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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 11

28. November 2014

– XI –

Er ging mit Elisa schon seit einer halben Stunde, ach länger, und er schaute auf die Uhr: knapp halb vier. Fast eine Stunde waren sie beide auf den ebenen, gepflegten Wegen des Parkrings entlang gegangen, erzählend, immer mal wieder stehen bleibend, auf die überall hervordrängenden Schneeglöckchen zu schauen, die ersten vereinzelten Krokusse zu bewundern, weil man in jedem Frühjahr denkt, je älter man wird, solche Vollendung zuvor kaum bemerkt zu haben, Blütenkätzchen hörte man mit ihren gelblichen Härchen fast schnurren, und bei unbekannten prallen Knospen fragten die beiden einander, was hier wohl blühen wolle, Forsythien oder Mandelbäumchen oder… Wenn sie’s nicht wußte, er wußte es schon gar nicht. „Weißt du,“ gab er lachend zu, „Bäume kann ich nur unterscheiden und auseinanderhalten, wenn sie Blätter zeigen, jedenfalls bei den gängigsten, und bei Obstbäumen müssen Früchte dranhängen, ihre Blüten sind für mich ununterscheidbar.“

Nun lachten beide. Ihre Altstimme versetzte ihn in Schwebelaune. Er hätte gern über etwas anderes geredet, als Elisabeth mit großer Bestimmtheit sagte: „Du, ich hab‘ Kaffeedurst. Laß uns dort drüben am kleinen Teich in das Pavilloncafé gehen, einen schönen Eckplatz suchen, und dann erzählst du mir etwas über Begegnungen mit jüdischen Menschen, soweit und sofern du dich erinnerst. Du weißt ja, ich bin vierundvierzig geboren. Wenn ich heute darüber lese, stehen die Fakten unabweisbar vor mir, aber die Gefühle der realen Menschen von damals, das sind Kleider, die ich anprobieren will, und die mir meist nicht passen. Ich möchte hineinschlüpfen, immer ist alles zu weit oder zu eng. Die Ärmel sind zu lang oder viel zu kurz, und der Schnitt, das ist das Befremdendste, die ganze Mode ist so unvertraut, so weit weg; und ich weiß doch ganz genau: Dies haben die Leute seinerzeit getragen, so sind sie einander begegnet…“

Er schaute sie an und nickte. Verstanden hatte er sie wohl. Was aber konnte und sollte er erzählen? Als der Krieg endete, war selber noch nicht siebzehn. Seine Geschichten würden und konnten die geschehene Geschichte und das durch sie bewirkte Verhängnis nicht einfangen. Wessen Geschichten können das schon. Jede Aussage, auch die klarste, die aufrichtig als Wahrheit angestrebte, mußte notgedrungen eine partielle und systematisch unvollkommene Annäherung an subjektives Erleben und einseitig Beobachtetes sein und auch bei der präzisesten Formulierung nur ein Schemen des Ganzen bleiben, das man nicht kannte und somit nicht sagen konnte.

Als sie sich im Café in die linke Ecke gesetzt hatten, von wo aus man durch’s niedere Fenster den kleinen künstlichen See mit den Enten sehen konnte, sagte er zögernd zu ihr: „Du weißt ja, ich kenne nur die Lichtenberger Straße.“

Unser Hauswirt hieß Friedeberg. Er war älter als meine Großeltern. Als die beiden mit ihren sechs Kindern von Magdeburg kamen, vor dem ersten Weltkrieg, hat der Herr Friedeberg, für den das – zumindest in der Fassade – stattliche – Haus die Alterversorgung war, den nach Unterkunft und Bleibe fragenden Großvater die einzig freie Kellerwohnung angeboten, welche die Großeltern dann auch sofort annahmen und dankbar bezogen. Aber – der Opa hat nie versäumt, es beim Erzählen zu erwähnen – der Herr Friedeberg hatte ihnen sofort versprochen: „Wenn weiter höher was frei wird, könn’se da einziehn.“ Die Lichtenberger war ein stabiles Milieu. So schnell zog man dort nicht aus oder um. Als ich geboren wurde, waren alle Geschwister meiner Mutter verheiratet und aus dem Haus. Einunddreißig heiratete die Herta auch, den Musiker, und war in die Krautstraße gezogen. Fünfunddreißig konnten wir drei, die Großeltern und ich, dann endlich hinauf in den dritten Stock ziehen. Der Hauswirt hatte sein gegebenes Wort gehalten.

Der alte Herr Friedeberg, so nannte ich ihn, obgleich ich ihn selten zu Gesicht bekam und somit kaum kannte – er ging nur noch gelegentlich auf die Straße – dieser Hauswirt war ein Patriarch, der die Menschen, die von ihm abhingen, genau kannte und sie gewähren ließ, soweit sie sich an die Spielregeln hielten. Hektische Veränderungen gab es in seinem Hause nicht. So wie mein Weltvertrauen im schmucken und festgefügten Prachtbau der Reichspost bei uns gegenüber seine steinernen Fundamente hatte, so hat dieses Weltvertrauen seine institutionellen Wurzeln in diesem milde ausgeübten Patriarchat des alten Herrn Friedeberg. Die Miete, laut Bürgerlichem Gesetzbuch eine Bringeschuld, wurde ihm buchstäblich in die Wohnung gebracht. An jedem Monatsersten ging mein Großvater ins Vorderhaus, in den ersten Stock, wo die Friedebergs, als einzige im vornehmen Vorderhaus, die gesamte Etage bewohnten, acht Zimmer mit zwei Balkonen. Der Opa wurde immer hineingebeten, ins Herrenzimmer, mußte sich setzen, bekam einen Schnaps, den der Opa pro forma ablehnte, den er aber – „den einen können sie ruhig trinken, lieber Herr Anders, der schadet keinem“ – dann doch gern und mit Genuß trank; („Diese Leute wissen, was jut is.“). Opa zählte das Geld auf den Schreibtisch und bekam die quittierende Unterschrift ins kleine blaue Mietbüchlein und – zu Feiertagen – sogar eine noble Zigarre. Als ich zehn war, durfte ich die Miete hinaufbringen. Der alte Friedeberg, wie wir Kinder ihn wie gesagt respektvoll genannt hatten, war zu dieser Zeit schon tot. Die zierliche Unterschrift der stillen Dame, klitzeklein aber wie gestochen mit spitzer Feder geschrieben, sehe ich noch heute vor mir. Ich bekam selbstverständlich keinen Schnaps und keine Zigarre, aber setzen mußte ich mich auch, im Wohnzimmer auf einen seidenbespannten Biedermeierstuhl, so vornehm, daß die Oma sagte: Zieh dir bloß ne saubere Hose an, so kannste da nich ruffjehn.“ Sie zog mir einen schnurgraden Scheitel (mit Spucke) und ermahnte mich, stille zu sitzen da oben. Aber es ging überhaupt nicht streng zu. Frau Friedeberg hatte (im Windschatten der Geschichte?) noch ein Dienst“Mädchen“, eine ältere Frau, die ihr – sie war doch ziemlich gebrechlich, hielt sich aber preußisch senkrecht – beim Einkaufen und im Haushalt zur Hand ging. Diese Hilfe führte mich hinein, wo im Wohnzimmer die schlanke Dame mit ihrem vollen noch ganz dunklen Haar schon auf einem der Seidenstühle saß. Ich mußte von der Schule erzählen, wurde für meine bekannt guten Zeugnisse gelobt, mußte berichten, was ich zur Zeit las, meinen Lesehunger kannte, billigte und förderte sie mit dezenten Hinweisen. Auch an Buchgeschenke kann ich mich erinnern. Nie hat sie mich getadelt, obgleich ich mit den anderen Kindern viel zu oft im Hof herumtobte, jedenfalls so lange, bis die Portierfrau, die Oma Köly, die weniger zart besaitet war, uns mit barschen Worten vertrieb. Ich bekam „Teegebäck“ („Friß bloß nich so viel davon, det jehört sich nich“, bremste die Oma vorher) und einen Fruchtsaft. Ich verabschiedete mich mit einem korrekten Diener, und die Oma sagte nachher: „Nu weeßte, wat ne jebildete Dame is.

