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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 6

22. November 2014

– VI –

Würdest du sagen, deine Großmutter war eine harte Frau, eine die vielleicht auch verbittert war von soviel Armut und Entbehrung? Was soll ich da sagen, Elisabeth? Zu mir war sie stets geduldig, sie hat mich niemals eingeschränkt und mir immer gegeben, was sie hatte. Von meiner Mutter weiß ich, daß sie ihre vier Söhne sehr hart angefaßt hat – weil der Opa das nicht konnte. Denen hat sie die Grenzen gezeigt. „Ans Tischbein hat sie sie gebunden, an jede Ecke einen, ist um den Tisch herumgegangen und hat sie jämmerlich verdroschen mit den Worten: gleichmäßig kriegt ihr’s, einer wie der andere.“ Aber die Mädchen hat sie nie angefaßt, und mich dann später auch nie. „Zu dir ist sie ganz anders“ hat meine Mutter oft zu mir gesagt, ein wenig neidisch fast, obwohl ich doch auch bei meiner Mutter der „Kronensohn“ gewesen war. Wenn der Oma etwas nicht paßte, hat sie mich nur traurig angeschaut. Ich hätte mich geschämt, sie zu kränken oder zu enttäuschen. Ich will dir eine typische Oma-Anders-Geschichte erzählen:

Als ich zehn war, also vor dem Kriege noch, da standen wir nachmittags einmal vor der großen wuchtigen, zweiflügeligen Haustüre. Eine etwa dreißigjährige Frau ging vorbei, ein gewickeltes Baby auf dem Arm und heulte wie ein Schloßhund. Die Oma sprach sie auf ihre robuste Art an: „„Mensch, Meechen, wat is denn so schrecklich, dette so heulen mußt?“ Die Frau blieb stehen, schluchzte und erklärte, sie käme eben aus dem Krankenhaus Friedrichshain, wo man sie von diesem Kinde hier entbunden habe, und sie müsse am kommenden Montag wieder arbeiten und wisse partout nicht, wohin mit dem Kind. Ohne zu zögern sagte Marie Anders zu der völlig fremden Frau: „Wenn et weiter nüscht is. Nu lassen se det Jöhr man hier bei uns. Denn könn‘ set am Freitach nach de Arbeet wieda abholn.“ Sprach’s, nahm der Frau das Kind vom Arm, schaute in das kleine noch verschrumpelte Gesicht -–die Babyaugen waren noch völlig blau; ein Blau, wie ich es meinem Gefühl nach nie wieder zu sehen bekommen habe – und fragte die fremde Frau, ob ihr das denn nun so recht sei? Die schaute ungläubig, stammelte ein leises „schon“ und wagte den Einwand, sie könne solche Hilfe doch gar nicht bezahlen. „Wer hat denn wat von Jeld jesagt?“ bekam sie zur Antwort. Das Kind blieb fünf Jahre bei uns. Als die Frau ihr Kind am ersten Wochenende – nach ihrer ersten Lohnzahlung – zum ersten Mal übers Wochenende zu sich nach Hause holte, bestand sie darauf, fünf Mark als ihren Anteil an der Sache zu entrichten. Dabei blieb es. Wagt da noch jemand von Härte zu sprechen?

Auf diese Weise bekam ich eine kleine Schwester. Die Flasche habe ich ihr gegeben, wickeln durfte ich sie, ihre Windeln habe gewechselt, eingeweicht und gewaschen. Fünf Jahre, wie gesagt, blieb sie bei uns und um mich herum. Eigentlich hatte ich, außer an den Wochenenden, keine freie Minute mehr. Ich war glücklich und zufrieden mit dieser Lage. Bei uns hat sie laufen und sprechen gelernt. Wir waren eine Familie. Ihre Mutter heiratete dann einen gehbehinderten Mann, der nicht eingezogen werden konnte. Der ging arbeiten und sie konnte zu Hause bleiben und ihren Haushalt machen. Als ich im Herbst 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft (in Österreich!) nach Hause kam, fand ich sie nicht wieder: ausgebombt, verschollen. Auch das Rote Kreuz konnte sie nicht finden.

Hast du noch andere Geschwister? Ja, Elisa, fünf, an drei verschiedenen genealogischen Orten: Meine Mutter hatte noch zwei Söhne vom Kapellmeister Bruno; mein Vater hatte einen Sohn aus seiner ersten und zwei Töchter aus seiner zweiten Ehe. Ach du meine Güte, fünf Halbgeschwister hat das Leben dir beschert. Wie bist du mit denen zusammengekommen? Habt ihr euch verstanden?

Wenn ich sonntags zu meiner Mutter ging – Onkel Bruno spielte dann nachmittags und abends mit seiner Achtzehn-Mann-Kapelle im „Paradiesgarten“ in Treptow – dann ging meine Mutter mit ihren drei Kindern Richtung Altberlin spazieren, Richtung Schloß, Lustgarten, Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor und manchmal noch weiter zu den „Zelten“ oder bis zur Siegelsäule. Der kleine Hans im Wagen, Gerd und Ich mit je einer Hand am Kinderwagen brav daneben. Ich mußte ihr berichten, was ich die Woche über so getrieben hatte, ich mußte die Fingernägel vorzeigen, durfte nicht mir und mich verwechseln – seit ihrer Verheiratung wollte sie schon ihrer „vornehmen“ Schwiegermutter zuliebe etwas besseres aus sich machen -, und sie kontrollierte meine Zeugnisse. Sie zeigte uns, was Berlin in dieser Gegend ohne Geld zum Anschauen zu bieten hatte: den Neptunbrunnen mit dem abgegriffenen „goldenen“ Zeh der allegorischen Figur, den Marstall, wo ihre Mutter als Marketenderin und als Mutter Courage der roten Kieler Matrosen gewirkt hatte, Schloß und Zeughaus. Oft ging es auch durch den Tiergarten zurück und nach dem Potsdamer Platz durch die Leipziger Straße und über den Molkenmarkt nach Hause.

Sag mal, du warst doch gewiß in der Hitlerjugend oder doch wenigstens bei den Pimpfen, im Jungvolk? Wie war das denn?

Als ich zehn Jahre alt war, also 1938, endlich, dachte ich, endlich darf ich da mitmachen und dabei sein. Endlich bekomme ich wie alle anderen mein Braunhemd, die neue schwarze Hose, Halstuch mit Knoten, Koppel und Fahrtenmesser. Denkste, die Oma blockte ab, wortlos. Der ganze schöne Kram, auf den ich mich so lange gefreut hatte, wurde einfach nicht angeschafft.

Meine beiden Cousins, die bei uns im Hause wohnten, neben unserer alten Kellerwohnung, also auch im Keller, es waren die gemischten Kinder – zwei Jungen, zwei Mädchen – aus Annas erster und zweiter Ehe; diese beiden Jungen gingen fröhlich und begeistert zum Dienst und erzählten die aufregendsten Sachen. Ich stand da und war Neese, wie die Berliner sagen. Die beiden Vettern waren ein und zwei Jahre älter als ich. Komm doch einfach mit, sagten sie, aber was sollte ich da ohne die richtigen Klamotten? Eine schwarze Hose, eine richtige kurze, hatte ich auch nicht. Und wo sollte ich ein Braunhemd hernehmen? Die Tante Anna, die Schwester meiner Mutter, machte dieser Hängepartie endlich ein Ende. Sie bekniete ihre Mutter, und ich bekam die ersehnten Klamotten, jedenfalls die für den Sommer. Die Freude währte aber nicht lange. Bei einem Antreten auf dem Landsberger Platz am Eingang zum Friedrichshain – ich war an diesem Tage wegen einer Erkrankung gar nicht dabei – da „meuterten“ die sechzig Jungen vom Fähnlein Zwei, das heißt, sie parierten den Befehlen des Kommandoführers offenbar nicht. Aus den sich widersprechenden Erzählungen der Beteiligten war nicht klug zu werden. Das Fähnlein Zwei des Gebiets Berlin wurde strafweise aufgelöst, unehrenhaft sozusagen. Der Fähnleinführer Garnowitz, den ich sehr gemocht hatte – wir verballhornten alle seinen Namen und nannten ihn einfach „Jannowitz“, analog zu der bekannten Brücke über die Spree -, der meldete sich sofort als Kriegsfreiwilliger. Er ist in Rußland gefallen.

Die Episode Jungvolk war damit für mich vorbei. Viele aus unserer Straße gingen zum Fähnlein Eins, der Parallelformation. Ich ließ es bleiben, weil da so viele Gesichter waren aus der Büschingstraße, die ich aus der Schule kannte und nicht mochte. Irgend ein Zwang von außen ist offensichtlich nie ausgeübt worden. Der seltsame Vorfall war im Sommer 1940. Im Herbst darauf kam ich – freiwillig – mit der Hälfte meiner Klasse und einer halben Parallelklasse zur Kinderlandverschickung (KLV) nach Rossitten auf die Kurische Nehrung. Da gab es einen Klassenlehrer und zu seiner Unterstützung einen Lehramtskandidaten, der ein strammer HJ-Führer war. Auf diese Weise kam ich auch wieder zu der begehrten Uniform, sogar zu der Winterversion, denn in Ostpreußen bezahlte alles der Vater Staat. Kurz vor dem Angriff auf Rußland (die Vokabeln Sowjetunion und Überfall lernte man erst nach 1945 sagen) kamen wir alle nach Österreich. In einem Gasthof im Dörfchen Bieberbach hielten wir Schule, ich lernte, den ganzen Haufen zackig antreten zu lassen, Meldung zu machen und „rechts um, zum Essen ohne Tritt marsch und Einrücken“ zu sagen.

Im Herbst 1941 vergiftete sich Onkel Kurt, der Lieblingsbruder meiner Mutter, mit Gas. Er hatte Geschwüre am Zwölffingerdarm, er soll große Schmerzen gehabt haben, doch meine Mutter meinte immer, ihr Bruder wollte nicht Soldat werden. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Mehr kann ich hierzu nicht berichten. Jedenfalls wurde meine Großmutter depressiv, so daß der Opa nach Österreich kam und mich heim holte.

Der HJ-Führer im KLV-Lager, der mich gemocht und oft den anderen vorgeszogen hatte, – der Lehrer tat das auch, und die Mitschüler respektierten dies, – schrieb mir einen Empfehlungsbrief an die Gebietsleitung in Berlin. Der war verschlossen. Zu Hause wurde ich mißtrauisch. Was würde in dem Brief stehen? Ich öffnete heimlich und mit ungeahntem Herzklopfen diesen Brief über dem aufsteigenden Wasserdampf aus dem Schnabel eines Teekessels und las ihn. Meine Kameradschaftsfähigkeit und meine Führungseigenschaften wurden darin betont, und es wurde empfohlen, mich als Jungzugführer einzusetzen. Ich hätte beim Lagerleben in Bieberbach gezeigt, daß ich das könne.

Diesen Brief habe ich nie abgeliefert. Erstens war die unerlaubte Öffnung am Umschlag zu deutlich erkennbar. Ich vernichtete das corpus delicti. Aber wie unter Zwang fuhr ich zur Jostystraße, zur Gebietsleitung der HJ. Es war Nachmittag. Alles war in Bewegung, kommende und gehende Gruppen und Einzelpersonen belebten das Treppenhaus, ein unkontrolliertes Gewusel, viele Räume und Zimmer für Kameradschaftsabende und dergleichen, aber keine für mich erkennbare Ordnung. Ich hatte Uniform an, fiel somit niemandem auf, sah mich überall um und verdrückte mich wieder. Zu Hause zog ich meine Uniform aus und zog sie erst zwei Jahre später wieder an, als ich begann, bei Telefunken in Zehlendorf Feinmechaniker zu lernen und automatisch der Werk-HJ zugeteilt wurde. Da bekam ich nach der Arbeits- und der allgemeinen Ausbildungszeit noch Unterricht im Funken, lernte also morsen, Sender suchen, lernte Dora- und Fritz-Geräte, die damaligen Wehrmachts-Standard-Funkgeräte, die bei Telefunken auch hergestellt wurden, bedienen und im kleinen Rahmen auch warten und reparieren. Aber marschiert sind wir dort nie.

Als ich im Herbst zum Reichsarbeitsdienst einrücken mußte, war dies für mich alles vorbei. Die einzige positive Folge der HJ-Übungen: Im Wehrertüchtigungslager im Sommer 1944, wofür wir alle unseren Urlaub drangeben mußten, dort wurde ich – wie alle – so lange „liebevoll“ bedrängt, mich doch als Kriegsfreiwilliger zu melden, bis ich nachgab mit der „Bedingung“, dann könnte ich für mich doch die Waffengattung wählen. Na klar, dies wurde sofort zugestanden. Also meldete ich mich „freiwillig“ und wurde bei der Wehrmacht, im Anschluß an den Reichsarbeitsdienst, Funker. Dies hat mir wahrscheinlich das Leben erhalten. Doch dies ist eine andere, eine spätere Geschichte.

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