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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 3

19. November 2014

– III –

Karl und Marie Anders, diese beiden Menschen haben mein Leben geprägt, darüber sind Zweifel unnötig. Sie haben es geprägt in tatsächlicher, also materieller Hinsicht, und sie haben – auf eine so leicht und so schnell nicht beschreibbare Weise – vorgelebt und damit fast schon strukturiert (der Fachterminus stehe hier bewußt), – wie ich immer noch denke und ein Leben lang gedacht und gefühlt habe, bei allem substantiellen Wandel und aller individuellen Gestaltung, die mein Denken und Fühlen durch meinen selbst-“gemachten“, selbstbestimmten intellektuellen Werdegang verändert haben.

Karl und Marie waren arm. Das soll heißen, sie hatten wenig Geld. Da sie für mich Eltern waren und ich als Dritter ganz einfach dazugehörte, darf ich sagen: Wir waren arme Leute im Osten von Berlin, die in einer Arbeitergegend wohnten, mitten in einem abgemilderten Zillemilieu. Gemildert, weil Gesundbrunnen, Wedding, Scheunenviertel (damals bereits ohne Scheunen), der Fischerkietz und die Ackerstraße noch auf eine viel krassere Weise „Zilles Milieu“ verkörperten. Und um ganz genau zu sein: Zwischen der literarisch und graphisch überlieferten Zillewelt des neunzehnten Jahrhunderts und der Lichtenberger Straße von 1928 ließen sich gottseidank schon deutliche graduelle Unterschiede nicht übersehen. Armut ist eben nicht nur soziologisch ein relativer Begriff. Von Exklusion im Sinne Niklas Luhmanns war doch eigentlich weder bei Zille und schon gar nicht in der Lichtenberger Straße die Rede. Jeder hatte ein Dach über dem Kopf und spärlich aber ausreichend zu essen, auch die – gerade damals zahlreichen – Arbeitslosen, und niemand war tatsächlich ausgegliedert. Die Familie und die Nachbarschaft fingen praktisch jeden irgendwie Gestrauchelten auf eine tatsächlich menschliche Weise auf. Aus politischen Gründen schlug man sich zwar durchaus realistisch die Köpfe ein, doch auch der extremste politische Standpunkt wurde zwar zumindest verbal radikal ausgelebt, doch zweifelte niemand daran, daß etwa Kommunisten Menschen wären. Sogar ein SA-Mann lief bei Sonnenschein höchstens Gefahr, wegen seiner mostrichfarbenen Montur – heimlich – aufrichtig verlacht zu werden.

Zilles Stammlokal, die Kneipe „Zum Nußbaum“ lag im Fischerkietz. Die riesige Baugrube für die Münze, die Reichsbank und die Reichsdruckerei war ja in meiner frühesten Kindheit noch nicht ausgehoben. Das sogenannte Alt-Berlin mit seinen Kellerboudiken stand noch unersehrt. An den Boulettenkeller, Station aller Altstadtrundfahren im Kremser oder in offener Kutsche erinnere ich mich

ganz deutlich. Der Engel meine Jugend, die Frau Waszcziczek – ich nannte sie liebevoll „die kleine Frau“, weil sie nur einsneunundfünfzig groß war und ich
sie schon mit zehn Jahren um Haupteslänge überragte – die kleine Frau, die für die Verhältnisse in der Lichtenberger gut betuchte Witwe eines früh verstorbenen Reichspostsekretärs, war Mitglied eines Kulturvereins Altberlin und hat mich oft zu diesen interessanten Exkursionen mitgenommen.

So klein wie ich war, es waren meine ersten Abenteuer, meine ersten bewußt erlebten „Schneisen“ durch den „Urwald“ einer Stadt, die Berlin hieß, sich Reichshauptstadt nannte, von Kaiser Wilhelm träumte, der noch viele Stammtische beherrschte, auch in Arbeiterkneipen, die aber in ihrer unüberschaubaren Gesamtheit keineswegs meine Heimat war.

Meine Heimat war schlicht und einfach die Lichtenberger Straße. Wenn ich heute genau hinschaue, in Gedanken auf meinen inneren Stadtplan oder in realitate bei einem der seltenen Berlinbesuche, dann bin ich zutiefst traurig, weil es meine Lichtenberger Straße gar nicht mehr gibt; sie ist sozusagen ein Unjekt, das ein seltsames Nichts bezeichnendes Wort, ein räumliches, ein topologisches Paradoxon. Es gibt sie und gibt sie nicht.

Wer heute, jetzt, nach Berlin fährt oder sich eine aktuelle Karte von Berlin kauft, findet leicht eine Lichtenberger Straße. Sie verbindet den ehemaligen Landsberger Platz, der nun Platz der Vereinten Nationen heißt, nachdem er bis 1990 Leninplatz geheißen hatte, mit dem Straußberger Platz, dessen Name allen weltkriegsbedingten Wandel überdauerte, und setzt sich dann im Verlaufe der ehemaligen Krautstraße fort bis in die Gegend des Georgenkirchplatzes.

Diese heutige reale Lichtenberger Straße verläuft allerdings zwischen dem alten Landsberger Platz und dem ewigen Straußberger Platz am topologischen Ort der vormaligen Straußberger Straße. Der Kenner, der Beobachter also, der sich erinnern kann, erkennt in diesem Teil der jetzigen Lichtenberger Straße die namentlich ausgelöschte Straußberger Straße.

Während die Amerikaner mit ihren Bomben und die Russen mit ihren Panzern und Stalinorgeln der tatsächlichen Lichtenberger Straße derartig den Garaus machten, daß der pseudovernünftige Wiederaufbauwille der Ostverwaltung es leicht fand, alle Trümmer wegzuräumen und das Gelände so zu planieren, daß nur ein Kundiger sieht, wo etwa zweihundert Meter parallel zur jetzigen Lichtenberger Straße die eigentliche, die vormalige, die meinige Lichtenberger Straße verlaufen war.

Die Straußberger Straße mußte also ihre Verwandtschaftsbeziehung zum Straußberger Platz aufgeben und bekam den Namen ihrer verstorbenen Parallelschwester oktroiert. Der alte Name blieb, die nameneigene Straße selbst ist verschwunden. Wie vormals jede Frau, die sich verheiratete, den Namen des Mannes übernahm und sich solcherart neu individuierte, so hat die quasiweibliche Straußbergerin den quasimännlichen Lichtenberger nach dem Kriege zwangsgeehelicht, als postwarriale Kriegstrauung sozusagen, und trägt nun wie eine Witwe, eine Kriegerwitwe, den Namen ihres aus dem Kriege nicht zurückgekehrten Ehemannes.

Meine Lichtenberger Straße war ein überschaubarer Raum: Zehn Häuser rauf, zehn Häuser runter, basta. Die natürlichen Grenzen dieser Welt in meinem Kopf waren die beiden „stark“ befahrenen Ausfallstraßen: die Landsberger Straße im Norden und die Palisadenstraße im Süden. Sechs Jahre lang, bis zu meiner Einschulung , habe ich den Raum dieser kleinen Welt im Grunde nicht verlassen, jedenfalls nicht alleine. Omas Obstwagen stand gleich dreißig Meter „links“ um die Ecke in der Palisadenstraße. Die Drogerie für Omas Kopfschmerzpulver war im Eckhaus gleich „rechts“ um die Ecke auch in der Palisadenstraße. Der Landsberger Platz, noch nicht rund wie später durch den realen Hitler und noch später noch runder durch den nur noch erinnerten Lenin, öffnete sich zu meiner Kinderzeit nach knapp hundert Metern rechts herum die Landsberger Straße entlang. Er war dann acht Jahre lang das Ziel meines kurzen Schulweges, denn vom Landsberger Platz ging nach zwei Seiten die Friedenstraße ab, in deren östlichem Teil stand das stabile Backsteingebäude der 5. Volksschule des Bezirks Friedrichshain. Deren Vorderhaus, worin seinerzeit der Rektor der Knabenschule und die Rektorin der Mädchenschule samt ihrem Hausmeister und Schulpedell wohnten, hat überlebt und hat dann jahrelang ein Revier der Volkspolizei beherbergt; wogegen die rückwärtigen Schulgebäude samt den beiden Turnhallen ewig ausgebrannte Ruinen waren.

Die linke Ecke der Lichtenberger zur Landsberger war unser Spielparadies: Das Dreieck genannt, eine kleine Verkehrsinsel, deren Insulaner wir Kinder waren, ein schön kleingepflastertes Areal mit symmetrisch verteilten drei kleinen Bäumen, an jeder Ecke einer, mit einer Sandkiste (im Herbst und Winter) und einem achteckigen Pissoire, genannt Café Achteck. Wenn die Sandkiste zu unserer jedesmaligen Überraschung wie von Geisterhand verschwand, dann war Frühling.

Frühling in Berlin setzte sich zusammen aus Sachen und Aktivitäten, ein Abbild der Welt aus Strukturen und Prozessen. Es gab plötzlich in allen Seifengeschäften Murmeln zu kaufen, kleine gebrannte und lackierte
Tonkügelchen, zehn Stück für fünf Pfennige, – was viel Geld war, denn für fünf Pfennige gab es zwei Caid-Zigaretten. Oma Anders rauchte sie statt ihrer
bevorzugten runden Juno, („aus gutem Grund ist Juno rund“), wenn das Geld nicht reichte – die Mädchen und wir kleinen Jungen peitschten unsere meist nagelneuen Triesel (Kreisel) über den Fahrdamm, es wurde auf mit Kreide kreierten Feldern, deren Formen offensichtlich über Generationen hinweg tradiert waren, Hopse gespielt. Aber Kreide und einen Triesel mußte man erst einmal besitzen, mußte solche Sachen haben irgendwie erwerben können. Diese kapitalistischen Probleme löste im günstigsten Falle meine kleine Frau. Ihr verdankte ich Spielzeuge, deren Wert kraß abstach von der Finanzgrundlage der Familie Anders, und mit denen ich mir manchen neidischen Blick der Lebensgenossen einhandelte. Wenn man eines besaß, schob man sein kleines Rennauto auf den Bordsteinen zum Avusrennen. Fiel das schwungvoll geschobene Auto herunter auf den Damm, mußte der Pechvogel zurück auf den letzten Abstoßplatz.

Die Lichtenberger hatte ihren Kindern also viel zu bieten. Waren wir auch arm, unglücklich waren wir nicht. Aus dem ovalen Deckel einer Margarinebütte war mühelos ein Ritter oder Indianer-Schild herzustellen: Man mußte im Milchkeller bei der Frau Bochmann nur freundlich darum bitten, um einen solchen unschätzbar wertvollen Deckel zu ergattern. Vier Löcher hineingebohrt und mit dicker Strippe (Bindfaden, Kordel) zwei Schlaufen für Unterarm und Hand mit einem genügend großen Knoten darin befestigt, fertig war der halbe Held. Aus den weichen Brettchen der Apfelsinenkistchen, die es bei meiner Oma ebenfalls gratis gab, ließen sich leicht Schwerter machen. Wie, das wußte man mit dem Instinkt der Armeleutekinder. Theorie und Praxis untrennbar vereint. Wir waren eben Naturkommunisten. Ein Flitzbogen für die zünftigen Indianer erforderte ausgedehntere Rüstungsinvestitionen: Zehn Pfennige, wenn nicht gar zwanzig, je nach Qualität, bei deren Beurteilung uns kein Händler etwas vormachen konnte, für einen Rohrstock im Universalgeschäft für Schulbücher, Schreibwaren und kleinen (meist zu teuren ) Spielsachen in der Straußberger Straße, und fünf Pfennige für fünf Wurstspeiler, die zu Pfeilen wurden, wenn man etwas Draht an ihren Spitzen befestigte, damit sie besser flogen. In einem stirnbreiten Streifen Wellpappe konnte man die zu Weihnachten gesammelten Gänsefedern stecken, und der Indianerhäuptling war nicht zu übersehen. Poiesis und prattein machten aus Not das poetische Verhalten unserer Kindheit. Wir haben niemals gejammert.

Nun, liebe geduldige Frau Elisabeth, jetzt habe ich viel mehr von mir selber erzählt, als von den Großeltern. Die will ich aber nicht vergessen.

Sie haben da eben als berliner Innenstadtindianer so richtig strahlende Augen gehabt auf dem friedlichen Kriegspfad ihrer Erinnerungen. Schenken sie uns doch noch einmal ein von dem vorzüglichen halbtrockenen Rauenthaler Baiken und erzählen sie dann weiter.

Wissen sie, so lange ich noch nicht zur Schule durfte, war ich bei gutem Wetter meist auf der Straße, bei schlechtem Wetter bei meiner kleinen Frau, der Witwe Waszcziczek. Die sonnenlose Kellerwohnung lockte wahrlich nicht zum Verweilen. Und obgleich ich mit fünf Jahren mit Druckbuchstaben schreiben und die Überschriften der Berliner Morgenpost mühelos lesen konnte, war meine Leserattenzeit doch noch nicht aktiv angebrochen. Wenn ich Hunger hatte, klingelte ich entweder bei der kleinen Frau oder lief schnell an den Obstwagen der Oma in die Palisadenstraße, schnappte mir, was die Jahreszeiten so hergaben oder ich bat die Oma um einen Groschen, zehn Pfennige also, und kaufte mir beim Bäcker in Nummer elf der Lichtenberger zwei Amerikaner, einen weißen und einen schwarzen. In der Palisadenstraße war eine Feinbäckerei, dort gab es einmalige Spritzkuchen, die mir noch lieber waren als Amerikaner, doch die kosteten zwanzig Pfennige, lagen somit außerhalb der normalen Reichweite.

Die Oma Anders handelte bis 1935 mit Obst an ihrem Wagen. Sie war wohl so etwas wie ein Original. Selbstverständlich nicht für mich. Für mich war sie der unangefochtene, nicht wegzudenkende Mittelpunkt der Welt und meines Lebens. In ihrer geblümten oder anders gemusterten Wickelschürze, mit hochgekrempelten Blusenärmeln, in geknöpften Halbschuhen, aber wegen der geschwollenen Beine lieber in Pantoffeln, und vor allem mit ihrer – ich muß es so nennen dürfen – richtigen Berliner Schnauze, wie die Berliner sich zumindest damals ausdrückten, war sie also eine achtunggebietende, achtungheischende Germania. Sie hat in ihrem Leben immer gekämpft: gegen die Armut, gegen die Ablehnung durch Opas kleinbürgerlicher Familie, gegen die Not im Ersten Weltkrieg und gegen den Krieg selber, mit den aufständischen Kieler Matrosen im Marstall und im Berliner Schloß gegen die Reaktion, als Granatenschlepperin für den Mörser, den die roten Truppen auf dem Büschingplatz abgeprotzt hatten und gegen Nosketruppen schossen, gegen die Nazis bei der Wahlversammlung in der Halle der Schultheiß-Patzenhofer-Brauerei in der Landberger Allee an dem Abend, als Ulbricht sprach, der dann durch den Hinterausgang türmen mußte, weil die SA-Leute im Saal trotz der Dresche, die sie von den kommunistischen Arbeitern bezogen, die Oberhand behielten. Ja, Marie Anders war Kommunistin. Sie war es seit der Gründung der USPD, war dann im Spartakusbund, und als sich die KPD richtig von der SPD abspaltete, wurde sie Kassererin für die Rote Hilfe.

Seit 1898, seit ihrem achtzehnten Lebensjahr, als sie ungelernte Arbeiterin in einer Magdeburger Zuckerfabrik war – hier lernte sie ihren Karl kennen – da war sie zuerst Mitglied der Sozialdemokraten, eben weil der Karl Anders engagiert in der SPD gewesen war, als sie sich kennenlernten. Karl war ein Jahr älter als sie, und sie heirateten, weil Marie schwanger wurde.

Sie hat von 1900 bis 1911 sechs Kinder geboren, die alle am Leben blieben, was doch zu dieser Zeit noch keineswegs selbstverständlich erschien. Zuerst ein Mädchen, die Anna, der folgten die vier Jungen Karl, Erich, Walter und Kurt, und den Abschluß machte „die Kleene“, die Herta, meine Mutter.

