Skip to content

Das Kleine und das Große – mehr als ein Skalenproblem

6. Juni 2012

Es gibt Sachverhalte, denen man nicht ausweichen kann und die man sich vorteilhaft möglichst ständig – zumindest im Gedankenhintergrund – vor Augen halten sollte. Zum Beispiel die Einsicht, das allzu große Genauigkeit nichts bringt, eher dem gesetzten oder angestrebten Ziel abträglich ist. Man denke, bitte, an die sofort einleuchtende Einsicht, dass eine Landkarte im Maßstab 1:1 von keinem Nutzen sein kann: einer solchen Landkarte wäre dann sogar die reale Natur als Umgebung wegen ihrer informativen Dreidimensionalität noch überlegen. Oder der andere Gedanke, das eine noch so schön und einladend gestaltete Speisekarte niemals mit einer realen Mahlzeit konkurrieren könnte. Oder, ganz anderer Gedankensprung im Reich der Skalenbetrachtungen: Wer für einen – sagen wir mal – hundertachtzig Meter großen Riesen Kleider zu nähen hätte, der wäre schlecht beraten, wollte er nun auch seine Stoffe, das Nähgarn und die Nähnadel dazu für sich im Maßstab 100:1 anschaffen: der Stoff wäre dann zu steif, die Nadel machte zu große Löcher und die Nähte wäre nicht dicht: der Riese würde sich unbehaglich fühlen und frieren. Es kann auch kein belehrendes UND maßstabgerechtes Modell vom Sonnensystem geben. Man halte sich sofort folgende Fakten vor Augen: Die Masse der Sonne umfasst 99% der Gesamtmasse dieses ihres eigenen Systems. Das zum Ersten, denn hieraus resultieren schliesslich die maßstabgerecht abzuleitenden Grössenverhältnisse. Nehmen wir nur – wegen der scheinbaren Vertrautheit – die Sonne und die Erde. Damit die Erde im Modell sofort ohne weitere Hilfsmitte mit blossem Auge erkennbar ist, sollte sie mindestens Erbsengröße haben. Dann aber müssten wir der Sonne die Größe eines ausgewachsenen Kürbis geben, grösser als ein Fussball. Halten Sie, bitte, in Gedanken diese beiden Modell-Himmelskörper einmal neben einander: beeindruckend, nicht wahr! Aber das wäre ja nun noch nicht das korrekte Modell, denn jetzt gilt es ja noch, Sonne und Erde in der maßstabgerechten Entfernung zueinander zu plazieren, und dies würde bedeuten: zwischen Sonne und Erde hätten wir einen Abstand von rund 65 Kilometer zu schaffen! Man sieht sofort: solch ein Modell entbehrte jeder Anschaulichkeit, weil sich für einen menschlichen Betrachter für dieses Modells kein angemessener, alles überschauender Standpunkt finden liesse: wer jetzt im Modell die kleine Erde sieht, der sähe die dazugehörige Sonne nicht.

Was wir das Kleine und das Große nennen, das bezieht sich immer auf die medialen, die vermittelnden Maße des Menschen selber. Wenn man reale Modelle entwickelt und herstellen will, hat man dieses unabweisbare Faktum zu berücksichtigen. Wer – statt des Sonnensystems – ein maßstabgerechtes Modell eines Atoms schaffen wollte, in der bekannten Form der Kopenhagener Deutung von Niels Bohr und Heisenberg, der wäre in genau der gleiche geschilderten Verlegenheit. Zwar wären Protonen und Neutronen hier – ihrer Masse nach – etwa gleich grosse Kugeln, und diese Kugeln im Zentrum, im „Kern“ des Atoms, sie brauchten sich zwar nur – etwa in Bezug auf die sie umkreisenden Elektronen – wie 1.000 : 1 verhalten, aber: macht man die Elektronen wieder erbsengroß, dann wären Protonen und Neutronen kleine Fussbälle, aber: zwischen Elektronen und Kern müssten wir mindesten zehn bis zwanzig Meter Abstand schaffen, damit zwischen den kreisenden Elektronen (der Elektronen“Wolke“) und dem Kern die tatsächlichen Verhältnisse herrschten.

Nehmen wir noch eine andere Unanschaulichkeit, unanschaulich, gemessen am Menschen als dem Maßstab der Verständlichkeit. Bekanntlich hat man festgestellt, und diese eindeutige Entdeckung wird immer eindeutiger, je mehr die Astronomen hierüber an gemessenen Fakten ausfindig machen, dass sich unsere Heimatgalaxie, mit ihrem Schwarzen Loch in ihrer Mitte und mit dem gesamten Sonnensystem weit aussen an ihrem Rande, dass sich diese „unsere“ Galaxie und der Andromeda-Nebel – das ist die uns nächste Galaxie – mit etwa 40.000 Stundenkilometer Geschwindigkeit einander annähern. Schrecklicher Gedanke, nicht wahr ! Und doch besteht kein Grund zu menschlicher Panik: die tatsächliche Entfernung beider Galaxien ist so unvorstellbar groß, das es es trotz der hohen und geradezu unirdischen Annäherungsgeschwindigkeit etwa knapp fünf Milliarden Jahre dauern wird, bis sich dann beide Galaxien einander durchdringen werden. Und hierbei wird es dann sogar KAUM Zusammenstösse geben ! Die Abstände zwischen den Milliarden Sternen in einer jeden Galaxie sind selber so groß, dass ihr Zusammenstoss nicht etwa dem Crash zweier Automobile gleicht, nein, beide Galaxien werden sich sozusagen reibungslos miteinander vermischen, so, wie man sich zwei ineinander fallende Lichtkegel vorzustellen hätte.

Georg Spencer Brown (GSB), ein weiterer Gedankensprung, bitte, er hat uns mit seinen „Laws of Form“ (LoF) allerhand klar gemacht, was sich in den verschiedenen Gedankenreichen der verschiedensten Disziplinen erst ganz langsam und geradezu Schrittweise nur verbreitet als verstandene Einsichten. Der oberflächliche (systemtheoretische) Übernahmebegriff und das damit verbundene systemtheoretische Grundverständnis sagen (schnell): o.k., es handelt sich um einen Unterscheidungskalkül mit einer bestimmten sehr einfachen Schreibweise, mit der sich die komplexesten Systemverhältnisse einfach darstellen lassen. Das ist ja auch nicht falsch, denn ein jeder halbwegs an diesen Dingen und Sachverhalten Interessierte kennt inzwischen den gedanklichen Startbefehl des Anweisung gebenden GSB „Draw a Distinction“ (Triff eine Unterscheidung), kennt den berühmten „Haken“, weiss, dass man solche eine getroffene Unterscheidung eine FORM nennt, sogar eine Zwei-Seiten-Form, weiss, dass man diese Form der Unterscheidung (zum Beispiel: süss/sauer) immer als asymmetrisch ansieht, weil man die linke Seite, die Präferenzseite der Unterscheidung, mit einem Namen versieht (der Bezeichnung), und man weiss: Unterscheiden UND bBezeichnen ist EINE einzige Operation, denn man kann nicht unterscheiden, ohne bezeichnet zu haben. Die zweistellige Unterscheidung, mit ihrem „rechts“ und „links“, mit ihrer Präferenzseite und ihrer Reflexionsseite, diese zweistellige FORM hat aber DREI Elemente: die beiden Seiten, den marked state und den (zunächst) unmarked state, aber: man darf das wichtigste Element solch einer Unterscheidung nach GSB nicht vergessen oder gedanklich unterschlagen: die GRENZE zwischen beiden states, zwischen den beiden SICH und ES unterscheidenden Gedankenräumen. Denn diese Grenze hat mindestens zwei Funktionen oder Eigenschaften: sie TRENNT und VERBINDET ! Hinzu zu diesen Möglichkeiten im unterscheidenden Kontingenzraum mit seinen (für die weitere Entwicklung einer jeden Unterscheidung) schier unendlichen Möglichkeiten des Anschliessens und des Ausschliessens, hinzu kommt dann noch das cross (man wechselt von der einen Seite zur anderen und kann auch wieder zurück). Hierbei können sich Verstärkungen ergeben (Kondensation durch Wiederholung) oder Auslöschungen (cancel), je nach Oszillation oder Wiederholungsrichtung beim Cross und beim Oszillieren. Nach GSB entsteht mit einer jeden Unterscheidung (sogar wenn sie noch NICHT bezeichnet wurde, was Luhmann einfach – wegdenkend – „unterschlagen“ hat) ein GedankenUNIVERSUM. Und GSB geht davon aus, dass mit einem jeden Oszillieren sowohl Komplexität aufgebaut wie auch wieder abgebaut werden könne. Bekanntlich ging es aber Luhmann bei der Übernahme der – wie ihm schien – drei wichtigsten Schritte des GSB-Kalküls nur um die operative Demonstrierbarkeit der Reduktion von Komplexität durch ein irritierbar offenes, aber operativ geschlossenes System: Denn für ein sich autopoietisch schliessendes System ist zunächst seine spezifische Umwelt immer komplexer als es selbst und als seine eigenen Unterscheidungsmöglichkeiten. Aber: mit einen jeden sich im System entfaltenden Unterscheidung wächst aber auch die Komplexität IM System selber: Komplexitätsreduktion führt immer auch zum (systemeigenen) Komplexitätsaufbau. Denn nun wird der wichtigste Gedanke des GSB wirksam, sein 12ter Satz mit dem berühmten und berüchtigten re-entry: denn das unterscheidende, zwischen Umwelt und System unterscheidende System, es muss zur inneren Handhabung der Unterscheidung System/Umwelt diese äussere Unterscheidung IN das System wieder eintreten lassen: weil das System auf die Umwelt NICHT zugreifen kann. Das System braucht seine eigene Unterscheidung also IM System selber noch einmal (gespiegelt), 

Eine einmal getroffene Unterscheidung – als Form – ist also ein positives Paradoxon: die Form ist (scheint) zunächst einfach, ist aber (intrinsich: ihren Möglichkeiten nach) hochkomplex. Die Form, als Unterscheidung, IST zunächst ihre linke, ihre bezeichnete Seite, sie ist aber auch das, was sie NICHT ist: sie ist ja immer auch ihre rechte Seite: entweder als der unmarked state, oder als das Gegenteil des Bezeichneten, oder sogar als das ganz andere oder am guten Ende sogar als ALLES andere: eben ein entfaltbares Universum. 

In der Bibel heisst es:  Am Anfang war das Wort. Und aus diesem Worte Gottes wurde dann die gesamte Welt: die irdische und die lunatische, die unter dem Mond. Goethe erlaubte sich, dem entgegen zu halten mit seinem Satz: Am Anfang war die Tat, wobei er – wie wir aus seinem berühmten Gedicht „Prometheus“ wissen, an den Gottesdiebstahl des Feuers dachte oder gedacht haben mag, oder, wie es im Gedicht heisst: an den Bau der ersten Hütte als dem Symbol der Heimat und Geborgenheit. Und Luhmann, gestützt auf GSB und seine LoF, Luhmann sagt: Am Anfang (einer jeden Systembildung) steht immer eine bezeichnende Unterscheidung: Die Wirtschaft mit ihrem Zahlen/Nichtzahlen und alles andere. Was das bedeuten kann an schier unauflösbarer Komplexität sehen wir heute, wenn aus der Wirtschaft als produzierendes Funktionssystem die Finanzwirtschaft ausschert und ein eigenes systemfunktionelles Leben zu entwickeln scheint. Das Ergebnis dieser Unterscheidungsentfaltung ist dann die Finanzkrise mit ihren eigenen harten und tödlichen Gesetzen, mit denen sich dann das andere Funktionssystem, die Politik mit seinen eigenen aber unwirksamen Mitteln, auseinander setzen (unterscheiden !) muss. Die Wissenschaft unterscheidet dann ihr Wahr und Falsch und kann alle andere Rede und Beschreibung, sei sie prophetisch, therapeutisch oder poetisch partout NICHT gelten lassen, wenn sie sich nicht selber als Funktionssystem aufgeben will. Und Ähnliches gilt dann auch für alle anderen sozialen und stets nur auf ihre eigene kommunikative Weise unterscheiden und bezeichnenden Funktionssysteme wie Recht, Kunst, Erziehung, Sport oder Familie. 

In einer jeden Unterscheidung steckt also immer eine eigene, eine entfaltbare ganze Welt an spezifischen Möglichkeiten. Das Volksmund hat dies offensichtlich schon immer geahnt, wenn er sagt: Wer A sagt, der müsse eben auch B sagen. Und: Ein bißchen schwanger geht nicht: wer schwanger ist, der hat sich unterscheidend entschieden, und zwar für ein sich entfaltendes neues selbständiges Leben. 

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: