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Das Schwärmen – das Suchen – der Schwarm

17. Mai 2013

Zwei Medien – jedenfalls auf den ersten Blick – sind sozusagen die Heimat, die Grundlage, die Voraussetzung oder – strenger formuliert – die Bedingung der Möglichkeit des Schwärmens und der Schwärme: Das Wasser und die Luft. Das sieht mensch, wenn in ihm die Vorstellungen aufsteigen von Fischschwärmen, Vogelschwärmen, Insektenschwärmen. Schwarmverhalten, was immer das auch sein und bedeuten mag, es ist offensichtlich den Wirbelsäulentieren, den Vertebraten, in den beiden Lebenselementen Luft und wasser genauso eigen wie den im Körperaufbau so ganz anders gearteten Insekten, die ja zur Körperstabilisierung kein Skelett und damit auch nicht das Hauptelement aller Skelette, die Wirbelsäule, besitzen, sondern die ihre Körperhaftigkeit, als Handlungseinheit, ihrer äusseren stabilen Hülle verdanken. Wollte mensch also fragen, was es denn sein könnte, was den Schwärmenden in allen Schwärmen dann letzten Endes doch wohl gemeinsam sei, wenn auch in unterschiedlichen und graduellen Abstufungen, so gerät alsbald das Gehirn in den untersuchenden Blick. Das Gehirn, wie groß, wie ausgebildet und ausgeformt, wie komplex auch immer es ausgebaut sein mag, eines scheint es ja mit allen Gehirnen gemeinsam zu haben: das Gehirn ist die Zentrale, ist der Hauptknotenpunkt aller über die Nerven vernetzten Sinnesorgane des jeweiligen lebendigen Individuums:

Was auch immer die Sinnesorgane und Rezeptoren eines Lebewesens aus der äußeren Umgebung, aus der Umwelt des Lebewesens, an phänomenalisierten Eindrücken aufnehmen, meist wird es wohl als analogisierte Impulse empfangen und dann in den Nervenbahnen – elektisch oder chemisch und/oder gemischt – mehr oder weniger digitalisiert weitergeleitet ins zentrale Gehirn. Das Gehirn zerlegt alles so Ankommende und damit Gesammelte und Versammelte wieder in bestimmt Bestandteile und Untereinheiten, um dann daraus zweierlei zu machen: 1) ein für das jeweilige Lebewesen lebenswichtiges, externalisiertes Bild – als Abbild – der Aussenwelt und 2) einen das Weiterleben ermöglichenden Basisbefehl. Das Gehirn hat also ein 1) So-ist-es und ein 2) So-soll-es-sein beziehungsweise So-soll-es-werden.

Wie immer auch dies alles in den jeweiligen Einzelfällen zustandekommen und funktionieren mag, es liesse sich sich vielleicht tatsächlich herunterbrechen auf die beiden, alle Schwärme offensichtlich regierenden Grundbefehle oder Basismaximen: 1) immer dran bleiben und 2) viel Konformität und wenig Abweichung. Oder anders formuliert, (weil Luhmann uns ja sagt, das Gesagte könne allemal  auch anders gesagt werden): 1) Sei kein Aussenseiter, sondern gehöre immer dazu: sei zwar ein erkennbares ICH, aber nur in Bezug auf ein stärker noch erkennbares und bestimmendes WIR, und 2) sei flexibel und vielfältig, lasse dich von allem überraschen, aber reagiere immer schnell und passend, sei stark im Abweichenkönnen, aber weiche möglichst wenig ab. Diese beiden signalgebundenen Verhaltensimperative haben – tastend gesagt – die innere Struktur der dadurch ermöglichten Funktionalität: alles soll so bleiben, wie es ist, aber es soll auch so schön werden wie möglich, sofern es auch anders werden kann.

