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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 13

30. November 2014

– XIII –

Die Kindheit, die Jugend, was ist das? Wenn man sie erlebt, in Realzeit sozusagen, ist sie einfach das Leben, das Erleben des großen JETZT. Als Kind ist dieses Jetzt einfach da. Es kommt nicht, es vergeht nicht, man lebt spielend, man spielt das Leben. Alles ist gleichsam wie Atmen. Man kann es, ohne darüber nachdenken zu müssen. Dann wieder will man es weghaben, dieses sich zur schieren Ewigkeit ausdehnende JETZT. Dieses ES der Kindheit soll vorbeigehen, weg damit: Wann bin ich erwachsen? Wann bin ich groß? Wann kann ich machen, was ich will? Die Erwachsenen, ja, die leben richtig, jedenfalls scheint einem dies als Kind so. Oder scheint einem das nur als Erwachsenem so, es sei einem als Kind so erschienen? Sich an die Kindheit erinnern ist nicht mehr die Kindheit selber. Die Erinnerung an die Kindheit ist kein präziser Kupferstich, der einen versichert: Es gibt da eine Kupferplatte, genannt Kindheit, davon ist die Erinnerung ein getreuer Abzug… Die Kupferplatte ist weg, verloren, vergessen, vom Dunkel der Vergangenheit verschluckt. Aber nicht völlig verschluckt, vergilbt, verwittert. Manche Stellen des Bildes Kindheit kehren immer wieder, drängen sich auf, leuchten, stehen da wie Menhire, die etwas bezeugen als einmal Gefühltes, das man eigentlich nicht mehr versteht und deshalb auch nur mühevoll verständlich machen kann, sogar sich selber.

Lesen in der Kammer. Welch ein Ritual! Wem soll man das „verklickern“, wie die Hessen sagen. Da stand ein großes, weißes, hohes Bett, ein Monstrum von Bett, von unbekannter Quelle angeerbt. Ein Bett mit einer unmäßig dicken einteiligen Matratze. Sein Bett zum Schlafen stand quer vor den Ehebetten der Großeltern in der Stube, im Hauptraum der Wohnung, seiner Größe nach. Man lebte aber vor allem in der Küche. Die Stube war nur zur Weihnachtszeit das Wohnzimmer. Das Bett in der Kammer diente niemandem zum Schlafen. Es war sein Schloß, seine Höhle, seine Insel, sein fliegender Teppich. Neben dem Bett stand ein wuchtiger Berliner Schrank, der war fast so tief, wie das Bett breit war: Das Bett stand zwischen diesem Schrank und der schmalen Wand der Kammer. Von der Schrankkrone zur Wand, über die Längsachse des Bettes, hatte er eine dicke, feste Schnur gespannt. Über diese Schnur hatte er zeltartig eine alte, schön gewebte Sofadecke gehängt. So war das Bett auch ein Zelt, zwei Meter lang, einen Meter breit. Dort kroch er hinein, schaute Richtung Fenster wieder hinaus, vor sich ein Buch, uns las.

Solchem Lesen als Gewißheit des Ungestörtseins mußten bestimmte Handlungen vorausgehen, damit das angestrebte Ziel, der angestrebte Zustand der Verzauberung, des Abhebens, eintreten konnte: Der Stillstand der Zeit, die Gewißheit einer ungestörten Dauer. Es war einzukaufen, Schularbeiten waren zu machen, vorsichtshalber auf die Toilette, etwas zu kauen, zum Knabbern mußte bereitgestellt werden, was auch immer, ein Kanten Brot, ein Kuchenrest vom Sonntag, eine Schale mit Kölnflocken gemischt mit etwas Zucker, Hauptsache irgendeine Art Proviant zur Genußverstärkung auf der beabsichtigten Zeitreise. Wenn alles erledigt und bereit war, dann schwupp hinein in das Zelt und… nur nicht etwa sogleich lesen, bewahre, erst einmal schauen, sich des Komplettseins der Situation vergewissern, tief atmen, lächeln und gedankenlos denken, also mehr fühlen: Ich bin auf der Welt, ich bin frei, ich gehöre mir. Dann erst das Buch aufschlagen und sich des fortlaufenden Stromes seines Inhalts zu vergewissern. Welten aus Worten, Welten aus Gedanken, Aneignung so nicht gekannten Seins.

Zur Perfektion dieses Rituals gehörten noch zwei Vertraute, zwei stumme beredte Teilnehmer: Der Bonzo und der Teufel. Der Bonzo war ein Stoffhund unbestimmter Rasse, etwas zwischen Boxer und Schnauzer, in sitzender Haltung. Er hatte ein glattes Fell, schwarze Pfoten, ein stehendes Ohr und ein Schlappohr, sowie zwei rührende Bernsteinaugen. Er selber sagte nie etwas, duldete aber, daß man mit ihm sprach, und verstand alles, selbst die komplexesten Gedanken- oder Märchenwelten. Den Bonzo hatte die Oma auf dem ständigen Rummelplatz gegenüber dem Märchenbrunnen im Friedrichshain gewonnen, beim Würfeln. Und der Teufel war ein überaus wohlgeformte Figur aus einem unbekannten Kasperle-Theater, die Rudolf Anders selber einmal auf einer Parkbank im Friedrichshain gefunden und mit ausdrücklicher Zustimmung der Großmutter hatte mitnehmen dürfen. Er war herrenloses Gut gewesen, sah beim Gefundenwerden traurig aus und hatte treues Dienen allezeit bereitwillig zugesagt. Dieser schmucke Teufel hatte ein zünftiges rotes Wams, rote Kniehosen mit langen schwarzen Stiefeln, und er trug eine schwarze mit Silberfäden bestickte Jacke, die hing ihm eigentlich mehr auf einer Schulter, als daß sie korrekt angezogen war. Solcherart sah dieser Luzifer sehr keck aus. Er hatte ein lustiges, Übermut andeutendes Gesicht mit einer bemerkenswerten Hakennase, und seine kleinen dezenten Hörner paßten gut dazu. Auf seinen goldgelben Haaren saß ein spitzes Hütchen mit einer Feder dran. Einen Schwanz hatte er auch, jedoch keinen Pferdefuß. Er war von bescheidenem Wesen und wußte keineswegs alles besser.

Auch dieser Idylle machten die beiden Sprengbomben im Mai vierundvierzig ein jähes Ende.
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