Im Flur der Friedeberg’schen Wohnung hing der dunkelbraune Pelzmantel der Hauswirtin, am Revers der schwarzumrandete Stern. Aber sie selber ging nur auf die Straße, wenn sie zum Arzt mußte und der nicht zu ihr kommen konnte. Telefon hatten sie ja nicht mehr (haben dürfen!).

Frau Friedeberg starb noch vor Beginn des Krieges. Kinder hatten sie wohl nicht. An andere Familienpersonen kann ich mich von selber nicht erinnern, auch nicht an entsprechende Gespräche der Erwachsenen über solche Verhältnisse. Die Nachfolger auf der ersten Etage waren ein Fabrikantenehepaar mit einer hübschen jungen erwachsenen Tochter, Mitte zwanzig. Er war Direktor in einer Papierfabrik in Weißensee. Ob sie das Haus gekauft hatten, weiß ich nicht. Die Miete mußte jetzt jedenfalls auf ein Konto eingezahlt werden. Mit der blauen, von mir ausgefüllten Zahlkarte in der Hand und mit stolzgeschwellter Brust ging ich nunmehr jeden Monat zur Post in die Schalterhalle, in der klaren Gewißheit, der wachhabende Beamte am Haupttor konnte mich am Betreten der Post nicht hindern.

Es ist nicht meine einzige Erinnerung an dieses Thema. Wenn wir schon dabei sind, soll das Übrige ebenfalls erzählt werden.

Eine Lieblingsgeschichte von der Oma Anders: „Also ick steh‘ am Wagen, wa, die besten Äppel sind uffjestapelt. Kommt ne Dame, Kapotthut mit Schleia, Handschuhe an, un‘ sacht zu mir: `Wennse mer werdn gebbn von oben, werd ich nähmen halbes Pfund`, na der habik vielleicht wat azählt, `von oben`, wat jlobt sone Jüdsche denn, womit ick handle, etwa mit faule Äppel?“

Eine andere Geschichte. Ich spielte barfuß in der Nähe des Obstwagens. Die Oma sah das nicht so gern wegen des mäßigen Autoverkehrs in der Palisadenstraße. Es sah nach Regen aus. Die Plane am Wagen war schon aufgespannt und festgezurrt. Dann kam der Wolkenbruch. Kurz zuvor war die vorausschauende Großmutter mit mir über die Straße gegangen in den Schuhkeller rechts neben dem Merkurpalast. Der kleine beflissene Jude scharwenzelte um die Großmutter herum: „Nu bittescheen, meine Dame…, was die Oma partout nicht leiden konnte: „Ick bün nich ihre Dame…“ aber ruck-zuck hatte ich ein Paar Schnürstiefel an. Die Strümpfe dazu gab’s gratis, geschenkt, um die Oma bei Laune zu halten. Dann – wie gesagt – der Wolkenbruch. Die Straße stand im Nu halb unter Wasser. Trotz des Schimpfens sprang ich fröhlich platschend durch alle Pfützen. Das Regenwasser gurgelte meterbreit am Rinnstein, und die Gullys quollen über. Noch etwas quoll auf: Meine nagelneuen Schuhe lösten sich in Nichtwohlgefallen auf! Die Sohlen waren mehr aus edler Pappe, denn aus edlem Leder. Heulend und voller Schrecken zeigte ich das Malheur der Oma. Die fauchte: „Na, dem werd ick wat flüstan…“ Sie zog mir die Schuhe aus, ließ mich mit den nassen Strümpfen in der Hand am Wagen stehen und lief schnurstracks hinüber in den Schuhkeller. Was sich darin abgespielt hat, kann ich nicht bezeugen. Marie Anders kam postwendend wieder zurück, ein Paar weitere quietschneue Schuhe im Triumph mit der Hand schwenkend. Ich zog sie an und trollte mich davon. Sie haben so lange gehalten, bis ich herausgewachsen war.

