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Keine frohe Botschaft: Der Nichtapostel Lukas und seine unheilige Familie

26. Dezember 2012

Also: Der Nichtapostel Lukas, der selber seine Welt gar nicht versteht, er hat möglicherweise oder sogar wahrscheinlich doch ein fröhliches goldenes Herz, aber es ist eines gewiss: Lukas passt nicht in diese materielle Welt der Leistung und Konkurrenzen.

Lukas ist jetzt 23 Jahre alt, er hat eine engelsgleiche Tochter, die heisst Sarah. Sie hat naturblonde gelockte Haare, zwei blaue Augen, in die man nur hineinschauen darf, wenn man selber ein sehr gefestigtes Selbst besitzt, denn wenn diese lebendige, allezeit heitere Sarah einen mit diesen Augen anschaut, ist man sofort und zumindest für diesen Moment für alles Böse verloren und man vermeint zu schweben in einer himmlischen Sphäre. Sarah ist zwei Jahre alt, kann schon ziemlich flott sprechen und weiss selber von der Anwesenheit des Bösen in dieser unserer Welt – wie es scheint – absolut noch gar nichts.

Lukas selber weiss allerdings schon, was das Böse ist, auch wenn er nie zu begreifen scheint, wie es  bei all den guten Absichten, die ihn erfüllen, in die Welt kommen kann, denn er muss sich zu oft vor den anderen rechtfertigen dafür, was er wieder einmal dadurch angerichtet hat, das er – in seinen Augen – nichts angerichtet hat. Denn Lukas ist, seinem wahren Wesen nach, ein freundlicher und durchaus hilfsbereiter Mensch. Wer seine Hilfe braucht, der ist allerdings gut beraten, dafür zu sorgen, das sie auch sofort eintritt, und das ist die Crux, denn es ist nicht leicht, dass Lukas jetzt und hier und sogleich im gewünschten Sinne mit anpackt.

Das Lieblingswort dieses wundersamen Lukas heisst „gleich“, und in seiner eigentümlichen Sprache bedeutet diese so alltäglich und einfache Wort „gleich“ nämlich etwas ganz tief in ihm festsitzendes Anderes. Wenn Lukas gleich sagt, dann meint er reinen Herzens: ich mache das bestimmt und auch in dem gewünschten Sinne, aber nur dann und nur erst, wenn er Lust dazu hat. Und bei aller seiner unzerstörbaren Laune, sich bei allen heiteren Spielen des Lebens zu beteiligen, Lust, das von anderen Gewünschte und auch oft Benötigte wirklich gleich zu tun und zu erledigen, solche Lust verspürt Lukas selten oder, um ehrlich und aufrichtig zu sein, auch wenn es auf ihn und – vielleicht auch – auf seine Familie einen langen Schatten wirft, solche Lust verspürt Lukas nie.

Am begründetsten hierzu kann seine Mutter Ricarda ellenlange Geschichten erzählen. Lukas sitzt vor dem Flachbildschirm des Fernsehers, er hat die fröhlich plappernde Sarah auf seinem Schoss, denn Lukas ist ein zärtlicher Vater und sehr stolz auf seine hübsche Tochter, da sagt seine Mutter Ricarda laut, damit er sie auch wirklich hört, aber höflich: Lukas, bringst du, bitte einmal den blauen Müllsack hinunter auf den Hof, denn die werden laut Plan morgen abgeholt. Lukas sagt sagt sofort und ebenfalls laut, denn er muss ja den Fernsehton übertönen, GLEICH. Und das hat dann in der weiteren Entwicklung der verstreichenden Tageszeit und des Familiengeschehens die Folge und das Ergebnis: Am nächsten Morgen, wenn Ricarda zu ihrer Arbeitsstelle eilt, dann muss sie diesen blauen Müllsack, von dem sie glaubte, er befinde sich ja schon längst unten auf dem Hof des altmodischen Wohnhauses aus der Gründerzeit, wo Ricarda mit Sohn Lukas und Enkelin Sarah in einer zweigeschossigen Mansardenwohnung wohnt, für sie selbstverständlich, selber hinunterschleppen. Ricarda ist dann zwar wütend, weil sie sich ja – wie immer – gehetzt fühlt, denn ihre Zeit ist, auch wie immer, knapp und der angepeilte Zeitpunkt, zur Arbeit gehen zu müssen, natürlich auch schon längst um fünfzehn Minuten überschritten, aber Ricarda schweigt, weil sie keinen Zoff will, und schleppt den blauen Sack selber nach unten. Und wenn sie dann unten ankommt und entsetzt auf ihre Armbanduhr schaut, dann hat sie ihren Zorn über ihren einzigen Sohn Lukas, denn sie ja so sehr liebt, schon längst wieder vergessen.

Diese Verhaltensweise ist ganz fest und offenbar auch sehr tief mit der Familienstruktur von Ricardas Familie verbunden, sozusagen eingebrannt durch entsprechendes Vorleben der Vorlebenden. Denn Ricarda hat einen Bruder namens Christopher, die meisten in der Familie und auch viele seiner Freunde nennen ihn kurz Chris, er toleriert das, denn dieser Christopher ist ein überaus intelligenter und toleranter Mensch, aber Christopher mag aus unerfindlichen Gründen seinen schönen Namen Christopher nicht und hat sich selber für den E-Mail-Gebrauch den Kunstvornamen Tedin ausgedacht. Dieser Tedin, also Lukas‘ Onkel, der ist zwar erstens entsprechend älter als Lukas, aber, man darf es dennoch so beschreiben: obgleich Lukas und Tedin nicht nur im Alter sondern auch in ihrem Äusseren und in ihrem Wesen sehr verschieden sind, auch dieser Tedin sagt gerne und sofort hilfsbereit etwas zu, aber man tut gut daran, auf eine solche Zusage nicht zu bauen. Tedin sagt zwar nicht – wie Lukas – gleich, sondern eher Jaja, mache ich, aber auch Tedin macht nicht gerne erstens, was ihm andere auftragen, und vor allem zweitens nicht das, was sich wiederholen muss und soll.

Was diese beiden, den Lukas und seinen Onkel Tedin, so richtig verbindet ist, sie haben beide von einem regelmässigen Schulbesuch nichts gehalten. Sie waren beide nicht eigentlich vulgäre Schulschwänzer, nein, sie waren beide gegen Schule und vor allem gegen Schulpflicht geradezu allergisch. Bei Onkel Tedin ist das zwar nun schon einige Jahre her, denn Tedin ist nun schon stolze 47 Jahre alt, aber die Erlebnisse aller, die jemals daran beteiligt waren, als Eltern oder Verwandte und Bekannte, brennen heute noch wie Feuer in den Herzen all dieser armen Leute. Es gibt keine Schulform, mit der Tedin keine empirischen Erfahrungen gesammelt hat, seien sie nun staatlich oder privater Natur gewesen, und keine dieser durchlaufenden Schulen hat dieser Tedin jemals abgeschlossen. Aber, das wird nun niemand hier glauben wollen, als Tedin schon längst aus dem schulpflichtigen Alter heraus war und er längst zu einem staatlich geprüften und auch anerkannten Taxifahrer mutiert war, da hatte er sich urplötzlich entschlossen und auch tatsächlich aufgerafft, das Hessenkolleg zu besuchen – die nehmen ihn nach dem Aufnahmegespräch sofort ohne mit der Wimper zu zucken an, denn bei Tedins Auftreten und befeuert von einem einwandfreien IQ von 135 hatten diese Prüfer gar keine Wahl. Tedin besuchte zwar auch dieses Hessenkolleg nur unregelmässig, geradezu nur sporadisch, aber: er lieferte ein einwandfreies Abitur ab mit einer ganz passablen Note, die ihn ohne Einschränkung zu einem Studium berechtigte. Tedin studierte 14 Semester an einer renommierten Universität, er schaffte es auch mühelos, alle erforderlichen Scheine für ein Studium der Politologie, der Geschichte und des internationalen Rechts einzuheimsen, obgleich er ausser in den unbedingt erforderlichen Seminaren und Pflichtvorlesungen niemals sonst an der Brust seiner Alma Mater gesehen ward, und es gelang ihm auch, ohne eine jede Relegationsgefahr, die Abgabe seiner Abschlussarbeit so lange hinauszuzögern, bis sein Hauptprofessor, der sich das alles geduldig und tolerant mit angesehen hatte, schwer erkrankte. Ein Manuskript der von diesem Professor gewünschten Abschlussarbeit über ein modernes Thema zum Schutze der irdischen Ressourcen lag auch längst vor, über 200 Seiten, und wartete nur noch auf das abschliessende und vollendende Bügeln, aber es wurde eben von Tedin in der gewohnten Meisterschaft immer wider prokrastiniert. Dann trat eine weibliche Vertreterin des erkrankten Professors auf den Plan, verwarf das schon fast vollendete Thema, gab dem verblüfften Tedin ein neues auf über ein noch moderneres UN-Thema, denn sie wollte schliesslich bei ihren ganz anders gelagerten Forschungsinteressen von Tedins Arbeit auch profitieren, und sie setzte dem überaus verblüfften Tedin vor allem einen knallharten Abgabetermin. Und siehe da: Tedin setzte sich auf seine alle Ruhe dieser Welt gewohnten Hinterbacken, er hielt den gesetzten Termin auch ein und bekam nun als ein frisch gebackener Master of Art eine ausreichende Abschlussnote, die sein Recht zu einer etwaigen Promotionsabsicht nicht behinderte und auch nicht einschränkte. Eine seinen nun amtlich beglaubigten Kenntnissen entsprechende Arbeit hat Tedin selbstverständlich niemals angetreten. Als man ihm eine unten angesiedelte Bücherverwaltungsarbeit in einer staatlichen Organisation antrug, als Amt dicht angesiedelt bei einer Staatskanzlei, lehnte er bescheiden ab, weil man ihm nicht gestatten wollte, diesem Amte – trotz seiner intrinsischen Aufstiegsmöglichkeiten – nur auf einer Halbtagsstelle nachzukommen. Er macht nun im Kreise ähnlich temperamentvoll gefärbter Freunde Musik, hat eine zeitbegrenzte verantwortungsvolle Botenstelle bei einer bekannten Sparkasse, mit Dienstwagen, und – wenn mal das Geld nicht mehr reichen sollte für das Nötigste – dann fährt Tedin eben gelegentlich auch wieder mal Taxi.

Lukas, von dem ja oben schon die Rede war, Lukas verehrt seinen Onkel und versucht nun, in zu schaffender Familientradition, seinen Herzensonkel Tedin noch in allem zu übertreffen. Im Schuleschwänzen war Lukas dem Tedin ebenbürtig. Allerdings hat ein liebevoller Rektor dann doch dafür sorgen können, mit ein wenig Härte und verwaltungsmässiger Trixerei, das Lukas einen Schulabschluss vorweisen konnte, als seine Mutter Ricarda, die einen indianerblütigen Canadier kennen und lieben gelernt hatte, nach Canada auswandern wollte. In Canada wurde Lukas sofort mit diesem Zeugnis in eine passende Schule aufgenommen und verhalf der dortigen Sportmannschaft zur Verblüffung aller zu  zwei Goldmedaillen in Bezirkssportkämpfen. Die canadische Schule revanchierte sich mit einem aalglatten Zeugnis über einen gelungenen Mittelschulabschluss. Als die von ihrem Halbindianer enttäuschte Ricarda – der war plötzlich urfaul und hatte gar kein Indianerblut in seinen Lügenadern – wieder nach Deutschland zurückkehrte, schockierte die deutsche Schuladministration den enttäuschten Lukas mit der Enttscheidung, den canadischen Schulabschluss diesseits nicht anzuerkennen. Lukas trat hier daraufhin auf das unermüdliche Betreiben seiner Mutter mehrere Lehrstellen und Ausbildungslaufbahnen an: zuerst wollte und sollte er Schreiner werden. Aber regelmässig früh aufzustehen brachte Lukas dann leider doch nicht fertig. Er flog also. Dann vermittelte ihm seine ehrgeizige Mutter einen Lehrgang als IT-Techniker, weil der erst gegen neun Uhr am Tage begann. Lukas schaute sich das eine überraschende Weile lang an, musste aber dann geschlagen einräumen, dass er mit seinen Vorkenntnissen und auf der Basis seiner realen Begabung diesen komplexem geistigen Anforderungen an numerischer Abstraktion dann doch nicht gewachsen war. Er resignierte lächelnd und ohne selber persönlich gekränkt zu sein. Inzwischen hatte sich seine Mutter, fleissig und unermüdlich, wie sie nun einmal war, nach einer gut bestandenen Geschäftsführererinnenzeit in einem urwüchsigen und stadtbekannten Weinlokal, wo sie sozusagen ihren Mann stand, hochgearbeitet zur rechten Hand bei einem Ausnahmetherapeuten, dem der Staat die einfühlsame Betreuung Rauschmittelsüchtiger anvertraut hatte, damit er sie mittels Methadon wieder zu arbeitsfähigen Menschen machen sollte. Mit enteprechender Chuzpe schaffte es Lukas‘ Mutter, ihn bei ihrem neuen Chef, der mit ihr überaus zufrieden war, weil er sie, die Fleissige, mühelos ausbeuten konnte, als eine Laborhilfskraft unterzubringen. Lukas zeigte flink, dass er keineswegs zwei linke Hände hätte und stellte sich sich bei allen Arbeiten, die man ihm auftrug, überaus geschickt an. Aber, was ihn – wie zu erwarten gewesen war – dann doch störte und von einer weiteren regelmässigen Beschäftigung dort abhielt, war eben diese von ihm verlangte Regelmässigkeit. Jeden Tag früh aufzustehen, dass konnte und wollte er sich dann doch nicht auf die Dauer antun. Er schmiss einfach hin.

Wen wundert es nun noch, wenn diese unermüdlich schaffende Ricarda schier am Leben verzweifelt. Sie weiss nun nicht mehr so richtig ein noch aus. Weil Lukas auch noch zu allem gerne nachts ausgeht, bescheiden in simplen Kneipen sich vergnügt und dann in unüberbietbarer und naiver Menschenfreundlichkeit Freunde mit nach Hause bringt und bei sich, also in der Wohnung seiner Mutter, in seinem Zimmer auch übernachten lässt, weil diese Typen gerade mal keine Wohnung ihr eigen nennen können, da hat es natürlich auch im Hause Ärger gegeben. Ricarda hat eine Kündigung für die Wohnung bekommen, die sie aber – klug und geschickt, wie sie ist – anfechten konnte. Sie sucht nun aber selber eine kleinere Wohnung für sich und erklärt, sie sei entschlossen, sich von ihrem Sohn zu trennen, was aber keiner so richtig glauben mag. Und da ist ja vor allem noch das Kind, die kleine engelsgleiche Sarah. Die hat selbstverständlich auch eine Mutter, eine hübsche junge Frau, ein Jahr älter als dieser seltsame und schwer begreifbare Lukas, der offenbar und offensichtlich nun wohl entschlossen dabei ist, sein Leben den Bach herunter gehen zu lassen. Diese Mutter hat einen zuverlässig erscheinenden älteren Freund, selber mit zwei Kindern und mit normalen Eltern, die werden dann die kleine Sarah wohl übernehmen müssen.

Die Mutter von Ricarda, die ja auch die Mutter von Tedin ist, die ist selbstverständlich auch verzweifelt und versucht, mit allen legalen Mitteln, sinnvoll gegen zu steuern. Ricarda und Tedin sind Scheidungskinder. Beide sind in verschiedenen und wechselnden Familienverhältnissen aufgewachsen. Regelmässigkeit und Regelhaftigkeit gehörte also nicht gerade zu ihren Grunderfahrungen. Ricarda weiss, dass sie – die das alles gut verkraftet hat – es dennoch auf geradezu tragische Weise an ihren Lukas weitergegeben hat. Niemand, der mit ihr in weiterem Sinne wegen anderer komplexer Familienverhältnisse verbunden ist, niemand weiss, wie für ihre augenblickliche  Situation die ideale Lösung aussehen mag und aussehen könnte. Gottvertrauen hilft da auch nicht, weil diese Familie nicht gerade als besonders religiös ausgestattet erscheint. Dennoch erwarten alle irgendwie ein Wunder. Wie aber wird es wirklich weitergehen?

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