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Drittes Kapitel vom glücklichen Mann

31. Dezember 2013

Nun, meine verehrte Leserin, sie werden gewiss verstehen und sogar mitfühlen, wenn ich uns beiden vorschlage, die beiden hormongetriebenen verliebten und erwartungszweifelnden Pärchen NICHT auf ihrem Weg in Rudis Wohnung zu begleiten, und zwar aus einem reinen und unverstellten zwischenmenschlichen Taktgefühl heraus. Takt, so sagte der große deutsche Soziologe und Philosoph (und Jurist) Niklas Luhmann, Takt sei in zwischenmenschlichen Beziehungen eine große Tugend und für das kommunikative Zusammenleben, sprich: Gesellschaft, einfach unverzichtbar. Takt verhindert konnektive Zusammenbrüche des Einanderverstehenwollens und -könnens, weil ohne Taktgefühl die an einer Interaktion beteiligten Personen die ungefilterte Brutalität des freien assoziativen Denkens aller Kommunikationsteilnehmer (in ihrem verstehenwollenden Stillhaltewillen) abrupt irritieren und verunsichern würde.

Also lassen wir sie dahin ziehen, die beiden bibbernden Täubchen und die beiden zwar unsicheren aber dennoch männlich entschlossenen Stenze.

Sie, als empfindsame Leserin und im erahnten Zusammenhang Vorausdenkende, Sie werden gewiss schon begriffen haben: Die Herta, der Zigeuner, das ist meine Mutter. Das weitere Schicksal der überaus lebenslustigen Lizzi lassen wir hier ebenfals taktvoll beiseite und ungeklärt, also unerzählt. Ich, der Erzähler – das ist zunächst ja einmal ausschliesslich meine bescheidene Rolle – ich bin also, Sie ahnen es, ein Kind der Liebe. Denn dieser sonntägliche Ausflug ins unverstellte animalische und lustgetragene Leben, der blieb für die junge und vollkommen unerfahrene Herta aus der Lichtenberger Strasse 3 nicht ohne Folgen. Als sie auf die natürlichste Weise der Welt begriff, dass sie schwanger war, (denn dazu braucht ja ein unverstelltes weibliches Wesen nicht – durch wen auch immer – verbal aufgeklärt zu sein). So etwas lernen in unserer sexualkulturlosen Kultur alle potentiell Beteiligten schlichtweg auf dem Schulhof in den Pausen, durch das übliche Geflüstere der jungen Leute und – letztendlich – sogar auf der Strasse. Das ist nun mal mitteleuropäischer Pädagogikstandard, und den haben schliesslich wir alle einmal mehr oder weniger schmerzlich durchlaufen. Sie, meine Gnädigste nicken, also liege ich hiermit nicht nur richtig, ich habe es offensichtlich auch einleuchtend und zustimmungsfähig formuliert.

Die schwangere Herta aber, sie wusste – allerdings mit Unterstützung einer gnädigen Natur – ihr süßes Geheimnis bis zum Schluß, dem dann doch guten Ende dieser leidlichen und – für die Herta auch leidvollen – Geschichte zu bewahren. Der ganz harmlose und – keineswegs seltene – Grund, wie später die hinzugezogene Hebamme bezeugte, (aber wir wollen hier nicht ungebührlich vorgreifen), war das, was die Fachkreise eine perfekte Steißlage nennen: Die Welt sieht bei einer solchen Gegebenheit einer Schwangeren ihre Schwangerschaft nicht an. Die Herta aber hatte es mit dem von ihr selbstverständlich gewollten Verbergenwollen insofern leicht: 1) Ihr Vater Karl, mein Opa, ging schon des Morgens gegen sechs Uhr aus dem Haus, um per Strassenbahn sein Fensterputzer- Revier zu erreichen, und er kam erst ziemlich spät wieder heim. 2) Die Herta, als das jüngste der ihrer Mutter im Hause verblieben Kinder, diese brave Tochter Herta, sie führte selbständig ihrer Mutter den Haushalt. Dazu gehörte sogar das Einweichen und Waschen der – für die Frauen, wenn sie ihre Tage hatten – damals üblichen Camelia-Binden, die man damals nicht – wie heute – einfach nach Gebrauch in den Müll warf, sondern sie wurden in einem Eimer, im kalten Wasser, einen Tag lang eingeweicht, (kein stimulierender Anblick, schon gar nicht für einen zufällig daherkommenden Mann, zum Beispiel dem Opa, denn ein Ausweichen war ja in der Zweizimmerkellerwohnung überhaupt nicht möglich). Kurz: Neben der betroffenen Herta wusste zunächst von der ungewollten Schwangerschaft kein Mensch, ausser – selbstverständlich – die Lizzi. Doch die hielt in dieser Sache absolut dicht.

Na und die Oma, also Hertas Mutter  selber, die ging ja des Morgens auch sehr früh aus dem Haus, denn sie musste ja ihren vierrädrigen Obstwagen aus der Remise ziehen, (beim stadtbekannten Kommunisten Eugen T). Aus der bei ihm angemieteten Remise in der Palisadenstrasse nämlich, musste ihren Wagen zur Großmarkthalle an Alexanderplatz ziehen. Wenn es zeitlich ging, halfen ihr dabei schon mal der Opa, also ihr Ehemann, selber, oder auch – je nachdem, wie er in seiner Schokoladenfabrik Schicht hatte -,  der jüngste der ihr verbliebenen Söhne: Kurt, der nicht allzu weit weg von der Lichtenberger Strasse, (als jung Verheirateter) eine schöne helle Wohnung gewonnen hatte für sich und seine kleine verhuschte Ehefrau. Die war eine graue Maus, die in der großen Andersfamilie – die Herta hiess Anders – so gut wie nie auffiel und bei mir keine weiteren Erinnerungsspuren hinterliess.

Also wir sehen es nun: Keiner von den Andersleuten hatte es leicht, ein jeder hatte sein spezielles Lebenspäckchen zu tragen. Doch solche Verhältnisse waren ja  für die kleine Lichtenberger Strasse und ihrer Umgebung am Landsberger Platz und vor dem Friedrichshain normal. Allen Leuten ging es hier so oder eben so ähnlich. Die Leute waren arm und sie beklagten sich nicht.

Die kleine Herta, der Zigeuner, sie liebte es über alles, zur Verdrängung ihrer drängenden Sorgen, mindestens einmal wöchentlich in eines der rundum nahegelegenen Kinos zu gehen. Das Nahegelegendste – und das Schönste – war der MERKUR-PALAST in der Palisadenstrasse, dem vergitterten Schulhof der Knabenschule, einer Volksschule, gegenüber, die ihren Haupteingang in der Strausberger Strasse hatte, und die – vom Strausberger Platz herkommend – die Palisaden Strasse kreuzte. Beide Strassen waren richtige Verkehrsachsen: Die Palisadenstrasse verlief vom Büschingplatz im Osten hin zum etwas vornehmeren Comeniusplatz weiter Ostwärts, fast immer parallel zur Frankfurter Allee. Die Strausberger Strasse begann am U-Bahnhof Strausberger Platz und verlief bis hin zum damals noch nicht rondierten Landsberger Platz, (der im Verlaufe der rollenden großen Historie – nach dem verlorenen Krieg zum Leninplatz wurde und heute, nach der vollzogenen Wende, Platz-der-Vereinten-Nationen heisst).

Durch die Straussberger Strasse fuhren zwei Strassenbahnlinien: 1) die zum Alexanderplatz führende Linie 1, und 2) die vom Belle-Alliance-Platz kommende Linie 3. Mit der Linie 3 kam an einem jeden Sonnabendnachmittag der Opa, Hertas Vater, nach Hause, denn am Belle-Alliance-Platz hatte seine alteingesessene Fensterputzerfirma ihre Büros. Und da musste der Opa Karl sonnabends nach Dienstschluss, (mit Leiter, Eimer und Putz-Leder und Putz-Lappen) hin, um dort persönlich, (so war das damals eben üblich), seinen Lohn in der sprichwörtliche Lohntüte in Empfang zu nehmen. Seine (Lieblings)Tochter Herta holte ihn dann gerne schon in der Andreasstrasse aus der Strassenbahn, (durch Rufen), und die beiden gingen dann – Arm in Arm – gemeinsam nach hause.

Die andere Tochter, die Ältere, die Anna, die längst verheiratet und schon lange aus dem Haus war, sie hatte, (damals noch in Magdeburg), im Jahre 1900 den sechsköpfigen späteren Kinderreigen angeführt. Anna arbeitete übrigens als Schreibkraft bei einem Rechtsanwalt im damaligen Berliner Westen. (Um es gleich vorweg zu nehmen, damit wir es dann erzählend beiseite lassen können): Anna bekam von diesem Rechtsanwalt ein uneheliches Kind, eine Tochter.  Der reiche jüdische Rechtsanwalt schaffte diese für ihn und seine Ehe peinliche Affaire aus der Welt, (aus seiner Welt), indem er die Anna mit einer gewissen höheren Summe entschädigte, weil er – bei aller Peinlichkeit seiner Ehefrau gegenüber – auf keinen Fall wollte, das die Frucht seiner Lenden abgetrieben wurde.

Anna stimmte zu und erheiratete sich mit diesem Geld einen kleinen mickrigen Handelsvertreter, der ebenfalls – bis auf einen eigenen gezeugten Sohn – den späteren Willi, (der dann im Kriege auf den Seelower Höhen fallen sollte), als dieser erste Ehemann, die Andersfamilie eigentlich kaum tangierte, der also ebenfalls in der Andersfamilie keine weiteren Spuren hinterliess. Anna liess sich 1938 von ihm scheiden, wegen ausserordentlicher gegenseitiger Abneigung, (was Juristen alles leisten).

Sie heiratete dann zum zweiten Male, diesmal einen Baupolier halbpolnischer Abstammung, der später dann halb Europa mit den unter seiner Ägide errichteten Flakbunkern (in den größeren Städten) beglückte. Er war auch beteiligt – weil er ein unverzichtbarer Betongussfachmann war – an der Verschandelung der französischen Atlantikküste durch die Errichtung der berühmten und berüchtigten U-Boot-Bunker, die nun ein jeder kennt durch den weltberühmten Film „Das Boot“.

Nach dem Krieg war er – angeblich – verschollen; (er hatte sich wohl klugerweise gleich nach dem neuen Polen abgesetzt), jedenfalls liess die Anna ihn für tot erklären. Seine Mitgift für Annas zweite Ehe waren seine Kinder Heinz und Irene. Mit ihren eigenen zwei Kindern, der älteren Erna und dem kleinen Willi, hatte die Anna während des gesamten Krieges somit vier Gören am Hals. Mit dieser Viererbande zog sie 1935 in das Haus der Lichtenberger Strasse 3, wo ja schon ihre Eltern wohnten. Sie musste mit der kleinen Kellerwohnung vorlieb nehmen, die neben der Kellerwohnung ihrer Eltern, Karl und Marie, lag, und in der dann unsere Herta am Morgen des Heiligen Abends 1928, morgens gegen halb drei Uhr, mich als Ihren (unehelichen) Sohn zur Welt brachte.

Diese Geburtsgeschichte, liebe Leserin, die wollen wir aber – aus Gründen – gesondert später erzählen. Für heute wollen wir somit dieses Kapitel beenden. Übrigens bekam Hertas Sohn – auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin – den Rufnamen RUDI, (nach ihrer heimlichen großen Liebe, diesem Wohnungsbesitzer Rudi A., ohne den Hertas Lebensgeschichte, (was weiss wer?), einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde, wenn …

Aber diese unzulässige Spekulation wollen wir uns hier versagen.

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