Skip to content

Spinalanästhesie – der Sprung ins Imaginäre

23. September 2013

Nach einer Brustkrebsoperation bin ich jetzt rund eine Woche aus dem Krankenhaus entlassen. Dort war ich 17 Tage, etwas länger, als es die Vorgaben der vereinigten Krankenkassen vorsehen, weil ich – was mit der ersten Operation nicht das Geringste zu tun hatte – noch eine Operation an einer kleinen Fettgeschwulst am Zeh Nr. 4/Links zu überstehen hatte.

Die Operation an der rechten Brust zur Entfernung eines schon knapp Hühnerei-großen Tumors fand selbstverständlich unter Vollnarkose statt, zumal zusätzlich alle Lympfknoten in meiner rechten Achselhöhle zu entfernen waren. Doch die zwei ersten Glieder des genannten Zehs wurden „ambulant“ abgesetzt, heisst: es hätte also durchaus ambulent im Wortsinne geschehen könen, aber ich war ja nun einmal schon im Krankenhaus stationär, so wurde ich eben als Patient der Gynäkologie (untergebracht als Mann auf der allgemeinen Unfallstation, weil ich ja – als Mann – nicht gut bei den Damen hätte hospitieren könnte, wie es der Professor formulierte, der mich an der Brust operierte). 97% aller Brustkrebsfälle betreffen ja – grausamerweise – die Frauen. Männer sind von diesem Übel nur zu rund 3% betroffen. Es sind wohl immer „weibliche“ Männer, also solche mit einem Testosteronspiegel unter dem statistichen Durchschnitt, (also keinen Machos).

Meine Brusttumor-OP verlief vollkommen nach Plan und internationalem Standard, das heisst: ohne Komplikationen und sie verlief damit – wie man so sagt – „im Grünen Bereich. Die einzigen temporären Beschwerden danach waren das (zu erwartende) Auftreten von sogenannten Lymphödemen: Stauungen nicht schnell genug abfliessender Lympfe in den Gliedern; Folgerung: am betroffenen rechten Armen keine Blutabnehmen mehr, keine Blutdruckmessungen, vermeiden aller Abschnürungen oder auch etwaiger ungewöhnlicher Belastungen. (Das führt sogar dazu, dass mir – als einem alleinlebenden Mann in meinem Haushalt – nun eine zeitweilige Haushaltshilfe zusteht, weil ich das Bad nicht putzen soll und auch nicht mehr allein das Bett aufschütteln und ähnliche Armbelastungen vermeiden muss. Darüber bin ich also nicht böse, und mit meiner (Privat)Krankenkasse ist dieser Fall schon abgesprochen und geklärt: es handelt sich um einen Rechtsanspruch nach der Sozialgesetzgebung.

Nun zur Spinalanästhesie: Spritze mitten in den Rücken, und nach zirka 20 Minuten sind die unteren Extremitäten bis hinauf zur Bauchmiitte „wie tot“, also vollkommen Gefühlsunempfindlich. Anweisung des Operationspersonals an den Patienten: Bitte reden sie, stellen sie Fragen, seien sie neugierig, wir brauchen während des (Kurzen) Eingriffs ihre tätige Mithilfe. Ich habe also – als geborener Berliner – geredet wie ein Wasserfall: Wenn sie mal keine Antwort bekommen, hiess es lakonisch, dann haben wir eben gerade mit ihnen bzw. an ihnen konzentriert etwas Wichtiges zu tun. So verlief das ganze dann auch.

Was ich berichten möchte, ist die intensive, weil ungewohnte Intensität meiner Eindrücke während der Operationszeit. Nachdem man mich auf Station abgeholt hatte, heisst: ich wurde mit dem OP-Höschen und dem – albern wirkenden, hinten offenen – Operationshemdchen im Eiltempo von einem Pfleger aus dem vierten Stock mit dem Aufzug hinunter gefahren in die heiligen Katakomben der Operateure und der Intensivstationen. Ablieferung im Vorraum: bekannte Gesichter von der ersten, der großen Operation: sie sind ja schon wieder hier, hiess es lachend. Es wurde überhaupt sehr viel gescherzt in diesen Räumen (mit sehr niedriger Decke: geringere Anforderungen an Heizung und Lüftung !) An jeder Bettseite Leute im grünen OP-Zeug. Im Vorraum alle noch OHNE Mundschutz, so dass man ihre Mimik beobachten konnte. Es war eine (gezügelte, aber sehr lockere) Stimmung wie beim Karneval in Köln: nichts lief ohne Frozzelei zwischen den emsigen Beteiligten ab. Als alle Kabel und Schläuche angeschlossen waren und der Narkose-Stützungs-Einlauf (aus der üblichen hängenden Kunststoffflasche) lief, da wurde ich in den OP-Raum gefahren: jetzt wurde es sozusagen ernst. Aber nur aus meiner Sicht, denn die Leute, die mich von meinem Bett aus auf den äusserst schmalen OP-Wagen gehievt hatten, die waren alle so lustig und emsig wie ihre Kollegen aus dem Vorraum. Vertreten waren alle Nationen und Völkerschaften des Abendlandes, genauer: des europäischen Mittelmeerraumes: Marokkaner, Tunesier, Berber, Levantiner, gemütliche Deutsche auch, aber – ohne das es mich noch überrascht hatte –  auch eine gewichtige Dame aus dem Libanon. Als ich fragte, ob meine Anesthäsistin noch da sei, weil sie mir doch im Vorgespräch versprochen hatte, mich niemals zu verlassen, bis ich nach vollzogemem Eingriff würde im Aufwachraum (der heisst so, obgleich ich ja obenrum wach war) wieder Abgangsfähig sein zur Rückfahrt hin zu meiner (Schlaf)Station. Sofort sagte sie: Aber Herr Sander, selbstverständlich bin ich noch hier, ich stehe doch immer genau hinter ihnen. Da war ich beruhigt: Es war eine süße kleine (aber sehr energische) Chinesin aus Taiwan.

Dann marschierte der Chefarzt der Unfallchirurgie ein mit seinem Oberarzt und einem zusätzliche Assistenzarzt. Er baute sich in voller „Ritterrüstung“, verkleidet mit Mundschutz pipapo rechts neben mir auf und fragte mich (zum mindestens dreißigsten Male, denn ein jeder der um mich herumwuselnden anderen Persone hatte mich das schon gefragt): Herr Sander, WANN sind sie geboren und WO? Ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: am 24. Dezember 1928 in Berlin. Gut, sprach er väterlich, dann fangen wir an. Dabei wurde der kleine flache Vorhang zugezogen, der meine Neugier nunmehr von Ort des echten Geschehens trennte. Gespürt habe ich ja nicht das Geringste. Ob und wie diese Troika an meinem Fuß und Zeh herumfummelte, ich hatte keinen Eindruck davon, nur einen schwache allgemeine Vorstellung in meiner Phantasie.

Nach etwa – gefühlten – 20 Minuten hiess es kategorisch: So meine Damen und Herren, das war’s: Herr Sander, machen sie’s gut und halten sie sich munter. Diesen Chef habe ich nie wieder gesehen. Am nächsten Tage wechselte sein Assistenzarzt meinen Verband und meinte lakonisch: alles bestens, morgen werden sie entlassen.

Am Tag zuvor hatte mir – auf Veranlassung des Krankenhauses eine Dame eines hiesigen Sanitätshauses einen Spezialschuh gebracht, mit dem ich (albern aussehend aber) bequem nach Hause marschieren konnte. Meine – getrennt von mir lebende – kreuzbrave Ehefrau hatte sich schon die ganzen langen Tage zuvor rührend um mich gekümmert, sie brachte mich unversehrt nach Hause, (sie schleppte sogar meine Tasche mit der dreckigen und der restlichen nicht gebrauchten Wäsche und all dem Zeug (Badartikel), das ich zur Einweisung mitgebracht hatte, vor allem das dicke neue Buch von Rüdiger Safranski „Goethe“, dass ich während des Aufenthaltes vollkommen entspannt habe auslesen können. Denn ich sollte ja meinen rechten Arm schonen.

Dass meiste ist nun inzwischen fast vergessen, jedenfalls erscheint es mir relativ unwichtig: keine Schmerzen, weder oben moch unten. Leichte Behinderung des rechten Armes beim – vorgeschriebenen „kreisen“ (Üben, üben, üben, damit es keinen Lymphstau gibt). Mache ich diszipliniert 3mal täglich im Sitzen, wie ein geübter Schauspieler oder – eher – wie ein Artist.

Ich brauch nicht in die Reha zu gehen und ich bekomme keine Chemotherapie, weil ich schon so ein alter Sack bin. Aber: ich muss für die nächsten fünf Jahre „bissige“ Tabletten nehmen (jeden Abend eine), von denen man eigentlich besser den Beipackzettel NICHT lesen sollte. Es wird einem aber vom Professor und von der Anästhesistin UND von den täglich erscheinenden Physiotherapeutinnen (hübsche Damen) alles gründlich erklärt, was vielleicht doch geschehen könnte. So musste ich sofort nach der Entlassung einen Augenarzt aufsuchen, weil diese Tabletten, (ein Anti-Östrogenium) im Falle eines Falles auch die Augen, also das Sehen, schädigen können (1:10.000). Nie zuvor hatte mich meine Augenärztin – eine Italienerin – mit Hilfe ungezählter Apparate so gründlich untersucht, wie sie es nun tat. Alle halbe Jahre muss ich mich nun bei ihr zur Nachsorge  einfinden. Nebenergebnis: Seit meiner beidseitigen Graue-Star-OP vor acht Jahren brauche ich ja keine Brille mehr. Ich kann wieder sehen wie ein Lux. Aber – was mir nie zuvor aufgefallen ist: Die Linsenkapselhinterwand ist nun ihrerseits etwas getrübt: Das wird am kommenden Dienstag (einmaliger Akt) „geläsert). Und am Tage darauf soll dann in einem anderen Krankenhaus in unserer Landeshauptstadt, weil die eine Kobald-60-Maschine haben, die für 30/60 Tage geplante Bestrahlung beginnen: bewusst kleine tägliche Dosen, dafür aber eben so lange, (also nicht alles auf einmal), denn: niemand kann ausschliessen, dass sich nicht doch noch einige verstreute maligne Zellen im Körper herumtreiben. Falls mich das Bestrahlen körperlich zu sehr belasten sollte, darf ich – gesetzlich geregelt und somit finanziell abgesichert – eine Taxe zur und von der Klinik (Hin- und Rückfahrt) benutzen: mit Quittung für die Krankenkasse.

Es ist also – wie immer im Leben – eine ambivalente Situation: Man wünscht einen solchen Zirkus keinem, nicht dem ärgsten Feinde, aber: wer nun einmal „drin“ steckt, der muss eben „mittanzen“. Das tue ich also bewusst und diszipliniert, (es bleibt mir ja auch nix anderes übrig). )ch bin heiter und gelassen, denn: Mit 84 Jahren habe ich längst damit begonnen, die Dinge um mich herum „loszulassem“. Sloterdijks Aufforderung in seinem letzten Buch „Du musst dein Leben ändern“ ergibt sich nach einem solchen intensiven Erleben der Härte des rücksichtslosen Daseins ganz von selber: ich sehe die Welt nun doch mit ganz anderen, mit aufmerksamen und dankbaren Augen an.

Ich dachte, einen solchen Bericht sei ich all denen schuldig, die mich auf diesem Gang liebevoll und hilfbereit mit Rat und Tat begelietet haben: DANKE !

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: