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Manifest des bewussten eingestandenen Zweifels

5. Mai 2013

Wenn ich mich so zurücklehne, ruhig und gelassen, (was mir gar nicht allzu sehr liegt, denn ich bin gerne aktiv, und wenn nicht, dann schlafe ich lieber entspannt und sehr ausgiebig), aber eines meiner griechischen Lieblingswörter – neben aletheia – ist nun einmal sophronyne, also: angemessene Bedachtsamkeit.

Würde ich mich also zurücklehnen wollen und grübeln, mit Gedanken jonglieren, versuchend, mir klar darüber zu werden, was mir in einer hypothetischen Summe das 75 Jahre nun andauernde und immerwährende Lesen ganz persönlich eingebracht haben mag, so würde ich einfach und schlicht sagen: es ist das Zweifeln. Und dies eingedenk der Maxime, nicht lang sagen, was sich auch kurz sagen lasse, (deshalb liebe ich ja das Twittern, das ich geradezu für eine bereits durchaus etablierte Kunstform halte). Und zwar ist es genau das Zweifeln im Sinne des körperlich so kleinen, aber geistig so großen und überaus bedeutenden Lichtenberg aus Göttigen, der uns nicht nur empfohlen, sondern geradezu aufgetragen hat: „Zweifle an allem mindestens einmal“.

Die Einschränkung „mindestens einmal“ ist deshalb so wichtig und für diese lebensweisende Aussage bedeutsam, weil Lichtenberg uns ja damit keineswegs zur ideologischen und bornierten Skepsis überreden will. Denn dass es diese unsere Welt auf irgendeine Weise gibt, daran ist ja vernünftig nicht zu zweifeln, und daran soll auch im Lichtenberg’schen Sinne niemand zweifeln. Jeder dieser dogmatischen und bornierten Spinner, die es dennoch tun, der möge nur unverdrossen mit seinem „heiligen Blechle“, wie die Schwaben liebevoll ihr Auto nennen, gegen einen Baum oder gegen einen Laternenpfahl fahren, dann sieht er es ja.

Mindestens einmal zu zweifeln, das wird uns empfohlen. Aber die Kraft oder Macht oder Gewohnheit der uns ansozialisierten Verhaltensweisen ist so stark, dass es uns allen verdammt schwer fällt, gerade in all diesen unausweichlichen Fällen von natürlicher Authorität (Fontane: „man hat es, oder man hat es nicht“, nämlich Charisma) oder bewährter Reputation uns mutig – sapere aude – und ohne je zu zögern an diese kluge Regel zu halten.

Nun hat uns dieser hier in vorangegangenen Texten schon mehrfach erwähnte Remigius Bunia nicht nur gezeigt – als eingestandener Luhmannianer – dass auch er dieses Zweifeln als Methode nur empfehlen kann. Er hat darüber hinaus in seinen kürzlich veröffentlichten Buch „Romantische Rationalität“ mit 73 Aphorismen oder Kurzbetrachtungen unter dem Titel „Fragmentierte Vernunft“ gezeigt, (in diesen #1 bis #73), das selbst die Vernunft, wie sie nun einmal den Menschen gegeben ist, bezogen auf die postulierte und zweieinhalbtausend Jahre lang geglaubte vollendete Schönheit des Platonischen Kosmos, als Erkenntnis immer nur ein Bruchstück, eine Facette, ein Teilaspekt vom vermuteten Ganzen dessen sein kann, was wir so landläufig DIE WELT nennen.

Die Welt, also alle unsere Welten, die theologische, die philosophische, die wissenschaftliche, die politische, auch und gerade die der Künstler und dann sogar die uns ganz vertraute, die intime Welt, alle diese Welten sind nichts als – oft sehr brauchbare – Konstruktionen, kybernetisierte Gedanken: Der unaufhaltsame Gedankenstrom eingehegt und sinnvoll und sinnträchtig geleitet zwischen die Flussufer der einem jeden (jedenfalls den Bemühten) einleuchtenden Plausibilität. Die methodischen Denkelemente, die sich der tradierten Logik verdanken, haben immer zu folgen den Leitbegriffen der Konsistenz, der Kohärenz und einer argumentativen und rhetorischen Konkludenz. Jede Rede mag nicht nur tonal schwanken, zum Beispiel zwischen laut und leise, zwischen betont und so en passent dahergeredet, die Partnerin des Gespräches oder der Zuhörer, sie können ja jederzeit unterbrechen und nachfragen, vorausgesetzt, sie bleiben höflich und vernünftig beim gerade laufenden und gemeinsam gesetzten Thema. Der Schreiber aber, er ist immer streng gehalten, seine Gedanken im thematischen Zusammenhang dessen anzubieten, was sie nach seinem Willen bedeuten sollen (Stringenz der Sprache in Syntax und Grammatik und des Ausdrucks). Und er darf bei der Beschreibung einer geschlossenen Gedankenwelt nicht abweichen von den Gegebenheiten der tatsächlich vorliegenden Tatbestände und Sachverhalte (Kohärenz und Konsistenz der Welthaltigkeit aus Empirie). Ferner muss er beim Jonglieren mit rhetorischen Topoi und semantischen Ausdrucksformen die vom jeweiligen Erkenntnisstand und von den gesetzten Modalitäten des Zeitgeistes geforderten und halbwegs eingeschliffenen Satzgestalten und Sinnfiguren möglichst überraschungsfrei einhalten, damit die Erwartungen seiner Leser und Leserinnen nicht ungebührlich strapaziert werden (Konkludenz).

Engen wir nun – der Einfachheit halber – unsere tastenden Überlegungen auf den Bereich wissenschaftlich gedeckter Prosa ein. Da müssen wir sofort beachten die harte Differenz zwischen den empirisch gestützten Aussagen und all dem anderen, was sich reiner Spekulation (am Schreibtisch, aber deshalb nicht weniger Klug und pragmatisch) verdankt. Die wirklichen Empiriker, das sind ja genau genommen nur die Physiker, die physikalisch geschulten Chemiker, (mit ihren Bindeskräften, molekularen Raumkonfigurationen und dergleichen) und vielleicht noch die auf diesem Wissen aufruhenden und damit weiter aufbauenden Biologen. Diese drei Disziplinen, üblicherweise harte Wissenschaften genannt, haben eines gemeinsam: Sie vertrauen alle auf die Modellkraft der Aussagen der überlieferten Mathematik. Schon Einstein hat hierzu so bescheiden wie verblüffend gesagt, er wundere sich immer wieder darüber, dass sich die empirisch vorfindbaren Gegenheiten des Universums tatsächlich in berechenbare und einleuchtenden Gesetze fassen liessen. Warum sie das tun, weiss ich selbstverständlich auch nicht. Aber die von den harten Wissenschaften präferierte Mathematik hat eben den gedanklichen Vorteil, die einzige Denkkunst zu sein, die es geschafft hat, ihre Aussagen auf eine stringente Art und weise zu „beweisen“, für die es in allen anderen Disziplinen keine gleichwertige Parallele gibt. Und hier vermutet Bunia, dass es nun gerade diese „perfekte“ Mathematik gewesen ist, in Verbindung mit der Verhaftetheit an die Alltagssprachen, die einen wirklichen Erkenntnisfortschritt ins wahrhaft „Unerkennbare“ mehr verhindert als gefördert haben. Heute sind die Mathematiker aber so weit, dass sie – unter bestimmten Kautelen – auch solche Beweise als beweisbar und – in konkreten Fällen – als bewiesen ansehen, wenn der Beweisführende (aus reinen Zeitgründen) die Hilfe von schneller rechnenden Computern in Anspruch genommen hat. Von Maschinen also, die zwar nur ihren Programmen folgen, denen aber jeder eigene Einfluss aus der Verwaschenheit der Alltagssprachen heraus vollkommen fremd ist: Weil sie eben NICHT denken können !

Diese tradierte Mathematikgläubigkeit geht wohl auf die Forderungen von Francis Bacon zurück, denen sich dann im laufe der folgenden Zeit und wegen der damit genmachten Erfahrungen Leute wie Kopernikus, Keppler, Galiläi, Newton und Leibniz angeschlossen haben, um hier nur die grundlegenden Großen zu nennen. Die Mathematik, wie wir sie nun kennen, sie hält zwar in vielen Fällen und auf manchen Gebieten (Zahlentheorie, Topologie, Knotentheorie und dgl.) so manche schwer begreifbare Überraschung bereit, (mensch denke an Primzahlen, an irrationale und transzendentale Zahlen), aber ihre innere Stringenz scheint unabweisbar. Vergessen wird aber sehr oft der Bruch von 1900, der – wenn auch von fast allen bemüht verdeckt – immer noch quer und hart durch die gesamte Mathematik hindurchgeht: Der Streit zwischen den Apriorikern auf der einen Seite, die an unbeweisbare aber eben doch unverzichtbare „natürlich“ gebene Vorssetzungen glauben (sic), (mensch nehme hier nur das allen bekannte und „vertraute“ Parallenaxiom der Geometrie), und auf der anderen Seite der Kreis der sich ab 1900 also immer mehr festsetzenden und durchsetzenden Einsichten, die zeigten, dass letzten Endes auch die Axiome nur „gesetzt“ sind, nämlich von dem berühmten und berüchtigten „gesunden“ Menschenverstand. Der große Denker, Mathematiker und Philosoph Dubois Raimond hat zu dieser Zeit dann hierzu gesagt, und zwar durchaus rational resignierend: ignorabimus, wie werden es nicht (nie?) wissen.

Damit wären wir dann bei den Aporien der Rationalität. Es war ja nicht erst Siegmund Freud, der gnadenlos und illusionslos verkündete, der Mensch sei eben nicht Herr im ureigensten Hause der (seiner) Vernunft. Das haben vor ihm schon viele der tastenden Denker, denen aber immer die dazu passende Sprache fehlte, getan, mensch denke an den Deutschen Idealismus, an Kant, Fichte, Schelling und Hegel. Doch die Romantiker, als Querdenker, waren es dann, die dies alles mehr oder weniger bewusst thematisierten, allen vorweg dieser junge und wohl wahrhaft geniale Freiherr von Hardenberg, der sich Novalis nannte, und sein beliebtester Reflexionsgenosse Friedrich Schlegel. Diese Romantiker haben es zwar auch nicht gewusst, aber doch schier unerschütterlich geahnt, worum es hier geht und was uns allen dazu fehlt. Ihr gemeinsamer Eideshelfer für diese Vermutung war Leibniz, der als intuitiver Meister der Integrale und Differenziale zwar auch nicht begründen konnte, wie das Erstrebte wirklich zu meistern sei, aber wohl ganz klar „gesehen“ hat, auch die Mathematik schwebt sozusagen in oder über einem Bedeutungfeld, dass mensch einfach nicht fassen kann, weder in Worte noch in Zeichen Symbolen und sonstigen Abstraktionen. So blieb es eben auch für Leibniz bei der Verlegenheitsformulierung „Gott“. Als der Mathematiker Abel später dann zweifelsfrei bewies, dass von den Gleichungen und Funktionen fünften Grades an Aufwärts mathematische Beweise mathematisch unmöglich seien, da war es eben auch um die fundamentale Unerschütterbarkeit dieser Wissenschaftskunst endgültig geschehen. Den letzten Nagel in diesen Sarg für ein unerschütterbares Bewusstsein von Vernünftigkeit aller Rationalität, den schlug dann wohl Goedel ein, als er nicht nur verkündete sondern bewies, das die Stringenz eines Systems, wenn es denn vollständig ist in seinem Axiomen und Voraussetzungen, – sozusagen zur Strafe für die Vermessenheitheit der Menschen, gottgleich sein zu wollen – dass es dann eben nicht beweisbar sein kann.

