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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 10

27. November 2014

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„Die Dinge des Lebens“ heißt ein großartiger Film mit der Schneider und mit Piccoli, dem wohl in Deutschland beliebtesten französischen Schauspieler. Die Bilder des Films erzählen gottseidank kaum etwas vom Vögeln, sondern in aufregender, ehrlicher und nachvollziehbarer Weise von den möglichen Glanzlichtern unwiderstehlichen Verliebtseins, von den zuckenden Blitzen des Begehrens, von den weltverdüsternden Wolken der Eifersucht und den kurzen, reinigenden Gewittern des entschlossenen Forderns der Trennung, die dann das Letzte ist, was man wirklich wollte. Geschichten über diese dramatische Trias gibt es so viele, wie es Menschen gibt. Es heißt aber immer wieder mit geradezu beschämendem Wiederholungszwang: Die Männer wollen immer nur das Eine. Fragt man knallhart zurück: Na was denn? Erwidert jede Antworterin pikiert: Na was schon! Ein großer – leider verstorbener – Soziologe Erklärte trocken: „Die Frau liebt den Mann; der Mann liebt die Liebe.“ Die Liebe!, ihr Froschküsserinnen, die Liebe und nicht das primitive Reinstecken, schnell hin- und herbewegen (ficken, laut Wörterbuch) und dann verduften.

Daß die Himmelsmacht Liebe bei aller ihrer Allgewalt bei keiner und mit keiner Froschkönigin ewig dauert, darf auch die feministischste Buchhalterin am Zahltag nicht nur den männlichen Beschäftigten auf den Zahlzettel schreiben. Die Spitzenprodukte (?) der biologischen Evolution in ihrer weiblichen und männlichen Gestaltung passen eben nur an einer Stelle großartig zusammen: in der Mitte, wie die kluge Mutter eines freimütigen Leserbriefschreibers neulich in einem rotgeränderten Nachrichtenmagazin schrieb. Alles weitere, und das ist das Ganze in seiner beschreibbaren unbeschreiblichen Vielfalt, alles weitere ist Arbeit, Geduld, auch Verzicht und Phantasie; Irrtümer, Niederlagen und Fehler inbegriffen. Ihr sollt sein ein Fleisch ist eben – trotz Bibel – zu einseitig. Aber die Bibel selbst ist ja alles andere als einseitig. Ebenfalls nicht einseitig ist die Weltgeschichte, gespiegelt in der Weltliteratur und im Alltag. Wer seinen Frosch voller Vorurteile ungeprüft an die Wand wirft, statt ihn mit ins Bett zu nehmen, ihn anzuwärmen und mit Fliegen zu füttern, damit er gestärkt einschläft und nicht zur Seite springt, ist so leicht-fertig wie der unachtsame Prinz, der sich von der erstbesten Hexe in einen Frosch verwandeln läßt.

Alle ernsten Späße beiseite: Woran Frauen und Männer denken oder was sie wollen, kann als abstrakte Frage doch nur so unfruchtbar sein wie der mittelalterliche Universalienstreit: Nomina realia sunt, wenn der Kontext es so will oder zuläßt. „Ich liebe dich“ (ob ante rem, post rem oder in re), kann eben alles bedeuten oder nichts, je nach dem, wer es wann, wie, wo, wem, wozu und auf welche Art und Weise sagt u n d was ein kompetentes Kommunikationssubjekt aus eigenen Erleben heraus damit anzufangen und daraus zu machen weiß. Am unübertroffendsten dabei ist vor allem die Unverbindlichkeit für Dritte. Wenn ein Mann, in der linken Hand das schnurlose Telefon, es mit dem Mittelfinger seiner rechten Hand nicht wagt, die Wahlwiederholungstaste anzutippen, ist als erklärende Beschreibung oder als beschreibende Erklärung dieses Zögerns vieles denkbar: Mit dem Attribut der Gültigkeit als jeweiliger Wahrheit dürfte ein zufälliger Beobachter dieser Szene aber nur operieren, wäre er mit der vollständigen Vorgeschichte des Handelnden, also des Zögernden tatsächlich vertraut. Einen solchen Beobachter gibt es aber nicht. Warum zögert unser Held?

