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Wandel durch Verwandlung

3. Mai 2013

Die physikalisch/geologische Welt wandelt sich durch Temperaturschwankungen, Wind und Wasser in Bewegung. Die organische Welt wandelt sich zufallsbedingte Beinflussung (Mutationen) der DNA. Die technische Welt wandelt sich durch gezielte, gleichwohl aber immer tastende (trial and error) Eingriffe des technischen Wollens in die schier unbegrenzte Welt des technisch Möglichen und zur gegebenen Zeit auch wirklich Machbaren.

Die soziale Welt, also die sich von Anschluss zu Anschluss weiter hangelnde Welt der ununterbrochen und gleichzeitig laufenden Kommunikationen, sie wandelt sich durch die im Plausibilitätsfeld sich konsistent, kohärent und konkludent vorantastenden AusdrucksFORMEN im MEDIUM der verschiedenen Sprachen. Gestaltender Motor sind hierbei die historisch voranschreitenden, sich immer enger und einhüllender an die Weltgegebenheiten der realen Gestalten – durch (ad)Simulation – herantastenden Sprachgestalten und Ausdrucksformen eines von mindestens einer maßgebenden Mehrheit getragenen kommunizierenden Kommunikation, getreu dem Luhmann-Satz: Es ist immer nur die Kommunikation, die Kommuniziert. Diese ständig (ab)laufende Kommunikation, die nur ihren eigenen Regeln gehorcht und in den vielfach gegliederten und hochdifferenzierten Ausdrucksfeldern der zahlreichen Sprachen wabert und lodert wie die Flammen in einem gut genährten und unterhaltenen Feuer, diese Kommunikation, die mensch auch Gesellschaft nennt, sie verhält sich sozusagen wie ein Gesamtbewusstsein, das versucht, sich der Welt und ihren Gegebenheiten anzupassen durch möglichst enges Anschmiegen. Dieses Gesamtbewusstsein erzeugt einen Zeitgeist, der von sich immer glaubt, er sei näher dran an den Gegebenheiten der sich vor seinen Augen ständig wandelnden Welt, als es alle seine historischen Vorgänger waren.

Dieses Gesamtbewusstsein namens Zeitgeist der Gesellschaft in der Gesellschaft als die Gesellschaft ist meist hochsensibel, manchmal aber auch hochverstockt und bockig. Dieses Gesamtbewusstsein tut, was es kann, es beobachtet sich selber und ist doch immer auch gefangen und befangen in der jeweils gegebenen Ausdrucksbegrenzung seines jeweiligen Blinden Flecks: es sieht, was es sieht, und sieht eben nicht, was es nicht sehen kann, aber: gerade dies kann das Gesamtbewusstsein mit Hilfe der ungezählten Irritationen als Anregungen von aussen gerade noch erfassen und mit-kriegen als seine semantisch getragene Form des Wandels.

Irritaionen und Anregungen von aussen, dass soll heissen, die an sich vollkommen geschlossene Welt des Weltbewusstseins, die immer nur das kennt, was es gerade kennt, sie schluckt – wie ein Pottwal das Plankton – in unheimlichen Massen die Geräusche seiner sprechenden/plappernden Umwelt (Noise). In diesem Gewusel und Gewirre, da zählt – wenn auch im Einzelnen selten empirisch erfassbar und damit nachweisbar – da zählt, wie Luhmann das ausdrückte: „ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren“. Und diese Galeeren, das sind der hyperkomplexe Kosmos all des Geschwätzes in den Interaktionen, (Kommunikation unter Anwesenden), in all den kommunizierten Entscheidungen als Handlungen in den Organisationen, (die alles ausschliessen, was sie nicht einschliessen), und von denen Peter Fuchs gesagt hat, in ihnen lasse die Gesellschaft die Freiheit sterben – wer bei Siemens arbeitet, muss bekennender Siemensianer sein, so wie ein Caritasmitarbeiter sich nicht wie ein Zuhälter verhalten kann und darf.  Und zu diesen Galeeren gehört auch alles durch entsprechende Codes generalisierte kommunikative Verhalten als ein vorantreibendes Handeln in der von Husserl und Habermas sogenannten Lebenswelt, die nichts weiter ist als die systemische Umwelt der Funktionssysteme, aus denen sich heutzutage die funktional differenzierte Gesellschaft – sozusagen – arbeitsteilig zusammensetzt, ohne jemals ein homogenes hierarchisches Ganzes mehr zu sein und auch nicht mehr sein zu können. Die Kommunikation, als Gesellschaft, ist ein unsichtbarer, ein nichtontologischer, ein raumloser Handlungsraum, der – gleich dem mathematischen Hilbertraum – sich entfalten lässt in schier unendlichen Dimensionen des Möglichen, und der sogar ohne Widerspruch ganz normal paradox und durchaus aporetisch mit sich selber in Streit und Widerstreit geraten kann: je paradoxer (immer auch das zu sein, was er dem Anschein nach gerade nicht zu sein scheint) desto normaler und funktioneller.

Um sich das selber historisch vor Augen zu halten, muss man als Beobachter solcher Zustände, die keinen Zustand haben, sondern als ein ständiger operativer Fluss immer bewegt in Bewegung sind, sich jedenfalls immer nur als ein zeitbedingter und zeitverhafteter Prozess zeigen und jedem Beobachter so erscheinen, muss mensch also als ein solcher Beobachter, der eine plausible Beschreibung für sich selber anfertigen will, in mehreren Anläufen ziemlich weit ausholen:

Dieser gemeinsame Versuch, die Welt zu verstehen und das zu sehen zu bekommen, was sie so in ihrem Inneren zusammenhält, dieser Versuch ist eine seit mindestens fünfhundert Jahren laufende wilde Denkschlacht, bei der viele der erarbeiteten Formen am Ende dann doch immer wieder auf der Strecke geblieben sind. Aber schon bei Parmenides konnte es noch – zur Verblüffung vieler, und gerade der besten – heissen: Sein und Denken seien eines. Das stand zunächst auch nicht in Widerspruch mit religiösen Weltauffassungen: Die gedachten Götter waren reale Götter. Das galt dann durchaus noch widerspruchslos,  als der eine allmächtige Gott an die Stelle der Götter getreten war. Als die Empiriker, Leute wie Francis Bacon, unvoreingenommen, wie sie wirklich glaubten, die Natur anschauten, da waren sie dann doch überrascht, dass eine solche Fülle der verschiedensten Wesenheiten in einem Kosmos Platz haben sollte, ohne einander – sich gegenseitg auf die Füsse tretend – im Handel und Wandel zu behindern. Diese Natur erschien – wer immer sie aufgezogen haben mochte – wie eine gut gebaute Maschine ganz bestimmten widerspruchsfreien inneren (intrinsischen) Gesetzen zu gehorchen. Das Pech bei dieser Entwicklung des Denkens war, dass bis dahin die seit den klugen Griechen, wie Thales und Anaximander, sich entwickelt habende Mathematik einfach einleuchtend anbot, ein Modell abzugeben für den Aufbau einer beweisbaren Widerspruchsfreiheit. Deshalb konnte Francis Bacon fordern und verkünden, mensch solle sich nur bemühen, diese doch wohl offenkundig mathematisch geformten Gesetze der Natur der ergründen und zu erkennen, dann wären schon alles Spatzen des Weltgeheimnisses gefangen.

Doch wie so oft, (und wohl fast wie immer), so einfach schien das scheinbar Einfache gar nicht zu sein. Es krachte gewaltig im wissenschaftlich schon globalisierten Weltgebäude des Denkens, als der kleine große Kant aus Königsberg donnernd verkündete: Es gebe lediglich Gesetze der Vernunft und des vernünftigen Denkens des Denkens, und genau diese dem menschlichen Gehirn ganz offensichtlich eingeschriebenen oder eingepflanzten Formen der Verarbeitung von Wahrnehmungen und Vorstellungen, (das Transzendentale, wie er so schön neuterminologisch er formulierte, um in der Immanenz zu bleiben und sich von jeglicher Transzendenz abzuheben), diese Gesetze des Gehirns und damit der Vernunft (Rationalität) würden der unerkennbaren Welt der Dinge (des „Dings an sich“, wie er sich etwas zu opak ausdrückte), genau sie und nur sie würden der Erkennbarkeit und dem Erkennen der Welt diese Gesetze vorschreiben. Auch Kant war ein großer Mathematiker (und Physiker), was mensch nicht vergessen farf, wenn es gilt, sich den Denker Kant in action vorzustellen. Und so kam es dann , dass sich das unvorstellbare Sein der Welt der Dinge dem mathematischen Denken unterzuordnen hatte. Wie jeder sieht und auch wissen kann: mit nicht unbedeutenden Erfolgen, denn der Mensch war auf dem Mond, seine von ihm gebauten Sattelliten hängen genau dort rum und machen ihre Arbeit, wie der mensch es ihnen vorgeschrieben hat. Und genau hieran brach letztlich für alle Bemühten Glauben und Wissen auseinander. Der Blick auf den unerkennbaren Gott half keinem mehr weiter. Jetzt musste mensch glauben, was alle Wissenschaftler glaubten, und dieses Wissen beherrscht seitdem die Menschen und ihr Handeln in der Welt der sichtbaren und vorstellbaren Dinge und deren Funktionieren.

Doch bei all dem blieb immer ein nicht einfangbarer Rest. Denn jeder, der wollte, konnte als Beobachter der Welt sehen, an die Welt selber kam man auf diese Weise niemals heran. Die Romantiker, (und so gesehen war sogar der gegen Newtons Prismaweisheiten sich auflehnende Goethe mit seiner absolut unkonventionellen – mathematikfreien – Farbenlehre ein Romantiker), allen voran der geheimnisvoll und überpoetisch redende Novalis und sein, etwas nüchterner gearteter, Denkgenosse Friedrich Schlegel, gegen eine solche Weltsicht wollten sie sich unbedingt auflehnen: Sie wollten die von ihnen klar gesehene Überlegenheit der Zahlenwelt und ihre damit verbundene Rationalität nicht aufgeben, wollten aber von der vermuteten göttlich geordneten kosmischen und kosmologischen Weltweisheit auch nicht lassen. Novalis, scharf auf Leibniz Spuren des rechnerisch erfassbaren unendlich kleinen, dem differenzierenden Integralkalkül, wandelnd, Novalis war sich darüber im Klaren: 1) Es müsse eine Hypermathematik geben, die das offensichtlich viel zu enge aristotelische Denkkorsett (die Sätze von der Identität, vom Widerspruch und vom ausgeschlossenen Dritten – einschliesslich des später hinzu gekommenen Satzes von Grunde) überwinden könne, sodass mensch sich denkend freier bewegen könnte in den so verwirrenden Feldern der Paradoxien, der scheinbar so nichtssagenden Tautologien und der schier zum Verzweifeln bringenden Aussichtslosigkeiten der denkerischen Aporien, an denen sogar Kant gescheitert war, und in seiner treuen Folge dann auch Fichte und (später) Hegel; und 2): Gegen all diese Mauern und Gefängnisstäbe rannten und rüttelten diese Romantiker an. Sie waren ihrer geliebten und vertrauten „natürlichen“ Rationalität so untertan, dass sie entschlossen waren, ganz rational mit einer neuen „romantischen“ Rationalität der alten engen Vernunft den Kampf anzusagen, bis dass sie am leider schlechten Ende fast unrettbar in einer geradezu Hybris zu nennenden Irrationalität endeten und – literarisch und poetisch – zu einer Fussnote der Denk- und Literaturgeschichte verblassten.

Und genau hiergegen hat sich jetzt hier in unserer Zeit einer aufgelehnt. Er heisst Remigius Bunia und ist seines Zeichens Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker mit einem starken kulturanthropologischen Einschlag als – systemtemtheoretisch an Luhmann geschulter – Beobachter der (post)modernen Denkgesellschaft. Sein dementsprechendes Buch heisst, (darüber habe ich, vorangehend, schon etwas geschrieben) „Romantischer Rationalismus“ und trägt den Untertitel: Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis.

Bunia geht ganz langsam, schrittweise und überaus akribisch dem (nun wirklich nicht immer eindeutigen, geradezu oft absolut unklaren und zumindest sehr opaken) Denken dieses Novalis nach, wie es sich hermeneutisch aus den nun wirklich (bewusst, auch und gerade von Novalis) sehr fragmentarischen Fragmenten dieses immer gezielt rational operierenden geheimnisvollen Denkers erschliessen lässt. Bunia liefert eine glasklare Einleitung, dann folgen fünf sehr detaillierte Kapitel zu den einzelnen Denkfeldern des Novalis (und seines Dioskuren Friedrich Schlegel), und schliesslich legt Bunia im Abschlusskapitel ein ebenso deutliches (und ausdeutbares) Resümée vor. Aber: Damit gibt sich der Novaliskenner und Fragmentverehrer Bunia nicht zufrieden. Er schlüpft mutig und unverdrossen in des Novalis Schuhe, und siehe da: Sie passen dem Remigius Bunis wie angegossen. Und dies beweist er seinen (hoffentlich sehr zahlreichen und interessierten)  Lesern und Leserinnnen, indem er ganz pragmatisch ebensolche novalisierten aber hochmodernen und vollkommen auf allen Höhen des Modernen Denkens angesiedelten kurzen Fragmente (oft wirklich Aphorismen) vorlegt, und zwar genau nummerierte 73 Stücke von #1 bis #73.

Ein paar davon, die mit den kleinen Ziffern, habe ich bereits getwittert unter @rudolfanders. Ich habe auch im BLOG des vielen bekannten @kusanowsky, der unter der Adresse http://differentia. wordpress.com zu finden ist, die #33 angefügt, (es waren noch fünf Nummern mehr, aber die sind – aus welchen Gründen auch immer – beim Veröffentlichen untergegangen). Und jetzt habe ich – mit Blick auf das strenge Copyright des Verlages – Hemmungen. die (aus meiner Sicht) fünf wesentlichsten Nummern #34, #35, #42, #43 und #44 hier wörtlich zu zitieren. Sinngemäss, und sehr stark vereinfacht, sagt Bunia darin folgendes:

Schon Bacon war verblendet durch die Mathematik (seiner Zeit). Auch Leibniz hat gesehen, eine vollkommen andere Mathematik könnte das Zeug haben zu einer universalierenden, die gesamte Welt einfangenden Universalpragmatik, die zwar rechnet, aber von den strikten Zwängen der bekannten Mathematik und von den Zwängen der Sprache frei wäre. (Man denke hier ruhig an Georg Spencer-Brown = GSB und seinen besten pragmatischen Nachfolger Dirk Baecker). Novalis und Friedrich Schlegel haben das auch gesehen, auch Fichte und Hegel, aber auch ihnen standen zur Entfaltung eines solchen Denkens die bislang bekannte allzu strenge Mathematik und die tradierte Sprache im Wege. Bunia postuliert (fordert und prophezeit) eine solche kommende Mathematik. Dazu wäre aber auch erforderlich, dass sich die heute herrschende analytische (allzu transzendentale) Philosophie von ihrer unglücklichen Verhaftung an die normale kommunikative Sprache löst. Luhmann hat dies auch klar gesehen, aber selbstverständlich nicht mehr ausführen können. Sein Hinweis auf GSB und auf einen daraus zu entwickelnden – nicht sprachgebundenen – Formenkalkül, das war sein letztes, dem eben Gesagten entsprechendes Denken. Und genau hier möchte (und wird wohl auch in Zukunft) dieser Remigius Bunia weitermachen. Wer wissen möchte, wie das gehen könnte, der lese seinen schönen Fragmentenkorpus in seinem Kapitel 7. mit dem separaten Titel „Fragmentierte Vernunft“. Er fordert darin eine gleichwohl strenge Sprache, deren Form es aber erlauben würde, dennoch eine „luzide und präzise Beschreibung auch des Ungenauen und Nichtpräzisierbaren“ vorzulegen. Also: Gefordert sind jetzt die Philosophie, die Mathematik, die Linguitik und die Soziologie. Ich bin gespannt, wie diese (noch-nicht-Wissenschaften) Künste auf Bunias Herausforderung reagieren werden.

Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach, auch: http://www.sinnweltentheorie.de odet http://www.textsteller.de

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