Nun sind wir wieder bei Remigius Bunia und seiner Erkenntnis, die ihm das unvoreingenommene Studium der von Novalis hinterlassenen, als „dunkel“ verschrieenen Fragmente, verschafft hat. Ich muss jetzt – aus Platzüberlegungen und vor allem aus Zeitmangel – und weil ich Bunia hier nicht in aller Strenge referieren kann, gewaltig abkürzen und zuspitzen:  Was die Romantiker ahnten und was nun der Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und luhmanngeschulter Systemtheoretiker fordert, ist kurz und knapp gesagt eine neue Mathematik. Sagen wir eine Mathematik als Formgeber und Gestaltmodell für ein vollkommen neues Denken, ein Denken, dass sich freizumachen verstünde von allen Beschränkungen, die uns nun einmal die tradierte Sprache (ALLE Sprachen!) vorgibt bzw vorgeben. Das betrifft also nicht nur die Mathematiker, es trifft vor allem auch die Philosophen: Denn mensch denke unbefangen daran, was Wittgenstein gesagt hat über die überlieferte Philosophie: dass sie nämlich all unsere Gedanken „verhexe“. Damit ist also eigentlich auch aller analytischen, weil sprachverhafteten Philosophie das Urteil gesprochen. Bunia sagt, (gesagt ist das leicht, er weiss gewiss, wie schwierig die Erfüllung seines Desiderats sein wird), wir brauchen ein – vielleicht an Zeichen oder sonstigen Symbolen gebundenes – sprachfreies – Denken für das Unsichtbare, für das Vermutete, für das kommende Mögliche, für alles Opake und dennoch Sinnhaltige, kurz gesagt, wenn das so hingenommen werden kann: für das in reiner Immanenz angesiedelte „Denkfühlen“, das bislang durch einen jeden, der das fühlte und sich bemühte, in eine irgendwie behauptete Transzendenz abgleiten musste, weil Sprache es nicht anders zuliess. Das „Apfelmännchen“ der Fraktaldenker hat es uns doch gezeigt: Wir brauchen einen ordnungsstarken Blick ins vermeintliche Chaos der Welt, genauer: der Aussagen über die Welt. Denn die Welt zeigt uns überall, wo wir sie intuitiv richtig entfalten, sie ist selber voll von Ähnlichkeitsfiguren, die jeder oberflächlichen Behauptung einer gesetzmässigen Gleichheit des Gleichen zu spotten scheinen. Wir brauchen eine Mathematik der noch unbekannten FORMEN in noch unbekannten MEDIEN, die – vielleicht lose gekoppelt – offensichtlich und nachweisbar in der Lage sind, durch temporäre Rigidität und feste Kopplungen im Fluss der offensichtlichen Weltprozesse die klar gegebenen Weltstrukturen hervorzubringen. Vielleicht ist der Kalkül des Georg Spencer-Brown, auf den Luhmann einen so festen und sehnsüchtigen, aber vertrauensvollen Blick geworfen hatte, ein erster Schritt in diese (vermutete) richtige Richtung.

Rudi K. Sander alias dieterbohrer aks @rudolfanders aus Bad Schwalbach, auch bei http://www.sinnweltentheorie.de

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2 Kommentare
  1. Noch Russel wollte ja beweisen, dass eine widerspruchsfreie Mathematik aus der Logik zu entwerfen sei. Wären nicht die Arbeiten Gotthard Günthers und die PCL Rudolf Kaehrs da hilfreich, wo die Glaubenssatzstruktur der zweiwertigen Logik und der Axiome hinterfragt werden soll?

    • Das ist wohl auf jeden Fall die Richtung: So wie die Theologen zwischen Himmel und Hölle (in der Renaissance) das Fegefeuer eingefügt haben, so sollte an die Stelle eines jeden Entweder/Oder möglichst immer ein Sowohl/als auch treten.

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