Zögern beim Handeln in Liebesdingen kann die Bedingungen der Möglichkeit des Liebens im Entscheidungsbereich des Liebenden durch Vergrößerung der Attraktionskräfte zwischen den Liebenden nur bereichern. Im Kontingenzraum der phantasierten Möglichkeiten macht der Spötter Feyerabend keß die Gesetze: Anything goes!, behauptet er. Von den Riesenschwingen der Phantasie getragen gelangt man tatsächlich überall hin. Doch wenn der Erzähler dieser Geschichte auf seinen Lieblingsautor hören soll, – und das will er -, muß er dessen Richtigstellung des Feyerabend’schen Dictums beachten: Alles geht eben nicht; es geht nur, was geht.

Wem soll er seine kleine Geschichte erzählen, wenn seine Elisabeth nicht mehr auf dem Biedermeiersofa sitzt? Wenn sie nicht mehr mit ihm Hand in Hand über die Parkwege des von Adenauer den Kölnern großzügig geschaffenen Grüngürtels geht und lachend ihre Mißbilligung verbirgt, wenn sie ihn fragt: „Wo hat sie dich mit neun Jahren hingeschickt? In die Pfandleihe?

Ja, Elisa, am Donnerstag war nicht selten das Geld alle. Hätte sie nicht rauchen müssen…, hätte nicht die häufige Migräne nach Kopfschmerzpulvern und Spalttabletten verlangt…, gut, oder richtiger: nicht unbedingt gut, aber wenn ihre Entscheidungsfähigkeit nicht von Depressionen beschnitten war, ging sie diesen schlimmen Weg zum Straußberger Platz selber. Meist nahm sie mich mit, daher kannte ich die Prozeduren: Anstehen in der Schlange und warten im Schalterraum oder gar schon im Vorraum. Die Großmutter war schließlich nicht die Einzige, die hier die vermeintlich sinnvolle Notbremse zog. Dann das beschämende Feilschen um den Gegenwert des vorgewiesenen Pfandgutes. Schließlich die Entgegennahme des Pfandscheines und das schnelle Einstreichen der ausgezahlten kümmerlichen Schuldsumme. Sein Magen drehte sich schon zusammen beim bloßen Zusehen. Nun gar erst, wenn er selber allein und mit dem Gefühl völliger Ausweglosigkeit im Herzen vor diesem Schalter stand. Dahinter konnte sich ein gleichgültiges Männergesicht zeigen, oder – gottseidank – das vertrauenerweckende Gesicht der Frau des konzessionierten Pfandleihers, Sie kannte die Oma nicht nur als Bittstellerin vor ihrer Barriere, sie wußte genau, wer die Großmutter war, kannte den Obstwagen, kannte meine Mutter, die als junges Mädchen ebenfalls vor ihr gestanden hatte, von ihrer Mutter zu diesem Bittgang genötigt. Mutter und ich, wir sprachen sonntags darüber, aber nur, weil ich hier nicht lügen wollte, wenn sie mit Nachdruck und Abscheu fragte: „Schickt sie dich jetzt auch schon…“ Das war noch schlimmer als das Flehen vor dem Schalter, wenn der Mann dahinter saß.

Zum „Versetzen“ gab es naturgemäß nicht viel. Die Auswahl war dual beschränkt: Das lange schwere Seidenkleid, sehr dunkelblau mit ganz kleinen fein verteilten weißen Punkten, einem Spitzenkragen und der schweren Bleischnur im untersten Saum oder – der Ehering aus elendem 333er Gold, der einzigen Preziose in der Familie. Mir war der Ehering als Auftragsgegenstand lieber als das Kleid: Den Ring konnte ich in die Tasche stecken, so daß niemand ahnen konnte, welchen Gang ich zu gehen hatte.

Pfandleiher oder Ehefrau, beide hätten mich wohl zurückweisen müssen als nicht voll geschäftsfähig für einen solchen Auftrag. Das taten sie beide nie. Geschäftsmäßig wurde gefragt, wieviel man wolle? Ich hielt mich heraus und antwortete: „Meine Oma braucht drei (oder fünf) Mark.“ Der Pfandleiher sprach vom Wollen, die Bittsteller sprachen vom Brauchen. Wohin wäre man gekommen, hätten schon die Pfandleiher vom Brauchen gesprochen. Übrigens: Weil dies Thema in der Abfolge der Erzählung unvermeidbar werden wird, soll es gleich hier gesagt werden: Die Pfandleiherfamilie hieß zwar Weiß, aber es waren keine Juden! Ob ich sicher bin? Ganz sicher, denn die Großmutter hatte unwidersprechbar erklärt: „Sie is ja janz passabel, aber er, det is een weißer Jude.“

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