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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 2

18. November 2014

So hatte es angefangen. Seitdem kannten sie sich. Für Rudolf jedenfalls war es so. Wußte sie nicht schon viel von ihm? Sie hatte ihm geduldig zugehört. Sein Kopf sagte: Eine Pfarrerin, die kann das, für die ist das Routine, es ist ihr Beruf, milde zu sein, Herz zu zeigen. Nein, sagte sein Herz, sie hätte ihn abweisen können, es war halb elf in der Nacht als er sie anrief, eine Unverschämtheit. Aber er fühlte es doch: sie hatte ihn in den Arm genommen.

Von ihr wußte er gar nichts. Ihr Bild im Fernseher, ihre Stimme aus dem Telefon. Kurz vor Weihnachten rief er noch einmal die Auskunft der Telekom an. Einen Namen und eine Telefonnummer habe er, aber er möchte schreiben und ihm fehle die genaue Anschrift. Ach, ihr Datenschützer, der Telekom sei Dank, daß sie nicht mehr so pedantisch sind wie vordem. Die Stimme aus Gießen gab die Straße und die Postleitzahl, und er setzte sich mit einem Briefbogen und dem länglichen Kuvert an den Schreibtisch. Das Gewissen fragte: Darf man das? Er wollte in ihrer Erinnerung nicht haftenbleiben als ein Weinender, ein mühsam Sprechender. Er konnte es schließlich besser.

Er wählte aus dem Bücherregal ein dünnes, bescheidenes Bändchen mit beschaulichen Gedanken, die einer Pfarrerin nicht unangemessen sein konnten. Er fand in einem schmalen Band eigener Gedichte ein Weihnachtsgedicht mit dem Titel „Weihnachten 1972“. Er änderte die Anfangszeile so, daß es nun begann mit: Wißt ihr noch wie es war vor zweiundfünfzig Jahren… Das Gedicht erinnerte an die Zeit von 1945, gleichwie die Pfarrerin Elisabeth, die auch von den Ursachen und Folgen dieser Zeitenwende gesprochen hatte.

Ins kleine Büchlein schrieb er ihr eine artige Widmung, erwähnte ihre Mahnworte und ihre Trostworte, lobte ihre Kraft und dankte für den Zuspruch. Nun noch ein passender gepolsterter Umschlag, Versandbeutel sagen die Papierwarenhändler, drei Mark Porto, Herzklopfen, und weg war alles, das Buch, das Gedicht, der kurze Brief und der Mut. Wenn das mal gut ging. Mißverständnisse sind wohlfeil an jeder Zeitenecke, denn bei der Trias aller angestrebten Kommunikation aus Information, Mitteilung und Verstehen entscheidet immer das Ego des Angesprochenen, was es verstehen mag, weil Ego nur verstehen kann, was seine persönliche Sozialisation zuläßt. Alle Rede auch des gutwilligsten Alter versickert im trockenen Boden dürrer Mißverständnisse oder gar schieren Nichtverstehenkönnens, wenn Ego nicht sieht, was es nicht sieht, und nicht kann, was es nicht kann. Mit dem zwanglosen Zwang des besseren Argumentes ist einer herzlich widerstrebenden Gegenrede nicht beizukommen.

Zwischen den Jahren kam der erlösende Umschlag, Poststempel Köln. Ein Absenderstempel und eine runde Handschrift für die Anschrift. Er stellte sich sogleich die Hände zu dieser Handschrift vor. Den geschlossenen Brief trug er ins Wohnzimmer und legte ihn auf den Schreibtisch. Ans Öffnen war zunächst überhaupt nicht zu denken. So hatte er es schon 1951 gemacht, als er von Berlin nach Wiesbaden gekommen war – eine Geschichte für sich – und Briefe von der Freundin und von der Mutter entgegennehmen konnte. Stets blieben diese Briefe liegen bis zum Nachmittag oder gar bis zum Abend. Seine Stiefmutter – er wohnte damals bei seinem Vater – sagte jedesmal spaßig verzweifelt: „Junge, daß du das aushalten kannst.“ Er wollte es nicht „aushalten“, er wollte die Atmosphäre bewahren, in der – wie man voraussetzen durfte – der Brief geschrieben war. Kennt nicht jeder seinen Eugen Roth mit seinem „Ein Mensch…“, wo es die schöne traurige, beklagenswerte Gedicht-Geschichte gibt von dem jungen Mann, der abends einen glühenden Liebesbrief schreibt, welcher aber dann morgens zur völlig falschen Zeit die Empfängerin erreicht und so weiter? Rudolf erledigte schon damals seine Vormittagspflichten , dachte an den Brief, freute sich auf den Inhalt, drehte und wendete alle Möglichkeiten: Im schier unendlichen Raum der Kontingenz ist viel Platz für alle Arten von Erwartungen, gelungenen und verpatzten Anschlüssen und den unausweichlichen Enttäuschungen der einzigen Realität, diesem stahlharten: Es ist wie es ist.

Dann kam der Augenblick des Öffnens. Allein im Zimmer, erwartungsvoll, anteilnehmend und voller Herzklopfen öffnete Rudolf den Umschlag, der abzüglich der femininen doch gleichwohl kraftvollen Schrift sich völlig neutral gab und eigentlich nichts hermachte. Wie er aufmerksam feststellte, den Brief umgab kein Hauch Parfüm.

Die Dame Elisabeth bedankte sich: Lieber Herr…, na bitte, lieber, nicht Sehr geehrter…, das war doch schon mal ein guter Anfang. „Was haben Sie mir für eine Freude gemacht. Danke! So freundliche, aufbauende, ernstgemeinte Worte – das tut gut. Danke auch für das kleine Buch und das Weihnachtsgedicht mit Widmung. Das war und ist ein richtiges Weihnachtsgeschenk für mich. Vielen Dank! Herzlichst, Ihre Elisabeth…“

Er war glücklich. Keine Tränen in den Augen, nein, keine falschen Sentimentalitäten. Ein überaus freundlicher, ein herzensguter Brief. Wieder hätte er ihre Hände halten, in ihre Augen schauen mögen, aber das ging ja schon viel zu weit, vor allem aber viel zu schnell…

Tagelang sprach er mit ihr. Er erzählte von sich. Seine Kindheit in Berlin. Sein Geburtshaus in der Lichtenberger Straße. Die Mutter läßt ihn mit drei Jahren bei der Oma zurück und heiratet den Segler, den Boxer, den SA-Mann, den Geiger und Berufsmusiker Bruno gegen den Willen und gegen den massiven Einspruch und Widerspruch ihrer Mutter: „Der Nazi bekommt den Jungen nicht.“

Der Junge, daß war er. Auf einer kleinen, verwaschenen Schwarz-Weiß-Fotographie steht er: Einen Spielzeugblecheimer in der einen und eine Buddelschippe in der anderen Hand. Eine ärmellose Schürze, darunter einen handgestrickten Pullover, die Haare als „Pony“ in der Stirn, der Kopf kurz geschoren , tiefliegende, traurige Augen, Stubsnase und – unnachahmlich – der Mund zieht einen Flunsch. Der junge Herr steht im Friedrichshain, gleich um drei Ecken von der Lichtenberger Straße und ist offensichtlich nicht glücklich. Er hält still, er läßt sich fotografieren, er wird fotografiert, mit dem Bild ist eigentlich schon alles gesagt. Frauen bestimmen sein Leben. Er lehnt sich auf, aber nur innerlich. Er kann sich zu gut in die anderen hineinversetzen. Er möchte seine Mutter lieben, doch er mußte akzeptieren, daß sie ihn der Oma überließ. Die Oma war als Überlebenswesen und Königin des Armeleutealltags respektabel und daher zu respektieren. Er respektierte sie. Zum Glück gab es den Opa. Den liebte er. Das war aber nicht kommunizierbar.

Dies ist nicht das älteste Bild von ihm. Es gibt noch ein schönes, klares, gut getroffenes: Ein acht Monate alter glatzköpfiger Knabe auf dem Arm seiner Mutter. Mein Gott, eine schöne Mutter, so jung, so volles braunes Haar, schalkhafte Augen, sie lächelt den Fotographen vielsagend an: Ich bin Herta, achtzehn Jahre auf der Welt, und das gerne. Verlassen vom Vater dieses pummeligen dicken Kerlchens und – gegen jede Vernunft – überglücklich. Ich heiße „Zigeuner“, weil ich so eine dunkle Haut habe. Mein Vater liebt mich und mein Kind, auch wenn meine Mutter grummelt.

Und wie sie gegrummelt hat. Ach du meine Güte. Ewig haben sie ihm diese Geschichte erzählt, immer und immer wieder. Von seiner Geburt am Heiligen Abend neunzehnhundertachtundzwanzig, bei klirrender Kälte, ohne Vorwarnung, keiner hatte etwas gewußt, jedenfalls keiner von der Familie. Perfekte Steißlage, nichts war der werdenden Mutter anzusehen. Ihre stumme Verzweiflung konnte sie nicht ausdrücken, mußte sie im alltäglichen Gehabe verbergen. Es hätte sie auch niemand bemerken wollen. Sorgen gab es in diesen Jahren für kleine Leute wahrhaftig genug.

Die Hebamme, als es endlich so weit war, schüttelte nur immer wieder den Kopf und murmelte: „Kind, Kind, seit Wochen schau‘ ich dich schon prüfend an und habe mich gefragt…, aber glauben wollte ich so etwas doch nicht, nicht von dem schönen und lieben Kind, das täglich so vertrauend und vertraut an meinem Parterrefenster vorbeiging. Nun liegst du hier, hast einen Jungen, und ich dumme weise Frau habe ihn mit einiger Mühe in die Welt gebracht.“

Ja, Herta Anders bekam mit siebzehn ein uneheliches Kind. Eine normale Katastrophe also. Am neunzehnten Januar drauf wurde sie achtzehn Jahre alt. Volksschule, keinen Beruf erlernt, nur Tanzen im Kopf, Charleston und Black Bottom, Gelegenheitsarbeiterin in einer „Fabrik“ für Sprungrahmen in einer berliner Kellerklitsche. Der Vorarbeiter, ein derber, grader Kerl, hatte ein Auge auf sie geworfen, aber von dem war das Kind nicht.

Herta führte ihrer Mutter den Haushalt. Die elf Jahre ältere Schwester Anna und die dazwischen geborenen Brüder Karl, Erich, und Walter waren aus dem Haus. Der jüngste von den vier Jungen, ihr Lieblingsbruder Kurt, war noch zu Hause. Er war ein hübscher, zarter, gleichwohl männlicher Mann, so einer, nach dem sich Frauen mit Sehnsucht in den Augen umdrehen. Herta liebte ihn. Beide tanzten leidenschaftlich gern und seinsvergessen. Beim Tanzen waren sie aller Härte des Lebens ledig. Sie tanzten alle Modetänze, neue Schritte schnallten sie mit Sekundenblick. Charlston und Black Bottom zelebrierten sie, die man für ein Liebespaar hielt, auf Bierdeckeln gleitend preiswürdig in den Lokalen der Großen Frankfurter Allee und in der Hasenheide.

Hertas beste Freundin war die Lizzi Fahrentholz, die Tochter des Altpapier- und Lumpenhändlers vom Nebenhaus. Dieses schäbige Etablissement war in der Lichtenberger Straße Nummer 4, im gleichen Hause, wo auf dem Hofe der große Kuhstall war, ein hallengroßer Seitenflügel mit geräumigen einzelnen Boxen, der für zwanzig dralle und schwarz-weiß gefleckte Kühe Raum bot. Mitten in Berlin. Eine Standardsituation, Die berliner Milchversorgung war disloziiert.

Lizzi und Herta, zwei im Herzen überaus lebenslustige junge Dinger, gingen am Sonnabend am liebsten ins Café Rose in der Großen Frankfurter Allee. Im Vorderhaus, ein grauer wilhelminischer Prachtbau des Baubooms aus dem Ende der Gründerjahre, war das Café, und nach hinten hinaus, in einem parkähnlichen Garten, war das traditionsreiche Theater der Familie Rose. Es war so ähnlich wie heute das Ohnesorgtheater in Hamburg. Man spielte Boulevardstücke, kleine Komödien, auch Schwänke wie Charlys Tante und auf die bescheidenen Verhältnisse adaptierte Operetten. Das Publikum, soweit es kein Geld hatte, um in der Pause etwas im Café zu verzehren, packte zwischen den Akten unbekümmert und geduldet, weil man es durch Tradition so gewohnt war, seine Schmalzstullen aus und nippelte verstohlen aus dem Flachmann. Man konnte damit rechnen, im Café Schauspieler zu treffen. Bei diesem Gedanken fieberten die Mädels.

