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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 9

25. November 2014

– IX –

Was weiß er überhaupt von Frauen? Ist das eine Frage des Alters, also der Erfahrung, oder eher das Ergebnis der eigenen Disposition, der eigenen Gegebenheiten, geworden im Dschungel der Zufälligkeiten, die man Biographie nennt?

Es gibt den Schlagertext: „Ein Sonntag im Bett…“. Man braucht nicht zu ergänzen, es sei ein ganzer langer Sonntag gemeint, der Schlager macht selber deutlich, ein Quicky hat er nicht im Sinn. Sondern tatsächlich das, was wir in unserer Jugend einen Gummisonntag genannt haben, eine bewußt in die Länge gezogene Zeitspanne voller Möglichkeiten, die nicht sogleich aus Hektik zu Wirklichkeiten werden mußten. Schlager reden und singen von dem, was sich die Menschen wünschen, es aber nicht haben. Zeit und Geduld für Zärtlichkeiten. Wissen, man könnte und möchte, muß aber nicht, nicht gleich, nicht immer. Sich von sich selber überraschen lassen, ohne gleich zu denken, was Michael Douglas oder Sharon Stone jetzt täte… Kurt Tucholskys Mahnung: „Und darum wird beim Happy End im Kino meistens abjeblend…“ wird ja leider von den bösen Hollywoodbuben heutzutage fast nie beachtet. Kamera voll drauf, der ganze Set drumherum schaut gelangweilt zu, stellvertretend für die vorweggenommenen Millionen Zuschauer, und dann folgt erbarmungslos das gesamte Repertoire, das seit der Steinzeit immer gleiche, auf das auch die liebevollste, die zärtlichste, die phantasievollste Phantasie ohne einen schamlosen Gedanken ans Copyright unausweichlich angewiesen ist.

Niemand kann reinen Herzens sagen: Dies hier ist mir eben so eingefallen, meine Hände, meine Fingerspitzen, mein Mund haben das intuitiv komponiert, weil auch die wohlwollendste Partnerin an einen der letzten zwanzig Filme denken wird. Man fragt sich unausweichlich, was die eigene Einstellung (!) zum lieben Liebesspiel geprägt haben mag.

Geprägt ist eine Vokabel der Verhaltensforscher, Konrad-Lorenz-Deutsch wahrscheinlich. Das Graugansküken, das man selber ja auch einmal war, läuft wie gefesselt einem am Bindfaden gezogenen Schuhkarton hinterher, ihn treulich für die liebe Graugansmutter haltend, falls dieser Karton zufällig, (oder im Verhaltensexperiment so gewollt), das erste Objekt war beim Erblicken des Lichtes in dieser Welt. Dieses Objekt muß unser armes Gänseküken dann unausweichlich besetzen. Also fragt man sich bei der eigenen Selbsterforschung, was war der erste „Karton“, der das eigene erotische Verhalten geprägt hat oder haben könnte.

Auf etwaige genetische und dann wahrscheinlich im Stammhirn gespeicherte Fixierungen auf die Gestalt des Weiblichen soll besser nicht eingegangen sein. Der berliner Volksmund, soweit er männlich ist, sagt es mit aller wünschenswerten Überdeutlichkeit: „Eine F…. Frau zieht mehr als zehn Pferde.“ Dazu die folgende ureigendste Erinnerungsspur:

Sommertag am Orankesee im Osten Berlins. Unser kleiner Held, allerhöchstens fünf Jahre alt, liegt in der Sonne ausgestreckt auf dem Bauch auf einem Handtuch. Seine Großmutter hockt barfuß im Unterrock auf einem Klappstuhl im Halbschatten einer der Kiefern, die den See mit seinem Sandstrand umgeben. Der Opa ist im Wasser, er schwimmt gern, gut und ausdauernd. Sein Enkel dagegen ist wasserscheu.

Am Strand herrscht kein Gedränge, es ist noch früher Vormittag. Der Junge hebt den Kopf, schaut zwangläufig geradeaus und sieht…, nein, ahnt mehr als er sehen kann…, was denn? Er hat außer sich selber noch nie einen völlig nackten Menschen gesehen. Die Oma im bodenlangen Nachthemd, der Großvater in langen Unterhosen. Unmittelbar vor ihm aber, keine fünf Meter entfernt, hat sich eben eine junge Frau hingesetzt, die geradewegs aus einer der Umkleidekabinen gekommen ist. Sie war zuvor schwimmen gewesen, den nassen Badeanzug hatte sie neben sich in die Sonne gelegt zum trocknen. Sie saß jetzt mit Schlüpfer und Büstenhalter – so hieß das damals -, die Arme hinter ihrem Rücken aufgestützt, ihr Gesicht schräg in die Sonne haltend breitbeinig vor ihm. Die Schlüpfer dieser Jahre hatten sehr weite, mit schmaler Spitze besetzte lockere Hosenbeine. Die Frau war „alt“ – aus der Sicht des Jungen -, etwa fünfunddreißig; (die Oma war „uralt“, nämlich zweiundfünfzig). Der Junge starrte – wahrhaftig – gebannt in den offenen Schlüpfer hinein. Er sah die gewohnte helle Haut eines weiblichen Oberschenkels im Dämmer vergehn, deutlich dunkler werdend im Halbschatten des Schlüpferbeins. Es war da auch Rabenschwarzes zu sehen, mehr zu ahnen als zu erkennen, deutlich undeutlich genug, bis auf die offensichtliche Gewißheit: Da war tatsächlich nichts, alles glatt, braun und schwarz. Ein grandioser, niemals geahnter Unterschied, wenn auch nicht mit letzter Deutlichkeit zu unterscheiden.

Es war in der Hauptschaltzentrale ein gewaltiges Erlebnis, allerdings kein bewußt sexuelles, denn er hatte keinen Namen für diese unbekannte Landschaft. Hätte er reden müssen, sagen wir als eingeforderte Zeugenaussage, wäre maximal zu sagen gewesen, er habe den Po dieser Frau gesehen. Obwohl: der Po hat dies ja nun wohl doch nicht sein können. Und auch die ungezogenere Form des Wortes, welches er selbstverständlich von der Straße her kannte, hätte das so deutlich-undeutlich vor ihm ausgebreitete Geheimnis nicht korrekt benannt. So viel war ihm bewußt, aber wen sollte er fragen? Und ein Lexikon mit verbotenen Seiten gab es daheim nicht.

Und dann geschah das Ungeheuerliche, das wahrhaft Unvergeßliche: Die Frau, die bisher verträumt und andächtig in die Sonne geschaut hatte, senkte ihren Kopf und öffnete die Augen und – schaute ihn an. Sie schaute ihm direkt ins Gesicht und verzog keine Miene. Er auch nicht. Beide ließen sich nichts anmerken, und niemand bemerkte etwas von dieser Situation. Ein geheimes Einvernehmen herrschte zwischen zwei Generationen. Gewiß nicht getragen vom gleichen Motiv. Für den Jungen war es trotz aller weiterwebenden Naivität ein Ereignis der Initiation. Was aber hätte seiner überbordenden Neugier auf ihrer Seite entsprechen können? Er machte sich über all dies keine Gedanken. Er schaute und schaute und schaute. Nach einer unendlich langen Minute nahm die Frau langsam und wie absichtslos und selbstverständlich ihre gespreizten Beine wieder zusammen, drehte sich um und legte sich in aller wiedergefundenen Keuschheit auf den Bauch, als wollte sie schlafen. Manchmal scheinen ihn ganz leichte und zarte Gravitationswellen dieses Urbebens immer noch zu erreichen, obgleich doch das Epizentrum solchen Nachklangs im Verlaufe der vergangenen fünfundsechzig Jahre in ganz unterschiedlichen geologischen Zonen des Erlebens gelegen hatte.

Diese Arché, diesen Anfang, der in jedem immer schon angefangen hat, wenn man noch gar nicht weiß, wie weit man schon mitten drin ist im Strom des Lebens, diesen Beginn einer selbstmächtigen Vorstellungs- und Anschauungswelt vermag er in Gedanken, als Intuition, als denken von Etwas, nach Wunsch oder nach Bedarf und Bedürfnis immer wieder und immer noch zur Resonanz zu bringen. Die ursprünglich mit dem geschilderten Anblick verknüpfte brunnentiefe Neugier verwandelt sich mit den Jahren innigerer Bekanntschaft in ebenso tiefe und freudevolle Zufriedenheit. Auf diesen „Karton“ hatte ihn der freimütig gewährte und gewährende Blick der unbekannten Frau am Strand des Orankesees „geprägt“ und fixiert. Alle späteren Erlebnisse mit dieser Landschaft waren oft großartige Bestätigungen, aber – ohne jemanden kränken zu wollen – über ein déja vous sozusagen konnte keine Reise mehr hinausgelangen. Ob dem großen Siegmund derartiges vorgeschwebt hatte, wenn er für das triebgesättigte Fundament frühkindlichen Seins die terminologische Umschreibung polyvalent-pervers wählte?

In diesem Zusammenhang dachte er unausweichlich immer, es gebe den großen Regisseur auf irgendeine Weise wohl doch, denn vierzehn Jahre später, der Krieg war vorbei, Reicharbeitsdienst, Wehrmacht und Gefangenschaft waren Vergangenheit, und er war trotz manchem Fastzugriff des Lebens noch immer unschuldig oder Jungfrau, was immer dies nach all dem heißen mochte.

Da saß er an einem Ostersonntag mit einem Mädchen hoch auf dem Dachgarten eines riesigen, im Bombenhagel unversehrt stehengebliebenen Reichsverwaltungsgebäudes mitten in der Trümmerlandschaft des ehemaligen Diplomatenviertels im Tiergarten von Berlin. Die zurückgebliebenen Schemen der japanischen und der schweizer Botschaft in Blickweite. Die Eltern dieses Mädchens – ihr Vater war Hausmeister und hatte in diesem Gebäudekomplex das Sagen – waren ausgegangen, nach Steglitz gefahren zum Geburtstag alter Freunde, die das Desaster dieser Stadt ebenfalls heil überstanden hatten. Keines der Häuser ringsumher, sofern noch Häuser dort standen, war höher als der Dachgarten. Die beiden jungen Menschen waren mutterseelenallein und völlig ungestört. Das Mädchen, ein Jahr älter als der neunzehnjährige Jüngling und entsprechend entschlossener, mit Turnhose und leichter Sportbluse bekleidet, setzte sich in einen Liegestuhl, lehnte sich leicht zurück, schloß die Augen, die Frühlingssonne genießend, und spreizte – wie zufällig – ihre schönen, ebenmäßigen, jungen, himmlischen Beine. Er saß ihr gegenüber auf dem Rasenboden und schaute verwirrt-verzaubert schweigend in dieses wiedergekehrte Abbild der realen Vision vom Orankesee, jetzt schon sicherer vermutend als ahnend, es sei der Blick ins vielleicht einzige irdische Paradies. Er wußte es aber nicht. Diese Landschaft sollte für vier schöne lange Jahre wirklich die Heimat ihrer Gummisonntage werden.

Das Mädchen, sein Mädchen, (bei einem solchen Possessivpronomen fragt man sich: „Herrscht hier die Sprache, oder dominiert hier ein quasi naturgegebener oder ein sozialisationsbedingter Machokomplex dieses „mein“?), die schöne Berlinerin also öffnete nach einer Ewigkeit ihre Augen, schwachbraune Augen, lächelte unschuldig und sagte: „Soll ich dir das Haus zeigen? Das kennst du ja noch gar nicht.“ Sie nahm ihn bei der Hand, zeigte ihm von oben den Blick in die beiden großen quadratischen Innenhöfe, er bestaunte Hecken und Büsche, auch Erdbeeren und Kartoffeln waren da oben gepflanzt und ausgelegt, sie gingen durch lange mit Linoleum belegte Gänge mit vielen Türen. Da war ein Quergang mit drei Stufen wegen eines kleinen Höhenunterschiedes zum Parallelgang. Auf diese Stufen sollte er sich setzen. Er tat es, gehorsam und erwartungsvoll. Sie küßte ihn, sie küßten sich lange, innig und geduldig nach allen taktilen Eindrücken forschend, die ihre vereinigten Münder als grelle Signale in die voneinander getrennten Ganglienkomplexe schickten. Bei aller sogenannten Unschuld, die ja mehr eine wissende Unwissenheit war, signalisierte natürlich sein Körper mit Heftigkeit und undeutlicher Deutlichkeit: Tu was! Aber was, oder besser: Wie? Das Mädchen nahm ihm die Entscheidung ab. Sie öffnete entschlossen seine Hose, zog zielstrebig und mit einem Griff die kurze Unterhose gleich mit hinunter und zeigte ihm, wie zärtlich und geschickt sie mit den Händen war, und das sich diese Zärtlichkeit mit dem Mund noch unbeschreiblich übertreffen ließ. In Seinem Kopf drehte sich alles. Anfassen ja, aber… Darf man das? Keckerweise fiel ihm der (berliner?) Volksmund ein: „Warum küßt du den Mund deiner Braut? Küß doch den Bauch, ist ja dieselbe Haut!“ (Berliner am Stammtisch sagen hier nicht Bauch).

Die Mutter des Mädchens schlug am Abend nach dem Abendessen vor, dieser neue Freund ihrer Tochter könne doch heute mal im Hause übernachten. Platz sei doch genug, und der Weg nach Mahlsdorf wäre doch viel zu weit, und morgen wäre doch auch noch ein Feiertag wie heute. Die Tochter solle nur flink auf der Couch im freien hinteren Zimmer ein provisorisches Gästebett bereiten. Das tat sie denn auch.

Man sagte sich reihum Gutenacht. Er verzog sich nach dem Aufenthalt im unbekannten Badezimmer, nach der Benutzung der überreichten beiden Handtücher, die den Anhauch sowohl von Frische als auch von unbekannter Familiarität vermittelten, in seine Behelfskemenate zurück. Zwischen ihm und dem Schlafzimmer des Mädchens, das sein Zimmer mit einer inzwischen aufgetauchten jüngeren Schwester zu teilen hatte, lag ein unendlich langer Gang, ein breiter, mosaikgefließter Flur, mindestens achtzehn Meter! Irgendwo dazwischen gelegen war das Schlafzimmer ihrer Eltern. Er lag auf seiner Couch zwischen Laken und Oberbett, alles kühl und frisch bezogen. An Schlafen war nicht zu denken. Um zwei Uhr in der Frühe, als er nun doch gerade etwas eingenickt war, öffnete das Mädchen lautlos die Tür, legte sich wortlos neben ihn, und er wußte nicht, wie ihm geschah. Heiß war ihm und kalt zugleich. Heiß wegen des bebenden Mädchens neben ihm, und kalt beim Gedanken an den im Entdeckungsfall sicher auch – wenn auch völlig anders – bebenden Vater. Sie flüsterte ihm ins Ohr: – beider Schlafanzüge lagen längst vereint als lustiges Knäuel an Boden – „Der Vater schläft wie ein Murmeltier. Er hört auch schwer.“ Von der Mutter sagte sie nichts. Mütter u n d Töchter sind weise. Was auch immer geschehen mochte, vorwegnehmend zitterten sie nun beide, und diesmal war er es, der sie küßte, deutlich eingedenk des tagsüber erinnerten kessen berliner Spruchs vom rechten Kußvollzug. In seinem Herzen schien hell und strahlend die wärmende Sonne vom Orankesee.

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