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Das Päckchen aus Paris

16. Oktober 2014

 
Das Päckchen aus Paris
Von
Rudi K. Sander
 
Nun war er zum zweiten Male in der weißen Stadt der Liebe. Dank de Gaulle war Kern-Paris ein geschliffener Mondstein, strahlend im verhaltenen Weiß einiger Tonnen auf seinen Befehl neu aufgetragener Farbe, funkelnd die Seine und alle Brunnen und Fontänen im magischen Licht des Pariser Beckens. Landschaft des offenen Herzens, der Macht ohne Gewalt, Cäsars Ruhm und keltisches Geheimnis. Die Asterixe und Obelixe schlenderten geschäftig-lässig an ihm vorbei. Jemand sprach ihn unvermittelt vertrauensvoll an: „S’il vous plait, monsieur, quelle heure est’il?“ Er mußte den Kopf schütteln und mit den Achseln zucken: „Sorry, I don’t speak francais, I’m a German.“
Ein Deutscher in Paris. Schon wieder. Zwanzig Jahre nach dem großen Desaster. Ohne Marschstiefel, für einen Franzosen gehalten, dennoch beim Sprechen unleugbar ein Berliner. Ein Berliner auf Dienstreise in der Stadt des Lichts.
Seine Stimmung war eher trübe. Zwei Tage war er jetzt hier. Er war Güteprüfer. War im amtlichem Auftrage, abgesandt von der neuen Mammutbehörde, der man die technische Abwicklung der Aufrüstung der neuen deutschen Armee für Europa übertragen hatte. Er war einer von sechstausend, die an Schreibtischen hockten oder sich auf sogenannten Bauaufsichten tummelten oder eben – wie er jetzt – bei den neuen Kunden die Qualität des Bestellten vor der Lieferung nach Einhaltung der strengen, statistisch gestützten Gesichtspunkte der Produktionskontrolle überprüften.
Er war mit dem Zug gekommen, von Koblenz über Luxemburg zum Gare de l’Est. Den ganzen gestrigen Tag und bis heute Nachmittag in dem elenden Arbeitervorort, wo das Labor dieses Weltkonzerns lag, das man sich auch anders, woanders und vor allem moderner hätte vorstellen können. Die Firma war dezent vom französischen Militär dominiert. Wie bei uns, dachte er für sich, nur daß unsere neuen Waffenschmieden in jeder Beziehung den letzten Stand dieser unseligen Technik verkörperten.
Französische Arbeiter. Er dachte an seine Londoner Zeit vor einem Jahr. North Circular Road, Thornton Heath, Middlessex, der graue Schleier über den Fabriken der Sieger, und er, der Besiegte, aus dem Wirtschaftswunderland kommend, er ging als Beamter der Bundesregierung, als beauftragter Güteprüfer des koblenzer Großamtes kritisch durch ihre Werkshallen und nun – am freien Nachmittag – auch unverlernbar kritisch, unzufrieden durch ihre Straßen.
Der Grund seiner Unzufriedenheit wohnte in Rübenach bei Koblenz, in seiner kleinen aber schönen Zwei-Zimmer-Neubau-Wohnung in dem bescheidenen, noch unverputzten Zweifamilienhaus, das nicht ihm gehörte, sondern einem biederen und absolut zuverlässigen Bahnarbeiter, der dieses Haus im Eigenbau, mit Nachbarschaftshilfe und dank der Summe errichtet hatte, die er – wie alle seine Nachbarn – aus dem Erlös des auf seinem ererbten Grundstück ausgebaggerten naturbedingten Eifeltuffs erzielt hatte.
Hier war er mit seiner jungen Frau, sie war vier Jahre jünger als er, untergekommen, weil das Amt angeblich nicht in der Lage gewesen war, ihm in Koblenz eine Wohnung zu vermitteln. So hatten sie beide sich selber geholfen, hatten sich selber etwas gesucht, konnten aber die Neubauwohnungen in Koblenz nicht bezahlen, jedenfalls nicht die dafür geforderten Mietzuschüsse. Sechstausend Beamte mit Familien jagen die Preise in jeder Gemeinde nach oben.
Er arbeitete in der pulsierenden, überfüllten Beamten- und Soldatenstadt Koblenz: Deutsches Ecke wieder deutsch, Kaisersockel ohne Kaiser, confluencia rhenania et mosella. Das alles verwies er in den Straßen von Paris aus seinem Gedächtnis. Die Gedankentrübe blieb.
Eine Stadtrundfahrt verschmähte er. Er wollte nichts sehen, was er aus den zahlreichen Filmen kannte. Der Gang über das Marsfeld, zu Füßen des Eifelturmes mit dem grandiosen Blick über die Seine hinüber auf das Palais Chaillot hatte ihm genügt. Dies war der Mittelpunkt der Alten Welt; es ließ sich begreifen. Zu übersehen war es ja nicht. Er war in Paris, seine Seele noch nicht.
Er schlenderte durch die Rue Palladium. Ein Antiquitätengeschäft an andern. Was wollte er hier? Geld, um hier im Nobelviertel irgend etwas zu kaufen, hatte er ohnehin nicht.
Sein Blick haftete an der Auslage eines schmalen, eher unscheinbaren Schaufensters. Elfenbeinminiaturen, Kameen, Kleinplastiken. Einige mehr plump, irgendwie billig, wenig kostbar scheinend, andere wiederum zierlich, filigran lockend und sein Feinmechanikerherz betörend. Es zuckte in den Fingerspitzen, diese Figuren zu berühren. Diana auf der Flucht, mit süßer kleiner Brust und Pfeil und Bogen. Susanne, zögernd mit der Fußspitze das Badewasser prüfend, oder war das die heimlich beobachtete Bathseba? Diese liebreizende Dame jedenfalls verhüllte das zu Verhüllende schamvoll, ihr Gesicht aber war schamlos offen und lachte. Wo ist deine Keuschheit, Susanne, dachte er, ebenfalls lächelnd, und er betrat verzaubert und entschlossen den Laden. Entschlossen, die Minibusen mit den Fingerspitzen zu Prüfen.
Zu seiner Überraschung trat eine Dame aus dem hinteren Schatten des Geschäftes und fragte ihn auf deutsch, was er wünsche.
Was wünschte er sich? Im Leben oder in diesem Laden oder von dieser Dame? Er zeigte stumm auf eine kleine Figur. Es war ein Jüngling, der saß auf einem Baumstumpf, vorgebeugt, konzentriert bemüht, sich einen Fremdkörper aus der Sohle seines linken Fußes zu ziehen.
Es ist der Dornauszieher des Praxiteles. Das Original steht in auf dem Kapitol in Rom im Konservatorenpalast. Das Original ist aus Bronze. Die Kopie bei ihnen zu Hause im Pergamonmuseum ist aus Marmor. Diese Miniatur hier ist lediglich gepreßtes Marmorpulver. Aber die Italiener in den Werkstätten um Castel Gandolfo machen das sehr hübsch. Schauen sie sich bitte einmal das Gesicht des Knaben an, ist das nicht beeindruckend?
Er sah die Frau an. Beide lächelten. Sie hatte einen schmalen, feinen Mund und unbeschreiblich schöne dunkle Augen. Sie war vollkommen ungeschminkt. Glatte Haare, klarer Blick, als Gesamteindruck hell wie Rheinwein in einem schlichten Glase auf der Terrasse von Schloß Johannisberg im Rheingau. Metternichaugen, fürstlich, kostbar wie ihre Ohrringe, der einzige Schmuck, den sie trug.
Sie nahm die Figur des Dornausziehers aus der Auslage, reichte sie ihm, daß er sie nehme.
Er wußte nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Die dunklen Brunnenaugen, die dreifach-blättrig gegliederten Glitzersteine an ihren Ohrläppchen, die langen , schlanken, fast knochigen Frauenhände oder das emsig bemühte Marmorgesicht des überirdischen jungen Griechen. zweieinhaltausend Jahre Schönheit verwirrten ihn, sein Herz schlug, er spürte es im Halse, der Atem wurde ihm eng. Er wagte nicht, die Figur anzunehmen, fürchtend, irgendetwas müßte zerspringen oder könnte zerbrechen, wenn er ihre Hände, ihre Haut berühre.
Sie standen einander minutenlang gegenüber. Seine Blicke pendelten vom Dornauszieher zu ihren Händen, zu ihren Augen, ihrem Mund, ihrem Schmuck. Diese junge Frau war ein edles Schmuckstück. Jetzt traf ihn der klare Duft von
spanischer Seife wie ein Schlag: Sauberkeit, Schönheit und Nelken mit Zimt. Oh ihr Götter, treibt es nicht zu weit. Schwach wollte er nicht werden. Nicht in Paris. Alle würden lachen.
Die Dame lachte auch. Sie lachte ihn an und sagte: „Nehmen sie nur. Der Kleine ist nicht zerbrechlich.“ Sie legte den Marmorjüngling in seine zögernden Hände
Der Dornauszieher hatte ein Gesicht wie Milch und Honig. Bei soviel Schönheit helfen nur Plattitüden. Ein griechischer Götterknabe, von Götterhänden geformt, von einer Götterseele erdacht und mit Hilfe der Götter in die Welt gebracht, wahr gut und schön. Verkörperter Logos.
Dann sah er den Preis und wurde rot. Er wagte nicht mehr, die Frau anzusehen. Nur ein Gedanke: Wie kam er wieder mit Anstand aus diesem Laden und zurück auf die Straße. Eine Schnapsidee, hier in Paris an Shopping gedacht zu haben. Ausgerechnet der Dornauszieher. Bei seinem Besuch im Pergamonmuseum, gemeinsam mit seiner Mutter bei seinem letzten Berlinaufenthalt vor acht Jahren, hatte er die Marmorkopie gesehen und nie mehr vergessen. Eine Kunstdruckpostkarte, roter Hintergrund und davor dieses überwältigende gelblichweiße Figur der verkörperten Aufmerksamkeit. Der Dornauszieher war für ihn das Symbol des Selbsthilfegruppenmottos: Nur für Heute! Im Hier und Jetzt leben, zeitlos, ewig. Wer aber kann das?
„Ich kann diese Plastik nicht bezahlen,“ sagte er, „soviel Geld habe ich nicht.“ Die Dame nahm ihren Jüngling wieder in ihre Obhut. Sie lächelte noch immer und tröstete ihn: „Schade, er hätte so gut zu ihnen gepaßt.“
Ihr letzter Satz verwirrte ihn noch mehr. Sein Gesicht war jetzt knallrot. Er fühlte sich beschämt. Aber er wollte gerecht bleiben. Es war nicht die Schuld der verführerischen Dame, daß er in diese Situation geraten war. Es war seiner eigenen Unbeholfenheit und seinem falschen Mut zu verdanken, wenn er jetzt in diesem Luxusgeschäft stand, Kostbarkeiten vor Augen und zu wenig Geld im Portemonnaie.
Die Dame ließ ihn nicht einfach gehen. „Ich kann ihn den Kleinen zurücklegen, falls sie wiederkommen?“ Es war wirklich eine Dame, eine Frau mit einer schlanken, gelenkigen Seele, voller Güte wie der Ausdruck ihrer Hände. Die Augen der Dame sprachen anders, deutlicher: Sie wollte es ihm leicht machen. Sein Gesicht blieb feuerrot.
„Ich weiß nicht,“ meinte er, „ich müßte ihnen meine Adresse dalassen.“ „Ein guter Gedanke,“ antwortete sie und griff schon zu Block und Kugelschreiber.
Der Knabe kam in ein Samtkästchen, der Zettel mit der Adresse in Koblenz wurde darauf befestigt. Die Dame lächelte ihn noch einmal an, gab ihm die schlanke und feste Hand. Dann stand er wieder auf der Straße, der Rue Palladium. Alles war eher wie ein Traum.
Er reiste ab, als seine Arbeit getan war. An die Palladiumstraße und die Dame der Kunst des alten Griechenlands dachte er besser nicht mehr. Sie hatte ihm einen guten Abgang bereitet, so, daß er sein Gesicht wahren konnte. Ihr Gesicht vergaß er nicht. Dazu waren ihre Augen zu tief, zu dunkel, zu lockend gewesen.
Als er am übernächsten Tage nach Hause kam, sagte seine Frau: „Für dich ist ein Päckchen gekommen. Ein Päckchen aus Paris.“
Er wurde wieder rot. Was soll das denn, dachte er verwirrt und verlegen. Er wurde so rot wie in der Rue Palladium. Er öffnete mit ungeschickten, zitternden Fingern das verschnürte kleine Bündel aus Karton, Klebestreifen und Bindfaden. Kein Absender, nur der Pariser Poststempel. Er wußte natürlich sogleich, was ihn beim Auspacken erwartete. Was sollte er der Frau sagen, die ihn beim Auspacken mißtrauisch beobachtete? Sie schaute mißtrauisch und schon einmal probeweise eifersüchtig, wie sie stets und immer eifersüchtig war, auf alles und auf jeden und jede.
Was war so glaubhaft wie die Wahrheit, dachte er? Die Wahrheit eben. Aber was war das hier, in diesem Fall: Die Wahrheit?
Dann stellte er den kleinen emsigen griechischen Jüngling auf den Küchentisch. Er hätte heulen mögen, vor Glück, vor Rührung, vor Beschämung. Keine Zeile in dem Päckchen. Nur die Figur.
Die Frau sagte: „Danke! Du bist ja reizend. Der Dornauszieher paßt wunderbar auf das kleine Tischchen neben meinem Bett im Schlafzimmer. Er nickte abwesend, aber zustimmend. So brauchte er nichts zu erklären und zu erzählen. Die Dame aber, seine Dame, besetzte den Ehrenplatz im Himmel seiner Träume.
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