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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 8

24. November 2014

– VIII –

Ich muß sie anrufen. Sie wird sich nie mehr von selber melden. Nach so vielen Wochen ist das wohl klar. Ein deutliches Schweigen sendet sie mir: verzeihen sie, aber ich kann doch nicht, mein Mann…, nein, besser: meine Kinder…, noch besser: meine Töchter! Klar, sie schämt sich vor den Töchtern, obwohl die Älteste zu ihr gesagt hat, Mama, hat sie gesagt, wenn du ihn wirklich kennenlernen willst, mußt du ihm schreiben. Seine Gedichte haben dir gefallen, die Geste mit dem Büchlein, unaufdringlich, dezent und passend. Vor allem seine Widmung hatte dir doch zugesagt, mit Recht und gutem Grund. Mama, – ehrlich – so genau zutreffend, mit nur acht kurzen Zeilen, hat dir noch niemand gesagt, wie du beim Predigen bei anderen Menschen ankommst. Predigen, Mama, das ist heutzutage fast ein Schimpfwort, und was hat er als dein Zuhörer daraus gemacht? Warte, ich lese es dir noch einmal vor, (greift sich das schmale Geschenkbändchen und liest):

Ein gutes Wort: / Offen, mutig, klar, / Erreicht die Seele, / Tröstet das Herz. // Ein sprechender Blick: / Fest, hinweisend, wahr, / Schaffet Vertrauen, / Löset den Schmerz. / (Auch über den Bildschirm).

Was kann sich eine Fernsehpfarrerin besseres wünschen? Sie, die wegen ihres Schweigens nach dem öffentlichen Sprechen Angesprochene, ist nicht zu überzeugen. Und wenn dann die andere Tochter, die jüngere, die Feministenkeule schwingt, duckt sich „meine“ Elisabeth weg und hört sich schweigend den Generationenspott an: Hol‘ dir nur einen Kerl ins Haus, einen Besserwisser, einen zum Betüteln, der nicht weiß, wann das Wasser kocht, für den du dann den Müll runter bringen darfst, was der wohl schon von dir will, vielleicht soon penetranter Penetrierer, und wer weiß, ob er überhaupt noch kann, Jahrgang achtundzwanzig…

Also bitte, fährt Elisa dazwischen, jetzt wird’s unverschämt! Wie redet ihr denn mit eurer Mutter?

Wie immer sie auch reden mögen, man wird es mit Abwarten allein, mit allzuviel Geduld und Bescheidenheit eben nie erfahren. Also: Einfach anrufen, wie an dem bewußten Sonntag. Sie würde schon zuhören. Heißt es nicht, Frauen schätzen bei Verehrern Ausdauer und Stehvermögen… (Mein Gott, was für Vokabeln aus dem…? Na, woraus denn? Aus dem Bauch?, aus dem Unbewußten?, aus dem Machowörterbuch? Freud läßt grüßen?, oder ist das für unsereinen alles dasselbe? Lassen wir das.) Notizbuch, Telefonnummer, tief Luft holen, Vorwahl von Köln, dann die symbolhafte, fünfstellige (Druiden!), zweiteilige, symmetrische-unsymmetrische, also echt weibliche Telefonnummer: zweimal die X, x-mal die Y, schon getippt, schon gewählt, Herzrasen, keine Wahl mehr… Besetzt! Ein gutes Zeichen, sie ist daheim. Bitte warten… Sie hat wenigstens keinen Anrufbeantworter, bei dem man nie weiß, ob die Eigentümerin tatsächlich nicht da ist oder einfach mithörend achselzuckend denkt: laßt mir doch meine Ruhe; diesen Anrufer will ich gerade jetzt nicht annehmen.

So etwas würde eine Pfarrerin ohnehin nicht denken. Vorsichtig, mein Lieber, Beruf und Haushalt, zwei Töchter, das Fernsehen, vielleicht eine riesengroße oder bei Sparverwaltung oder Pfarrermangel zusammengelegte Gemeinde, ein angeschlossener Kindergarten, Frauenkreis, Jugendgruppe, feminine Theologie-Diskussion, Ausländer- und Asylantenprobleme, immer nur Streß…, das schlaucht die gutwilligste Kraft und Damenhaftigkeit. Doch vor der Kamera sah man von alledem nichts.

Wahlwiederholung, die beste Erfindung, seit es Telefon gibt. Immer noch besetzt. Wann hatte er wohl das allererste Mal im Leben telefoniert? Der Zeitpunkt, ihm jetzt unklar, ließe sich aber gedanklich annähernd einkreisen: Älter als drei, jünger als sechs; jedenfalls war er damals noch nicht eingeschult. Somit zwischen den Jahren dreiunddreißig und fünfunddreißig eben. Eindeutig war der Ort: Die öffentliche Telefonzelle im Vorraum der Post, und die Post war direkt gegenüber in der Lichtenberger, nur dreißig Schritte über die Straße. Selbstverständlich hatte nicht er telefoniert, sondern die Oma in der geblümten Kittelschürze, mit Pantoffeln (Latschen) an den geschwollenen Füßen, in der Hand ein paar lose Groschen, Zehnpfennigstücke, es kostete zwar nur einen Groschen, doch wenn eine Münze im Apparat durchfiel…, alles wie heute. „Darf ich mitkommen?“, wird er gesagt haben. Sie nahm ihn bei der Hand, gewohnheitsmäßig, Verkehr gab es in der Lichtenberger Straße (fast) nicht. Ein Blinder hätte die Straße unbesorgt überqueren können. Und für uns Kinder war sie der gewohnte und vertraute Spielplatz. Die zwei elektrisch angetriebenen Postautos am Tag, eines morgens, eines abends, dazu sporadisch mal ein Wagen mit Mehlsäcken für die drei Bäckereien in der Straße, oder ein Lastwagen, der Briketts brachte für die beiden Kohlenhandlungen im Frontkeller von Nummer drei und Nummer sieben, und ganz spät abends das Tempo-Dreirad des Handtuchsverleihs bei und im Hause, Hochparterre links. Hochparterre rechts war ein Sportartikelgeschäft, vornehm, daher fast ohne ambulante Kunden, man belieferte Vereine, diese Leute bekamen ihre Ware in mäßig großen Päckchen mit der Post, gebracht vom Paketzusteller. Viele der Lieferfahrzeuge waren überdies häufig noch mit Pferden bespannt. Die waren nun schon kaum eine Gefährdung für spielende Kinder, eher ein Abenteuer.

Der Vorraum dieser Post war für Kinder unter zehn, zwölf Jahren allein praktisch unerreichbar. Ein Kind wäre unter den wachsamen Augen des diensttuenden Beamten in seiner halbmilitärischen blauen Uniform mit Dienstmütze, Kragenspiegel, symbolträchtigen Rangabzeichen in das Postgebäude überhaupt nicht hineingekommen. Der Beamte stand an der großen Toreinfahrt, die nach hinten zum Posthof führte, und signalisierte: Hier kommt nur der hinein, den ich vorbeilasse. Unmittelbar neben diesem großen Haupttor war eine Doppeltür, zu der einige Stufen hinaufführten. Diese in Kassetten verglaste Türe war der Eingang für das Publikum. Durch diese Tür gelangte man über einen Vorraum im schönsten Jugendstil, mit herrlichen Mosaiken, in die holzgetäfelte Schalterhalle. Der Witz war, als Kind wäre man allein nicht einmal diese wenigen Stufen hinaufgekommen, da hätte einen der polizeigleiche Wachhabende am Schlafittchen gehabt und dienstlich barsch gefragt: „Kerlchen, wo willst du hin?“ Man wußte das und versuchte es gar nicht erst.

In diesem Vorraum, dieses – wie es mir immer schien – für alle Ewigkeiten errichteten preußischen Behördenbaus, durch den sich der Machtstaat sichtbar präsentierte, standen zwei hölzerne Telefonzellen, offensichtlich nachträglich dort installiert. Wer selbstwählend ein Stadtgespräch führen wollte, konnte es hier tun. Alle übrigen Telefongespräche – wenn zu dieser Zeit überhaupt welche anfielen; bei den kleinen Geschäftsleuten vielleicht – waren nach Anmeldung und mittels Amtsvermittlung in der Schalterhalle zu führen. So muß es dich nicht wundern, wenn ich noch heute wie in einem Film deutlich sehe, wie die Oma mit mir an der Hand die Treppen hinaufging, wobei ich kindisch/kindlich dachte, ätsch, heute darf mich der Blaue nicht zurückpfeifen. Als die Oma die Zelle betrat, ging – für mich überraschend – das Licht in der zuvor dunklen Zelle an, (weil der bewegliche Holzboden, wie er es sollte, unter Omas Gewicht nachgab und den Schaltvorgang auslöste. Ich war baff und hatte Mühe, es mir selber zu erklären. Zu fragen wagte ich gar nicht, weil die Oma bei Sachen, die sie selbst vielleicht nicht so genau verstand, ziemlich brummig werden konnte. Elektrisches Licht war ohnehin noch nicht allzu lange und nicht allzu gut vertraut. In der Wohnung war etwa ein Jahr zuvor die vormalige Gasbeleuchtung durch Verlegen dicker Aufputzleitungen (mit hundertzehn Volt Gleichstrom!) verdrängt worden. Von selbst sich einschaltende Beleuchtung grenzte schon knapp an Zauberei. Die Oma las die gewünschte Nummer von einem Zettel ab, wählte, sprach und ließ mich einmal kurz mithören. Wer der oder die Angerufene war, erinnere ich nicht. Als sie mich aufforderte, selber etwas zu sagen, brachte ich kein Wort heraus. Es ging mir damals so, wie es heute noch vielen (älteren) Leuten geht, wenn sie merken, an Stelle der lebendigen Stimme des erwarteten Teilnehmers spricht der programmierte Anrufbeantworter. So mancher weiß dann auch nichts zu sagen.

Soweit der gewisse Ort und der weniger gewisse Anlaß des ersten von mir bewußt erlebten Telefongesprächs. Mit wem die Großmutter zu telefonieren hatte, vermag ich mit Sicherheit nicht zu sagen. Zur Schule ging ich noch nicht, und dort anzurufen war auch später nie üblich. Den Opa beim Arbeitgeber am Belle-Alliance-Platz zu entschuldigen, wäre ein als Möglichkeit denkbarer Anlaß, doch meine ich zugleich, Krank war mein Opa doch nie. Er zog wie ein Uhrwerk sechs Tage in der Woche seine Fensterputzrunden. Vielleicht mußte die Unterkassiererin der Roten Hilfe beim Oberkassierer, wer immer das war, eine dringende Anfrage loswerden? Da hätte sie mich aber wohl nicht zum Sprechen aufgefordert. Bleibt nur anzunehmen, sie hat meine Mutter angerufen, denn der Berufsmusiker Onkel Bruno hatte – man staune – sich im Flur der Wohnung in Krautstraße einen Sprechapparat an der Wand anbringen lassen, vor man stehend sprechen konnte, sobald es geläutet hatte. Es war seine Dienstverbindung zum Paradiesgarten, seinem festen Arbeitsplatz, er konnte so auch die Musikerbörse erreichen, um eine zusätzliche Gelegenheitsbeschäftigung zu arrangieren oder – auch dies kann man nicht ausschließen – er hätte mit der zuständigen Kreisleitung der SA sprechen wollen oder müssen. Brechen wir hier diese Erinnerung ab.

Ach Elisa, auch bei der dritten Wahlwiederholung sprichst du immer noch, während ich allein schon vom Besetztzeichen Herzklopfen habe. Siebenundzwanzig Jahre lang habe ich als Technischer Beamter, abgesehen vom anfänglichen Außendienst im Aufsichtsamt, sozusagen mit dem Telefon mein Geld verdient, aber zum Plauderer habe ich’s dabei nie Gebracht. Informations- und Datenaustausch, wie man heute sagt, das ja, auch kommunikative Kompetenz und argumentative Stringenz sind erlangt worden, (wie steif das klingt, trotz des großen Habermas), aber einfach so ins Unsichtbare hineinplaudern, snaken oder klönen oder chatten, wie meine weiblichen Geschwister das überzeugend und dauerhaft können, liebe Elisa, das ist mir nicht gegeben. Ich brauche deine fragenden, deine teilnehmenden Augen, dann kann ich reden.

Aber vielleicht bist das nicht du, der dort so lange redet ohne abzusetzen, vielleicht „talken“ deine Töchter? Die Pfarramtsleitung macht dies – in Grenzen – sicher möglich. Ach Elisabeth, ich weiß halt viel zu wenig von dir. Sollten wir beide doch nicht zueinander finden, werden die Götter einschreiten müssen, weil ich für die nun einmal angefangene Lebensbeichte doch einen vertrauenswürdigen und teilnehmenden Zuhörer brauche. Zu gerne hätte ich gewußt, was du wirklich für eine Frau bist.

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