Skip to content

Ontologie – was ist denn das?

8. Mai 2013

Es gibt Dinge und Sachverhalte, die begreife ich offensichtlich nie. Ich will sie, liebe Leserin, nicht mit idiosynkratischen Beispielen langweilen, weil ich sicher bin, Sie kennen Ähnliches: da ist die Aussprache bestimmter Worte aus anderen Sprachen, deren Bedeutung mensch genau kennt und sie auch stets richtig und passend anwendet, sie dennoch immer wieder falsch betont. Oder umgekehrt, man weiss in einer flüssigen Unterhaltung genau, was zu sagen ist, kann es auch sagen, sieht, dass die Zuhörerin gefesselt ist und ganz bei der Sache, aber plötzlich stockt die Rede, weil einem das passende, das richtige, das gemeinte Wort fehlt und es sich partout nicht einstellen will.

Zu den Meisterleistungen dessen, was ich noch nie so recht und richtig begriffen haben, gehört das Wort Ontologie (als Begriff). Wenn es mir – beim Lesen – begegnet, weiss ich mühelos, was im Kontext gemeint ist, soll ich aber sagen, was es eigentlich und im Grunde bedeutet, dann werde ich sehr nachdenklich. Einfach zu sagen, es bedeute „die Lehre vom Sein“ ist selbstverständlich zu simpel, weil es nur ein Platzhalter wäre. Was aber steckt nun wirklich dahinter?

In der rororo-Biographie des Schriftstellers, Wissenschaftlers und Philosophen Umberto Eco, die uns 2010 sein ständiger Übersetzer Michael Nerlich vorgelegt hat, fand ich nun eine mir sofort einleuchtende Begriffs- und Wortbeschreibung, die ich mir nun wohl für immer merken kann, obwohl auch sie letzten Endes mit tiefem Nachdenken verbunden ist, wollte mensch ihr tatsächlich bis auf den Grund gehen.

Nerlich lässt Eco selber reden, und zwar zu Überlegungen der Literaturwissenschaft und -Geschichte, und Umberto Eco macht das so, (wenn sie, liebe Leserin, mir gestatten, dies nun frei und mit meinen eigenen Worten zu wiederholen, um das dort Gesagte nun meinerseits selber zu verstehen):

Mensch gehe aus von folgender Gedankenkette: Würde jemand gesprächsweise sagen, der junge Werther in Goethes Geschichte habe sich in Wirklichkeit gar nicht erschossen, sondern habe am guten Ende seines Liebesleidens dann doch seine Lotte Buff geehelicht, so würden alle seine Zuhörer und Zuhörerinnen empört zischen und darauf bestehen, solchen offensichtlichen Unsinn dürfe mensch nicht erzählen, denn schliesslich habe doch ein jeder die Geschichte von Goethe, die in ganz Europa Furore gemacht habe, selber gelesen. Und danach sei einfach wahr: dieser stürmische Werther hat sich erschossen, Basta.

Ich will es hier kurz machen. Eco selber führt – parallelisierend – zahlreiche Literaturstellen aus der italienischen Literaturgeschichte und aus der Weltliteratur an, damit sein Leser begreift, was Eco mit seinem Argument tatsächlich meint. Damit der deutsche Leser diesem Grundgedanken auch tatsächlich folgen kann, ersetzt Nerlich die Beispiele von Eco durch solche aus dem deutschen Literaturbereich.

Was Eco damit sagen will ist: Literarische Texte seien zwar als Kunstwerk offen für viele nachvollziehbare Interpretationen in gewohnter hermeneutischer Auslegungskunst, doch nur was höchstens die Motive der handelnden Personen vielleicht angeht, aber das Anna Karenina sich auf totbringende Weise vor den Zug geworfen habe, warum auch immer, das dürfe kein zartfühlender Nacherzähler damit vertuschen wollen, dass er behauptet, sie habe wahrscheinlich sterben wollen, sei aber glücklicherweise so zwischen den Lokomotivrädern zu Fall gekommen, ohne wirklichen Schaden zu nehmen.

Was ist das nun für eine Art Wahrheit in der Literatur, die für alle Leser unverrückbar und offensichtlich auch für alle Zeiten feststeht? Wir wissen doch, bei einiger Belesenheit, inzwischen alle, dass sogar wissenschaftliche Wahrheiten von heute, die Irrtümer von morgen sein können. Jede neue Entdeckung an Tatbeständen oder sogar jede neue, aber plausibelere Auslegung alter bekannter und durchaus vertrauter Datensätze, (mensch denke an die so oft alle Leser überraschenden Ergebnisse neuer Beobachtungen in der Astronomie), all dies kann bislang Geglaubtes von Gestern zum Belächelten von Heute machen. Bis kurz vor 1900 ging im Hinblick auf Fernwirkungen ohne Äther – als Übertragungsmedium – gar nichts. Die Theorie vom elektro-magnetischen Feld hat diese Erklärung invalide gemacht.

Es gibt also eine Welt, einen Raum, einen Bereich des Existierens, von dem ein jeder annimmt, (welche Art Erkenntnistheorie – im philosophischen Sinne – er auch gelten lassen mag, einen reinen Rationalismus oder Empirismus, ein idealistisches oder materialistisches Denken), dass sich „hier“ die „Dinge“ aufhalten, die wir Bäume nennen oder Laternenpfähle, Häuser oder Autos. All diese Dinge oder Entitäten „sind“ und der „Raum“ alles Seienden, eben die Ontologie nimmt sie in sich auf und macht – sprachlich fixiert – hierüber mehr oder weniger eindeutige, möglicherweise aber nur zeitbedingte Aussagen.

Mit den handelnden Figuren der überlieferten griechischen Mythologie, mit den Helden Homers oder Dantes oder eben Goethes ist das aber vollkommen anders. Ihrem Schicksal kann die sonst doch fast alles beschädigende Zeit offensichtlich nichts anhaben. Werther ist tot, weil er sich erschossen hat, und der Schauspieler des Helden im Film „Goldrausch“ heisst für alle Zeiten Charly Chaplin. Die Ontologie solcher erzählter oder dargestellter Personen ist offensichtlich so zeitfest, wie es zum Beispiel die Sätze der Mathematik sind, (wenn mensch die von der Mathematik selbst gemachten Voraussetzungen ihrer Sätze und Zusammenhänge kennt und ihre besonderen Beweise hat nachvollziehen können).

Und Umberto Eco schliesst seine Beweiskette ab mit dem Hinweis, alle Literatur handele letztlich nicht nur von einem fingierten Leben, sondern sie erinnere immer daran, das es das Schicksal aller erzählten Helden sei, auch wenn sie nur Rotkäppchen heissen mögen, ein ganz bestimmtes, unverrückbares Schicksal zu haben, das eben zu ihnen gehöre, wie zu allem Leben eben der Tod. Und deshalb sei ontologisch am Schicksal oder Wesen literarischer Personen zeitfest nicht zu rütteln.

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: