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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 5

21. November 2014

– V –

Marie Anders, ein einfacher Mensch, eine großartige Frau. Als sie im Sterben lag, die Kommunistin aus Überzeugung und aus eingeborenem Gerechtigkeitsgefühl, die jene bekannte Arbeiterfanfare von den Völkern, die auf die Signale achten mögen, irgendwo, irgendwie im Herzen doch verinnerlicht haben sollte, diese Frau, als sie den Tod kommen fühlte, hat Kirchenlieder Gesungen. Ein feste Burg ist unser Gott…, ich dachte, ich höre nicht recht. Meinen Konfirmandenunterricht hatte ich gerade hinter mir, hatte zuvor nie etwas mit der Kirche zutun, nur der Mutter zuliebe war ich zum Pfarrer Meier von der Auferstehungsgemeinde gegangen, der sein persönliches Büro in der Landsberger Straße betrieb, welches ich vorher noch nie betreten hatte. Er nahm meine Anmeldung dennoch an, vor allem wohl weil ich ihm ausrichtete, meine Mutter lasse ihn herzlich grüßen. „Ach der Zigeuner“ sagte er sich erinnernd, denn er hatte auch sie achtzehn Jahre zuvor ebenfalls mit den Glaubensregeln und –Inhalten der protestantischen Variante des Sichbeziehens auf die unverstehbare Unendlichkeit, die wir konventionell Gott nennen, vertraut gemacht. Auch ich habe dann treu, fleißig – wie in der Schule – aber im Grund vergeblich an seinem Unterricht teilgenommen. Er gab mir den Spruch: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Das sollte mich wohl mit meinem sozial verfemten Status des unehelichen Kindes – der mich persönlich niemals belastet hat – versöhnen. Seine Milde und die alltagsbewährte Güte und Hilfsbereitschaft haben mir durchaus etwas gegeben. Ich blieb dennoch, was ich war: Ein quasiwendischer Heide aus der märkischen Streusandbüchse; wenn schon getauft, dann mit dem etwas trüben Spreewasser.

Und meine Großmutter? Aller Kampf, alle Solidarität mit den zum nackten Leben Verdammten und durch ihre erbärmlichen Umstände Unterdrückten, all dies trat zurück, als sie im dritten Stock – 1935 hatten wir die Kellerwohnung verlassen dürfen – des Seitenflügels des Hauses mit der ziemlich protzigen Gründerzeitfassade in der Lichtenberger Straße 3 auf ihrem vermeintlichen Totenbette lag, – sie starb dann doch im Krankenhaus -, da zählte in ihrem Unterbewußtsein nur noch Rogätz, ihre Kindheit, ihre damaligen Hoffnungen vielleicht und der – mir unbekannte – Pfarrer, der wohl ihre ersten Schritte ins Reich von Anstand, Sitte und Moral gelenkt haben mochte. Er hatte gesiegt. Sein erinnerter Blick auf die Glaubenswelt brachte ihr offenbar mehr Trost als der Gedanke an die Internationale.

Der Krebs zerfraß ihren Magen, sie hatte tierische Schmerzen, nur das Morphium machte sie noch zum Menschen, zum bejammernswerten Bündel aus Haut und Knochen. Diese gewaltige Frau sah sich im Sterben kaum noch ähnlich, aber sie sang das Lied von der Gottesburg, die dem Menschen als sicherer Hort verheißen ist, so er zu glauben vermag. Ich stand weinend daneben. Und Rudolf Anders mußte wieder weinen, als er dies mit leiser Stimme seiner geträumten Elisabeth – das heißt Gottes Ruhe – erzählte.