Ich war ein kränkliches Kind. Die Kellerwohnung war zu dunkel und ausgesprochen muffig. Lüften allein und die sprichwörtliche Sauberkeit der armen Leute – arm aber sauber – konnten den sozialhygienischen Mangel nicht kompensieren. Der gesamte Hof war unterkellert, war zwar mit Lattenrosten abgesperrt, unzugänglich und ungenutzt, aber alles feucht und voller Schimmel. Sanierung zwecklos und gewiß zu teuer. Ratten gab es gelegentlich auch. Der Hofkeller war das reinste Labyrinth. Die Fürsorgeschwester in der städtischen Sozialstation in der Krautstraße, wo sich die Großmutter alle Vierteljahr vorstellen mußte, mit mir selbstverständlich, tippe auf Rachitisverdacht, verschrieb kostenlosen Lebertran und gab der Oma Gutscheine für Nährpulver mit. Dennoch war ich alle Augenblicke erkältet, hatte zweimal Diphteritis, was immer dies gewesen sein mochte – das Wort ist heute ausgestorben – seinerzeit wurde es in der Lichtenberger gehandelt als Bezeichnung einer vielleicht milden oder Pseudoform der Diphterie; sie war die wahre Bedrohung. Röteln hatte ich auch (Fenster verhängen; ein spannendes Erlebnis), Masern und Ziegenpeter aber nicht. Kurz: Der Hausarzt war oft in unserer Wohnung.

Der Hausarzt war Doktor Markus aus der Weberstraße. Er war Jude. Das wußte ich als Kind, weil es ihm wie ein Orden umgehängt wurde: Die jüdischen Ärzte sind die besten, punktum, darüber war nicht zu diskutieren. Die Arbeiter wußten, was sie wußten.

Jetzt fällt es mir ein: Den Doktor Markus rufen, anrufen, das war gewiß einer der prinzipiell seltenen Anlässe, zur Post zu gehen und zu telefonieren. Wenn er kam, und er kam sogleich und unverzüglich, hatte er einen dunklen Paletot an mit braunem Biberkragen. Den Mantel legte er übers Ehebett, öffnete seine lederne Klapptasche mit den Messingbeschlägen, nahm das gerade hölzerne Hörrohr heraus, horchte, und vor allem klopfte er lange, lange, lange auf meinem Rücken, immer mit einer Hand auf die andere schlagend. Heute liest man: Die Ärzte können ja nicht mehr auskultieren. Neben mein Bett hatte die Oma einen Stuhl gestellt, darauf Waschschüssel, Seife und Handtuch. Man wußte, was sich gehört. Wenn er sich – mehr symbolisch als real – seine Hände gewaschen hatte, sagte er in einem Ton, der eine ganze pharmazeutische Industrie ersetzte: „Mariechen, das wird schon wieder!“

Warum Doktor Markus von uns noch Geld zu bekommen hat, weiß ich nicht. Opa und Oma waren gewiß in der AOK, und ich werde doch wohl als uneheliches Kind unter der Aufsicht eines Amtsvormundes und der Fürsorge krankenversichert gewesen sein. Wie auch immer, als sich 1938, nach der Reichskristallnacht, Frau Markus erschossen hatte, „ging“ Doktor Markus nach Südamerika. Mein Onkel Karl wohnte ebenfalls in der Weberstraße. Wir gingen nach einem Besuch bei ihm am Hause von Doktor Markus vorbei, wo er im ersten Stock residiert hatte, und die Großmutter sagte: „Det Schild is ja noch dran. Hoffentlich isser jut rüberjekomm,“ und sie fügte hinzu: „ Nu kann ick ihm det Jeld nich mehr jebn, detta noch ßu kriegn hat von mir.“ Vielleicht hat er ihr aber auch einmal mit Geld aus einer Verlegenheit geholfen.

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