Ein Samstag im Winter siebenundzwanzig/achtundzwanzig. Herta und Lizzi betreten das Café. Vertraute Gesten, sie waren hier zu Hause. Alles war noch leer, kaum Betrieb, die Vorstellung lief noch. Die beiden Mädchen hatten alles genau kalkuliert. Hinter der Theke oder dem Tresen im Wiener Kaffeehausstil residierte Mutter Marten. Man kannte sich. In der herannahenden Pause würde es voller und gemütlicher werden. Die Mädels, ihre geringe Barschaft stets vor Augen, bestellten sich einen Kaffee und plauderten familiär mit der Bedienung. Als die hintere Tür geöffnet wurde, betraten zwei junge, Selbstbewußtsein markierende Burschen das Lokal. Auch sie taten und wirkten mit der Umgebung vertraut. Sie waren damit vertraut, und sie waren Vertraute, zwei beste Freunde.
Flotte Sakkos, offener Hemdkragen mit Halstuch, keine Krawatte: offensichtlich nicht abgeschminkt. Zwei Komparsen; man wollte bei einer Tasse Kaffe eine von diesen flachen Zigaretten rauchen, aus dem versilberten Etui. Mutter Marten sagte flüsternd: „Von denen laßt bloß eure Finger!“

Aber die blonde Lizzi – Rudolfs Mutter schwärmte noch Jahre später: „Die Lizzi hatte eine wahre Krone aus goldblonden Haaren!“ – diese Lizzi hatte der Herta längst ins Ohr gesummt: „Mensch, kiek ma, der Blonde, der is hübsch,wa? Der Herta blieb damit in dieser Situation jede weitere Wahl erspart. Sie betrachtete sich prüfend den anderen dieser beiden Weltmänner, den schwarzen. Der hieß Willy und war – was sie bald erfahren sollte – ein Mutterliebling, und er war das, was man zu dieser Zeit, wenn man gehässig sein wollte, einen Stenz nannte,

Die Mädels fanden die beiden nach kurzer Überlegung und geflüsterter Kooperation „einfach Klasse“. Die Herren, denen das Interesse der beiden Täubchen selbstverständlich nicht entgangen war, verbeugten sich artig und wie vollendete Kavaliere, erbaten sich Platz am Tisch der beiden jungen, unschuldigen, verträumten Frauen und waren gern gesehen. Die Herren plauderten angenehm und brachten Herta und Lizzi bald und häufig zum Lachen, versprachen hochheilig, später die Zeche zu zahlen – die Marten: „Großköppich wie immer; dabei lassen se bloß anschreiben.“ – verabredeten sich mit den beiden Damen für nach der Vorstellung und entschuldigten sich, weil sie doch wieder „nach hinten“ mußten, auf die Bühne!

Die wahre Zeche zahlte Herta, zehn bis elf Monate später, als der knubbelige dicke Knabe den anbrechenden Heiligen Abend durcheinander brachte, als Rudolf, der Held unserer Geschichte, es erblickte: Das Licht dieser Welt in der bescheidenen Erscheinungsform des milden Gelbs einer Osramglühbirne, die seinerzeit noch von frühindustriellen 110 Volt gespeist war. Rudolf tat diesen bedenklichen Schritt – ohne dies selbstredend bedenken zu können – im hinteren Zimmer einer leicht feuchten Kellerwohnung im Hause Nummer Drei der bereits erwähnten Lichtenberger Straße von Groß-Berlin. Es war der Morgen, genau drei Uhr, des Heilgen Abends, also des vierundzwanzigsten Dezembers des Jahres neunzehnhundertachtundzwanzig. Der uralt aussehende Knabe hatte keine Haare auf dem Kopf und wog knappe acht Pfund. Seine Mutter Herta hatte nur einen Gedanken: Das Versteckspielen ist zu Ende, Gottseidank!

