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Eine traurige Geschichte über einen letztlich doch glücklichen Mann

29. Dezember 2013

Liebe Leserin, schenken Sie mir, bitte, Ihr Vertrauen. Ich brauche eine geduldige, kluge und einsichtige Zuhörerin, die Kraft und Verstand genug besitzt, nicht auf tradierte Vorurteile genereller Art herein zu fallen, und die sogar gewillt ist alle ihre eigenen ansozialisierten Vorurteile über den Haufen zu werfen, eingedenk des überlieferten schönen Satzes, das alles Gesagte allemal immer auch ganz anders gesagt, also auch erzählt, werden kann. Lassen Sie mich Ihnen also die Geschichte von Rudolf Bertram erzählen, der in seiner Jugend angetreten war, die Frauen zu lieben, und der erfüllt war von dem Gedanken, er sei dazu ausersehen, Frauen auch wirklich glücklich zu machen. Wie alle Gedankenhelden konnte er selbstverständlich nicht wissen, dass sein angestrebtes erotisches Heldentum zum scheitern verurteilt sein würde. Und das tragische daran: Es würden gerade die Frauen selber sein, die sein ehrliches und aufrichtiges Bemühen um Harmonie stets durch ihre eigene weibliche vernünftige Unvernunft zerstören würden

Lassen Sie mich, meine Gnädigste, ganz konventionell mit dem Anfang anfangen: Rudolf Bertram war ein seelischer Gentlemen das Jahrgangs 1928. Geboren also in den zeitlichen Wirbeln der gerade auslaufenden Roaring Twenties. Seine Mutter war noch nicht achtzehn Jahre alt, als sie ihn am Morgen des Heiligen Abens 1928 in seltsamen Umständen zur Welt brachte. Diese junge Mutter hiess Herta, ihr Spitzname unter Ihresgleichen war Zigeuner, weil es im Frühling eines jeden Jahres nur eines Hauchs von Sonnenschein bedurfte, um ihrem Taint die Farbe zu geben, die nur durch den Namen Zigeuner gerechtfertigt werden konnte.

Herta also, ein Ladenmädchen, wie die Leute in Berlin damals zu sagen pflegten, Herta hatte den Leichtsinn besessen, sich einem jungen Manne hinzugeben, der offensicht noch so unreif gewesen war, um dieses Mädchenopfer voll würdigen zu können. Herta war mit ihrer Freundin Lizzi, der Tochter eines arrivierten Lumpenhändlers, der in der Strasse, wo auch Herta wohnte, in  einem Kellerladen ein florierendes Geschäft mit dem Ankauf, dem Sortieren und dem Wiederverkauf von ausrangierten Altwaren aller Art betrieb und es durchaus zu einem gesicherten Einkommen und sogar zu einem nicht unbeträchtlich lokalen Ansehen gebracht hatte. Herta also war an einem schönen Frühlingssonntag des Jahres 1928 auf die Idee gekommen, – obgleich sie eigentlich dazu nicht das nötige Kleingeld hatte – zusammen mit dieser Lizzi hinauf zu spazieren in die Große Frankfurter Allee, um dort im sogenannten Rosecafé etwas erleben zu wollen. Das Rosecafé gehörte zum damals sehr beliebten und bekannten Rosetheater. Es war ein kleines familienbetriebenes Theaterunternehmen, vergleichbar dem heute mehr vertrauten Ohnesorgtheater in Hamburg.

Herta und Lizzi hatten sich fein gemacht und in ihren hellen Sommerkleidchen waren sie für einen jeden jungen Mann ein geradezu herzerfrischender und auch anregend aufregender Anblick. Als die beiden in dem kleinen Park anlangten, der das weiter hinten, etwas abseits von der allgemeinen Strassenfront gelegene, villenartige Theatergebäude betraten, wo auch das Rosecafé im Erdgeschoss untergebracht war, da hatte die Nachmittagsvorstellung im Rosetheater offensichtlichs schon begonnen. Wie ihnen Mutter Marten, die Buffetdame hinter dem Cafétresen sogleich sagte, lief oben im Theatersaal bereits der erste Akt. Man gab heute Charleys Tante. Aber die beiden Mädchen hatten ja gar nicht die Absicht, sich die Vorstellung anzusehen, schon deshalb nicht, weil ihnen dazu schlicht das nötige Eintrittsgeld ermangelte. Ihr Geld reichte – genau gemommen – gerade mal für ein Kännchen Kaffee. Das bestellten sie sich auch, und sie plauderten ein wenig mit Mutter Marten, denn die war heute Nachmittag keineswegs ausgelastet. Die beiden Mädchen waren – zunächst – ihre einzigen Gäste.

Dann kam die erste Pause. Im hinteren Teil des Café, der wohl offensichtlich eine Verbindung zur Backstage darstellte, da öffnete sich eine Tür und eintraten zwei junge Herren, die ein jeder unbefangener Beobachter auf Berliner Art gewiss zwei Stenze genannt hätte. Sie waren durchaus gut angezogen, trugen Sakkos und Krawatten. Ihr besonderes Merkmal war: die Krawatten waren leicht heruntergezogen, der Kragen des Hemdes also geöffnet und mit einem kleinen umgebundenen Halstuch ausgefüllt: Beide Herren waren nämlich – als Komparsen – geschminkt, leicht gebräunt, und sie wollten beide ihre Hemdkragen nicht einfärben.

Lizzi jauchste bei ihrem Anblick fast laut auf und sagte spontan ihrer Freundin Herta ins Ohr: Ick nehme den Blonden! Damit war auch Hertas Lebensschicksal entschieden, denn auf diese Weise blieb ihr ja nur der andere, der Dunkle. Mutter Marten, die sofort die Exaltation der jungen Lizzi erkannte und auch gehört hatte, was sie der Herta zuflüsterte, Mutter Marten warnte die beiden jungen Hühner mütterlich, indem sie ihnen ebenfalls zuflüsterte, sie mögen sich doch vor diesen beiden Angebern in Acht nehmen.

Aber das Schicksal wollte – und sollte – ja seinem Lauf nehmen. Beide Herren setzten sich – zur Freude der beiden Mädchen – sogleich souverän an ihren Tisch, bestellten ebenfalls Kaffee und erklärten unisono die beiden Damen für eingeladen. Wobei beide Mädchen erleichtert aufatmeten, denn so schien ja der Verlauf dieses sonnigen Nachmittags vorgeprägt und damit auch entschieden. Mutter Marten grummelte hinter ihrer Theke: Angeber, Injeladen, dabei lassen se bloß anschreiben!

Hier, liebe Leserin, gestatte ich mir bei meinem Erzählen eine kleine Pause, sie soll Ihnen und mir zum Nachdenken zugute kommen. Ich verspreche Ihnen mit Sicherheit die ganze Geschichte, jedenfalls soweit es die Herta betrifft, weil Lizzi in diesem kleinen Drama ja nur die Initiationsrolle zu spielen hat.

 

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