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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 4

20. November 2014

IV

Dieser Brief ist nun schon einige Wochen in der großen lebensfreudigen Stadt am Niederrhein, bei Elisa der Pfarrerin in dieser zweitausend Jahre alten Stadt, wo man den Römern auf Schritt und Tritt begegnen kann, wenn man Augen im Kopf, Phantasie im Herzen und – zum Nachhelfen – auch Zeit für Museen mitbringt. Vor fünfzehn Jahren hatte Rudolf eine lebenskluge kleine Freundin, eine ehemalige Opernsängerin, in dieser Metropole des deftigen Humors und der administrativen Schlitzohrigkeit, die hat ihm beigebracht, was es heißen kann, nur im Heute zu leben und sich nicht an einem falsch verstandenen Planungsreck des Lebens den Hals zu brechen. Rudolf machte also beides; weiterleben und weiterhoffen durch weiterwarten.

In dieser Stadt Köln, wo man klein, stumm und ehrfürchtig vor großer deutscher Gotik steht, die doch recht eigentlich aus Frankreich stammt, also romanisch und damit europäisch ist, ein Werk des Meisters Gerard aus Amiens und des Meisters Arnold, Schöpfern einen himmelstürmenden Bauwerks aus unüberbietbarem Glaubenseifer, einer Gottesgewißheit, bei dem und bei der die Demut – wer kann das wissen – triumphierte oder auf der Strecke geblieben ist. Einer Stadt, wo man vor dem Goldschimmer des Dreikönigsschreins den Anhauch der Geschichte spürt: Kraft, Wille, Blut und Tod. Die Unerbittlichkeit der Zeit. Man muß klein beigeben: Nur für Heute will ich leben, nur im Heute kannst du leben, nur aus Liebe kann man leben, deshalb vegetiert man ja, blüht und wächst wie eine Pflanze „so vor sich hin“, weil die uneigennützige Liebe so schwierig ist und doch alle Träume antreibt, bis auch sie verwehen, es sei denn, das „Dennoch“ einer unerwarteten Liebe verleiht den Flügeln der Träume auch die Tragfähigkeit des erfüllten Augenblicks.

Fang doch schon mal mit dem Kartoffelschälen an, und bitte für vier Personen. Wenn die Mädchen nach Hause kommen und bei Reibekuchen leer ausgehen, steinigen sie uns. Ich muß mal dahin, wo der Kaiser…, du weißt schon. Rudolf holte sich die große blaue Schüssel, die mit dem erdbraunen Rand aus dem Kannebäckerland, die er ihr beim letzten Besuch als kleines Geschenk mitgebracht hatte, weil sie alles Einfache und Klare so mochte. So spielte sie zum Beispiel mit herzbetörender Innigkeit Stücke aus dem Wohltemperierten Klavier oder Bach’sche Inventionen und hatte dabei die gleiche erwachsene reife Unschuld im Gesichtsausdruck, die in der Seele des großen Johann Sebastian einen Ort gehabt haben muß.

Er zählte acht große glatte Kartoffeln ab, legte vorsichtshalber noch eine dazu, wusch sie unter dem fließenden Wasserstrahl im Edelstahlbecken der eingebauten Küche und begann versonnen mit dem Schälen. Weißt du, daß du sehr schöne schlanke Pianistenhände hast, sagte da ihre Altstimme neben seiner linken Schulter. Er schreckte hoch und wurde ein wenig verlegen. Die Altstimme klang weiter: Woran hast du denn gedacht? Alle Frauen fragen das, die kessen und die keuschen; die Keuschen fragen es am liebsten. Das ist ihre Keßheit. Ich antwortete promt und frank und frei: An dich! Das muß man, sonst wird man in Frauenaugen unglaubwürdig.

Erzähl‘ mir mehr von der Kommunistin Marie Anders. Hatte sie noch andere Seiten? Die Kommunistin Marie hatte zu meiner Zeit nur noch ein Laster: sie rauchte. Gegen das Rauchen kam sie nicht an, wie früher gegen die Verlockungen des Wettens auf den Ausgang von Pferderennen. Auf’s Essen konnte sie bei ihrer Figur leicht verzichten, obgleich sie gern und genußvoll aß, am liebsten gekochte Schweinebacke, sonntags zum zweiten Frühstück mit Karl, aber wenn sie das Rauchen entbehren sollte – das verdammte fehlende Geld – das setzte ihr mächtig zu. Da konnte sie brummig sein.

Vor meiner Zeit, meine Mutter hat es mir oft händeringend erzählt, da liebte Marie Anders also das Wetten auf Pferde. Karlshorst, Hoppegarten, Mariendorf, das waren die Landschaften ihrer geheimen Träume. Die Liebe zu Pferden war wohl das ländlich Erbe ihrer Sozialisation in Rogätz. Aber liebte die Marie tatsächlich die Pferde? Auch wenn das Geld knapp war – eigentlich immer – lief sie an Renntagen schnell mal hinüber über die Straße in die kleine Wettannahmestelle in der Landsberger Straße und setzte „een Daler“ auf das Pferd, das der bekannte Jockey Streit ritt, hieß es nun Zuckerpuppe oder Goldhase. Dabei war der Streit als Jockey viel zu gut. Er gewann sozusagen immer, und wenn er gewann, brachte er ja keine Quote, weil alle auf ihn gesetzt hatten: Sieger auf Ramona mit einer Nasenlänge der unvergleichliche Jockey Streit, so jubelte der Ansager am Totalisator und ergänzte: Das bringt fünfzehn zu zehn. Marie jubelte auch und kassierte ihre vier Mark fuffzig. Es ging ihr nicht ums Geld, nicht um die Pferde, es ging ihr um den Nervenkitzel, ums Rechtbehalten. Sie wollte sonst nie Recht haben oder behalten, sie sagte immer schnell und leichthin: Karl, du hast recht. Wenn es allerdings um Wettprobleme ging, um Pferde im Trab oder im Galopp, sei es Flachbahn oder über Hürden, oder sei es gar der technikverbundene Kitzel, den ihr die konkurrierenden kleinen Männer in ihren grazilen Sulkys bereiteten, Marie Anders glaubte immer fest zu wissen, wer siegen würde oder seinen Gaul mindestens auf einen Platz brachte. Das Reizvollste für sie, sozusagen der Gipfel des Kitzels war ihr die Einlaufwette. Bei der mußte sie voraussagen, wer wohl als Erster u n d wer als Zweiter durch die Einlaufkurve kommen würde. Es war der reinste Wahnsinn, wie heutzutage sechs Richtige mit Zusatzzahl. Jedoch wenn sie das schaffte, dann – so erzählte es meine Mutter – konnte man von ihr alles bekommen.

Sie kannte nicht nur die Jockeys, sie kannte auch all die Kneipen und Lokale, wo die Jockeys verkehrten. Und die Jockeys kannten ihr Mariechen. Sie war sozusagen ein frühes Groupie. Weil ihr Karl sich aus solchen Sachen wenig oder nichts machte, mußte sie alleine gehen. Es war ihr recht. Wenn sie bis um Zwölfe nicht daheim war in ihrer gemeinsamen Armeleutewohnung, dann wußte Karl, was die Totalisatorglocke geschlagen hatte, allerdings nicht auf dem Rennplatz. Ob die Jockeys verheiratet waren oder nicht, wenn ihr einer gefiel, war er „fällig“, (sagte meine Mutter abfällig und mit bitterer Stimme). Karl war toleranter. Er lief geduldig verzweifelt von Lokal zu Lokal, von Kneipe zu Kneipe. Fand er sie, brachte er sie nach Hause: „Nu komm man, Mariechen!“, und seine Marie kam immer brav mit, ohne Widerrede. Streit gab es deshalb nie. Nur die Leute in der Lichtenberger Straße sagten: „Der arme Mann, wo er doch so jut zu ihr is…“ Die Frauen sagten so, die Männer meinten eher: „Der Ochse kiekt och noch dabei ßu.“ Aber Karl war kein Ochse, und sie war ja auf ihre Weise auch „jut“. Sie konnte halt manchmal nicht anders. Schlimm war es nur, wenn er sie nicht sogleich fand. Einmal, er war schon überall gewesen, da fand er sie morgens auf einer Bank sitzend, gleich vornean im Friedrichshain, direkt vor der Denkmalssäule mit der Büste vom Alten Fritzen, nach dem dieser schöne Park benannt ist. Sie war eingeschlafen. Völlig derangiert soll sie ausgesehen haben, (sagte meine Mutter, aber sie war parteiisch, weil sie ihren Vater so sehr liebte). Ich habe sie beide geliebt und halte mich da raus. Karl war froh, sie wiederzuhaben. Die meisten ihrer Kinder waren schon groß und aus dem Haus. Nur die Herta, die weinte, als die beiden einträchtig nach Hause kamen. Ich denke, so etwas ist eben auch Liebe.

Die Kommunistin Marie Anders hatte zwei für ihr Leben bedeutsame Erlebnisse: Ein schönes und ehrenvolles, und ein schreckliches mit einem potentiell tödlichen Ausgang, wenn nicht… Aber der Reihe nach.

Eines Tages, es muß so etwa 1926 gewesen sein, da kam unangemeldet allerhöchster Parteibesuch zu Marie Anders in die Lichtenberger Straße. Es erschien die allseits bekannte zierliche kommunistische Reichstagsabgeordnete Clara Zetkin und wollte sich ein Bild von der Lage und der Stimmung auf der alleruntersten Parteiebene machen. Nebenbei wollte sie auch noch die Unterlagen der kleinen Kasse für die Rote Hilfe kontollieren. Das Ergebnis war offensichtlich befriedigen: Der Kassenbestand muß gestimmt haben. Was man so von Frau zu Frau über die vertrackte politische Situation plauderte, ist nicht überliefert. Jedenfalls die berühmte und hochangesehene Kontrolleurin überreichte meiner Oma ein dunkelgrünes, reich geschnitztes, pagodenförmiges Lackkästchen, mehrfach zum Aufklappen und – man staune – mit einem Geheimfach, welches sich nur öffnen ließ, wenn man wußte, wie sich zwei der Seitenwände des von russischen Kunsthandwerkern geschmackvoll hergestellten Zauberkastens gegeneinander verschieben ließen. Die Zetkin erklärte ausdrücklich, sie habe das Kästchen direkt aus der großen Union der Sowjetrepubliken mitgebracht. Später gehörte das geheimnisumwitterte Kästchen mir. Ich verbarg darin alle meinen Knabenschätze und seltenen Fundstücke. Im Mai 1944, bei einem Tagesangriff der eigentlich sehnsüchtig erwarteten Amerikaner, flog dieses schöne und wertvolle Geschenk der Politik mit samt dem Hause Lichtenberger Straße Nummer drei in die Luft.

Als das russischgrün lackierte Kleinod in die Luft flog und nur in meiner Erinnerung zurückblieb, stand ich als Feinmechanikerlehrling der Weltfirma Telefunken in Lichterfelde West tatenlos in der Uniform eines Flakhelfers neben einer Zwo-Zentimeter-Vierlingsflak und schaute mit klopfendem Herzen schweigend in den strahlend blauen Himmel über Berlin. Die amerikanischen Bomberpulks der B-17 waren fast unbehelligt über uns hinweggeflogen, in achttausend Metern Höhe, wobei die 10,5er Zwillingsflak am Bahnhof Lichterfelde West mit ihrem fast vergeblichen Geballer zeitweilig mehr Lärm machte als die Bomber.

Die Oma brauchte es nicht mehr zu erleben. Sie war im März davor an Magenkrebs gestorben. Opa Anders aber war zu Hause im Luftschutzkeller. Er wurde mit seinen Hausgenossen verschüttet, zum zweiten Mal in seinem Leben. Seine Premiere als Eingeschlossener hatte er im ersten der schrecklichen großen Kriege. Dafür hatten sie ihm seinerzeit das Kriegsverdienstkreuz als Ausgleich angeheftet. Als ich nach Hause kam, war er schon befreit und lag im Krankenhaus Friedrichshain. Ein Jahr später, nach dem Einmarsch der Sowjetarmee, starb er in diesem Krankenhaus an einer Lungenentzündung, die er sich wiederum im Luftschutzkeller geholt hatte, wo er die Schlacht um Berlin erlebte und eigentlich überstanden hatte. Es war diesmal der Luftschutzkeller im Hause seines Sohnes Walter in der Gollnowstraße. Er selber war zuvor zum zweiten Male ausgebombt. Das alles ging offenbar über seine Geduld und seine Kräfte. An der Somme 1917 schon einmal in einem der üblichen holzgestützten Unterstände verschüttet, lief ihm dieses schreckliche Verhängnis so lange nach, bis es ihn eingeholt hatte. Die Gläubigen sagen, Gottes Wege seien unerforschlich.

Maries Schrecknis war leiser, heimtückischer, dafür ging es gut aus. Alle in der Lichtenberger Straße wußten: Marie Anders ist in der KPD. In ihrer Wohnung gingen Kommunisten „ein und aus“, das heißt, sie holten sich eine kleine Unterstützung der Partei für etwas zu essen und für eine Fahrkarte nach Hause, wenn sie aus der Haft kamen, oder wenn sie untertauchen mußten.

In der Nacht, als der Reichstag brannte, wurde Marie verhaftet. Klarer Vorwurf: Sie habe den vermeintlichen oder tatsächlichen, den angeblichen Brandstifter Marius van der Lubbe in den Nächten vor dem Brand bei sich „beherbergt“, also in unserer Wohnung. Ich war viereinhalb Jahre alt. Woran sollte ich mich erinnern? Meine Mutter lehnte es meist ab, hierüber Fragen zu beantworten. Sie konnte schon den Namen Clara Zetkin nicht „verknusen“. Schupos in blauer Uniform holten die Marie ab. Der SA-Mann Bruno, der Geiger, also der Mann meiner Mutter, brachte sie nach drei Tagen wieder nach Hause. Karl war sofort zu ihm gelaufen. Bruno hatte sich seine Uniform angezogen, ist zum Alex gestiefelt, zum Präsidium und: Er hat sie schließlich aus der Untersuchungshaft herausgeholt. Obgleich er wußte, sie könne ihn nicht ausstehn.

Man hatte Marie Anders im Polizeipräsidium am Alexanderplatz noch nicht einmal zu dem ungeheuren Vorwurf vernommen, nur zur Person. Den Kommunisten Eugen Trohl hatte man ebenfalls verhaftet. Er kam aber nach Oranienburg ins „Konzertlager“, obgleich er ziemlich unmusikalisch war. Als er nach Monaten nach Hause kam, war er ein Krüppel und ging an Krücken. Monate später haben ihn SA-Männer im Versammlungskeller von „Walterchens Ballhaus“ in der Lichtenberger Straße 21, das zum Stammlokal der braunen Erfolgsmenschen umfunktioniert war, tot geschlagen.

Die passenden oder unpassenden Gerüchte hierzu, die in der Lichtenberger Straße von Mund zu Mund liefen: Der undankbare Eugen Trohl, der Unmusikalische, habe „gesungen“. Er habe in Oranienburg nach einer ausreichenden Tracht Prügel seine gelegentliche Arbeitgeberin Marie Anders verpfiffen, aus Rache, weil sie ihn im Winter 1928 verdächtigt hat, (hat sie, aber nicht angezeigt; Zeuge: meine Mutter), er habe ihr zwei Zentner Äpfel aus der Remise gestohlen. Alle Beteiligten sind tot. Lassen wir sie unbehelligt ruhen.

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