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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 12

29. November 2014

– XII –

Kann man sich nach vorn erinnern? Nicht um zu wissen, was auf einen zukommt, mehr so, als ob man dächte: ach so, dies soll ich – auch – einmal erleben, sehen, fühlen, spüren, begreifen…

Bei diesem Gedanken meinte er nicht träumen, sich alles ausmalen, sich etwas vorstellen, sich etwas vornehmen, was unbedingt erreicht werden soll…

Nein, dies nicht. Träumen konnte er gut. Die Welt der Dinge und Gestalten gehorchte ihm durchaus, auf Zuruf sozusagen, er brauchte nicht einmal die Augen zu schließen oder mit den Fingern zu schnicken. Ohne einen Klick liefen die Filme ab, ungezählte Szenen, Begegnungen, Zusammenstöße. Er ließ es einfach geschehen und sagte dann ja oder nein dazu. Als professionelle Leseratte fraß er sich durch die Texte und Produzierte gleichzeitig Kontexte dazu, Kommentare, Kritiken, Ergänzungen, Einsprüche, Widersprüche, Zusprüche. Ein ewiger Strom in seinem Kopf, alles nur im Kopf, im Vorstellungsvermögen, im Gedankenreich, im Bewußtsein, nie auf dem Papier. Nicht, daß er keinen Ehrgeiz hatte, sein Ehrgeiz war grenzenlos, doch die Fülle des Gelesenen, die vielen Stilarten, Macharten, Erzählformen machten ihm oft auch Angst.

Jeder Schreiber, jeder Autor, jeder Verfasser war wie ein Komponist auch ein deutlich erkennbarer Charakter. Wer aber war er? Er nahm ein Blatt Papier, und die weiße Seite starrte ihn an, nicht nur fragend, was willst du sagen?, das hatte er ja eben noch deutlich gewußt, nein, die weiße Fläche drohte geradezu: Würdest du das lesen wollen, was du hier schreiben willst? Wer bist du denn? Was hast du denn schon erlebt? Und Tatsächlich, wenn er es versuchte, es gelang ihm nicht. Nach zwei, drei Seiten erschien ihm alles von ihm über sein Leben Geschriebene fad, flach, abgedroschen, uninteressant. Sein Wissensdurst war immer größer als sein tatsächliches Mitteilungsbedürfnis. Es sprach ja niemand mit ihm. Und er war schüchtern, linkisch, unbeholfen. Er konnte sich andern nicht mitteilen. Seine Großmutter schaute ihn an, er schaute zurück, offen, freundlich, unbefangen, aber stumm, und das hieß: Es ist alles in Ordnung, in der Schule keine Probleme, was er einkaufen sollte, war eingekauft, die Schularbeiten waren längst gemacht, niemand beschwerte sich über ihn, keine Prügeleien, keine eingeworfenen Fensterscheiben, keine Auflehnung, kein Sichbelastetfühlen, Du siehst es doch: Ich spiele am liebsten allein, hinten, in der Kammer. Ich lese, ich beklage mich nicht. Worüber hätte er sich beklagen sollen? Wenn ihn der Freiheitsdrang packte, Bewegungslust, Kontaktbedürfnis, Lust zu schreien, lief er auf die Straße, schloß sich den Kumpels an, die gerade da waren; er dominierte keinen, ließ sich aber auch von niemandem dominieren. Er hatte Spielkameraden, auf der Straße, wenn er es wollte, richtige Freunde, wenigstens einen richtigen Freund, hatte er nicht. Menschliche Ankerplätze, das ja. Werner Hetzel in der Schule, der saß seit der Einschulung neben ihm in der Bank. Nach der einzelnen Rückkehr aus der Kinderlandverschickung dann Heinz Hannemann. Werner war mit den anderen in Österreich geblieben, kam erst ein Jahr später wieder nach Berlin, und Heinz war gleich daheimgeblieben, seine Mutter hatte ihn nicht mitfahren lassen. Im Hause, in der Lichtenberger, gab es nur den noch viel ärmeren Lothar Dahm und seinen ewigen Anhang, seinen kleineren Bruder Arno, und vielleicht noch den schwach mit ihm verwandten Achtelcousin Fred Hubert, doch mit dem sollte er eigentlich nicht spielen, weil dessen Vater schon einmal im Gefängnis war, und weil seine Mutter sich die Haare färbte und – so tratschten die Frauen im Haus – gelegentlich fremde Männer empfing, wenn Walter, der Vater, abwesend war; war es nicht das Gefängnis, war es die Fernfahrerei.

So ab zwölf dann lieber ältere Freund, nur ein, zwei, drei Jahre ältere, aber eben älter. Anlaß zu diesem Verhalten waren die beiden echten Cousins, Annas Söhne, ihr eigener, der Willi, und der angeheiratete, der Heinz. Diese beiden hatten ihn trotz der Verwandtschaft erst in diesem Alter als gleichrangig zugelassen. Für eine angemessene Mitteilungsebene und für ein dazu passendes Teilnahmeniveau reichte es aber bei allen nicht. Die angelesene Welt in seinem Kopf hatte ihre eigenen Gesetze entwickelt. Er kam – genau besehen – nur noch mit den Lehrern klar und mit sich selber. Zumindest schien ihm dies so. Für alle anderen in der Familie und in seiner unmittelbaren Umgebung mußte er seine Gedanken und seine Denkweise vorsichtshalber stets um einige Grade heruntertransformieren. Anregungen von Außen wurden angenommen oder nicht, auch dies lief reibungslos, Er hatte das Grundgefühl: Zu lernen gibt es – gottseidank – eine nicht endenwollende Fülle, und er würde es schon schaffen, das Leben. Es würde einen Beruf geben, welchen?, sicher etwas Technisches, es würde eine Frau kommen, ein paar Jahre noch, dann würde das richtige Leben beginnen. Es würde schon gut gehen, so halbwegs, Gefahren sah er keine. Nur ein diffuser, opaker Schatten war da: das Wort Krieg. Es war aber – zunächst – nur ein Wort.

Außer der Welt im Kopf, die mit jedem Buch größer, schöner, komplizierter und dann wieder deutlicher, deutbarer und schließlich wieder komplexer wurde, außer diesem Weltzirkus oder Welttheater gab es noch die auf eine andere Weise vielleicht noch viel schönere und verlockendere Welt: das Kino! Der Merkur-Palast in der Palisadenstraße war die Zentrale diese Welt, das vertraute Hauptdepot aller visuellen Schätze und unfaßbaren und doch so eingängigen Imaginationen. Hier hatte doch schon seine Mutter die eine Welt, die ärmliche und erbärmliche, eingetauscht gegen die andere, die glatte, die strahlende, die Trostwelt für die kleinen Leute. In der Frankfurter Straße und in der Frankfurter Allee waren die Zweigstellen der Traumbeherrscher: Filmstern, Irapalast, Försterpassage und, und, und… Alle die herrlichen vielversprechenden Namen bekommt die Erinnerung gar nicht mehr zusammen.

Die Litfaßsäule am Dreieck war voller kaum überschaubarer kleiner typischer Plakate. Jedes Kino hatte im Rahmen einer gewissen Bandbreite seine eigene Farbe, seine eigene Druckanordnung, seinen eigenen Mitteilungsstil. Da war es doch, das Leben: bunt, heiter dramatisch mit Tragik und Komik, eben lebendig. Jeden Dienstag und Freitag hatte dieses Leben Programmwechsel. Ausgeschlossen zu glauben, man könnte mit diesem Tempo mithalten. Als Kind war man ohnehin nur am Sonntagnachmittag zugelassen. Ein Grund mehr, zu hoffen, die Kindheit möge schnell vorübergehen.