Du nickst, Elisabeth, du bist Pfarrerin, du verstehst so etwas. Ich aber habe damals nur eines verstanden: Die menschliche Seele, wenn es sie denn gibt, ist unergründlich. Heute sage ich mir: Seele, Geist, Vernunft, Verstand, Intuition, Einfühlungsvermögen und letztlich Bewußtsein sind von einem Standpunkt aus gesehen, den einzunehmen uns nicht gelingen will und kann, ein und dasselbe. Es sind aus dem unergründlich tiefen Brunnen der Muttersprache, gelernt im Vaterland, geschöpfte Worte, die alles jeweils gemeinte besagen, nur eben gerade nicht das, was sie als ein starres Buchstabengebilde festzunageln versuchen. Man versteht sich, und dabei muß man es demütig bewenden lassen. Bewußtsein, welch eine Metapher für die erlebte, für die selbstgeschaffene eigene, ureigene Welt aus Gedanken, die man – wenn es drauf ankommt – nicht teilen, nicht mitteilen kann. Bewußtsein ist für uns alles, aber es ist unsichtbar wie Gott und ebenso unergründlich. Der große, auch unergründliche Leibniz hat formuliert: Könnte man durch das Bewußtsein spazieren wie durch eine Maschinenhalle, man sähe Vieles, gewiß, doch eines sähe man nicht – eben Bewußtsein. Die Therapeuten der Neuen Heidelberger Schule warnen: Verwechselt bitte nicht die Speise mit der Speisekarte! Und der zeitgenössische Systemtheoretiker Peter Fuchs sagt im Untertitel seines profunden Buches „Die Metapher des Systems“, es sei für ihn eine allgemein leitende Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse. Für mein Teil denke ich: Das Bewußtsein verhält sich zum Gehirn gleichwie der Tanz zum Tänzer.

Ein halbes Jahr zuvor wollte die Oma wegen der Schmerzen aus dem Fenster springen. Es war für uns, für den Opa und mich, der Fluch des dritten Stocks. Sie wollte buchstäblich aus dem Fenster springen. Ich schlief aller Erfahrung nach sehr fest. In dieser Nacht fiel es mir sehr schwer einzuschlafen. Die Oma stöhnte zum Gotterbarmen. Sie versuchte es zu unterdrücken. Sie wollte, daß ihr Karl einschläft. Mich hielt sie wohl bereits für eingeschlafen. Leise, unmerklich langsam stand sie, mir zog sich der Magen zusammen, sie lief ums Ehebett herum, an meinem Bette vorbei, wurde immer schneller, riß das Fenster auf: Karl stand schon neben ihr. Mein Opa hielt sie fest. Sie schluchzte und er stammelte: „Marie, mein Gott, Marie, bitte…“

Er brachte sie in ihr Bett zurück. Sie wehrte sich nicht, sie sprach kein Wort mehr. Sie tat es nie wieder. Sie kam noch ins Krankenhaus Friedrichshain. Sie wurde noch nach Bunzlau in Schlesien verlegt, wegen der Fliegerangriffe. Dort trat eine Scheinbesserung ein. Opa und ich heben sie dort besucht. So mager wie sie war, ihre wundervollen kastanienbrauen üppigen Haare waren noch da. Sie hatte sie wie gewohnt aufgesteckt zu ihrem vertrauten angedrückten, abgeflachten Dutt. Sie kam nach Berlin zurück, weil die kämpfenden Kommunisten näher und näher kamen. Man verlegte sie ins Notkrankenhaus hinter der Krautstraße. Dort ist sie gestorben, im März 1944 in einem großartigen Gewölbekeller, reiner Jugendstil, herrliche Mosaiken. Was ihr gewiß alles gleichgültig war. Aber nur dies sehe ich vor mir. Ich hatte wieder Flakdienst, wie jeden vierten Tag. Ich konnte nicht dabei sein. Meine Mutter hat ihr die Hände gehalten bis zuletzt: „Mein kleener Zijeuner!“

Meine Kindheit unter der Obhut dieser Großmutter in jener Lichtenberger Straße war wohlbehütet. Ich habe nie gehungert, war immer ordentlich gekleidet und hatte es im Winter stets warm und gemütlich. Unvergessen sind mir die Tage des Heiligen Abend:

