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Remigius Bunia oder: Die Aporien jeglicher Rationalität

29. April 2013

Es gibt sie noch: Die jungen Leute aus gutem Hause, die mit dem berühmten goldenen Löffel im Munde geboren werden, die es sich aussuchen können, was und wo sie studieren, und die dennoch keine Mühe scheuen, es auf eine eigenständige Art und Weise zu etwas zu bringen, indem sie schlicht und vollkommen geradeaus ein eigenständiges Werk vorlegen. Die Rede ist von Remigius Bunia, der 2007 im Erich Schmidt Verlag, Berlin, unter dem an Knappheit nicht zu unterbietenden Titel „Faltungen“, Fiktion, Erzählen, Medien, seine Dissertation veröffentlichte. Obwohl ich nur ein vielseitig interessierter Leser bin, und weil mensch mich – oberflächlich skizziert – einen Luhmannianer nennen dürfte, obwohl mir nichts so sehr Befriedigung verschafft, auf dem Wege des Verstehen-wollens, an Luhmanns gewaltigem Theoriegebäude ein wenig zu rütteln, habe ich seinerzeit bei AMAZON dieses Buch „Faltungen“ ziemlich euphorisch besprochen und abschliessend prophezeiht, dieser junge Mann sei in seinem Denken und Schreiben offensichtlich so viel versprechend, dass von ihm nicht nur viel sondern gewiss auch noch sehr Bemerkenswertes zu erwarten sei. Remigius Bunia hat diese Erwartung nun für’s Erste dadurch erfüllt, dass er ein neues Buch vorgelegt hat mit dem spannungsreichen Titel „Romantischer Rationalismus“, Untertitel Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis. Erschienen beim Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich (2013).

Remigius Bunia ist, als Literaturwissenschaftler, bekennender Luhmannianer. Er hat zum Beispiel bei Dirk Baecker, dem Luhmannschüler und Kulturtheoretiker, gearbeitet als sein Assistent an der Zeppelin University in Friedrichshafen, bevor er als Juniorprofessor nach Berlin ging, wo er heute lehrt. Schon „Faltungen“ war eine Literatur- und Erzähltheorie, die sich ohne den ständig mitlaufenden Rekurs auf das Denken des Soziologen Niklas Luhmann gar nicht vorstellen liess. Diesem Grundverständnis und seinem eigenen damaligen Titelbegriff ist Bunia insofern auch mit seinem neuen Buch treu geblieben, weil er auch hierin sein Literaturverständnis und seine Auffassung von der funktionalen Systemtheorie im wahrsten Sinne des Wortes „entfaltet“, getreu der seinerzeit von ihm formulierten These, was man unterscheiden könne, das müsse man dann aber auch entsprechend genau differenzieren.

Und so hat er sich im „Romantischen Rationalismus“ am Beispiel des berühmten Dichters, Denkers und Ironikers Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, der sich selber Novalis nannte, die so oft und von vielen als irrational verschrieene Romantik vorgenommen, um am Beispiel der vom jung verstorbenen Dichter hinterlassenen und oft als „dunkel“ geschmähten, meist nur fragmentarisch überlieferten Texte zu zeigen, wie knallhart rational und rationalistisch, also absolut vernunftbezogen, Dichter und Schriftsteller wie eben Novalis und – auf den wird viel reflektiert – Friedrich Schlegel tatsächlich gewesen waren.

Bunia nimmt einen langen Anlauf, (weger seiner argumentativen Präzision und Perfektion), und er schlägt einen großen und hohen Gedankenbogen, um seine Thesen zu entfalten. Er liefert (für 27 Euro) 213 Seiten Text: Davon nimmt dieser Anlauf mit seinen minutiösen Fakten allein173 Seiten ein, (vielleicht nicht jedermanns Sache), dann folgen sehr präzise kondensierte 24 Seiten Konklusion. Gnadenloser Ratschlag an den ungeduldigeren, aber gleichwohl am wirklich Neuen interessierten Leser: Lesen Sie, verehrte Leserin, das zweiseitige Vorwort und die 30 Seiten des Einführungskapitels „Wider alle Vernunft“ und springen Sie dann rücksichtslos zum Abschnitt 7. „Poetik des Realismus“. Sie müssen dem ehrlichen und aufrichtigen Autor Bunia dann einfach nur Glauben schenken, in dem, was er nun zur Überraschung aller zusammenfassend verkündet. Kernthese: Romantiker wie Novalis und Friedrich Schlegel waren das rationalistischste, was mensch sich vernünftigerweise nur unter Vernunft vorstellen kann. Beide, und mit ihr die meisten Romantiker, haben ihre rationalistische Grundannahme, (den „natürlichen“ Rationalismus), dermaßen rational auf die Spitze getrieben, dass sie nicht nur selber mit ihrem Denken, und damit die ganze Romantik, schlichtweg gescheitert sind und damit – sozusagen – nur zu einer Fussnote der Literaturgeschichte wurden, (wenn auch wohl zu einer der interessantesten), sondern diese Romantiker, als Prinzipienreiter der Vernunft, haben ihren Rationalismus derartig überzogen, dass allen die Unvernunft der Vernünftigkeit deutlich werden musste.

Aber hiermit ist diese schöne und aufrüttelnde Buch noch nicht an seinem Ende: Remigius Bunia – Schlitzohr, wie er nun einmal eines ist – er wird auf den stilistisch ganz abgesetzten letzten, dem bislang Gesagten folgenden 11 Seiten selber zu einem brillanten Autor von Fragmenten, die einem aufmerksamen und gutwilligen Leser viel (für Jahre!) zu denken geben. Bunia hat diese seine Fragmente, die man getrost als eine Aphorismensammlung nehmen kann, (oder als ein Weisheitsbüchlein – allerdings eines kommender Weisheiten, denn wer diese kurzen von #1 bis #73 numerierten Kurztexte annehmen will und auswerten, der wird aus dem Nachdenken über sie und aus dem Interpretieren so schnell nicht wieder entlassen sein), dermaßen – fast persiflierend – „novalisiert“, dass mensch nun als leser selber erkennt, (was Bunia in seinem Hauptteil so akribisch ausgebreitet hat), wie komplex man argumentieren muss, (und wie langwierig, oder eben fragmentarisch), wenn es gilt, die Komplexität der Welt und ihre offensichtliche Kontingenz möglichst komplexitätsreduziert auszubreiten, (den Ochsen zu einem Maggiwürfel einzukochen). Ohne gutwillige Leser geht das gar nicht.

Bunia ist mit diesen seinen 73 Fragmenten, die den eigenen Titel tragen „Fragmentierte Vernunft“ derartig auf der Höhe aller zur Zeit einschlägigen Wissenschaften, (von Religion bis Quantentheorie und Stringtheorie), dass mensch sagen kann, er ist damit ebenfalls auf der absoluten Höhe aller denkbaren Zweifel an allen denkbaren Gewissheiten. Er zweifelt sogar – sehr konstruktiv – an allen denkbaren Vermutungen über das noch nicht Gewusste. Auch die härtesten Skeptiker des Wissbaren werden hier gut bedient. Ich verkneife mir hier jegliches Zitat als Beispiel: Entweder die Leserin vertraut mir oder sie lässt es bleiben. Ich sage nur eines: Wer im Selberdenken über die Vernunft und über seine eigene Vernunft auf vollkommen vernünftige und absolut rationale Weise auf der Höhe der Zeit ankommen und bleiben will, der muss diese 73 Nummern lesen, (und, wie gesagt und angedeutet: mindestens die Einleitung und das Resümée). Aber ich prophezeihe: Solch ein Leser liesst dann auch mit großen Genuss das ganze Buch.

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3 Kommentare
  1. Walter Mengel permalink

    Vielen Dank für die Empfehlung, hört sich spannend an

    • Danke für Ihre Aufmerksamkeit: Das Buch wird Sie anregen. Bei knapper Zeit einfach die #1 bis #73 lesen und dem Autor vertrauen.
      Rudi K. Sander

    • sehe ich hier zu spät: riskieren Sie doch einfach diesen Bunia: der Junge ist goldig.

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