“ Er hielt vor der Nummer drei an, rechten Fuß am Bordstein, linken Fuß auf der Pedale und ließ sich bewundern: „„Jehört det würklich dir?“, und „Läßt de mir ooch mal fahrn?“ Klar, später, doch im Moment konnte er seinen Schatz noch nicht in andere Hände geben. Aber das verstanden die Kumpel ja. Sie hätten’s nicht anders gemacht.

Richtig Alltag wurde das Fahrrad nie. Die unerhörten fünfundsechzig Mark verschafften dem Gerät bis zuletzt eine Aura des Unwirklichen. So viel Geld allein für ihn. Es war wirklich unvorstellbar. Der Großvater hatte sich und sein Wesen selbst übertroffen. Diese Geste eines Mannes, der sich außer seiner Sonntagszigarre selber nichts gönnte und sich niemals über irgend etwas beklagte, leuchtet bis heute zu ihm herüber.

Als im Mai vierundvierzig die Bomben das Haus zusammengeschlagen hatten, und als er nach Feierabend stumm in der Menschenmenge stand und fassungslos auf die erste Bombenlücke der Lichtenberger Straße starrte, hing oben im dritten Stock an der Brandmauer zur Nummer Zwei, mitten im blaugrau gestreiften Viereck der Kammerwand, sein Fahrrad. Aller Physik scheinbar zum Trotz. Es war unerreichbar. Polizei und Feuerwehr ließen Niemanden an und auf die Ruine. Noch waren Menschen im vorderen Keller verschüttet und eingeschlossen. Es waren seine Hausgenossen. Man bemühte sich mühsam und nach allen Kräften um ihre Bergung. Was war dagegen ein Fahrrad. Tante Anna, die schon seit ein paar Jahren in der Koppenstraße wohnte, nahm ihn zu sich nach Hause. Der Großvater lag gerettet im Krankenhaus Friedrichshain. Als der Junge, der jetzt ein Feinmechanikerlehrling und ein Flaksoldat war, am nächsten Morgen noch einmal nach dem Haus – und auch nach dem Fahrrad – schauen wollte, war alles endgültig zusammengestürzt. Es war Gas ausgeströmt, hatte sich an mitgerissener Herdglut oder woran immer entzündet, und der rechte Teil der Ruine flog noch einmal in die Luft. Man hatte auch die letzten sechs Menschen nicht mehr befreien können. Von allem übrigen war somit nicht mehr die Rede. Die Kindheit war zu Ende.

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