Kindervorstellung im Merkurpalast. Alles kündigte sich an mit großer Klarheit und der allgemeinen Zustimmung sicher: für Kinder unter vierzehn Jahren zugelassen. Das es Filme gab über vierzehn, über sechzehn, über achtzehn, gar über einundzwanzig!, das hatte durchaus einen ungeschmeckten Hauch von Verruchtheit: Wartet nur, wenn wir erst erwachsen sind, dann… Was das riesige Leinwandgemälde über dem Zugang zum Merkurpalast im kunstvollen Reklamestil versprach, lag meistens über den Limits, die uns Kinder ausschlossen, es sei denn, in den dazugehörigen Schaukästen im langen, breiten und hohen Gang, der zur Kasse im Hof führte, lockten schräge darübergeklebte Papierstreifen: Jugendfrei! Dann war – mit zunehmendem Alter, so ab zwölf – zu überlegen, ob man nicht, so man entsprechend Geld hatte, die zweite Vorstellung vorzog, um der Lärmhölle zu entgehen, die von den dreihundert Kindern inszeniert wurde, mit denen der Besitzer sonntags zur ersten Vorstellung regelmäßig rechnen durfte, und die seinen Saal füllten. Ein Kino besitzen, war eine Lizenz zum Gelddrucken, wie es heute eine private Fernsehlizenz ist (o.k., nicht jede). Die zweite Vorstellung war aber beträchtlich teurer: vierzig oder gar sechzig Pfennige statt der einfachen fünfundzwanzig, deren Beschaffung mühevoll genug war.Wenn dreihundert Sechs- bis Zwölfjährige gleichzeitig reden, ach was, schreien: Ich, ich, ich, hör‘ doch mal, he du, laß das, was willst du, du kriegst gleich’n paar, komm doch her, Feigling, Blödmann, selber Blödmann… Rechts und links an den beiden Eingängen, draußen, ein flinker Abreißer. Drinnen, im rechten und im linken Gang zwei Platzanweiserinnen, auch ein Platzanweiser dabei für härteren Einsatz, aber immer die vertrauten Gesichter. Wechsel brachte nur das Schicksal. Kinobesitzer hielten auf Konstanz. Wir kannten also unsere Pappenheimer genau so, wie die uns kannten. Es ging zu wie in einer Riesenfamilie Viertel- und Halbwahnsinniger. Ordnungsrufe, strenge Blicke, Zurechtweisungen… dennoch blieb alles schiedlich-friedlich. Soweit herrschte ungebrochenes Einvernehmen in diesem Zoo zwischen den Wildlingen und den Bändigern. Ein probates Mittel sorgte schlagartig für Ruhe: wenn der Gong ertönte und – wie wunderbar – das Licht langsam, langsam verlosch. Man knabberte still weiter, soweit es zum Knabberbaren gereicht hatte, und schaute vertraut, vertrauensvoll, gebannt, neugierig nach vorn. Das wahre Leben konnte beginnen.

Fox tönende Wochenschau. Ich bin sicher, diese Fanfare ist in den Genen unserer Generation evolutionsstabil und mutationskonstant fixiert. Alles, was da heute so optisch und musikalisch-akustisch als Vorspann und Trailer läuft, ist dagegen nur eine müde Variation, ein Abklatsch. Damals hat’s uns noch weggerissen. Was diese Woche in der Welt geschah, man war dabei. Diese Gewißheit konnte einem keiner nehmen. Was man gesehen hatte, hatte man gesehen.

Eine kurze Einblendung: Ab Dienstag, ab Freitag in diesem Theater, mehr Werbung gab es nicht. Mehr war auch undenkbar. Schon diese beiden Hinweise fand die zarte Seele als überflüssig; man hatte es doch beim Schlendern durch den langen Gang und über den Hof gelesen, was es alsbald geben würde. Als Kenner, das waren alle, lehnte man sich zurück und rieb sich die Hände: Jetzt kam der Zeichentrickfilm: Popeye oder Mickymouse. Die englische Sprache setzte vertraute-fremde Tupfer ins deutsche Sprachfeld. Nachdenken darüber war überflüssig. Die Welt war wie sie war. Jetzt stieg selbstverständlich der Lärmpegel wieder an. Ein natürlicher Regelkreis hielt das kommentierende oder anfeuernde oder – vor allem – schadenfreudige Gebrüll in Grenzen, man wollte schließlich wenigstens die ereignisleitenden Vokabeln verstehen, obwohl die frappierende Bildersprache umfangreicher Wortzusätze nicht bedurfte.

Der Hauptfilm erhob sein Haupt nach der Pause. In der Pause gingen zwanzig Prozent der lärmenden Besucher – die jüngeren mit der schwachen, noch nicht vollendet erzogenen Blase – pinkeln. Beeilen bitte, wer zu spät von der Toilette zurückkam, mußte von der Platzanweiserin mit der Taschenlampe auf einen freien Platz gewiesen werden, das störte alle und wurde unfein kommentiert: doofe Ziege, oller Dussel. Dann strahlten die drei Buchstaben im auf der Spitze stehenden Quadrat „U-F-A“ oder der wohlvertraute Löwe warf mäßig brüllend seinen mähnigen Kopf herum. Auch die anderen vertrauten Erkennungsmelodien und –Signale der übrigen Traumzauberfirmen streichelten mit dem Charme der Gewohnheit die kindliche Seele. Man wußte, man war in guten Händen. Das Weltgebäude der empfindungsprägenden Anteilnahme ruhte fest auf den drei Säulen: Abenteuer mit Lachen, (Marke Dick&Doof), Abenteuer mit Schießen, (Marke Western) oder Abenteuer mit Herz und Tränen, (Markenbestandteile: Dame, Herr, Arzt, Richter, Bösewicht, Irrtum, Lüge, Verwechslung, Gemeinheit, Happy End); bis auf das Letzte alles wie im richtigen Leben. Das Universum der möglichen Ereignisse war perfekt. Kontingent war nur die Form. Der Inhalt blieb stabil.

Drei herausragende Ereignisse sollen erinnert werden: Erstens ein Film über den irischen Freiheitskampf gegen das böse England mit einem hundsgemeinen Meuchelmord der Iren und der unerschütterbaren Gerechtigkeit Englands erforderte einen Hut und einen langen Mantel, denn der Film war über sechzehn, und man war doch leider erst im Konfirmandenunterricht. Das Problem wurde mit der angedeuteten Chuzpe bewältigt, obwohl damalige Kassendamen und Kartenabreißer die Präzision eines heutigen Supermarktkassenscanners fast erreichten, wenn es sich darum handelte, das Geburtsjahr eines zu jung aussehenden, bartlosen Knaben zu fixieren. Die Mädchen als Damen hatten es hierbei bedeutend leichter, waren allerdings in der Regel weniger frech.

Ins gleiche Reizklima gehörte der Film „Über die Prärie“ mit Jeanette McDonald. Es war mein erster Film über einundzwanzig! Und es war der allerletzte amerikanische Film, den ich vor 1945 gesehen habe. Es muß also vor Pearl Harbor gewesen sein. Ich war somit knapp vierzehn, aber: einen Meter und dreiundachtzig groß. Das war die halbe Miete. Die andere Hälfte verdanke ich den beiden hauseigenen Cousins, Die hatten große Hüte und herrlich lange Mäntel. Der Kern der Handlung muß erzählt werden: Die Dame sucht ihren Bruder, der wird gejagd, sie glaubt an seine Unschuld. Die Dame ist bildschön und kann reiten. Sie macht sich auf durch die bergige, waldreiche Wildnis zwischen USA und Kanada. Der Verfolger, ein Rangeroffizier und unerbittlicher Mann der Pflicht, ist ihr immer auf den Fersen , das heißt auf der Hufspur ihres treuen Pferdes. Er liebt die Dame, aber Dienst ist Dienst. Die Dame hat für die Nacht ein helles Zelt dabei. Sie muß in Physik schlechte Noten gehabt haben, oder sie war im Streß der tagelangen Verfolgungsjagd einfach schusselig. Jedenfalls kleidet sie sich zur Nacht im Zelt um, zieht sich freimütig, sie wähnt sich ja mutterseelenallein, bis auf die Haut aus und steht als umwerfender Schattenriß zwischen der als Projektionsleinwand wirkenden Zelthülle und ihrer grellen Benzinlampe. Der Held unserer Geschichte war so nachhaltig beeindruckt wie der Ranger. Die Lösung dieser Geschichte versank im Erinnerungsdunkel der tausende von Filmen, die seitdem von ihm gesehen wurden. Unauslöschlich aber sind die edlen und artigen Kurven der Jeanette McDonald in seiner Seele geblieben.

Das dritte und letzte Beispiel soll diesen Teil der Erzählung beschließen. Als dieser tränenreiche und schicksalsschwere Film für mich vorüber war, erlebt auf der damaligen Riesenleinwand des Ufa-Palastes am Alexanderplatz, da kam ich gerade noch bei Voralarm im Laufschritt durch die verdunkelten Straßen hetzend nach Hause und in den vertrauten Luftschtzkeller. Als ich am nächsten Morgen um Viertel vor sechs mit der Straßenbahn den Alex erreichte, es galt, in die S-Bahn umzusteigen, um zur Lehrstelle bei Telefunken in Zehlendorf zu gelangen, da stand der Ufa-Palast noch in hellen Flammen. Das schöne moderne Kino mit dem so herrlich geschwungen ansteigenden Zuschauerraum, der schöne Film „Die große Liebe“ mit Zarah Leander, alles hin.

Es folgten noch einige Filme, wie die Sache mit dem bunten Luftballon der Marika Röck, denn Josef Goebbels wollte einfach nicht kleinbeigeben, aber ein Filmzeitalter brachten die Brand- und Sprengbomben jedenfalls konsequent zu Ende.

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