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Sechstes Kapitel vom glücklichen Mann

2. Januar 2014

Liebe Leserin, sie werden es – als Frau – möglicherweise ablehnen, mit mir, also mit einem Mann, darüber zu diskutieren – und möglicherweise zu streiten und uns zu verzanken – was ein ganz junges Mädchen empfindet, wenn sie ihrem Geliebten offenbart, von ihm ein Kind zu erwarten, und dieser egoistische Mensch tut nichts anderes, als ihr klar zu machen, ihm bedeute dieses mögliche Kind gar nichts und sie möge es wegmachen lassen.

Abgesehen davon, das eine Abtreibung – damals – mit hohen Strafen bedroht war, er besaß ja auch noch die Unverschämtheit, überhaupt keine Anteilnahme zu zeigen und seine Braut, (wenn mensch in dieser Situation diese Herta eine Braut nennen darf), also dann eben seine ehemalige Geliebte einfach in die Obhut seiner Mutter abzuschieben. Kein Wunder, wenn Herta zunächst einmal innerlich zusammenzuckte, ja – genau genommen – innerlich zusammenbrach, aber dennoch sofort realisierte, dass sie nun mit diesem Problem mutterseelenallein zurückbleiben würde. Eines aber war ihr sogleich gewiss: Abtreiben würde sie ihr Kind niemals, unter gar keinen Umständen.

Nun, als der unmittelbar von dieser Entscheidung Betroffene, bin ich meiner Mutter Herta nun wirklich von Herzen dankbar, dass sie mir – im besten Sinne des Wortes – das Leben – MEIN Leben! – geschenkt hat. Heute, (ich bin ja nicht nur der fiktive Erzähler, ich bin ja nun real 85 Jahre alt. Da kann ich schon beurteilen, welches Schicksal mir ihre damalige Entscheidung zugemessen hat), heute also bin ich auch meinem Vater – er starb 1991 – nicht mehr gram. Als Kind, wenn ich des sonntags, nach der obligatorischen Kindervorstellung im MERKUR-PALST, zu meiner Mutter in die Krautstrasse 2 ging, (wo sie seit 1931 wohnte, nachdem, sie am 24. Dezember 1931 einen zweiten Sohn geboren hatte, – meinen Halbruder Gerd -), zu diesen Zeiten hatte ich schon einen aus Enttäuschung geborenen kindlichen Zorn gegen diesen meinen offensichtlich so liebelosen Vater. Später, als ich dann volljährig war, da legte ich mir zum eigenen Trost den selbstgebastelten Spruch zurecht, ein richtiger Mann sei eben sein eigener Vater.

Herta also vereinsamte. Die Lizzi hielt in dieser Sache nicht nur dicht, sie versuchte auch ihre beste Freundin auf ihre – lustige – Weise zu trösten. Das ging aber nicht, weil beide Mädchen schnell feststellen mussten, dass sie nun jeweils in einer anderen Liga spielten: Lizzi wollte tanzen gehen und sich weiter amüsieren, und Herta zog sich – halb depressiv – in ihr seelisches Schneckenhaus zurück: Sie ging wie sie es sich geldlich leisten konnte, so oft als möglich in ihren geliebten Merkur-Palast, gönnte sich einen Platz in einer der hinteren Logen, wo sie sich dann ungestört ausheulen konnte. Denn zu Hause musste sie ja – wie gewohnt – ihre vertraute Hausfrauenrolle weiterspielen, um sich ihrer Mutter Marie gegenüber nicht leichtfertig zu verraten. Ich bin also nicht nur ein Bankert, ich bin auch unter ständigen Tränen auf dem Wege ins Leben gewesen. Mit einem alten deutschen Dichter darf ich sagen: Mich wundert, dass ich so fröhlich (geworden) bin.

Am Ersten Weihnachtsfeiertag 1928 machten sich auf den Weg der Vater der Herta, Opa Anders also, und sein Sohn Kurt. Sie fuhren mit der S-Bahn nach Köpenick, dann vier Staionen mit der Strassenbahn bis Uhlenhorst. An dieser Haltestelle entsprang die Kohlisstrasse, wo Willys Mutter in der Nummer 93 residierte. Die beiden (Un)Glücksboten zögerten einen Moment, als sie am Klingelschild den Namen Wenzel Lasen. Erwartet hatten sie ja den Namen S. Aber meine Oma S. hatte nach dem ersten Weltkrieg den blinden Geschäftsführer der Großberliner Schneiderinnung geheiratet und hiess nun eben Wenzel. Oma Wenzel öffnete, schaute sich erstaunt und prüfend diese beiden Herren in ihren Sonntagsklamotten an und fragte die beiden, was sie denn für sie tun könne. Opa Anders erkärte ihr mit ruhiger fester Stimme, seine Tochter Herta habe gestern Morgen gegen drei Uhr einen kräftigen und gesunden Jungen zur Welt gebracht, der nun Rudi heissen werde, und Ihr Sohn, liebe Frau Wenzel, ist der Vater.

Oma Wenzel schaute ruhig zurück und sagte dann ebenfalls mit ruhiger fester Stimme, ihr Sohn Willy sei schliesslich volljährig und das Ganze ginge sie daher so gut wie nichts an. Damit mussten sich die beiden Boten eben begnügen und wendeten sich zum Gehen. Doch so grausam und unbeteiligt war diese Frau Wenzel am guten Ende dann doch nicht. Zwar liess sie die beiden Unglücksboten – das waren sie ja aus ihrer Sicht – nicht in ihr Haus, aber: sie hat dann 16 Jahre lang (für ihren Sohn) die amtlich festgesetzten Alimente gezahlt.

Gute Frau, sie sind jetzt müde vom Zuhören, also machen wir wieder eine Pause.

 

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