Großmutter Marie schob ihren Mann Karl beiseite und nahm das Bündel, das die ihr vertraute Hebamme Frau Bochow, mit der sie sich seit langen Jahren duzte, fachfrauisch und routiniert gewickelt hatte, in ihre Arme und sagte trocken: „Da ham wa den Salat!“

Seit Stunden hatte sie nicht mehr geredet. Sie hatte widerstrebend und doch vorauseilend alle notwendigen Schritte gelassen-bewegt getan. Als ihr kurz nach elf Uhr nachts, neben ihrem Karl im Ehebette liegend, schlagartig klar war, was das nicht mehr zu unterdrückende und nicht mehr zu überhörende Stöhnen ihrer Tochter Herta im Nebenzimmer zu bedeuten hatte, fauchte sie kurz den Karl an (mach‘ genügend heißes Wasser), warf sich den Mantel über und rannte ein Haus weiter zur Frau Bochow (die Herta kriegt ein Kind), lief zurück auf den Hof von Nummer drei zur Hausmeisterin, der Oma Koely, (man war schwach verwandt), die der eigenen Kellerwohnung gegenüber ebenfalls im Keller wohnte, und schreckte die zierliche kleine Frau mit dem großen Dutt aus dem Schlaf mit den nun doch aufgeregten Worten: „Haste die Babywäsche, die vorbereitete für deine Schwiegertochter, noch im Hause? Her damit, die Herta liegt in den Wehen.“ Zurück in die Kammer der Wöchnerin, wortlos jetzt, doch die Augen, die schönen, weltverliebten braunen Augen sprachen Bände (hat doch dieser Scheißkerl vom Comeniusplatz, dieser von seiner Mutta verwöhnte Lausebengel, meinem kleenen Meechen een Kind jemacht!“).

Sie war gerade beim Einschlafen gewesen. Ein schwerer langer Tag lag hinter ihr. Morgens um halb fünf bei minus fünfzehn Grad (wenn’s man nich zwanzig waren) den Plattenwagen aus der Remise in der Palisadenstraße geholt. Gemeinsam mit dem jüngsten Sohn Kurt zog sie den schweren Obstwagen zum Alex in die Großmarkthalle. Die übliche Einkaufsroutine, feilschen, schimpfen, schmunzeln. Zwei Zentner Winteräpfel. Die Ware mußte weg, das wußten alle, morgen war Heiligabend. Sie wußte auch: Das wird ein Bombengeschäft. , Hauptsache billig einkaufen. Zurück zum konzessionierten Standplatz in der Palisadenstraße, an der hinteren mannshoch vergitterten Mauer der Volksschule Straußberger Straße, gegenüber dem Merkur-Palast, Hertas Lieblingskino. Die Leute kauften wie verrückt. Abends, die Benzinlampen der drei Verkaufswagen (ein Heringsbändiger und noch eine Obsthändler’sche) strahlten wie die Oma, abends waren „alle Äppel vakloppt“. Die braune Geldtasche, die „Marie“ der Marie, war randvoll. Eugen Trohl, ein straßenbekanter arbeitsloser Kommunist mit vier kleinen Kindern, den sie immer mal wieder (schimpfend) mit Obst kostenlos unterstützte, half ihr den Wagen in die Remise zu fahren. Dann ging sie um die Ecke zu Fuß die gut hundert Meter nach Hause. Karl, der den ganzen Tag im Mocca Efti in der Leipziger Ecke Friedrichstraße Fenster von innen und die vielen großen Spiegel geputzt hatte für die bevorstehenden Weihnachtsfeten, Karl war Fensterputzer, ungelernter, für eine alteingesessene Firma am Belle-Alliance-Platz, Karl war schon zu Hause, und Herta hatte das Essen fertig.

Dann endlich ins Bett. Augen zu, morjen is Weihnachten. Karl jeht morjen noch mal Fensta putzen, denn mussa den Boom uffstell’n, ick muß noch die Jans braten, die hinten in der kalten Kammer hängt, selbstjemachte Nudeln sind schon ausjewalzt und trocken; denn bloß noch den Jrünkohl waschen, putzen und kochen. Heilichabend jibt et Jänseklein mit Nudeln, und Weihnachten denn die Jans , wie jedet Jahr.

Karl sagte: „Mariechen, wat stöhnt denn det Mädel so?“ Marie Anders, beim Denken völlig aus dem Tritt gebracht, sagte: „Weeß ick nich; wird sicher wat falschet jefressen ha’m.“ Als das Stöhnen lauter und lauter wurde und in immer kürzeren Abständen durch die Kammertür drang, drängelte Karl: „Mensch, Mariechen, kiek doch ma nach..“ Marie stand ungehalten auf, ging im bodenlangen Barchent-Nachthemd in die Kammer ans Bett ihrer Tochter, sah ihr schmerzverzerrtes Gesicht, zog ihr die Bettdecke beiseite und sagte in Richtung Karl unüberhörbar und unwidersprechbar: „Ach du meine Jüte, die kricht `ne Jöre!“. Das Weitere kennen wir bereits.

Aber mein lieber Freund, sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Die Marie Anders, ihre Großmutter, diese robuste, alltagserfahrene Frau von der Schwangerschaft ihrer Tochter Herta nichts gewußt haben soll. Tscha, liebe Frau Elisabeth, sie als Pfarrerin, ebenfalls alltagserfahren, wenn auch in besseren Kreisen und siebzig Jahre später, und allerdings, wie ich bestätigen kann, weitaus sensibler als Karls Mariechen, so kann das Leben eben sein, gewiß auch heute noch, wenn auch mit anderen materiellen Beigaben. Sehen sie ein, es ist genau so geschehen und bleibt damit für jede einfühlsame Seele, und die haben sie ja nun wirklich, vorstellbar.

Hat ihnen dies alles ihre Großmutter erzählt, die Oma Anders? Nein Frau Elisabeth, es war meine Mutter selber, die mir immer wieder ihre Geschichte vortrug und dabei stets eindringlich ausmalte und mein Mitgefühl einforderte. Sie hat mich drei Jahre nach diesem nicht ganz alltäglichen Geburtsumständen bei der Oma zurückgelassen, zurücklassen müssen, wie wir wissen, zurücklassen dürfen, damit ihr Start in die Ehe mit dem Geiger Bruno nicht zu schwer werden sollte. Ich hätte sie dafür vielleicht hassen dürfen, wenigstens verdeckt, aber das ist mir nie möglich gewesen. Kann man eine hübsche, adrette, lebensbejahende Frau hassen, die es mit Gottes Hilfe fertig gebracht hat, am vierundzwanzigsten Dezember 1931 unter diesmal „normalen“ Umständen noch einen jungen auf die Welt zu bringen, von dem geigenspielenden SA-Mann? Auch dieses Kind zunächst unehelich. Sie haben dann bald und mit liebevoller Unterstützung von Hertas Schwiegereltern und deren Mischpoke geheiratet und sich in der Krautstraße Nummer zwei in einer Parterrewohnung mit schöner Küche und einem großen Berliner Zimmer eingerichtet. Bruno war eben ganz anders als dieser frauenverzehrende Statist.

Der schöne Willy, der war ohne Beruf und schon in der Quarta (!) von der unteren Oberschule abgegangen (geflogen). Ihn mußte das Jugendamt zum Unterhalt verdonnern, („Alimente“, also Lebensmittel hieß das damals). Diese Alimente zahlte sechzehn Jahre lang Willys Mutter, die andere gewaltige Großmutter von mir. Von ihr soll – ja muß – gesondert und ausführlich die Rede sein. Später.

Darf ich ihnen zunächst erzählen, wie es um die Anders’sche Marie tatsächlich bestellt war? Dann lassen sie uns dort drüben auf ihr schönes gestreiftes Biedermeiersofa setzen. Dort bin ich ihren skeptischen Schalksaugen etwas näher und kann – im Notfall – ihre Hand, ihre Hände halten, mit denen sie Predigten schreiben und ebenso sicher Kartoffeln reiben können. Das wäre übrigens ein Vorschlag für’s Abendbrot, einfach, billig, und ich könnte mich aktiv beteiligen, indem ich die Kartoffeln schäle. Beim Backen plaudern wir in der Küche weiter und essen die Reibekuchen, wie ihr Kölner sagt, gleich frisch aus der Pfanne und mit den Fingern, Wir Berliner sagen dazu ja Puffer, Kartoffelpuffer. Das wissen sie gewiß, Elisa, dachte ich’s mir doch. Ja lieber Freund, das weiß ich wohl, zu Hause haben wir auch Kartoffelpuffer gesagt, jedenfalls meine Mutter. Ich stamme doch aus Posen, dem heutigen Poznan. Dort bin ich 1944 geboren, kurz bevor die Rote Armee die Stadt befreite oder besetzte, wie sie wollen. Als Wickelbaby mußte mich meine Mutter mit auf den Treck gen West nehmen. Darüber können wir dann ein andermal reden. Jetzt möchte ich erst einmal wissen, wie sie ihre Kindheit bei und mit der kommunistischen Oma und dem fensterputzenden Großvater verbracht haben.

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