Nun gibt es aber auch ein drittes Medium – neben Wasser und Luft – in welchem (grob analog gesprochen) Ähnliches gilt beziehungsweise zu gelten scheint: Das ist die Kommunikation. Erst einmal ganz allgemein (am Wort klebend) gesagt: all das Geschehen, was sich als Leben und Bewegung in der Sprache zeigt: Die Worte, als ihre lautegetragenen Elemente (der Noise), sie kommen und gehen, sie bringen Sinn mit und erzeugen Bedeutung. Nun ist das allen so vertraute Wort Kommunikation – im Luhmannschen Sinne – ein Chamälion: es wechselt insofern ständig seine „Farbe“ als Erscheinung, da es zweierlei bedeutet: 1) Worteverkehr als bedeutungsschwerer Sinnaustausch und 2) Gesellschaft, denn Luhmann sagt ja: Gesellschaft sei nichts weiter als die Gesamtheit aller in ihr stattfindenden und durch sie ermöglichten Kommunikationen. Gesellschaft sei eben Kommunikation und Kommunikation sei Gesellschaft. So weit, so gut.

Nun hat Luhmann hiermit ein altes vertrautes Bild zerstört: das Bild der Gemeinschaft, das Bild von der Ansammlung und Versammlung von Menschen zu einem allgemein erkannten und anerkannten Sinn und Zweck als einer Wir-Aufgabe. Traditionell war Gesellschaft ja eine Gemeinschaft von Menschen, geformt durch den Staat, (als Rechts- und Macht-Gemeinschaft wie auch Kampf-Gemeinschaft), und durch die Kultur, (als Sprachgemeinschaft, Sinngemeinschaft, Bedeutungsgeminschaft, Verhaltensgemeinschaft). Dies Bild also hat Luhmann zerstört, als er den übergreifenden Begriff des Systems einführte. Nach Luhmann ist die Gesellschaft ein System, und ein System ist bei ihm immer durch die Ungleichung S = S/U definiert: Kein System ohne Umwelt und keine Umwelt ohne System. So setzt Luhmann dem System Gesellschaft, als soziales System, das System des Menschen (das psychische System) gegenüber. Der Mensch lebt also, nach Luhmann, in der Umwelt des Systems Gesellschaft. Das hat den Vorteil, um sogleich für alle, die sich hierüber wundern und darob verwundert (bis verwundet) sein wollen, etwas Tröstendes zu sagen: Was immer die Gesellschaft anstellt und zu verantworten hat, (zum Beispiel den Holokaust oder die Atombombe), der einzelne Mensch in der Umwelt, der ist – moralisierend gesprochen – hier schon durchaus systemisch entlastet. Peter Sloterdijk hat dies ja in einer großen Rede einmal kantenscharf und glasklar herausgestellt. Er nannte in dieser Rede diesen Ausnahmesoziologen Luhmann, der ja auch ein Außenseiterphilosoph gewesen war, einen Innocenzmeister, einen Meister der allgemeinen Unschuldsvermutung.

Dieses Gesellschaftsbild, Gesellschaft als Kommunikation und – im Äusseren – ohne Menschen, wird von vielen aber nun doch als irgendwie defizitär empfunden. Gut, sagen sie alle, der Luhmann sage ja auch, in der Kommunikation zähle (genau betrachtet) eben doch „ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren“. Dieses gewaltige (und durchaus auch gewalttätige) Luhmannbild versteht ja ein jeder auf anhieb. Luhmann erinnert damit eindringlich und einleuchtend daran, das die gesellschaftliche Kommunikation nicht laufen kann, wenn sie nicht ständig – von aussen – irritiert würde: Was immer irgend ein Mensch, als psychisches System, irgendwo und irgendwann sagt, in irgendeiner ganz abtrakt gemeinten und gehaltenen „Öffentlichkeit“ (PEN = als Poet, Essayist, Novellist), also gesprochen, gedruckt, gebloggt oder getwittert: All dies und all das wird irgendwie/irgendwann Einfluss haben auf die Gesellschaft als die Kommunikation, die sie ja ist.

Deshalb hat mensch versucht, den Luhmannschrecken der menschenlosen Gesellschaft aufzuweichen, abzubauen, zu entschärfen durch den so schönen und umfassenden und auch allgemein verständlichen Begriff des Netzes: Gesellschaft als Kommunikationsnetz mit Maschen und Knoten: Die Maschen lassen lassen vieles durch, aber eben – je nach Maschengröße – nicht alles, und die Knoten sorgen für die Stabilität und die Dauerhaftigkeit des Netzes. Wollte mensch das etwas weiter analog – und sei es nur für sich – ausmalen, so könnte mensch, um bei Luhmann zu bleiben, sagen: jedes noiserzeugende psychische System namens Mensch kann man sich auch als eine personifizierte Adresse in der Umwelt der Gesellschaft vorstellen, die – wie auch immer – „ansteuerbar“ ist, sie sorgt auch für Stabilität und Dauer, eben wie ein Knoten im Netz.

Nun gibt es aber – ob nun modisch oder nicht – noch ein anderes schönes Wort, das auf dem besten Wege ist, sich als ein schnell einleuchtender Kommunikationsbegriff durchzusetzen: Der Schwarm. Durch einen weltbekannten Bestsellerroman hat es sich in vielen Köpfen festgesetzt: Der Schwarm als beides: 1) als Handlungseinheit und 2) als Kommunikationsbild. Ein Schwarm ist eben ein sofort, ohne viele Fisematenten an Rhetorik und Argumentationskunst, ein plausibles, ein einleuchtendes Bild und Abbild, also sowohl eine Präsentation als auch eine Repräsentation der Gesellschaft. Auch in der menschlichen Gesellschaft gilt ja – durchaus moralisierend und auch kulturbildend – Dranbleiben und Mitmachen: Dranbleiben, um nicht als Aussenseiter unterzugehen, und Mitmachen, um seinen Verpflichtunge als Mitmensch, als Bürger und als Wähler zu erfüllen um damit der Gesellschaft als Kommunikationsgemeinschaft gerecht werden zu können.

Vielleicht sollte ich hier erst einmal Luft holen und eine besinnliche Pause machen.

Rudi K. Sander alias dieterbohrer aks @rudolfanders aus Bad Schwalbach, auch in http://www.textsteller.de

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5 Kommentare
  1. Das Problem, wenn man den Schwarm-Begriff soziologisch nutzen will, ist der biologische Hintergrund, der sofort Missverständnissen Tür und Tor öffnet. Man kommt dann mal zur Abgrenzung („ist doch alles beim Menschen ganz anders“), mal zur Analogisierung („hier verhalten sich Menschen ganz wie ein Schwarm“), mal zur Anekdotisierung (d.h. ausnahmsweise, z.B. im Faschismus verhalten sich Menschen wegen eines historischen plötzlichen Schwarmbedürfnisses wie die Fische, meistens hoch individuell).
    Fruchtbarer wird es mE, wenn man die Metapher „Schwarm“ weglässt und nur einmal auf den Inhalt achtet, der den Begriff dominiert: Synchronisation von Verhalten.
    Geht man davon aus, das „Schwarmverhalten“ synchronisiertes Verhalten ist (das kommt der Luhmann’schen „Symbiose“ nahe, ist meines Erachtens aber auch bei L. viel zu biologisch und funktionell zu eng assoziert mit „gegenseitigem Nutzen“), dann bleibt man a) auf dem Themenfeld der Soziologie, ohne Anleihen bei der Psychologie machen zu müssen, b) fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Ganz ohne den Schwarmbegriff verwenden zu müssen, lässt dich „Gesellschaft“ als ein Synchronisationsuhrwerk beschreiben, in dem an unzähligen Stellen Transmissionsfaktoren wirksam sind.
    Sprache (Grammatik und Worte) und Mimik sind dabei die Primärquellen für die Synchronisation (insofern ist Kommunikation in nahezu alle Transmissionen involviert). Aber es gibt unterschiedliche Gattungen von Transmissionen, von informellen und so gut wie unbemerkt ablaufenden Synchronisationen (da wird dann gerne von Schwarmverhalten gesprochen, weil es ähnlich wie bei Fischschwärmen mit einem gewissen Automatismus abzulaufen scheint, typisch sind die Moden aller Art, wo nicht ganz zufällig ständig das schlimme Verdikt über einem hängt, man sähe „alt-modisch“ aus und würde „nicht mit der Zeit gehen“) bis hin zu in komplizierten kommunikativen Prozessen „rational“ herbeigeführten „Gleichschaltungen“, als deren wichtigste natürlich die Gesetze zu nennen sind („die Gesetze müssen für alle gelten“).
    Der Mensch als „gesellschaftliches Wesen“ scheint sich nur wohl zu fühlen, wenn er mit der Gesellschaft (nicht unbedingt der „ganzen“ Gesellschaft, sondern die ihm persönlich nahe ist) in wichtigen Dingen nicht dissent lebt, während umgekehrt der Ausstoß aus den Synchronisierten der Höchststrafe nahekommt und ohne weiteres bis zum Freitod führen kann. Dass es eine gewisse Sehnsucht danach gibt, zumindest mit einer Gruppe von Menschen „die Werte und Auffassungen zu teilen“, ist vermutlich der Grund, warum sich kein „psychisch gesunder Mensch“ völlig anders verhält als alle anderen. Das Gegenstück zu den Synchronisationsmechanismen sind die Ausgrenzungen (Gefängnis und Lager, Verachtung, Mobbing, Kündigung, Exkommunikation (schöner Begriff!).
    Den Unterschied zwischen dem meiner Meinung nach unnützen Schwarmbegriff und dem überall zu beobachtenden Synchronisationsbemühungen kann man gut an einem Fußballspiel sehen: Die Spieler folgen alle den gleichen Regeln und werden in 2 „Schwärme“ eingeteilt, danach geht es daber gerade darum, die individuellen „Spielräume“ zu nutzen – Bester ist, wer auf Basis der Regeln die besten individuellen Entscheidungen trifft).
    Nur um ein paar wichtige Beispiele für Synchronisations-Transagenten zu nennen: Geld und Preise, Religion, Schule, Grußformeln und Gesten, deren schönste und idealste übrigens der Handschlag, die Umarmung und Kuss sind, alle möglichen Rituale von Geburtagfeiern bis zur Beerdigung, viele Synchronisationen laufen auch über Ästhetik ab („die von Ihnen vorgeschlagene Dachgaube ist in den angrenzenden Straßen noch nicht vorgekommen und darf daher so nicht realisiert werden…“), – überall streben wir danach, die Dinge so zu tun, wie man es macht bzw. wie es andere machen, ferner einander zu bestätigen, dass man dazu gehört, weswegen der Mensch auch ständig damit beschäftigt ist, zu beobachten, was andere Menschen tun, denken und vorhaben.
    Historisch ist es wohl so, dass frühe Gesellschaften sich in mancher Hinsicht viel „strenger“ synchronisiert hatten als Heutige (z.B. trugt in der mittelalterlichen Stadt jeder Berufsstand seine Uniform, bis hin zum Henker), dafür wirken die „Gleichausrichtungen“ heute über viel größere Räume, zum Teil global („Vermassung“).
    Übrigens sind wir alle vermutlich mehr miteinander synchronisiert und inzwischen auch über Entfernungen hinweg und „unbekannterweise“, als wir glauben möchten. Was ich so zuspitzen möchte: Eher verlässt ein Mensch das Planetensystem, als dass er aufhört, ein Kind seiner Zeit zu sein. „This is major Tom to ground control …“
    Kann man lange drüber nachdenken, wie Menschen sich einander ständig anverwandeln … im Netz sowieso, da sieht man den Trend überall …

    • @fritz – Es ist nachts gegen zwei. Habe eben meine Lektüre von „Moderne Sprache Mathematik“ von Mehrtens beendet. Bin zwar selig, aber verdammt müde. Reiner Zufall, dass ich hier noch mal reinschaue. Habe Deinen Kommentar gefunden, weil mich der letzte Tweet von @kusanowsky darau hinwies (über das WordPress-Signal), dass Du kommentierst hast. Zuerst einmal nur Dank. Flüchtig habe ich#s gelesen, zustimmen kann ich gewiss, aber ich muss Deinen schönen Text morgen, am Pfingstmontag, noch mal in aller Ruhe lesen. Gute Nacht für heute. (Hatte im @kusanowsky-BLOG kurz geantwortet, weil ich dort Deine Stellungnahme fand, aber das Absenden meiner kurzen Nachricht dort an Dich hat villeicht nicht geklappt: Absendezeichen lief und lief und lief …)

  2. @Fritz – SO, jetzt ist erst einmal alles andere „abgearbeitet“, und jetzt möchte ich mir noch einmal Deinen Text zu Gemüte führen:

    Seltsames Phänomen: Als ich gestern Nacht, vollkommen ermüdet vom Endspurt bei Mehrtens, Deinen Text überflog, dachte ich: 1) Danke dem Fritz, dass er dich beachtet, ist schliesslich seine Lebenszeit, und 2) als ich jetzt eben Deinen ausgedruckten Text nochmals „überfliege“ (damit ich ihn beser „fressen“ kann), weil ich mich seiner Gestalt versichern wollte, da sehe ich einen ganz anderen Text, als ich erinnerte. Ich hatte also nachts Deine schönen Vergleiche (z.B. Fussball) gar nicht richtig aufgenommen.

