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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 7

23. November 2014

– VII –

Spricht man einen Menschen an, und der geht wortlos weiter, er reagiert einfach nicht, hat man sich weh getan. Begegnungen zwischen Menschen sind fast immer Verzichtmischungen. Auf Post warten, auf einen Anruf, ist auch dann bitter, wenn man sich selber tief hinter der Herzwand eingesteht, keinen Anspruch auf eine Geste des Verständnisses und der Annahme zu haben. Man hat schließlich kein Recht, einer auch im bescheidensten Sinne öffentlichen Person ein Zeichen gezielter Aufmerksamkeit zukommen zu lassen oder abverlangen zu dürfen. Soweit, so institutionell gut, aber so mitmenschlich trübe und Traurig. Man greift zum Beispiel in seiner Hausbuchhandlung – wie man einen Hausarzt hat, sollte jeder auch eine Hausbuchhandlung haben -, vielleicht weil man gerade warten muß, damit die Kunden vor einem „in der Schlange“ bedient werden können, willkürlich nach einem Buch, dessen gediegene Aufmachung artig flüsterte: Schau doch mal rein. Man nimmt das Büchlein in die Hand, die Hände loben sogleich, es sei das richtige, das rechte Buchgefühl (Format im Verhältnis zum Umfang; Einbandgestaltung in Verbindung mit Titel und Thema; sympathischer Name einer unbekannten Autorin; Papierqualität, Druckbild, Satzspiegel, und, und, und…), und wenn das vertraute Gesicht der Buchhändlerin einen anschaut, lächelt und mit der quasifamiliären Stimme fragt: „Nun, Herr Anders, was kann ich heute für sie tun?“, da sagt man impulsiv, aus dem Bauch heraus: „Das hier nehme ich mit.“ Das wird so eine unerwartete Begegnung, von der man niemals wissen kann, wie sie ausgeht. Geschieht dann das Wunder des Sicherkennens in Worten und Sätzen, Bildern und Gedanken einer doch völlig fremden Person, verwandelt sich diese Person, der man in Gedanken eine Adresse zuordnen kann, die sich mit mehr oder weniger Mühe auch ermitteln läßt, folgt – vielleicht – der stille Wunsch, zu zeigen, wie aufmerksam man als interessierter Leser gewesen war. Schon sitzt man vor der vertrauten Tastatur, erzeugt definierte elektrische Impulse im Ja/Nein-Format und füttert damit die industriegrauen Blackboxen von PC und Drucker.

Ein solcherart entstandener Brief an einen nur dem öffentlichen Namen nach bekannten, vielleicht sogar berühmten Menschen wird keineswegs ohne innere Beklemmung zur Post gebracht. Und dann geht es los, das Warten und Hoffen, bis die Seele begreift, man war auf diesem Gleis und bei diesem Teil der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation offensichtlich nicht anschlußfähig. Das Leben geht weiter, gewiß, geht seinen gewohnten Gang. Da spielt einem der Zufall – ich bin überzeugt, es sind die Götter und Göttinnen, deren Herz für den temperamentvollen Leser schlägt, vielleicht Pallas Athene, die bei einem solchen angeblichen Zufall die Weichen stellen – in der Krabbelkiste des vertrauten Antiquariats den dicken Wälzer eines bekannten Dramatikers und Geschichtsakrobaten in die Hände. Berühmter Verlag, Bibeldünndruckpapier, und ein authorisiert sich gebender Klappentext flüstert: Neben seinen erfolgreichen Dramen hat dieser Halbgott der historisch/politischen Reflexion auch noch viele, viele andere Dinge geschrieben, gewichtige und federleichte; sollte man als bildungseifriger Leser auch kennen. Man glaubt’s, der Preis des Antiquars – mit Bleistift auf dem Vorsatzblatt fixiert – ist so gering, daß der gehässige Teil der Seele voller Häme meint: fast wie verramscht. Man piekt zu Hause mit dem Federmesser einmal probeweise und wahllos hinein zwischen die 1643 Seiten, landet auf einer nun tatsächlich zufälligen Seite 653 und braucht eine ziemlich lange Zeitspanne, um sich von dem arroganten Gedankenschlag in die Magengrube des lesenden Bewußtseins zu erholen. Der Autor, er ist so alt wie der ältere von meinen beiden jüngeren Brüdern, erklärt mit einer betonharten Abweisung, er beantworte keine Briefe, er käme sonst nicht mehr zum Schreiben dessen, was doch aus seiner Sicht geschrieben zu werden hat, basta. Man schaut verdutzt, es fallen einem Thomas Mann, Hermann Hesse, Theodor Fontane ein, vom Weimarer Ausnahmemenschen zu schweigen. Diese Heroen haben doch viele, wahnsinnig viele Briefe geschrieben u n d ein paar Regalmeter an singulären Werken.

Von nicht anwortenden Zeitungsredakteuren soll die Rede gleich gar nicht mehr sein. Diese klugen Kopfe stecken bis zum Stehkragen, pardon, bis zum Hals im offenen Hemd in ihrer stressigen Arbeit vorm Computer, streiten engagiert in den täglichen Redaktionskonferenzen und müssen auch noch auf Verleger- und Herausgeberkosten von Tagung zu Tagung jagen und an Kalten Buffets hungernd Verzicht leisten, damit die Heldenfigur nicht leidet. Auch wenn man keineswegs einen Leserbrief schreibt, weil einem eine etwaige Veröffentlichung gleichgültig ist, wenn man einen dieser Schreiber und Denker ganz gezielt persönlich anspricht, keineswegs privatim und im Persönlichen stochernd, sondern hart an den Fakten ihres letzten Artikels bleibend, Pustekuchen, sie antworten nicht; da hilft kein Lob und es hilft auch keine rhetorische Glanznummer. Noch nicht einmal die natürlichste menschliche Dankbarkeit bringt solche ins eigene Weltbild verliebten Meisterdenker zu einer bescheidenen Geste der Respondenz. Neulich erst mußte ich einen dieser unnahbaren Mandarine mit vorsichtig gesetzten Worten darauf hinweisen, er habe in einem der Sache nach zwar weltenstürzenden Artikel schier unmenschliches geleistet, es sei ihm jedoch – verzeihlich – bei der Reportation diesbezüglicher Fakten aus der Neuen Welt ein (Schreib- oder Denk-)Fehler von sage und schreibe sechzig Zehnerpotenzen unterlaufen: Statt „zehn hoch achtzig“, wie man es im Opus Magnum eines der größten noch lebenden deutsche Physikers und Philosophen nachlesen könne, habe er, der bestimmt nicht so bedeutende Redakteur leider „zehn hoch zwanzig“ geschrieben, obgleich es in der Sache doch um nichts weniger ging als um die von den Physikern postulierte Anzahl der Neutronen im Universum. Für diesen wahrlich berühmten Zeitungsmenschen war diese Differenz jedoch offenbar unerheblich, quasi redaktionelle Peanuts, einer kurzen Antwort nicht zu würdigen.

Wer will es da einer Pfarrerin die gewiß den Kopf voller Termine und Sorgen hat, verdenken, wenn sie schweigt. Vielleicht hat diese Elisabeth das Wort zum Sonntag zum ersten Male gesprochen, weil sie eine Aufforderung ihres Kirchenvorgesetzten oder Medienbeauftragten nicht zurückweisen konnte. Vielleicht wollte sie überhaupt nicht öffentlich tätig werden über den vertrauten Kreis ihrer Gemeinde hinaus. Wollte still, wie gewohnt, weiterwirken zum Nutzen der ihr mehr oder weniger persönlich bekannten Menschen ihres Umfeldes, wie es die Soziologen zu nennen belieben. Hübsch und ansprechend, wie sie nun einmal von ihrem Schöpfer ins Leben gestellt wurde, hat sie gewiß einen Waschkorb voll Post bekommen. Schließlich sind die von ihr angesprochenen Jahrgänge ’27 bis ’29 noch nicht ausgestorben. Dennoch hatte sie ihm auf seine Weihnachtsgeschenksendung eine Antwort geschickt. Genaues Hinschauen sieht: eilig geschrieben, im Streßschatten der täglichen Gemeindearbeit. Sie wollte nicht unhöflich, nicht undankbar erscheinen. Er aber, auf seine kindliche Poetenweise, träumte sofort von der Begegnung mit personifizierter Aufmerksamkeit, Verstand und Herz. Solch ein Anspruch kann auch den Besten und Gutwilligsten überfordern. Er war instinktiv entschlossen gewesen, sich diese Frau warmherzig und seinem Wesen zugeneigt vorzustellen. An diesem Bild arbeitete er innerlich noch immer weiter, auch ohne äußere Bestätigung. Er sprach ständig mit ihr, ließ sie über seine Schulter schauen beim Schreiben und vertraute ihr seine Gedanken an, sogar seine geheimsten. Er sah sie lächeln, schaute ihr beim Arbeiten zu oder beim Schreiben oder beim Musizieren. Er erledigte – bei sich! – ihren Haushalt: Sein Waschen, Bügeln und Kochen galt ihr, weil er solcherart – wenn auch völlig abwegig – hoffte, sie könnte auf diese Weise mehr Zeit für ihn haben. Wenn er die Waschmaschine in Gang setzte, wusch er ihre Wäsche mit; bügelte er seine Hemden, dachte er verträumt lächelnd, es wären ihre Blusen und hörte sie im Nebenzimmer mit ihrer Tochter/ mit ihren Töchtern reden.

Ob sich jemand aus der Familie doch gegen den Eindringling gestellt hatte? Wer war der männliche Anrufer neulich, der nach dem Abheben mit fester Stimme gesagt hatte: „Sind sie Herr Anders?“, und als Rudolf dies bejahte, völlig unlogisch – bei aller durchgehaltenen Höflichkeit ergänzte: „Oh, da bin ich aber völlig falsch verbunden!“ Gerade hatte er gedacht, heute, nach drei Tagen, könnte sie seinen Brief mit den Gedichten und der Pariser Geschichte von der Überraschung mit dem Dornauszieher doch gewiß erhalten haben. Er war schon mit Herzklopfen zum Telefon gegangen, und dann der kalte Guß mit der Männerstimme: Ein Sohn?, ein Freund?, gar der Ehemann?

Ach was, eine geträumte Frau kann einem niemand wegnehmen. Wer immer sie auch ist, in der Realität, virtuell ist sie auch seine Gestalt, sozusagen seine theologische Lara Croft, seine Heldin, seine Thusnelda, seine Gedankenburg. Und die ist uneinnehmbar.

Sag mal, du sprachst von der Lehre bei Telefunken. Warum hast du kein Abitur gemacht? Typisch Bürgertochter, Elisa, ich kannte vor fünfundvierzig das Wort gar nicht. Wir sagten zu Hause in solch einem Fall, also über diesen Gegenstandsbereich sprechend, sofern dies überhaupt vorkam, was ziemlich unwahrscheinlich war, wir sagten: „Der geht auf die hohe Schule.“ Und hohe Schule, das war feine Kleidung, feine Sprache und die bunte Schülermütze. So eine Karnevalsmütze wollte ich um keinen Preis aufsetzen müssen. Die Oma dachte über diese feinen Pinkel sicherlich ziemlich genau so.

Rückwärts schauend war nur das Dumme, daß man mich mit zehn Jahren ohne die geringste Vorbereitung oder Beratung diese weitreichende Entscheidung hat selber treffen lassen. Der Oma nehme ich’s nicht übel. Woher sollte sie es haben. Aber die graue Maus vom Jugendamt, die einmal im Jahr bei uns zu Hause erschien, unangemeldet, um die Situation zu checken und die Zeugnisse zu beurteilen, es waren eben ihre Amtspflichten, die hätte es nicht nicht nur besser wissen müssen, nein, sie hat es erwiesenermaßen besser gewußt. Als sie im April 1939 kam, sich meine letzten beiden Zeugnisse anzuschauen, (die Oma sagte immer: „Die kommt kieken, ob de im Kohlenkasten pennen mußt.“), da schaute sie sich alles in Ruhe an. Die Wohnung war sauber, ich lief nicht in Sack und Asche herum, – für schicke Bleyle-Kleidung sorgte die kleine Frau -, im Zeugnis standen nur Einsen und Zweien, und sie fragte mich auch promt, ob ich auf’s Gymnasium gehen wollte! Die Oma fragte perplex: „Wat issen det?“. Ich flüsterte ihr ins Ohr, das sei die Hohe Schule. Die Oma schaute die graue Maus mürrisch an und fragte barsch aber realistisch: „Wer soll’n det bezahln?“ Die schlichte Dame mit dem strengen Mittelscheitel antwortet spitz, schneidend auf Hochdeutsch und mit amtlicher Strenge: „Da würden wir den Vater schon zwingen!“ Also nein, alles wegen einer bunt umbordeten Schülermütze. Dafür auch noch den vertrauten Schulhof und die Armutsgenossen mit lauter unbekannten Fatzkegesichtern vertauschen, nee, wirklich nicht. Ich erklärte mit fester Stimme und großer Bestimmtheit: „Nein, ich möchte lieber nicht.“, obgleich ich bei aller meiner Lesewut die seltsame Geschichte von Barthelby noch nicht gelesen hatte. Mit dieser knappen Antwort meinerseits war alles entschieden.

Dabei bin ich wirklich gerne zur Schule gegangen. Eine andere Schule als die Volksschule konnte ich mir eigentlich nicht recht vorstellen. Auf welche Weise sollten die Lehrer dort andere Menschen sein? Gut, Latein, Griechisch und höhere Mathematik statt Rechnen, schon mal gehört, doch wozu würde es gut sein? Ein Handwerker würde dies alles doch nicht brauchen, und etwas andres werden zu wollen als ein gelernter Handwerker, lag eben zu dieser Zeit noch meilenweit außerhalb meiner gedanklichen Reichweite. Ein Doktor zu werden, wobei dieses Wort in meinem Vorstellungshorizont durchaus mehr abdeckte als den Arzt, zum Beispiel den Rechtsanwalt oder den Apotheker? Aber wo gab es denn in meiner Familie solche Leute? Der Opa, die Oma, alle Brüder meiner Mutter und sie selber, niemand hatte einen beglaubigten Beruf gelernt zu dieser Zeit. Nur der Erich hatte als Erwachsener die Prüfung als Glas- und Gebäudereiniger bestanden, zum Erstaunen und mit großer Billigung seines Vaters, der einfach ungelernter Fensterputzer war und blieb. Nee, ich wollte Feinmechaniker werden; nicht Mechaniker, keineswegs, das qualifizierende Präfix „Fein“ hatte in meiner Seele allen Vorrang und Vorzug. Der Opa hat dann 1943, als es so weit war, Kunsttischler vorgeschlagen, weil er zufällig jemanden kannte, der einen willigen und talentierten Jungen zu dieser Tätigkeit hinführen wollte, aber alles Reden und Bereden konnte mich nicht von meiner Gedankenwelt aus dem Stoff „Fein“ abbringen. Und Holz?, war nicht mein Fall. Eine entsprechende Anzeige in der Berliner Morgenpost gab dann den Ausschlag: „Telefunken!“, auf diese Weltmarke hatte die entscheidende Person in meinem ureigensten Gedankenbüro geradezu gewartet. Davon etwas später.

Für Lehrer und Lernen habe ich bis heute eine Vorliebe. Mein späterer Schwiegervater war Sonderschullehrer; ein Mann nach meinem Geschmack. Um über ihn sprechen zu können, wird es eines zweiten Bandes bedürfen.

Auf die übliche blöde Frage, was ist ihr Hobby, würde ich stets pfeilschnell antworten: „Etwas dazulernen“. Lesen und Druckschrift schreiben konnte ich mit fünf. Opa Anders hatte mir alle Buchstaben vorgemacht und ihre Anschlußmöglichkeiten an andere Buchstaben und die Silbenbildungsregeln erläutert (selbstverständlich nicht mit solchen Worten), ich hatte es kapiert, und vor allen hatte ich sofort geschnallt, dies war der Schlüssel zu sämtlichen Geheimnissen der Welt. Die fundierten Zweifel und systemeigenen Verzichte des radikalen Konstruktivismus belasteten und befreiten schließlich noch Niemandes Gehirn oder Bewußtsein. Der Knabe Rudolf war somit frei, in seinen eigenen Absolutismen zu schwelgen.

Opas Lehrbuch und sein Lehrstoff waren die Inhalte der Berliner Morgenpost. Oma hätte wahrscheinlich die „Rote Fahne“ vorgezogen, doch für zwei Tageszeitungen reichte mit Gewißheit das Geld nicht. So habe ich recht eigentlich eine vom – gerade noch – jüdischen Lieberalismus getragene (Klein?)Bürgerliche Grundunterweisung auf dem Gebiet intellektuellen Nachvollzugs erhalten. Aus den Schlagzeilen der „Mottenpost“ lernte ich zunächst die Welt kennen und erkennen. Etwas anderes als die Zeitung gab es zunächst in unserem Haushalt ohnehin nicht zu lesen. Es folgten die ersten Schulbücher. Deren bildungseifrige Gradlinigkeit wurde erheblich konterkariert durch die billigen und angegriffenen Groschenhefte der Marken „Rolf Torring“ und „Jörn Farrows U-Boot-Abenteuer“, die ich unterderhand zunächst von meinen beiden im Hause wohnenden Cousins zugesteckt bekam, und die ich mir später vom „Briefträgergeld“ selber beschaffte. Sie kosteten – je nach Erhaltungszustand – im Papierwarengeschäft in der Palisadenstraße leihweise fünf oder zehn Pfennige.

Heimlich brauchte ich nicht zu lesen. Niemand kümmerte sich darum. Der Junge liest halt gern, laß ihn. Neue Schulbücher hatte ich „ausgelesen“, bevor überhaupt das neue Schuljahr begann. Gedichte in den Schulbüchern las ich einmal laut, memorierte sie des Nachts vor dem Einschlafen oder des Morgens, bevor der Wecker klingelte in Gedanken, immer schön die Reime als Gedankenklammern ausnutzend, und dann saßen sie. Es war in der Schule allseits gebilligte Routine: Neu zu lernende Gedichte liest der Rudolf Anders vor. Auch Klassenlehrerwechsel änderte hieran nicht.

Nach zwei Jahren hatte ich die blöden Groschenhefte „dicke“. Zu Hause waren als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke zwar die ersten eigenen Bücher eingezogen – dafür sorgte schon die kleine Frau -, immer wenn ich sie darum bat und auf bestimmten Titeln bestand wie „Deutsche Heldensagen“, „Grimms Märchen“, und sogar das im Kaufhaus bei Tietz, Frankfurter Allee Ecke Andreasstraße erspähte schön bebilderte Buch von Stevenson: „Die Schatzinsel“. Das Kaufhaus Tietz hieß ziemlich bald Hertie (Hermann Tietz, wie sinnig), das Wort Arisierung gehörte nicht zum Arbeiterwortschatz und stand auch erst später in der Morgenpost, in den Artikeln, die mich – bis auf die Überschriften – weniger interessierten. Die Berichte von Autorennen auf der Avus waren doch viel einprägsamer. Und zu lesen, Max Schmeling habe im fernen Amerika einen Neger ko-geschlagen, oder die Beinahesonnenfinsternis, oder das Weltfest der Olympiade fesselten einen Jungen eben mehr als die Verkündung der Nürnberger Gesetze. Opa und Oma sprachen darüber in meinem Beisein jedenfalls nicht. Sie hatten längst das große Verschweigen des Unerlaubten gelernt. Die einzige exotische Vokabel, die sich mir aus dem Gebiet der Politik unauslöschlich eingeprägt hat ist „Konzertlager“. (Eugen Trohl war im Konzertlager Oranienburg. Dieser Satz saß). Das Wort Konzentrationslager hörte ich erst nach 1945. Als ich 1944 in Lichterfelde Männer in gestreiften Klamotten sah, die von Bomben zerstörte Grundstücke und vor allem die von Trümmern blockierten Straßen freimachen mußten, wurde die gehörte Vokabel „Kzler“ semantisch aufgelöst in „Konzert-Lager“.

Außer meiner Schatzinsel brachten die von den Cousins leihweise erhaltenen Bände über Tom Saywer und Huckleberry Finn das Flair des besseren Literaturwelt in meinen Gesichtskreis. Was Ironie sein kann, habe ich wohl hierin gelernt. Irgendjemand schenkte mir die Edda für Kinder. Wahscheinlich war es Hertas Bruder Walter, weil der Blockwart geworden war und auf dieser Leiter auch noch höher stieg.

Dann kam der Durchbruch durch die Schallmauer der Anständigkeit hin zum eindeutig Verruchten. Ich entdeckte die kleine kommerzielle Leihbücherei in der Straußberger Straße. Der unbeaufsichtigte Schulweg und meine unstillbare Neugier auf alles Gedruckte machten es möglich. Ich stand – in Ermangelung eines väterlichen Bücherschrankes – vor einer bis fast an die Ladendecke reichenden Regalwand mit überaus harten Kriminalromanen: Es war die silberne Serie über den „G-Man Jack Kelly“. Die Inhaberin schüttelte den Kopf und verlangte die Unterschrift des Erziehungsberechtigten unter eine vorgedruckte Zustimmungserklärung; (juristisch ging es nach meiner Erinnerung nur darum, zu versichern, daß der nur beschränkt geschäftsmäßige Bursche als Schüler ohne eigenes Erwerbseinkommen für das Ausleihen von Büchern legitim über die dazu erforderlichen – geringen – Geldmittel aus eigenem Taschengeld verfüge. Jedenfalls war es ein Leichtes, dies der Oma so darzustellen. Sie unterschrieb den Wisch blind. Meiner Mutter habe ich dies bei der sonntäglich Routinebeichte leichthin oder aus Zartgefühl verschwiegen. Vielleicht hat sie nicht gezielt genug gefragt.

Diese Leihbücherei stillte meinen Hunger nach „Realität“ etwa zwei Jahre lang. So rund hundert von den schrecklich-heißen Silberdingern habe ich in dieser Zeit gewiß gelesen. Es gab keine ungesetzliche Finte mehr, die mir nicht geläufig war. Daß man mißliebige Leute mit angegossenen Betonklötzen im New Yorker Hafen versenken konnte, gehörte fortan zu meinem Allgemeinwissen. Die Scheinmoral, man dürfe und müsse solch rationales aber gesellschaftsschädliches Verhalten nicht billigen, gab dem Nach-denken rein logisch genügend Halt. Verbrecher waren Negativhelden, klar, aber sie waren eben Helden. Die aus der Sicht der Verbrecher kontraindizierten
Machenschaften des Bundespolizisten Kelly, der am Ende schließlich immer irgendwie Recht bekam oder erhielt, waren auch nicht immer vom Feinsten.

Jede Woche also einen Band. Das Geld dazu mußte ich verdienen, weil es sich nur schwerlich vom kärglichen Taschengeld abzweigen ließ. Ein Band kostete, wieder abhängig vom Erhaltungszustand, zwanzig bis vierzig Pfennige. Je nach Schularbeitenmenge schaffte ich auch mal zwei Bände in der Woche. Das Taschengeld stieg nur sehr langsam von zuerst zwanzig Pfennig pro Woche auf fünfzig und zuletzt auf eine Mark, aber da war ich schon vierzehn. Es reichte also hinten und vorne nicht. Denn bei aller Liebe zum Lesen: Am Sonntag um zwei Uhr war Kinovorstellung für Kinder im Merkurpalast, und einmal in der Woche ins Kino, ich bitte dich, das war ein Muß.

Den Merkurpalast hatte ich sozusagen von meiner Mutter übernommen. Dort im Dunkeln hatte sie sich ausgeheult, als sie schwanger war und mit niemandem darüber reden konnte. Ins Kino gehe ich heute noch über alle Maßen gern, wenn es nur genug gute Filme gäbe. Das Kino ersetzt mir kein Theater, und ein Fernseher schon gar nicht. Aber an so etwas war damals schließlich überhaupt nicht zu denken. Theater war nicht für Arbeiter (Freie Volksbühne? Nie gehört.) Die Kommunistin Marie Anders war ein Tatmensch und sonst völlig illiterat). Ihre Familie im allgemeinen hat sich – soweit ich das übersehen kann – bis Kriegende an dieses Vor-Leben ihrer Eltern gehalten. Nur meiner Mutter wurden Oper und Operette von Onkel Bruno nahegebracht. Davon habe aber ich im Dunstkreis meiner Großeltern nichts abbekommen. Solche Welten beschnüffelte ich erst nach der großen Befreiung der Gedanken.

Der Merkurpalast wollte zuletzt statt der fünfundzwanzig Pfennig auch bald dreißig und vierzig haben. Für einen Logenplatz – aber dies leistete man sich doch nicht – waren mindestens sechzig Pfennig hinzublättern. Also mußte ein einträglicher Nebenverdienst her. Zuerst nahm ich der Briefträgerin die Post für die Lichtenberger Straße 3 ab. Damit sparte sie sich vier mal vier Treppen hoch, und ich bekam von ihr am Freitagabend, je nach Arbeitsanfall in der vorangegangenen Woche, ein paar Groschen bis maximal eine Mark. Die Mark war aber ein seltenes Ereignis. Viel einträglicher – und nebenbei: auch weitaus interessanter – war die Erledigung von Botengängen für die Drogerie Ecke Palisadenstraße. Davon Später. Jedenfalls ließen sich so die Krimis finanzieren.

Dann geschah im Sommer 1938 das Wunder: Ich entdeckte die kostenlose Bücherquelle, und die war staatlich garantiert frei von Schund. Ein Junge aus dem Nebenhaus, den ich eigentlich nicht besonders mochte, er war so ein verhuschtes Elternsöhnchen, das wir beim Spielen ziemlich deutlich schnitten, sein Vater war ein sich über alle Nachbarschaft erhaben dünkender Posthauptsekretär, dessen Knabe also, der die von uns anderen verlachte bunte Schülermütze demonstrativ durch die Straße trug, er überredete mich dazu, es doch mal mit der Volksbücherei zu versuchen, die ich bis dato noch gar nicht kannte.

Ich stand gedankenverloren allein vor unserer Haustüre und er kam aus seinem Haus heraus und wollte mit einem Bücherpacken unter dem Arm wortlos an mir vorbei gehen. „Wo gehste denn hin“, quatschte ich ihn an, und seine Antwort: „In die Volksbücherei, Bücher tauschen“ veränderte mein Weltbild und mein ferneres Leseverhalten. Ich ging mit ihm, wir gingen bis knapp zum Grundstück des Finanzamtes in der Palisadenstraße, gegenüber der von der Straßenbaulinie zurückgesetzten katholischen Kirche, – das war fast außerhalb meines vertrauten Gesichtskreises, – und ich staunte beim Betreten der Räume dieser städtischen Einrichtung für jedermann, die untergebracht waren in einem Flachbau in einem weiträumigen, schönen, schattigen Garten: Alles war so aufgeräumt, so sauber, so gebohnert, eingerichtet mit hellen Möbeln und Regalen, Regalen, Regalen, alle voller Bücher. Es verschlug mir die Sprache, ich blieb im Eingangsbereich stehen, unschlüssig, glauben zu dürfen, es stünde mir zu, diese offensichtlich vom heiligen Geist des Wissenwollens gesegneten Flure betreten zu dürfen. Der Postsekretärsfatzke mit seiner Schülermütze stiefelte wie selbstverständlich gleich hin zu der breiten Theke, hinter der nette, freundliche, kluge und überaus hilfsbereite gebildete Damen standen, die entschlossen waren, einen jeden ihrer Klienten richtig ernst zu nehmen. Mein Lotse mit der Schülermütze drehte sich kurz um, zeigte auf mich und sagte zu einem der Bücherengel: „Das ist mein Freund; der möchte hier ebenfalls Bücher ausleihen. Er ist zum ersten Mal hier.“ Die Dame hinter dem Tresen winkte mich lächelnd heran, erklärte mir die wichtigsten Spielregel und händigte mir ein Anmeldeformular aus, das müßten die Eltern und der Klassenlehrer unterschreiben. Dann vertraute sie meine persönlichen Angaben einer Karteikarte an, händigte mir noch ein Ausleihheft aus, worin man die Verfasser und die Titel der ausgeliehenen Bücher künftig einzutragen hatte und – zweites Wunder – ich durfte sogleich d r e i Bücher nach meinen Wünschen mit nach Hause nehmen. Ich war baff! Nach meinen Wünschen? Unbesehen war mir klar, mit dem G-Man Jack Kelly durfte ich hier nicht kommen. Überdies war der ohndies bereits fad geworden. Was also hätten meine Wünsche sein können? Ich wollte etwas neues lesen, etwas, was ich nie zuvor gelesen hatte. Die Bibliothekarin – welch ein zauberhaftes Wort – gab mir einen Wunschrahmen vor: Immer drei Bücher für die folgenden vierzehn Tage, und dabei jedes Buch aus einem anderen Gebiet: Belehrung, Unterhaltung, Tiergeschichten, Erzählungen. Sie stand nicht so einfach hinter einer Balustrade, sondern hinter der brusthohen Tresenwand, die den Besucherraum vom Bücherheiligtum trennte, erstreckte sich ein meterbreiter Tisch, angefüllt mit Karteikarten, für jedes Buch eine, geordnet nach Sachgebieten, und mit deren Hilfe machte sie, mit ihren flinken Fingern in diesem Kartenmeer fischend, dem jeweiligen Kunden Vorschläge: „Kennst du ‚Das Neue Universum‘, fragte sie zum Beispiel, und weil ich diese Frage selbstverständlich verneinen mußte, legte sie die dazugehörige Karte vor sich auf den Tisch. Auf diese Art von Frage und Antwort bekam ich noch eine traurig-schöne Spatzengeschichte von Ernest Thomson-Seton und das Buch „Schneller Fuß und Pfeilmädchen“ zugeteilt, die Erzählung über die Jugend des großen Indianerhelden Tecumse. Es war wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten zugleich.

Am folgenden Tage, in der Schulklasse, nachdem ich den Klassenlehrer gebeten hatte, die bereits von meiner Großmutter unterschriebene Anmeldungskarte ebenfalls zu unterschreiben, lobte er mich vor versammelter Mannschaft und stellte mich als Zierde der Klasse hin – es war fast rufschädigend. Von dieser Zeit an habe ich bis zu meiner Einberufung zum Reichsarbeitsdienst im regelmäßigen Turnus von vierzehn oder gelegentlich sogar von acht Tagen – dies war zulässig – meine drei Bücher ausgeliehen, immer schon den Regeln entsprechend gemischt und sortiert. Dem Magistrat von Großberlin gilt heute noch mein innigstes Dankeschön. Meine Liebe zu Berlin findet in diesem Dank ihren tiefsten Ausdruck. Leider haben die Bomben der doch so heiß ersehnten Amerikaner sowohl diese schöne Bibliothek vernichtet als auch die vielen kleinen schmalen Hefte der Ordnung, worin ich mit meiner korrektesten Schrift alle Titel und Verfasser aller von mir gelesenen Bücher säuberlich festgehalten habe, wie es die Leihregeln befahlen. Die Bibliothek wurde gewiß an anderer Stelle – am alten Ort steht heute die Werner-Seelenbunder-Halle – für neue junge Leser wieder aufgebaut; die vielen verbrannten Bücher, soweit sie ersetzbar waren, sind gewiß ersetzt. Unersetzlich für mich jedoch ist der Verlust des Nachweises meines ureigensten privaten Bildungsganges, denn kein noch so sehr grübelndes Gedächtnis kann den Ablauf dieser Gedankenansammlung und das damit verbundene Erkenntniswachtum jemals ausreichend korrekt rekapitulieren. Dennoch habe ich den Amerikanern – der weitaus größeren Sache wegen – ihre notwendigen schrecklichen Handlungen Verziehen. Einem Glashausbewohner bleibt ohnehin keine andere Wahl.

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