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De-Ontologisierung – was ist das, und: wie geht das denn?

26. Juni 2013

Metaphysik und Ontologie haben mich schon immer verwirrt. Beides erschien mir – als Leser vieler und verschiedener philosophischer Texte – immer als die beiden Hauptsünden am ewig grünenden Zweig der Philosophien und des Philosophierens. Die Metaphysik spricht von Wesen, von Zuständen, sie beschreibt plausibel, konsistent, kohärent und konkludent, also stringent Verhältnisse, die sich auf den zweiten Blick, den jeweils strengeren, als nicht haltbar erweisen. Es gäbe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse, dieses bekannte Diktum kann die unabweisbaren Zweifel nicht abweisen. Und es zeigt, dass Plausibilität nicht alles ist oder – zumindest – zu sein scheint. Die Metaphysik lassen wir erst einmal beiseite.

Ontologie, was ist das, oder anders: was soll das sein? Zwei kurze Blicke ins Wörterbuch Altgriechisch/Deutsch: Ontologie ist die Lehre (der Logos) vom Seienden. Mit diesem guten klaren Ende sind wir am Anfang vieler Fragen und Seltsamkeiten. Denn: was ist das Seiende? Parmenides würde sagen, wenn seine Behauptung stimmt, dass Sein und Denken identisch sind, dann wäre seiend dasjenige, was sich denken lässt. Das klingt nun schon fast so wie der bekannte ontologische Gottesbeweis: Gott lässt sich denken, also muss es ihn geben. Gottes Existenz hinge dann im wahrsten Sinne des Wortes an dem seidenen Faden des Existenzattributes. Dieses Existenzattribut ist aber im Verlaufe der Denkgeschichte über das immer brüchiger werdende Brüchigwerden aller dogmatischen Wiederholungen so brüchig geworden, das es verdampft ist, semantisch verdampft: Aus der Unterscheidung Sein/Nichtsein lässt sich die Existenz des Seienden nicht plausibel ableiten. Die Identität von Etwas als ein Sosein dieses Etwas abzuleiten, muss am – schlechten – Ende immer scheitern. Denn die unbezweifelte und unbezweifelbare Identität von Irgendetwas ist insoweit und insofern eine Schimäre, also ein eingebildetes Etwas, weil behauptete Identität von Etwas logisch „unerreichbar“ ist, (so sagt man heute). Das bedeutet im Klartext: Alle Aussagen über Dinge oder Ereignisse oder Erscheinungen sind immer nur Setzungen, Behauptungen (im besten Falle solche, die sich im öffentlichen Diskurs behauptet haben), also – wie man heute sagt: Konstruktionen. Und eine gute Konstruktion ist bekanntlich eine, die funktioniert.

Nehmen wir ein leicht überschaubares Beispiel und riskieren wir dabei hier und da ein Analogisieren, auch wenn die Wissenschaft, wenn sie etwas methodisch beweisen will, das verbietet. Jemand zeigt auf etwas und sagt, siehe, ein Baum. Man schaut hin, (weil man an Wittgensteins Warnung denkt, die Behauptung, die Katze läge auf der Matte, sei schliesslich immer nur dann wahr, wenn die Katze tatsächlich auf der Matte liegt), und man muss nicken: Das Etwas, auf das der Sprecher mit seinen Worten, siehe, ein Baum, gewiesen hat, sieht tatsächlich wie ein Baum aus, jedenfalls lassen sich alle Attribute, die man in einem guten Buch über Bäume nachschlagen kann, optisch ausmachen. Man wird sich vielleicht sogar an Platons Ideenlehre erinnern: jeder reale Baum sei naturgemäß nur eine eidetische, eine bildhafte Angleichung der sichtbaren Erscheinung des realen Baumes mit der – sagen wir ruhig: himmlischen – Idee des Baumes. Nun kommt in uns der Zweifel hoch, gebrannte Kinder, die wir ja schliesslich alle sind: Was aber, wenn es sich hier bei dem Baum, auf den gerade gezeigt wird, vielleicht um ein perfektes Hologramm handelt? Oder um eine meisterhaft ausgeführte Theaterattrappe? Soviel wissen wir ja als Amateurphilosophen: Der Schein überlistet oft die Behauptung des Seins. Dem Schein ist eben nicht zu trauen.

Seinsbehauptungen als Identitätsbehauptungen sind also schwer zu halten. Man könnte es nun versuchsweise einmal mit so etwas wie Negation versuchen: Wir sagen nicht, was ein Baum ist, sondern, was er nicht ist. Dann würde unser imaginierter Sprecher, als Behaupter eines Sachverhaltes als einer Tatsache vielleicht so formulieren: Schau, was da wie ein Baum aussieht, das ist keine Katze. Dem könnte man dann hemmungslos und bedenkenlos sofort zustimmen, denn ist scheint ja offensichtlich, dass man im angenommenen Falle einen Baum sieht und eben keine Katze. Nun hat man aber mit der Aussage, was Identiät nicht ist, nicht viel gewonnen. denn man will ja wissen, was etwas nun wirklich der Fall ist.

Nach zweieinhalb Tausend Jahren der diffizilsten Überlegungen ist man in fortschrittlichen Denkerkreisen übereingekommen, und zwar spätestens seit dem eleganten Scheitern Hegels und – vereinfacht – frühestens (oder doch spätestens) seit Heideggers Propaganda für die (seine) ontologische Differenz (zwischen Sein und Seiendem), einfach das Problem der Identität beiseite zu lassen und einmal ganz anders anzufangen, und zwar mit der Differenz.

Zwischenbemerkung: Man denke einfach mal an die Entwicklung einer Gattung oder eines Individuums einer Gattung: Hunde sind Hunde, und der Hund Rex ist der Hund Rex, als Welpe und als das ausgewachsene Exemplar seiner Rasse. Wann aber – man denke an die Evolution, den Stoffwechsel und das Wachsen und die phasenweise Zellerneuerung in einem jeden lebendiger Körper – wann hätten wir hier jemals Identität? Also nicht nur der Zweifel beim Hinschauen wächst, auch die Analyse kann die behaupteten Identitäten spielend erschüttern.

Also jetzt setzen wir auf Differenz: Von nun an beschreiben wir alles modal, immer im Verhältnis eines Etwas zu einem anderen Etwas, also als Unterscheidung. Vor uns ein körniges, weisses kristalines Häufchen: Zucker oder Salz? Wir befeuchten die Spitze unseres Zeigefingers, betupfen das fragliche Häufchen und führen die Fingerkuppe an unsere Zunge. Der Beobachter unseres experimentellen kleinen Treibens kann es an unserem Gesichtsausdruck ablesen: strahlen wir, ein wenig entzückt, dann Zucker, schauen wir „verbittert“, dann Salz. Der Beobachter weiss (aus eigener Erfahrung), was in unserem Kopf vor sich ging: Zwischen süss und salzig herrscht ein Unterschied, der eben einen bedeutenden Unterschied macht: süss ist nicht salzig (oder nicht bitter, wenn wir einen anderen Vergleichseindruck heranziehen). Wir bestimmen also nicht die geschmackliche Identität einer Probe, (denn über Geschmack lässt sich bekanntlich – lange – streiten), sondern wir halten uns zur Erlangung von Gewissheit darüber, was im gegebenen Falle vorliegt, an eine reproduzierbare (und im Zweifel auch: falsifizierbare) Differenz.

Mit anderen Worten, (man erinnere sich, Luhmann hat gesagt, alles Gesagte könne immer auch anders gesagt werden): Wir bestimmen etwas als Etwas, wenn es denn unbedingt bestimmt werden muss, als eine FORM in einem MEDIUM (der Unterscheidungsmöglichkeiten). Wir sagen, (auch wenn wir das nicht immer – im Alltag – so perfekt und penibel aussprechen): Das ist ein Auto (und kein Motorrad und keine Eisenbahn und kein Sack Mehl). Mit ein bisserl Humor: Wenn ein Durchschnittsmensch, ein Laie, sagt, das sei ein Auto: auch wenn er recht hat, auch wenn alle ihm zustimmen, auch wenn er selber leidenschaftlich Auto fährt, er wird – heutzutage – keine blasse Ahnung haben, was ein Auto wirklich ist, (es sei denn, er sei Ingenieur bei BMW oder Mercedes). Haupsache, er zeigt nicht auf ein Auto und sagt, das ist ein Mehlsack. Nicht weil man ihn dann auslachen würde oder in die Klapse schicken, nein, einfach deshalb läge er schief, weil er eine vollkommen unbrauchbare Unterscheidung verwendet und dem sichtbaren Auto eine falsche Form angesonnen hätte.

Man erkennt also: Es kommt – auch wenn man es sehr genau nimmt – nicht darauf an, was etwas „wirklich“ ist, (denn das kann ja niemand wissen, wegen der oben eingangs erwähnten Unerreichbarkeit; übrigens ein von Peter Fuchs geprägter Begriff, den Luhmann freudig übernommen hat). Was immer wir, als Beobachter oder gar als Beobachter von Beobachtern, unterscheiden und bezeichnend beschreiben, wir brauchen – auch als Wissenschaftler – gar nicht zu wissen, was „wirklich“ vorliegt, Hauptsache unsere Beschreibung ist tatsächlich zutreffend, sie sagt uns etwas, sie hilft uns weiter, sie lässt uns leben.

Was ist Gerechtigkeit? Das weiss nun wirklich keiner. Dazu sind die realen Verteilungs-Möglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft nun wirklich zu vielfältig. Aber: keine Wahlrede eines Politikers, welcher Partei auch immer, ohne eine irgendwie semantisch unterscheidbar behauptete Gerechtigkeit. Solange man ihm zustimmen kann, wird er auch gewählt werden.