    Das nächtliche Gefühl: Das von Dir Vorgebrachte sei so eigenständig, dass mensch es einfach hinnehmen sollte als einen Äusserung zur selben Sache in einer anderen (ergänzenden) Perspektive. Auch jetzt denke ich impulsiv, dass es so am besten sei, warum soll mensch denn immer alles analysieren oder zerrupfen, nur um es am schlechten Ende doch nur wieder durch die eigene Brille betrachtet zu haben. Denke, bitte, was @kusanowsky gerade in einem anderen (ähnlichen Zusammenhang geshrieben hat (sinngemäss): erst mal alle anderen zur Sache chaotisch und ungeordnet reden lassen, dann staunen, wie viele neue Anschlussmöglichkeiten sich durch alle diese Einwürfe und Einwände ergeben haben, und DANN erst – wenn nöglich, wenn nötig – aus eigener Sicht noch mal anschliessen: am besten zusammenfassen. Das erfordert natürlich Geduld und macht Arbeit.

    Ich hake mal nur schnell ein bei Deinem Ausdruck „der Schwarmbegriff ist unnütz“. Was Du damit meinst, hast Du ja verständlich ausgeführt an Deinen Beispielen und dann gleich folgerichtig ersetzt durch „Synchronisation von Verhalten“. Einerseits sitzt Du damit sofort und schnell sozusagen auf einem brauchbaren Luhmannpferd, dass sich in seinem Sinne reiten lässt, andererseits ist „Verhalten“ insoweit „opak“, weil mensch es als einen Handlungsbegriff auffassen könnte, (was dann NICHT Luhmannisch wäre). Andererseits kann mensch ja von kommunikativem Verhalten reden, (wenn mensch will, geht ja – fast – alles).

    Zu Deinem Text: Der Dreifach-Gedankenkonter ist schon mal gut, (das hättest Du aber lieber gleich dem Dirk Baecker selber ins Stammbuch schreiben sollen: 1) nicht abgrenzen, 2) nicht analogisieren und 3) nicht anekdotisieren. Da hätte auch der Baecker erst mal tief Luft holen müssen.

    Dann Dein Sprung auf’s Luhmann-Pferd: „Synchronisation durch Verhalten“ = Gesellschaft als Synchronisationsuhrwerk: Hier würde jetzt sogar der Luhmann staunen (oder ironisch lächeln und Dich durch seine einschüchternde dicke Brille anschauen, wie weiland beim Treffen in Jugoslawien den von ihm begeisterten Dietrich Schwanitz, der sich dadurch einschüchtern liess. Einschüchtern aber wollen wir uns ja nicht lassen, von keinem).

    Du gehst ja gleich in die Vollen: „Transmissionsfaktoren der Synchronisation aller Kommunikation“: Sprache (immer), Mimik (nur bei Interaktionen, aber die meint Baecker ja mit seiner SA auf der Strasse). Dann bringst Du Mode ins Spiel (das wäre wohl Norbert Elias und seine zivilisierende Kultur-Entwicklung: da würde der jetzige Kulturtheoretiker Baecker am Bodensee sofort dabei sein wollen). „Gleichschaltung“ ist auch klar: immer dieses „Wir und die Anderen“ als Handlungsmaxime. Dein Bild mit dem Fussballspiel und dessen „Einteilung in zwei Schwärme“ ist auch hübsch: „individuelle Spielräume nutzen“, sehr schön.

    Auf „Basis der Regeln die besseren Entscheidungen treffen“: „besser“ ist hier: Anpassung durch Evolution, also 1) Verbesserung der Dribbeltricks, oder 2) das was der Schiedsrichter machen muss: die „geregelten Regeln“ durch „Auslegung“ im NU der notwendigen schnellen Entscheidung so verändern, dass mensch es – wie ich es seit Jahren gern tue – „ungeregelt geregelte Regeln“ nennen darf.

    Den Vogel hast Du ja dann abgeschossen mit Deinen „Synchronisations-Transagenten“: Geld, Preise, Religion, Schule, Grussformen, Gesten, Handschlag, Umarmung, Kuss, Rituale: Kurz gesagt: SOZIALISATION. Schwarm wäre hier nicht Selbstorganisation in actu sondern „in the long run“ durch evolutionäre Anpassung/Einpassung oder so ähnlich. Früher war auf diesen Feldern, wie Du ja erwähnst, alles viel strenger als heute: heute regiert die von den meisten akzeptierte Kontingenz, deren Möglichkeitsfülle keinen mehr so richtig aufregt.

    Also: schreibe doch auf der Baeckerschen Website der Zeppelin University, was Du von seinem Text hältst, (für den Fall nämlich, falls Baecker schon mit Nachdruck auf dem Wege sein sollte, Die Begriffe System und Netz (von seinem Liebling Harrison S. White) mit dem Begriff Schwarm zu verheiraten.

  3. Den Dank gebe ich gerne zurück. Ich würde das aber nicht zu ernst nehmen, was ich schreibe. Das Thema, wie sich Menschen in unendlich vielen Dingen des Alltags, des Berufs, der Politik, der Gesellschaft aufeinander abstimmen und miteinander in einen wenigstens ungefähren Gleichlauf kommen, beschäftigt mich seit einiger Zeit – ganz ohne fachkundlichen Hintergrund. Mir ist nur klar, dass verschiedene Wissenschaften diesen Punkt umkreisen, den ich Synchronisation nenne. „Sozialisation“ ist eine Unterform davon, meist sind da ja die ersten Lebensjahre gemeint, später bei der Resozialisation, auch Erwachsene. Aber beim Zusammenwirken in einer Firma oder bei der Entstehung von subkulturellen Gleichläufen geht es ja nicht um Sozialisation, sondern auch um gemeinschaftliche Abspaltungen zum Zweck der Gruppenbildung. Teenager haben ein riesiges Talent für eigene und neue Synchronizitäten. Interessant ist der Aspekt, dass die Gleichsinnigkeiten einerseits absolut notwendig sind – eine Gesellschaft von perfekten Solipsisten wäre ein reines Irrenhaus, andererseits würde die perfekte Synchronschaltung in die Erstarrung führen (gelegentlich ein Dystopie in futuristischen Filmen). Die Störung des Gleichlaufs ist also hier und da auch wichtig, weswegen auch hochgradig in den gedankenfreien Gleichlauf eingebundene Menschen („Spießer“) dann doch wieder einen respekt haben für die wilde freie Kunst – die soll immer ganz anders und auf keinen Fall „so wie X“ sein, also asynchron und pur individuell, man beobachtet aber auch im Freilauf der Kunst viel Gleichlauf. Ich habe mal Expressionisten-Ausstelung gehesen, bekannte und unbekanntere Künstler – das war erschreckend, wie sich da für eine gewisse Zeit auf einmal alle auf die gleiche Stilistik verständigt haben. Da gibt es viele Überträger (Transagenten) – auch das Publikum gehört da in die Betrachtung. Is-men sind vielleicht immer solche seltsamen Synchronizitäten, die auf unterbödigen Absprachen und automatisierten Angleichungen beruhen, über die sich die Akteure selbst gar nicht klar sind.
    Bei Baecker habe ich neulich was kommentiert, der hatte ja was mit Schwarm und Faschismus. Das war leerer Schematismus, schien mir. Überhaupt habe ich den Eindruck, er möchte sich vor allem mit Luhmann synchronisieren 😉

    • @Fritz: wieder stosse ich mitten in der Nacht auf Deine Antwort. Und gerade wollte ich nur einige Beim Lesen von Derridas „Die Schrift und die Differenz“ sich ergeben habende Tweets twittern, (Die Biographie Derridas bringt mich zum nochmaligen Lesen alter Derrida-Texte), und schlafen muss ich ja auch noch, weil morgen eine ganz überraschend sich ergeben habende Fahrt mit meiner getrennt lebenden Frau nach Wiesbaden ansteht, auf die ich mich durchaus freue, obgleich mensch nie weiss, was so etwas bringt, also kann ich erst morgen Abend antworten. Vorerst aber Danke für’s Weitermachen und Weitertreiben: siehe auch meinen Tweets zu Derrida. Bis später.

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