Im Krieg mußte sie bei Borsig in Tegel zähneknirschend Granaten drehen, Führungsringe aus Kupfer aufschrumpfen und Zünder anpassen, weil die Kriegsrente – Karl war von Anfang an Soldat – für sieben Personen einfach vorne und hinten nicht reichte. In der Fabrik agitierte sie die Arbeiter. Sie war so zäh und so zielstrebig wie Bertha von Suttner, nur nicht so friedlich und nicht so gebildet. Geschont hat sie sich nie. Als sie wegen aufrührerischer politischer Gesinnung bei Borsig geschaßt wurde, – die Mutter von sechs Kindern einzusperren wagten die kaiserlichen Beamtenköppe denn doch nicht, – da ging sie zur Berliner Wach- und Schließgesellschaft und stapfte mit einem dicken Ledermantel, mit der umgehängten Stechuhr, mit umgeschnallter Pistole und der Taschenlampe in der Hand durch berliner Fabriken und Lagerhallen bei Nacht. Von dieser martialisch ausgerüsteten Marie habe ich Bilder gesehen, die im Bombenkrieg leider verlorengingen. Angst konnte man ihr nicht machen. Nachgegeben hat sie nie, nur bei ihrem Karl, denn den liebte sie.

Sie wog zwei Zentner, Karl höchstens siebzig Kilo. Als sie ihn kennenlernte, als sie ihn das erste Mal sah, „den dürren Häring“, er hatte einen glühend heißen Zuckerhut (ein „Zuckerbrot“) auf seiner mit einem nassen, zusammengelegten Sack bedeckten rechten Schulter, hatte sie einfach Mitleid. „So ein armer Hund.“ Karl war „Austräger“ und mußte die frisch gebackenen Zuckerbrote zu den Abkühlregalen tragen, in langer Reihe mit seinen Genossen. „Halb vahungert waren die alle!“ Damals war das Wort Solidarität kein ideologisch gefärbter Partei- oder Gewerschaftsslogan.

Marie war nicht aus Magdeburg. Sie war vom Lande. Geboren in Rogätz im Landkreis Wollmirstedt. Über ihren Vater oder ihre Mutter hat sie selber nie ein Wort verloren. Andeutungen meiner Mutter habe ich entnommen, Marie und ihr Bruder Johann waren uneheliche Kinder einer Stallmagd, und der Vater soll der verheiratete Gutsaufseher gewesen sein. Sie war eine geborene Koch. Hier endet die Spur ihres Herkommens. Vielleicht war sie es satt, daß man im Dorf über ihre Mutter redete. Sie ging nach Magdeburg in die Fabrik und heiratete ihren Karl, die SPD und seine ihr vertraute Armut. Als Karl sie das erste Mal mitnahm auf eine SPD-Versammlung, und als ihr Karl vor diesem Gremium im Hinterstübchen einer Kneipe sogar zu reden anfing, – in der Austragehalle der Zuckerfabrik war er „stumm wie ein Fisch“ – da bekam sie auf ihre Art „richtig Respekt vor dem Kerl.“

Nachdem ihre sechs Kinder geboren waren, alle in Magdeburg, machten sie sich auf nach Berlin. Die Herta war gerade mal anderthalb Jahre alt. An diesen Umzug konnte sie sich – zu meinem späteren Leidwesen; wenn ich ihr Löcher in den Bauch fragte – nicht erinnern. Nach Berlin zog es sie wohl weniger des strahlenden und prahlenden Kaisers wegen, obgleich sie als politisch aktive und interessierte Menschen sein stolzes Wort vom Hinführen zu den glänzenden Zeiten gewiß kannten, nein, sie versprachen sich einfach besser bezahlte Arbeit für den Karl, denn mitarbeiten konnte und mußte Marie doch erst wieder, als es gegen Frankreich und schließlich zum ersten Mal gegen die ganze Welt ging. Karl bekam auch sofort Arbeit als Fensterputzer, eine angelernte Tätigkeit, die schließlich zu seinem Lebensberuf werden sollte. So zog er mit seiner Leiter auf der Schulter, den Zinkeimer am Arm mit Leder und Lappen darin, durch „seine“ Straßen im Westen der Großen Stadt. Alles für ein kleines, bescheidenes aber anständiges Leben. In der Tasche seiner bald abgeschabten und immer ein wenig schäbigen Lederjacke drei paar von Marie gut belegte Brote und gönnte sich in der Mittagspause in irgend einer Kneipe eine halben Liter Bier, eine richtige Molle; (von dem sprichwörtlich dazugehörigen Korn hat er zeit seines Lebens wenig gehalten). Meine Mutter hat ein Leben lang davon geschwärmt: „Wenn mein Vater bei Cyliax putzte, dann bekamen wir Kinder eine große Tüte mit Schokoladenbruch.“ Cyliax war eine Zweigstelle einer Kette bekannter und vornehmer Süßwarengeschäfte, die es überall in Berlin gegeben hat. Für meine Oma, als sie schon ihren Obstwagen hatte, war Cyliax eine Lustquelle; eine der beiden großen Versuchungen, denen sie nur schwer zu widerstehen vermochte; und das auch nur, wenn ihr das Geld zu ihrem Laster fehlte. Ihr Cyliax war an der Ecke Palisaden- und Straußberger Straße, zwei Häuser neben dem Merkur-Palast, somit für sie nur schräg über die Straße, wenn es sie denn ankam. Marie Anders kaufte bei Cyliax nur eines: bittere Ingwerstäbchen! Sie drückte meiner Mutter und später mir mit lüsternen Augen vierzig (!) Pfennige in die Hand und sagte: „Hol‘ ma mal welche!“

Die wieder mitgebrachten „Hasenbrote“ von Opa und der Schokoladenbruch von Cyliax waren auch zu meiner Zeit noch wöchentliche Meilensteine auf dem Wege durch die Kindheit. Das Hasenbrot lag eingewickelt im Zinkeimer neben
den noch feuchten Ledern und Lappen, damit es nicht völlig austrocknete. Die Tüte mit dem Schokoladenbruch steckte – vielleicht – in einer der unergründlichen Taschen seiner braunen Lederjacke. Hatte ich das Hasenbrot gegessen, – eine Delikatesse, um die sich meine Mutter zu ihrer Zeit noch mit den vier Brüdern „kloppen“ mußte, bis der Opa, ihr Opa!, sagte: Nu laßt doch det Meechen ihr Brot!“ – ich hatte es da viel leichter. Aber: Ich hatte mich zwar den halben Tag auf’s Hasenbrot gefreut, doch schielte ich verstohlen in Richtung Lederjacke und dachte, ob er… Der Opa dagegen genoß meine Erwartung und fragte scheinheilig: „Hat’s jeschmeckt?“ und schaute hintergründig lächelnd in mein Gesicht und sagte endlich erlösend: „Nu schau schon nach!“ Ich sprang jubelnd auf, suchte die bekannte (rechteckige!) Tüte, bis ich sie in einer der vier großen Taschen fand, und breitete alle diese meine Schätze auf dem Küchentisch aus. Ich brauchte mich wenigstens mit Niemandem darum zu kloppen.

A propos Hasenbrot, mein lieber Freund, wollen wir tatsächlich heute Abend Reibekuchen, pardon, Kartoffelpuffer backen? Gewiß, auf in die Küche, ich fange gleich an zu schälen. Unter gemeinsamen Lachen zogen beide in die schöne große Pfarrhausküche. Das helle Licht im Raum machte sie beide ganz verlegen. Im Halbdunkel einer abseits stehenden Tischlampe des Wohnzimmers hatte es sich so schön unbefangen plaudern lassen. Dabei war es doch völlig ungewiß, ob er dieses Wohnzimmer, ob er diese Küche, ob er diese Elisabeth jemals sehen geschweige den kennenlernen würde. Schließlich hüllte sich die reale Pfarrerin Elisabeth noch immer fest in Schweigen. Anrufen kam überhaupt nicht infrage. Ob sie etwa verheiratet war? Als Fernsehpfarrerin n u r die Ehefrau eines Pfarrers? Sie sah so allein aus auf dem Heldenfriedhof. Aber auf Friedhöfen sieht jeder allein aus. Wenn sie nun einen Freund hatte? Und überhaupt keinen Gesprächspartner brauchte, wie er es sich in seinen kindlichen Naivität hemmungslos ausgemalt hatte. Oder wenn die Tochter/die Töchter bremste(n): „Bist du verrückt, in deinem Alter noch mal was mit ‚nem fremden Mann anzufangen?“ Töchter können zu Müttern grausam sein. Wie soll ich denn dies alles wissen? Ich werde doch nicht leichtfertig mein eigenes Traumhaus einreißen. Ich muß ja nicht tatenlos warten. Ich werde drei von meinen Gedichten heraussuchen, die sowohl über mich etwas aussagen als auch zu ihr passen könnten, und schreibe ihr folgenden Brief dazu:

Liebe Frau Elisabeth,

Sie schweigen, und das ist ihr gutes Recht. Ich beklage mich nicht. Was mir vorschwebte, und was mir immer noch vorschwebt, ist etwas völlig anderes. Ich wollte im vergangenen Jahr folgende Zeitungsannonce aufgeben: Wo bist du, /Holde Frowe,/Dem Sphärenklang/Mit zarter Geste/Gleichsam zugetan?/Ein Briefchen, keck gewagt,/Ich wüßte es zu schätzen./Wer aber hat den Mut,/Dergleichen auch zu schreiben/Und – abzusenden?