Wenn ich erwachte, stand neben meinem Bett auf dem kleinen Tischchen ein klitzekleines Weihnachtsbäumchen, in einem Blumentopf. Das hatte sie aus der Großmarkthalle mitgebracht, wo sie ein- und ausging, auch als sie nicht mehr am Wagen stand und mit Obst handelte. Würdevoll ging sie durch die Gänge der Großhandelsstände – ihr Sohn war in ihre Fußstapfen getreten und war dort auf eine undurchschaubare Weise „ein Macker“ –und jedermann grüßte sie respektvoll. Neben den kleinen Weihnachtsbäumchen lagen meine Geburtstagsgeschenke. Es war der feste Wille meiner Großeltern, ihr Enkel sollte nicht zu kurz kommen im Vergleich zu anderen Kindern, nur weil sein Geburtstag mit der Bescherung am Heiligen Abend auf einen Tag fiel.

Als ich größer war, so zwischen zehn und fünfzehn, da spielten wir beide, die Oma und ich, an diesem Morgen jedesmal – ohne Verabredung – das Spiel „ich schlafe noch“. Schaute sie prüfend herein, behielt ich locker entspannt die Augen geschlossen, stellte mich schlafend, atmete vertrauenerweckend gleichmäßig, so daß sie ungestört den Geburtstagstisch bereiten konnte.

Am Vormittag – es war doch schulfrei – wurde der Baum aufgestellt und geschmückt. Je älter ich wurde, je mehr dieser wahrhaft rituellen Handlungen übernahm ich selber. Sie gingen wie von selber auf mich über. Alle Utensilien waren herauszusuchen und herbeizuschaffen; sie mußten sorgfältig behandelt und geordnet werden. Da war der Baumschaft zurechtzusägen und passend zu machen, damit er in den uralten Ständer hineingebracht werden konnte. Wehe, der Baum stand nicht grade! Da konnte sie ganz schön fuchtig werden. Sie hat stets den Baum selber ausgesucht und gekauft. Gewachsen mußte er sein, wie Gott sich einen Tannenbaum geträumt haben mag. Dann wurden die zwölf Kerzenhalter in den Stamm geschraubt, Kerzenhalter, wie ich sie nachher nie wieder gesehen habe. Sie sind auch mit dem Haus in die Luft geflogen an jenem Maitag des Jahres 44. Es waren vier lange, vier mittlere und vier kurze. Sie wurden jeweils über Kreuz aber so versetzt eingeschraubt, daß keine Kerze über einer anderen zu stehen kam, wegen der nach oben strahlenden Hitze. Wenn wundert es da, daß ich später als Gewerbeaufsichtsbeamter die Arbeitssicherheit zu meinem Beruf gemacht habe. Wenn die Kerzen richtig standen, kamen die Kugeln an die Reihe. Es waren vierundzwanzig an der Zahl, „Apfelsinen“ und „Zitronen“, so hatte ich sie als kleiner Junge getauft, weil es zwölfe gab mit einem rötlichen Flitterstreifen und weitere zwölfe mit einem gelben. Genau genommen waren es fünfundzwanzig Kugeln, denn eine, eine wahrhaftig uralte und abgeblätterte kam frontal in die hamonische Mitte des Baumes dazu. Diese Kugel stammte von Omas Bruder Johannes. Der war ein Tausendsassa gewesen und hatte vor dem ersten Weltkrieg im Zirkus „gezaubert“ und auf Jahrmärkten mit „Krimskram“ gehandelt. Er ist gefallen und liegt in Rußland begraben „auf der Düne an der Düna“. So hatte es der Oma sein Hauptmann geschrieben, und so hat sie es mir an jedem Heiligen Abend wieder erzählt. Ich bin mir ziemlich sicher, daß dieser Bruder, ihr Johannes, der einzige Mensch war, den ihr innerstes Herz geliebt hat. Noch heute denke ich an jedem Weihnachtsabend an beide zurück und denke, auf der Düne an der Düne mag sie mit ihrem Bruder in Liebe vereint ihren Frieden gefunden haben.

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