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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 1

18. November 2014

Berlin-Friedrichshain

Fasteinroman

(Versuch einer „Dichten Beschreibung“)

Von

Rudi K. Sander

Den Großmüttern als Verkörperung unserer Vorfahren.

„Auch die Kindheit würde also gewissermaßen noch zu leisten sein, wenn man sie nicht verloren geben wollte.“

(Rainer Maria Rilke)

Erstes Buch

Rudolf Anders saß und grübelte. Das war seine Lieblingshaltung; eigentlich ein Charakterzug: Nachdenken, Tüfteln, Kalkulieren, Erwägen, Bedenken, und dann, aus derartiger Vorbereitung, solcher innerer Sammlung, Einsammlung, Versammlung heraus, plötzlich handeln mit großer Phantasie und Zielstrebigkeit, Ungebremstheit und Ausdauer.

Er bedachte seine Chance. Wenn sie wirklich nicht antwortete, vielleicht nicht den Mut hatte, ihm zu antworten, er säße da in seiner vertrauten, ungeliebten Einsamkeit.

War er in seinen Träumen zu weit gegangen? Diese schönen, langen, imaginierten Gespräche mit ihr, völlig offen, vertrauensvoll, mit täglich wachsender Zuneigung. Alle ihre Eigenschaften, Eigenheiten, Eigenwilligkeiten hatte er sich in Gedanken schon zurechtgelegt. Ihr Schweigen morgens beim Frühstück. Ihr entspanntes Gesicht, wenn sie beide abends im Wohnzimmer säßen, sie an ihrer Predigt schreibend, an ihrem zierlichen Schreibtisch, dessen feingliedrige Intarsien, die so deutlich mit ihrem zarten Beige der Rüster vom dunklen, vom nachgedunkelten Wurzelbraun des Nußbaumholzes sich abhoben; er selber lesend in einer Ecke des Biedermeiersofas sitzend. Wenn er aufstand, hinüberging, um ihr Weinglas nachzufüllen, würde sie ihn anschauen, ruhig, selbstsicher, zufrieden. Kommst du zurecht, würde er sie fragen und wäre glücklich, wenn sie nickte und ergänzte: „In einer halben Stunde bin ich hiermit fertig. Dann können wir reden. Ich habe viele Fragen.“

Eine erwachsene Tochter hatte er ihr zugedacht – oder zugebilligt? An manchen Tagen waren es sogar zwei Töchter. Beide noch zu Hause bei der Mutter lebend. Die ältere vielleicht Lehrerin, oder ebenfalls Theologin, im Schuldienst. Pfarrhäuser halten auf Tradition. Tun sie das heute noch? Die jüngere Tochter noch Studentin, oder kurz vor dem Abitur.

Eine alleinerziehende Pfarrerin mit zwei Töchtern, mit einer Tochter. Der Vater? Auch Pfarrer, in einer anderen Stadt? Vielleicht war er verunglückt, Autounfall, als die Kinder noch klein waren. Verschwindet nicht jedes Jahr ein ganzer Ort, ein ganzes Dorf aus der Bevölkerungsstatistik, ohne daß einem je einer dieser Toten als bekannt ins Bewußtsein kam?

Er machte für alle das Frühstück. Als erster ins Bad, dann Kaffeewasser und Kaffee einfüllen, auf den Knopf drücken, die rote Kontrollampe, das stoßweise gurgelnde Geräusch der Kaffeemaschine. Alles wie bei ihm daheim. Er fühlte sich in dieser Küche zu Hause. Den Tisch decken, den Toaster bereitstellen, für Elisa das Müsli in die kleine Glasschüssel, die Milch in das Muranoglaskännchen daneben. Die Blumen und Pflanzen auf den beiden Fensterbänken gießen.

Elisabeth kam, mit zurückgeschlungenen Haaren, im Bademantel. Sie küßte ihn wie ein kurzer Hauch auf den hinteren Haaransatz links am Hals so, daß er sich zu ihr umdrehte, mit dem grünen Plastikgießkännchen in der Hand und sie fragte: „Geht’s dir gut?“. Sie nickte, lächelte ihm zu und setzte sich an den Tisch. Er goß ihr den Kaffee ein. Sie goß sich die Milch ins Müslischälchen.

„Soll ich das Radio einschalten?“, fragte er sie. „Ja bitte, wegen der Nachrichten“ antwortete sie. Ohne auf die Uhr zu schauen wußte sie, es war kurz vor sieben. Ihr beider morgendlicher Tagesanlauf war von Vertrauen schaffender Regelhaftigkeit, jedenfalls an den sechs Wochentagen. Auch dies schaffte Heimatatmosphäre. Sein ganzes vergangenes Berufsleben lang hatte er morgens nach der Uhr gelebt. Diese Gewohnheit hatte sie ihm schnell wie verwandt erscheinen lassen. Er drückte auf die Taste, und der Lautsprecher rief vor den Nachrichten die Werbung in die Küche. Oben im Hause hörte man die Türen öffnen und schließen, die Dusche rauschte, die Tochter oder die Töchter kamen ebenfalls in Schwung.

Es fiel ihm leicht, morgens, auch selber nicht zu reden. Elisa und er verstanden sich auch so. Jedenfalls wurde dieses Einvernehmen durch nichts infrage gestellt. Wenn dann die Mädchen dazukamen, ging es schnell lebhafter zu: „Machst du mir’n Toast?“, „Hast du ein Ei für mich gekocht?“, das machte ihn zufrieden, weil er gebraucht werden wollte.

„Die Mädels nutzen dich aus“, würde Elisabeth sagen, wenn die Töchter (oder die Tochter?) auf dem Weg in ihre Schule wäre(n). „Laß nur“, könnte er antworten, „ich weiß mich schon zu wehren.“

Einen Namen hatte er an die Tochter oder die Töchter noch nicht vergeben. Es war ein schönes Schwebegefühl. Hatte sie überhaupt Kinder? Jungen, Mädchen, wie viele? Alles war noch offen. Elisabeth antwortete ja nicht. Genauer: sie antwortete nicht mehr. Seit Weihnachten nicht, jetzt war Februar.

Er hatte Elisa im Fernsehen gehört und gesehen, im ersten Programm in der Sendung „Wort zum Sonntag“, es war am Volkstrauertag. Er hatte nur hingeschaut, weil er auf die daran anschließende Sendung wartete. Sie stand auf einem Kriegsopferfriedhof zwischen den gleichförmigen Kreuzreihen, und unvermutet hörte er aufmerksam zu. Sie sprach von seinem Jahrgang, von den gerade noch Davongekommenen, von den in den letzten Tagen und Wochen des
Krieges Gefallenen, von allen, denen der Krieg, die kriegführende Gesellschaft das Leben und das Recht auf Leben und Weiterleben beschnitten hatte. Sie erinnerte an die Mütter, die Frauen, die Schwestern, die mit dem Verlust weiterleben gemußt hatten. Sie sprach ohne Pathos auf eine glaubhafte, eine überzeugende Art und Weise. Als sie geendet hatte, zoomte der Kameramann sie im Abspann langsam heran, bis ihr Gesicht im Bildstop bewegungslos stehenblieb. Einfrieren sagt man, glaube ich, in der Branche. Ihm wurde heiß dabei.

Ihre Rede hatte schon sein Inneres erreicht. Wie sehr, wußte er im Augenblick noch nicht. Er sah ihre Augen, laß ihren Namen und ihren Heimatort in der Wortzeile unter dem Bild, schrieb beides schnell auf einen Zeitungsrand und rief sogleich die Telekomauskunft an. Es verstand sich von selbst, die Sendung war eine Aufzeichnung, also würde die Pfarrerin Elisabeth zu Hause sein, vor ihrem Fernseher sitzen und kritisch zuschauen. Richtig, sie meldete sich, er erklärte umstandslos den Sachverhalt, fragte, ob er störe oder sprechen könne, und mit der eben im Fernsehen gehörten Stimme sagte sie mutmachend und geduldig: „Sprechen sie nur, bitte.“

Wenn er hätte ihre Hände nehmen können, das Reden wäre ihm leichter gefallen. Telefonieren war seine Sache nicht. Informationen austauschen, ja, das konnte er, aber Gefühle am Telefon preisgeben, da zog es ihm die Kehle zusammen: Flakhelfer, Wehrertüchtigungslager in Pommern, Grundausbildung in Unna in Westfalen, die Eingliederung in die zweite Wlassow-Division auf dem Truppenübungsplatz Döllersheim bei Zwettl im Waldviertel Österreichs, das voranrückende Marschbattaillon in Nachtmärschen Richtung Kroatien, Partisanenwarnung, endlich das Ende vor Klagenfurt. Privatrückzug in kleiner Gruppe über die Hohen Tauern, Kanadier auf einem vorbeirauschenden Schützenpanzer, die Amis auf dem Marktplatz in Bad Ischl, der LKW-Treck nach Salzburg, Kasernierung, Zeltlager im freien, unbewacht, Abtransport nach Rosenheim, Stacheldraht, Mini-Edel-Rationen: Rosinen, Schokolade, Kekse, Entlassung, weil noch nicht achtzehn Jahre alt. Wohin? Berlin war als Heimatangabe unzulässig. Der eigene Unteroffizier, acht Jahre älter, verdonnert zur Gefangenschaft nach Frankreich, lieh seine Heimatadresse: Soldbuch abgeben, Entlassungsschein „Certificate of Discharge“, Kostbar wie Gold, ab nach Nordhausen im Harz. Man hatte ES überlebt.

Die Pfarrerin Elisabeth hatte gesagt, um sich herum die vielen kleinen weißen Kreuze, alle die Männer hier, hatten das Recht gehabt, weiterzuleben. Ja, es waren meine Mitschüler, Flakkameraden, Rekruten wie er. Sie waren tot, er hatte weiterleben dürfen. Die Tränen spülten seine Stimme weg, er stockte, sie
sprach ihm Trost zu, Worte, die ihn erreichten, ihn wieder still atmen ließen. Ihre Hände hätte er gebraucht, hätte sich festhalten mögen, seinen Kopf auf ihrer Schulter…

Er entschuldigte sich. Aber ich bitte sie, Ihre Stimme war unbeschreiblich liebenswürdig. Er bedankte sich und legte auf. Der Nachhall in seiner Seele ist noch immer nicht verklungen.

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