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Fünftes – zentrales – Kapitel vom glücklichen Mann

2. Januar 2014

Nicht so böse kucken, meine liebe und hochgeschätzte Leserin: Jetzt gehe ich als Erzähler sogleich in medias res:

Am 24 Dezember 1928 – bei minus 15 Grad Kälte im winterlichen Berlin und Ostdeutschland – hat Herta Anders, genannt „Der Zigeuner“, in der Kellerwohnung (feucht und dunkel) in der Lichtenberger Strasse 3 einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Mein Gott, war sie doch sehr erleichtert. Mensch stelle sich doch einmal ganz plastisch und realistisch vor:

Ein hübsches, schlankes, lebenslustiges Mädchen von knapp achtzehn Jahren muss jeden Tag durch ihre kleine Heimatstrasse gehen, ihr begegnen auf die alleralltäglichste und somit auch auf die natürlichste gesellschaftliche Weise (soziologisch gesehen) alle die Menschen, die sie kennt und die sie kennen. Mensch grüßt sich, hier und da plaudert mensch auch ein paar unverbindliche Worte mit dem anderen, und ein jeder geht dann erleichtert wieder seiner Wege.

Für unsere Herta aber stellte sich dieser Alltag im Kopf doch vollkommen anders da: Sie schämte sich, sie hatte Angst, entdeckt zu werden und sich rechtfertigen zu müssen. Besonders graute ihr vor der jeden Augenblick möglichen Konfrontation mit ihrer überaus konsequenten und resoluten Mutter Marie. Na und der ganz allgemeine Umstand, das es nicht nur eine gesellschaftlich ganz allgemein akzeptierte Schande war, ein uneheliches Kind zu haben, es war auch fast schon kriminalisiert: Unzucht hiess das in der Amtssprache, und wer zwei jungen und lebensfrohen Menschen in seiner Wohnung ermöglichte, Geschlechtsverkehr zu haben, (vom Lieben spricht dieser unmenschliche Staat ja nicht), der machte sich nach dem sogenannten Kuppeleiparagraphen strafbar. Der Vermieter oder die Vermieterin, der/die es dem Rudi A. vor nun neun Monaten ermöglicht hatte, gleich mit vier aufgeregten und erwartungsfreudigen Menschen in seiner Mietwohnung das Leben zu feiern, der war eben – theoretisch – ein vorbestrafter Gesetzesverletzer. Das alles ging tagtäglich der Herta wie ein Herbststurm in ihrem Lockkenköpfchen herum – Herta hatte wunderschöne dunkelbraune, naturgelockte Haare, die auch ihr ganzer stolz waren.

Als Herta sicher war, von diesem Dunklen, diesem Willi S. ein Kind zu erwarten, (er schrieb sich aber frech mit „y“ – nannte sich also, auch beim amtlichen Unterzeichnen: Willy!), als Herta also mit Sicherheit wusste, dass sie „verfallen“ war, wie es im Berliner Strassenjargon der Zwanziger nun eben mal hiess, da machte sie sich auf, hoch in die schöne breite Frankfurter Allee, um so zu sehen und zu prüfen, ob es ihr gelänge, diesen Stenz namens Willy S. dingfest zu machen. Zunächst war das vergebens, Als Herta sich im Café Rose bei Mutter Marten nach diesem Kerl erkundigte, musste sie erleben, dass die einst so freundliche ältere Frau entschlossen war, sich aus dieser Sache vollkommen rauszuhalten.

Herta wartete also geduldig vor dem Café, in der Gewissheit, dieser Willy würde sein gewohntes – (von seiner  Mutter stillscheigend finanziertes) – viel zu aufwendiges – Lotterleben gewiss nicht aufgegeben haben. Und sie hatte mit dieser intuitiven Vermutung vollkommen recht: Eine Taxe fuhr beim Café vor, und wer stieg aus wie Graf Koks, rannte beflissen um die Taxe herum und öffnete seiner – selbstverständlich – weiblichen Begleitung die Autotüre? Herta war baff, ach was, sie war enttäuscht und sogar entsetzt, verletzt und im tiefsten Herzen wütend. Sie ging entschlossen hin zu diesen vollkommenen unbekümmerten Menschen und stellte ihn zur Rede, indem sie ihm klipp und klar und in aller gebotenen Kürze erklärte, dass sie einwandfrei und (ohne jeden vernünftigen Zweifel aufkommen zu lassen), vom ihm schwanger sei!

Dieser Willy schaute sie nur verwundert bis leicht angeekelt von oben herab an und sagte blasiert: Kleines, falls Du Geld brauchst für die selbstverständlich fällige Abtreibung, dann halte dich an meine Mutter, Du weißt ja, wo sie wohnt, und sie wird das dezent zu regeln wissen. Dann hakte er seine Ische, die vollkommen unbeteiligt tuend daneben stehen geblieben war und vollkommen unbeteiligt geschaut hatte, (wie ein Kind im überraschenden Platzregen), dann hakte er dieses hübsche und langbeinige blonde Wesen unter und verschwand mit ihr wortlos hinter der Tür zum Café Rose.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis Herta sich von diesem Schock und dieser Unverfrorenheit erholt hatte. Und – liebe Leserin – ich denke Sie und ich, wir haben uns beide eine kleine Erzählpause redlich verdient. Also, meine Gnädigste: bis später!

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