Den Mut hierzu hatte ich selber nicht. Alles nur ein Tagtraum. Die Anzeige blieb ungedruckt. Dies Faktum fesselte aber nicht meine leicht auffliegenden Gedanken. Es kam die bewußte Fernsehsendung, der Anruf bei der Telekomauskunft, mein Weihnachtspäckchen, Ihre Antwortkarte…

Muß immer alles „senkrecht“ stehen, wie die Schriftzeichen aller Realität? Darf die Phantasie nicht „geneigt“ sein, sich einer anderen, einer persönlichen, einer persönlicheren Welt zuzuneigen?

Die Welt eines anderen Menschen ist immer beides gleichzeitig: wunderlich und wunderbar. Wunderlich, weil wir sie nicht kennen und dadurch nicht erkennen, und wunderbar, weil man nur staunen kann, wenn sich von dieser unbekannten Welt be- und verzaubern läßt.

Als ich Ihnen vor geraumer Zeit – ist mir’s doch, als sei es eben gewesen – zuschauend zuhörte und von Augenblick zu Augenblick immer mehr fasziniert („gebunden“) war, zu erkennen, wie jemand ein seelisch sehr bewegendes Thema so behutsam und (selbst)sicher zugleich sprachlich „von Herzen kommend“ handhabte, da mußte ich einfach auf Sie zugehen. Mir blieb keine andere Wahl als telefonisch zu wählen. Wie sehr mich Ihre Worte tatsächlich innerlich erschüttert hatten, merkte ich selber erst, als ich am Telefon sprechen sollte und sogleich vom Erinnerungsstrom weggerissen unter Tränen stotternd verstummte.

Verstummen aber, gerade dies wollte ich nicht. An diesem späten Abend nicht, und auch nachher nicht. Nicht an den darauf folgenden Tagen und Wochen, an denen ich mit Ihnen – in Gedanken und versuchsweise – weitersprach, von mir erzählte und mich (probeweise) verstanden fühlte.

Selbstverständlich habe ich mir mit gleicher Schnelligkeit und Eindringlichkeit das Wort Zumutung ins eigene Ohr gesagt. Was und wieviel darf man einem anderen Menschen zumuten, noch dazu einem „völlig fremden“? Doch das Wunderbare bestand ja gerade darin, daß Sie mir alles andere als fremd erschienen waren. Ihre Ausdruckskraft war zumindest einem Wunschbild von
mir selber innerlich verwandt. Sagen können, was man denkt (vor-denkend oder nach-denkend), Gedanken aussprechend mitfühlen, welch eine zu Herzen gehende glückliche und beglückende Fähigkeit. Ihnen ist dies offensichtlich gegeben. Zwangsläufig fällt einem dabei unser großer Sprachmeister ein, der
dankbar (freilich auch die Last spürend) bekannte: „Mir gab ein Gott, zu sagen, was ich…“

Vom Leiden soll aber hier nicht die Rede sein. Das war Ihr Anlaß, als ich Sie „virtuell“ im Cyberspace des Fern-Sehens kennen lernte. Meine Rede soll ja freudig, freudevoll sein, weil Ihre eigentliche Quelle die Dankbarkeit des menschlichen Vertrauens ist. Ich vertraue darauf, daß Sie mich nicht mißverstehen.

Ich grüße Sie herzlich und respektvoll mit einen kleinen Geschichte zum Schmunzeln. Ihr…

Und er fügte diesem Schreiben eine Kopie seiner kleinen Erzählung „Päckchen aus Paris“ bei, die er einmal vor geraumer Zeit für einen Anthologiewettbewerb verfaßt hatte.

– – – – –

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