Oder nehmen wir das Photon. Wir drücken auf einen Schalter und es wird hell. Ist das Photon nun eine Welle oder ein Teilchen? Weder noch wäre genau so falsch wie „beides“, weil es darauf ankommt, wie der Physiker experimentell seine Frage organisiert. Sein Versuchsaufbau wird dann die Antwort bestimmen. Die Physiker können hiermit gut leben. Ein Photon ist jedenfalls eines nicht: es ist kein Elektron und kein Proton und so weiter im (inzwischen) zwölffachen, also arg geschrumpften Teilchenzoo, denn das kann man im Beschleuniger oder schon in einer Nebelkammer gut – unterscheiden. Und so hat man beim Cern auch das Higgsteilchen nicht entdeckt, sondern man hat es gemacht: Higgs hat – als mathematischer Physiker – einen nicht zufrieden stellenden Formelwiderspruch dadurch geheilt, dass er sich ein Teilchen mit ganz bestimmten spezifischen Eigenschaften ausdachte, um plausibel zu machen, woher die Schwerkraft, die Gravitation, kommen „könnte“! Und die Leute beim Cern haben dementsprechend eine Maschine gebaut, die – mit steigendem Energieaufwand – eine bestimmte physikalisch determinierte Frageform aufgebaut hat, die dann die dazu passende Antwort lieferte. DAS „ist“ dann eben das Higgsteilchen. Mehr braucht der Physiker nicht. Der Fall ist (bis auf weiteres) abgehakt.

Und genau so – wenn auch ganz anders – ist der Jurist Luhmann als werdender Soziologe verfahren. Die Soziologie ging auf Krücken. Niemand wusste mehr plausibel (also stringent, siehe oben) zu sagen, was ist Gesellschaft, was ist ein Subjekt, was ist eine Handlung, was ist Sinn? Um nur die wichtigsten Debattenfelder zu erwähnen. Gesellschaft ist eine Gemeinschaft, hiess es, eine Ansammlung von Menschen, die als Subjekte handeln. Welch einen Gedankenwirrwarr hat all dies heraufbeschworen von Comte über Durkheim und Marx bis Weber und hin zu Habermas. Da kam Luhmann, schaute sich um, was an positiven und brauchbaren Gedankenbausteinen vorliegt, was davon verwertbar sei und was man unbedingt verwerfen müsste, und entsprechend schrieb er Texte, über die die meisten Leute heute noch staunen. Es sind sogar wenige Kollegen, die bereit sind, ihm wirklich konsequent zu folgen. Nicht einmal bei den Soziologen. Da hat er schon eher ein verwundertes (weil brauchbares) Echo bei anderen, bei experimentierfreudigen Disziplinen. Denn sein geradezu ungeheurer (Ein)Satz: ALLES ist kontingent, (sogar die Kontingenz), das hat die Gesellschaftstheorie vollkommen umgekrempelt, „vom Kopf auf die Füsse“, wie es historisch in solchen Fällen so schön heisst. Sogar die professionelle Philosophie ist geschockt. Luhmann verzichtet vollkommen auf Identität: historisch – in einer brauchbar ausgebauten Theorie bislang als Einziger und vor allem als Erster. Er sucht auch keine philosophische Gedankenstütze. Er erklärt einfach die tradierte Unterscheidung Sein/Nichtsein als alteuropäisch und setzt an ihre Stelle seine Ausgangsunterscheidung System/Umwelt (mit der schier paradoxen Ungleichung: S=S/U). Und er folgert ironisch aus seiner eigenen Setzung, er gehe davon aus, dass es Systeme gäbe, ohne das ontologisch zu meinen. Und dann legte er los und machte ernst mit dem Kontingenzbegriff: was ist, war also möglich, deshalb ist es. Gesellschaft ist nichts als Kommunikation, denn Kommunikation ist Gesellschaft. Dafür kann dann bei ihm Kommunikation nicht denken. Das Denken, als Verknüpfung von Wahrnehmungen oder Vorstellungen, das überlässt Luhmann den Menschen, die er aber konsequent in der Umwelt des Systems Gesellschaft ansiedelt, (ohne Angst vor dem Vorwurf der Inhumanität; er sieht das sogar als schicksalhafte Entlastung des Menschen). Er nennt diese Menschen, die nun denken können, aber zum Ausgleich nicht mehr kommunizieren, er nennt sie psychische Systeme, damit sie dennoch in seine Theorie passen, er erklärt, dass sie zwar nur Lärm erzeugen (Noise), aber dennoch für das Zustandekommen von Kommunikation (also Gesellschaft) absolut als Irritatoren dieser Kommunikation unverzichtbar seien, als Personen mit Adressen, die Rollen ausfüllen in Interaktionen und Organisationen, und das trotz der pejorativen Apostrophierung ihres Tuns als Noise: dennoch zähle „ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren“. Und was soziologisch (und darüber hinaus, bis hin in die bislang unantastbaren Bereiche der Philosophie) hieraus alles tatsächlich folgt, dass beschäftigt viele der besten Leute und Edelfedern – in zunehmendem Maße – in vielen Ländern.

Wer, durchaus ganz aktuell, mehr und Präziseres hierüber lesen und somit erfahren möchte, dem empfehle ich von Jean Clam: 1) „Was heisst, sich an Differenz statt an Identität orientieren?“, Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft“ und 2) „Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug“, beides bei der UVK-Verlangsgesellschaft, Konstanz, (2002/2004). Preis: 14 und 19 Euro).

Rudi Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach.

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