Skip to content

Der Mensch führt zur Sprache – die Sprache verführt den Menschen auf der Suche nach Erlösung

24. Juni 2012

Bindung und Lösung, Strukturen und Prozesse, das scheinen zu sein die großen Differenzierungsprobleme der Natur, die das Universum erzeugt haben und die es nun in Schwung halten. Jeder kennt den großen Satz des Anfangens: Am Anfang war das Wort. Jeder fragt sich sofort: was war das für ein Wort? Goethe hat das weggewischt und dagegen gehalten, gezielt wohl auf seinen Liebling, den Prometheus, mit dem herrischen Satz: Am Anfang war die Tat ! Der Ironiker Luhmann, der sich selbst aus einem kleinen Beamtendasein in der Hannoverschen Staatskanzlei befreit hat durch eine ironische Tat, (er setzte sich als zuständiger Referent auf eine Liste der Kandidaten, die für ein USA-Stipendium infrage kommen sollten. Das brachte ihn tatsächlich hinüber in die Staaten, ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, bis nach Harvard, hin zum großen Theoretiker der Grundfrage, was eine Handlung sei und was – bei all der Fülle der Handelnden und ihrer Handlungstypen – wohl die Gesellschaft in ihrem Kern zusammenhalten mag), brachte ihn also für gut ein Jahr an die Seite des Gesellschaftswissenschaftlers Talcott Parsons. Wie ein jeder gute Schüler bedankte er sich bei diesem Meister der Differenzierung damit, dass er einige seiner grundlegenden Einsichten übernahm, sie aber anders interpretierte. Die Handlung, weil für sich nicht definierbar, schickte er in die zweite Reihe, und – nicht gleich und nicht dort in den USA, aber ziemlich bald nach seiner Rückkehr in die Heimat – und an die erste Stelle seiner eigenen, nun nicht mehr statischen sondern funktionalen Differenzierungstheorie setzte er den Begriff der Kommunikation. Er übernahm aber nicht den gerade in Mode gekommenen Kommunikationsbegriff der Ingenieure, der auf dem Übertragungsmodell Sender/Kanal, (mit Rauschen)/Empfänger basierte, nein, Luhmann schuf sich seine bei den Prinzipien der Evolution abgeschaute eigene Kommunikationsauffassung und dekretierte: Kommunikation ist ein dreistelliges Selektionsgeschehen aus Information, Mitteilung und Verstehen. Nennt man die kleinste denkbare Kommunikationsdiade Alter/Ego, dann obliegt es einem jeden sprechenden (und schreibenden) EGO, durch Unterscheiden und Bezeichnen aus dem kontingenten Bereich alles Möglichen eine mögliche Information auszuwählen als DIE jetzt gerade aktuelle Information und diese Information dann auch mitzuteilen, sei es als Geste, als gesprochenen Ausdruck oder eben als einen hingeschriebenen Satz. Mehr kann Ego nicht tun in der menschlichen Grundsituation der – so hatte Luhmann es bei Parsons gelernt – der doppelten Kontingenz jeder zwischenmenschlichen Begegnung: ich tue, was du willst, wenn du tust, was ich will. Damit fängt zwischen sich im Guten begegnenden Menschen alles an. Wer anfängt, muss eine Entscheidung treffen, WOMIT er anfängt. Alle frisch verliebten wissen das: WER soll WAS zuerst sagen. Hat aber erst einmal einer der beiden des Pärchens Alter/Ego angefangen, dann läuft im Medium der Sprache alles wie von selber und das klappt dann auch wie am Schnürchen. Der Volksmund, der bekanntlich (fast) alles weiss, der sagt hierzu: Ein Wort gibt das andere.

Der Volksmund, auch gesunder Menschenverstand genannt, macht nur oft einen Fehler: er ist zu schnell und – weil für analytische Präzision dann doch oft zu ungeschult – zu oberflächlich, zwar meist praktisch, aber eben oft für dauerhafte Einsichten nicht abstrakt genug. Der Volksmund, als der gewöhnliche und oft herbeizitierte Mann auf der Strasse, dieser Normalverbraucher glaubt (wie sogar manche berühmten Theoretiker auch) an das, was man in wissenschaftlicher Terminologie Intersubjektivität nennt und – damit zusammenhängend – an den grundlegend möglichen Konsens zwischen Alter und Ego. Das aber, liebe Leserin, ist ein fataler Irrtum. Es ist ein Irrtum in der Grössenordnung des Irrtums, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um die Erde. Diese beiden menschlichen Irrtümer haben Ptolemäus und Kopernikus für uns alle ausgeräumt. Das weiss inzwischen auch ein jedes Schulkind. Aber immer noch wird geglaubt, es genüge, irgend etwas zu sagen, und schon sei sichergestellt, man werde auch verstanden. Dem ist aber beiweitem nicht so. Wenn das sprechende Ego etwas gesagt hat, also eine von ihm ausgewählte Information dem Alter als ein Angebot mitgeteilt hat, DANN, (und dies ist jetzt das Entscheidend Neue), dann obliegt es dem Alter, aus der – nur für ihn! – wahrnehmbaren Differenz aus Information UND Mitteilung (basierend auf seinem eigenen Weltbild, auf seiner Sozialisation, auf seinem eigen Sprachschatz und Erfahrungsfundus), nun etwas vollkommen Eigenes zu machen, nämlich: DAS VERSTEHEN !

Es gibt nämlich keine Intersubjektivität ! Man kann nicht seine eigenen Gedanken (seine Wahrnehmungen und Vorstellungen) von seinem eigenen Gehirn in ein anderes Gehirn übertragen. Denn ALLE Gehirne sind zunächst einmal geschlossen. Basta! Gehirne SIND autopoietisch geschlossene Systeme. Und autopoietisch geschlossene Systeme, (wie eine jede lebend Zelle), sie stellen alle ihre zum Systemerhalt notwendigen Operationen SELBST her. Daher die Bezeichnung als autopoietisch (griechisch: poiesis = machen, herstellen). Verstehen ist also allemal eine Interpretationsleistung. Weil ein so schlichter Satz wie: Der Bäcker ist gleich rechts um die Ecke, die zweite Querstrasse links, weil dieser Satz im Alltag so spielerisch zu funktionieren SCHEINT!, deshalb glauben wir alle zunächst einmal, Gedachtes und Gesagtes komme reibunslos bei allen so an, wie wir es denn gemeint haben. Weit gefehlt.

Das also hat Luhmann mit seiner neuen Kommunikationstheorie geradegerückt. Luhmann hat, jetzt bin ich wieder beim obigen Gedanken, wie alle guten Schüler seinen Lehrmeister Parsons „vom Kopf auf die Füsse gestellt“. So wie Karl Marx den König des deutschen Idealismus, den Georg Wilhelm Friedrich Hegel korrigiert hat, so hat Luhmann den Parsons korrigiert (und Habermas gleich mit). Hegel hatte dekretiert, das Bestehende sei auch das Wahre, und sein Schüler Marx hat dagegengehalten: Das Sein bestimme das Bewusstsein eines Jeden. Damit hat Marx die überaus große Kraft der Sozialisation, die auf einen jeden Menschen einwirkt, klar erkannt und theoretisch ausgearbeitet. Wir alle lernen es, die Welt zu beschreiben, weil wir es mit der Muttersprache gelernt haben, (woran aber heute auch die Väter kräftig beteiligt sind, weil sie sich nicht mehr fürchten und scheuen, Emotionen zu entwickeln und Gefühle auch zu zeigen, sie schieben Kinderwagen, benutzen ungeniert Regenschirme und gehen stolz, aufrecht und lächelnd mit einem Blumenstrauss über die Strasse, obgleich es vor rund siebzig Jahren noch geheissen hatte, ein deutscher Junge weine nicht). Und Habermas, der stolze Erfinder des zwanglosen Zwangs, berauscht von der ihm durch Rothacker und Gadamer beigebrachten  unwiderstehlichen Kraft und Leistung der Vernunft, Habermas hatte verkündet, wenn aufgeklärte und gebildete Leute miteinander einen wohlmeinenden Diskurs führten, dann sei allemal auch – in the long run – ein Konsens zu erreichen. Der weitaus nüchternere Niklas Luhmann hat kühl (guter Geist ist trocken, hat er gesagt) dagegen gesetzt: Die Regel bei der Kommunikation sei leider der Dissens. Die Menschen verstehen nicht nur die Welt und ihre existentielle Lage nicht, die redenden Menschen verstehen vor allem einander nicht. Das also war Luhmanns Anfang, das war seine Goethische Tat: Die Menschen hatten, bis Luhmann kam, die Gesellschaft immer für eine Gemeinschaft von Menschen gehalten. Luhmann hat uns beigebracht: die Gesellschaft – wenn es sie dann als Entität wirklich gibt – sie ist nur Kommunikation und nichts weiter. Die Menschen sind zwar letzten Endes doch (durch ihr redendes Handeln) für die Gesellschaft verantwortlich, aber sie leben nicht in ihr. Die Menschen, diese plappernden Lärmerzeuger (noise), sie leben in der UMWELT der Gesellschaft. Luhmann nennt sie deshalb psychische Systeme. Und psychische Systeme, hat er gesagt, die kennen Wahrnehmungen und Vorstellungen, und die verknüpfen sie auch bei ihrem Denken zu Gedanken, sie sprechen diese Gedanken sogar mutig und unverdrossen aus, doch ein jeder merkt bald, es hört einem keiner richtig zu. Die alte Leier, die alte Klage (aller Frauen über die Männer). Damit hat Luhmann auch Schluss gemacht: Alles Gesagte könne allemal auch anders gesagt werden, hat er tröstlich für jeden gemeint, dem mal ein Ausdruck daneben geraten ist. Und er hat hinzu gesetzt: Alles Gesagte ist allemal das Gemeinte schon nicht mehr.

Und jetzt, liebe Leserin, ausgehend von all dem bis hierher Gesagten, machen wir einen großen Sprung zurück in die Geschichte, um uns klar zu machen, was Sprache zu leisten vermag und – ambivalent wie alles Lebendige eben ist – was Sprache auch blockieren kann. Lassen Sie mich, bitte, wie ein Ballon oder wie eine Aufklärungsdrohne aufsteigen zu einer abstrakten Höhe, genau so hoch, bis wir die Zeit zwischen der Achsenzeit (so nannte Jaspers die Zeit des Plato und dessen Sokrates) und etwa dem dritten Jahrhundert nach der sogenannten Zeitwende, (als so etwa das Neue Testament fertig war). mit einem guten Blick überschauen können. Wenn der weltberühmte Gesellschaftsphilosoph und politische Kämpfer mit immer guten Worten (bis auf seine verzeihlichen Irrtümer), wenn also Habermas unsere Zeit apodiktisch „Die neue Unübersichtlichkeit“ nennt, dann passt dieses einprägsame Wort genauso gut auf diese gemeinte Zeitspanne in der menschlichen Geschichte. Und das geht dann etwa so:

Der noch nicht so ausgesprochen luzide sprechende Vormensch, (soweit er überhaupt schon gesprochen haben mag), als der – aufrecht gehend, die Hände frei, und vielleicht voller dummer Gedanken – in die offene Savanne hinaustrat, da fing das große Staunen an. Lucy und ihre zögernden männlichen Genossen, es muss sie umgehauen haben. Welch eine Fülle des zu Schauenden und Wahrnehmbaren! Dem von Natur aus neugierigen Menschen blieb gar nichts weiter übrig, als für ein jedes unterscheidbare Ding, (kann man das essen? beisst das? ist das gefährlich?), sich eine möglichst spezifische Bezeichnung auszudenken. So mag die Sprache in die Welt gekommen sein, (Herder hatte da so seine eigenen Ideen), denn das ewige schau mal dies und sieh mal das, diese deiktische Gehabe und die ewige Zeigerei, das ging ja nicht so weiter. Also wurde gesprochen, besprochen und versprochen. Vor allem des Nachts, in der unheimlichen Savanne mit den vielen Lauten und bedrohlichen Geräuschen, am raubtiereabhaltenden Lagerfeuer unter dem so faszinierenden glitzernden Sternenhimmel. Opa erzähl mal, wie war das, als du deinen ersten Löwen besiegt hat?

Diese Lagerfeuerharmonie  war bald zu Ende. Die letzte Spur davon mögen die weltweit verbreiteten Geschichten vom Garten Eden sein. Naturkatastrophen, Stammeskriege, Raubzüge, menschliche Gemeinheiten, die Willkür der Mächtigen, die wachsend Zahl der Menschen, Zusammenprall der ausweichend weiter Wandernden, Mord und Totschlag, Neid, Angst, aufkommende und feststellbare Ungerechtigkeiten bis hin zur fast alle umspannenden Sklaverei, während sich der herrschende Adel in den souveränen Stadtstaaten amüsierte, (wenn er nicht kämpfen musste und vielleicht sogar seine Sklaven bewaffnete, um zu überleben), das Leben war kein Zuckerlecken, wenn es das denn überhaupt jemals gewesen war. Zur Achsenzeit hatte man in Großgriechenland zwar keinen dauerhaften Frieden geschaffen (Sparta gegen Athen oder umgekehrt, und Theben war da auch noch im Spiel, und die Perser), die Welt schien den Menschen über den Kopf zu wachsen. Dabei hatten die großen Denker schon die tollsten und oft auch geradezu verrückten Ordnungssysteme aufgestellt. Alle hatten gemerkt, zwei Dinge seien allemal zu toppen: die Dummheit und die Macht. Sogar das Geld war schon erfunden und verbreitete sich wie Krätze. Aber alles, was so gesprochen und bald auch geschrieben zirkulierte, es betraf eigentlich nur die Wohlhabenden, die Adeligen, die Stadtbürger und die freien Reichsangehörigen. Da alle Kriegsgefangenen zu Sklaven gemacht wurden, wenn man sie nicht gleich erschlug, gab es bald mehr Sklaven und Unterdrückte (in den Bergwerken, aus denen keiner mehr heraus kam, der einmal zum arbeiten dort unten schmachtete, oder auf den Galeeren, die einen Freigelassenen selten kannten): Es gab viele Gründe (1) zu jammern und zu verzagen und (2) sich nach Erlösung – und leider auch schnell nach einem Erlöser, statt selbst zu handeln – umzusehen. Hier kommt nun die Fülle der Sprache ins Spiel.

Die Philosophen redeten und redeten, sie spazierten auf und ab in Akademien, Lyzeen und Hainen. Dabei entwickelte sich die Sprache zum ersten Male (Indien und China nicht vergessen, o.k.) zu logisch schlüssigen Spitzenleistungen. (Vorsokratiker über Aristoteles bis hin zu Plotin). Die Welt horchte auf, bis nach Alexandria, Persien und Ägypten. Da saßen ja auch keine Dummen, aber: alles, was jetzt verbindlich gesagt wurde und auch nur gesagt werden konnte, (vor allem aber GESCHRIEBEN und damit vergleichbar), ALLES musste, wenn es gehört werden wollte, auf Griechisch geschrieben werden. Die weltberühmte Bibliothek von Alexandria war voll davon. Wer in Alexandria in den Hafen einfahren wollte, musste alles Geschrieben abliefern. Es wurde sofort kopiert, der Schiffer bekam die Kopien und durfte weiterfahren, nachdem er seine Waren ausgeladen und sein Schiff neu beladen hatte mit begehrter fremder Fracht, und die Bibliothek wuchs und wuchs, bis sie eines Tages vollkommen abbrannte. Ein unersetzlicher Verlust für die denkende Menschheit. Aber Alexandria hatte ja seine Namen von Alexander dem Großen, der erobernd bis Indien gezogen war und bei der Riesenhochzeit von Susa zehntausend seiner Krieger aus Großgriechenland (auch schon Multikulti) mit einheimischen Bräuten gesegnet haben soll. Alexandria war die Welthauptstadt seiner Nachfolger, der Diadochen, die sich die gegenseitigen Machtansprüche gegenseitig um die Schlitzohren hauten. Leidtragend bei all dem war immer der kleine Mann auf den meist noch ungepflasterten Strassen. Aber die Römer, die nolens volens – als Gebildete – auch griechisch sprachen, (mindestens verstanden, wie wir heute englisch), diese Römer standen in Alexandria bald schon nicht mehr nur ante portas. Sie eroberten Griechenland, Antiochien (die Türkei) und pfläzten sich hin ums ganze Mittelmeer bis hinein nach Palästina.

Es war eine verrückte Zeit, etwa so verrückt wie die unsrige heute. Die Römer waren etwa so tugendhaft und so verkommen und Machtgeil – auch so cool – wie die Amis heute. Die Unterdrückten, soweit sie lesen konnten, sprachen alle griechisch, (und man rutschte langsam ins Lateinische). Die Dokumente belegen es. Auch das Aramäische, Persische, Koptische, (um nur Beispiele zu nennen), es wurde alles durch die griechische Gedankenmühle gedreht. Eines aber erfüllte eigentlich alle: der Seelenschrei nach Erlösung: von allen Übeln, den zu erleidenden und den zu erlebenden. Götter gab es ja weltweit geradezu mehr als genug. Aber diese olympischen oder sonstwie irdisch/überirdischen bis dämonischen Götter, die fürchtete man zwar noch irgendwie, aber so richtig ernst nahm die keiner mehr. Der Weltverkehr hatte dermaßen zugenommen, dass jeder sehen konnte, überall sind die Götter zwar anders , aber immer gleich beschissen wie auch bescheissend. Und im Hinterkopf spukte diese verrückte Idee des Tut Ench Amun, dieses genialen entschlossenen jungen Lümmels, der alle Götternamen auskratzen liess wegen seiner monotheistischen Sonnenanbeterei. Alle Welt kratzte sich am Kopf uns fragte sich: Wie ist das denn nun mit diesem Einen-und-über-Allem-Gott? Denken konnte zwar ein jeder in seiner Sprache, und das taten sie ja auch, (und sie waren ja auch alle gleich klug und gewitzt; wie es ja vielleicht schon die Affen waren, von denen sie sie sich losgelöst hatten, wer will das schon so genau wissen?), aber alles Wesentliche, alles  Geschriebene verbeitete sich überwiegend in Griechisch oder es war zumindest tief beeinflusst von der griechischen Art zu denken. Dennoch war alles gespeist von der Gedankenfülle der griechisch spekulierenden Intellektuellen von Indien bis nach Gibraltar.

Aus diesem Gedankenhexenkessel ging diese Unzahl von Erlösungsreligionen hervor, die man heute zusammenfasst unter dem Namen GNOSIS (heisst: wissen, erkennen). Wann und wo das nun so genau angefangen hatte, das weiss man gar nicht, weil Beweise fehlen. Das Christentum war nur EINE davon, eine der vielen möglichen und dann auch wirklich gewordenen, wobei viele dieser Gedankenwelten über Erlöser und Erlösung oft nur von verschwindend kleinen Gruppen vertreten wurden, die sich alle mehr oder weniger gegenseitig gedanklich bekämpften und auch verspotteten. Es war eine Sprachschlacht, wie sie die gebildete und die ungebildete Welt bis dahin noch nie gesehen und als tief Beteiligte auch noch nie erlebt hatten. Es ging allen im tiefsten Herzen und im Grunde ihrer suchenden Seele um die geistige Existenz. Man könnte durchaus sagen: Es war das erste Mal in der Geistesgeschichte (als Realgeschichte), dass den Menschen etwas klar wurde, was man heute KOMPLEXITÄT nennt. Es schien allen, als sei es partout unmöglich, die schier unendliche Fülle aller möglichen Gottesgedanken sprachlich/begrifflich einzufangen und (bis hin zur Poesie) auch auszudrücken. Es gab da gewiss Momente, da wusste keiner mehr so richtig, Gott von den Göttern und Dämonen zu unterscheiden, alles war zu denken erlaubt, alles war begehrt, und kostete es das Leben: es musste um einen jeden Preis ein Erlöser her, um alle von den gefühlten Übeln des Daseins zu befreien.

Dann trat auf die Bühne der Geschichte das Genie Paulus mit seiner Supererzählung. Auch der arme Petrus hat für die zu klärende Sache offenbar seinen Kopf hinhalten müssen. Das gedankliche Chaos war allen schier unerträglich. Die sogenannten Kirchenväter, eine aufeinanderfolgende Reihe mehr oder weniger ehrlicher bis achtbarer Leute und Denker, die haben dann ihre Machtworte gesprochen auf den verschiedensten anfänglichen Konzilien. Es war wie eine Reihe von ewigen G8- oder G20-Gipfeln. Als dann am Ende die Römer sich einmischten und am Ende selber sogar aufgemischt wurden: ihr Kaiser knickte ein, und an diesem Anfang vom Ende wusste keiner mehr so genau, war die Religion nun eine Frage der Erlösung (des Einzelnen) oder eine Machtfrage der Mächtigen, die sich den Staat unter den Nagel gerissen hatten? Das Chaos der Erlösergedanken wurde weltweit durch Begriffe und durch Streben nach einer (fast) Einheit gelöst, und Einheit heisst „katholisch“. Die Fülle des gnostischen Gedankengutes verschwand, die Gnostiker, (auch die nur vermeintlichen: Simonisten, Manichäer usw.) wurden in einer jahrhundertelangen Staatsaktion unterdrückt, verfolgt, bekämpft und ausgerottet. Alle greifbaren gnostischen Dokumente wurden vom siegreichen Christentum vernichtet, soweit die sich ehrenhaft fühlenden Gnostiker sie nicht verstecken konnte; (heute werden sie wieder teilweise ausgegraben; ihre Veröffentlichung wird wohl mehr hintertrieben als gefördert). Was in den Aktengewölben des siegreichen Vatikans schlummert, weiss keiner.

Aber man kann festhalten: Ganz verloren gegangen ist vom Wesentlichen so gut wie gar nichts. Die Kraft der menschlichen Suche nach dem Erlöser, nach der Gerechtigkeit auf Erden, sie ist ja nach wie vor ungebrochen, wenn auch heute unter vielen anderen Namen, als die Gnostiker für diese Seelenanliegen hatten. Die Suche nach dem richtigen Wort, wenn es dann doch nicht die Liebe sein sollte, diese Suche geht sprechend und schreibend weiter. Der sprechende Mensch ist ein zähes Luder. Luhmann sagte hierzu, und er hatte dabei die Gesellschaft ALS Kommunikation im Auge: „Es zählt ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren“, und unsere Galeeren sind heute, die Fabriken, die Büros, die Familien, die Schlafzimmer, die Stammtische, die Parteien, Liquid Democrazy und das Internet.

(Rudi K. Sander, alias dieterbohrer oder @rudolfanders  )

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: