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Berlin Friedrichshain (Neufassung)

1. Mai 2012

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 5. Kapitel

 (Marie Anders stirbt, und ein unvergessener Weihnachtsmythos)

 Marie Anders, ein einfacher Mensch, eine großartige Frau. Als sie im Sterben lag, die Kommunistin aus Überzeugung und aus eingeborenem Gerechtigkeitsgefühl, die jene bekannte Arbeiterfanfare von den Völkern, die auf die Signale achten mögen, irgendwo, irgendwie im Herzen doch verinnerlicht haben sollte, diese Frau, als sie den Tod kommen fühlte, hat Kirchenlieder Gesungen. Ein feste Burg ist unser Gott…, Rudolf dachte, er höre nicht recht. Seinen Konfirmandenunterricht hatte er gerade hinter sich, hatte zuvor nie etwas mit der Kirche zutun, nur der Mutter zuliebe war er zum Pfarrer Meier von der Auferstehungsgemeinde gegangen, der sein persönliches Büro in der Landsberger Straße betrieb, welches er vorher noch nie betreten hatte. Pfarrer Meier nahm Rudolfs Anmeldung dennoch an, vor allem wohl weil Rudolf  ihm ausrichtete, Mutter Herta lasse ihn herzlich grüßen. „Ach der Zigeuner“ sagte er sich erinnernd, denn er hatte auch sie achtzehn Jahre zuvor ebenfalls mit den Glaubensregeln und –inhalten der protestantischen Variante des Sichbeziehens auf die unverstehbare Unendlichkeit, die man konventionell Gott nennt, vertraut gemacht. Auch Rudolf hat dann treu, fleißig – wie in der Schule – aber im Grund vergeblich an des Pfarrers Unterricht teilgenommen. Rudolf bekam den Spruch: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Das sollte ihn wohl mit seinem sozial verfemten Status des unehelichen Kindes – der ihn persönlich niemals belastet hat – versöhnen. Des Pfarrers Milde und dessen alltagsbewährte Güte und Hilfsbereitschaft haben dem Rudolf durchaus etwas gegeben. Aber er blieb dennoch, was er war: Ein quasiwendischer Heide aus der märkischen Streusandbüchse; wenn schon getauft, dann mit dem etwas trüben Spreewasser.

Und seine Großmutter? Aller Kampf, alle Solidarität mit den zum nackten Leben Verdammten und durch ihre erbärmlichen Umstände Unterdrückten, all dies trat zurück, als sie im dritten Stock – 1935 hatten Rudolfs Großeltern die Kellerwohnung verlassen dürfen – des Seitenflügels des Hauses mit der ziemlich protzigen Gründerzeitfassade in der Lichtenberger Straße 3 auf ihrem vermeintlichen Totenbette lag, – sie starb dann doch im Krankenhaus -, da zählte in ihrem Unterbewußtsein nur noch Rogätz, ihre Kindheit, ihre damaligen Hoffnungen vielleicht und der – allen unbekannte – Pfarrer, der wohl ihre ersten Schritte ins Reich von Anstand, Sitte und Moral gelenkt haben mochte. Er hatte

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gesiegt. Dieses Pfarrers von Marie erinnerter Blick auf die Glaubenswelt brachte ihr offenbar mehr Trost als der Gedanke an die Internationale. Der Krebs zerfraß ihren Magen, sie hatte tierische Schmerzen, nur das Morphium machte sie noch zum Menschen, zum bejammernswerten Bündel aus Haut und Knochen. Diese gewaltige Frau sah sich im Sterben kaum noch ähnlich, aber sie sang das Lied von der Gottesburg, die dem Menschen als sicherer Hort verheißen ist, so er zu glauben vermag. Rudolf Anders stand weinend daneben. Und Er mußte wieder weinen, als er dies mit unhörbarer Stimme seiner geträumten Elisabeth erzählte: Der Name bedeutet Gottes Ruhe.

„Du nickst, Elisabeth“, schluchste er vor sich hin, „du bist Pfarrerin, du verstehst so etwas“. Denn er hatte seinerzeit für sich nur eines verstanden: Die menschliche Seele, wenn es sie denn gibt, ist unergründlich. Später sagte er sich: Seele, Geist, Vernunft, Verstand, Intuition, Einfühlungsvermögen und letztlich Bewußtsein sind von einem Standpunkt aus gesehen, den einzunehmen uns nicht gelingen will und kann, ein und dasselbe. Es sind aus dem unergründlich tiefen Brunnen der Muttersprache, gelernt im Vaterland, geschöpfte Worte, die alles jeweils gemeinte besagen, nur eben gerade nicht das, was sie als ein starres Buchstabengebilde festzunageln versuchen. Man versteht sich, und dabei muß man es demütig bewenden lassen. Bewußtsein, welch eine Metapher für die erlebte, für die selbstgeschaffene eigene, ureigene Welt aus Gedanken, die man – wenn es drauf ankommt – nicht teilen, nicht mitteilen kann. Bewußtsein ist für uns alles, aber es ist unsichtbar wie Gott und ebenso unergründlich. Der große, auch unergründliche Leibniz hat formuliert: Könnte man durch das Bewußtsein spazieren wie durch eine Maschinenhalle, man sähe Vieles, gewiß, doch eines sähe man nicht – eben Bewußtsein. Die Therapeuten der Neuen Heidelberger Schule warnen: Verwechselt bitte nicht die Speise mit der Speisekarte! Und der zeitgenössische Systemtheoretiker Peter Fuchs sagt im Untertitel seines profunden Buches „Die Metapher des Systems“, es sei für ihn eine allgemein leitende Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse. Und Rudolf fügte gesprächsweise immer hinzu: Für sein Teil ergebe sich: Das Bewußtsein verhalte sich zum Gehirn gleichwie der Tanz zum Tänzer.

Ein halbes Jahr vor ihrem Tode wollte Marie Anders wegen der Schmerzen ihr Leben aufgeben. Für den Rudolf und seinen Opa war es der Fluch des dritten Stocks: Sie wollte buchstäblich aus dem Fenster springen! Rudolf schlief aller Erfahrung nach sehr fest. In dieser Nacht fiel es ihm sehr schwer einzuschlafen. Die Oma stöhnte zum Gotterbarmen. Sie versuchte es zu unterdrücken. Sie wollte, daß ihr Karl einschläft. Den Jungen hielt sie wohl bereits für eingeschlafen. Leise, unmerklich langsam stand sie auf, dem Rudolf  zog sich der Magen zusammen, die Marie lief ums Ehebett herum, an Rudolfs Bette

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vorbei, ihr Lauf wurde immer schneller, sie riß das Fenster auf: Karl stand schon neben ihr. Der Opa hielt sie fest. Sie schluchzte und er stammelte: „Marie, mein Gott, Marie, bitte…“

Er brachte sie in ihr Bett zurück. Sie wehrte sich nicht, sie sprach kein Wort mehr. Sie tat es nie wieder. Sie kam noch ins Krankenhaus Friedrichshain. Sie wurde noch nach Bunzlau in Schlesien verlegt, wegen der Fliegerangriffe. Dort trat eine Scheinbesserung ein. Opa und Rudolf haben sie dort besucht. So mager wie sie war, ihre wundervollen kastanienbraunen üppigen Haare glänzten noch in voller Pracht. Sie hatte sie wie gewohnt aufgesteckt zu ihrem vertrauten angedrückten, abgeflachten Dutt. Sie kam nach Berlin zurück, weil die kämpfenden Kommunisten näher und näher kamen. Man verlegte sie ins Notkrankenhaus hinter der Krautstraße. Dort ist sie gestorben, im März 1944 in einem großartigen Gewölbekeller, reiner Jugendstil, herrliche Mosaiken. Was ihr gewiß alles gleichgültig war. Aber nur dies Ambiente erscheint dem Rudolf vor dem geistigen Auge. Er hatte wieder Flakdienst, wie jeden vierten Tag. Er konnte nicht dabei sein. Seine Mutter hat ihr die Hände gehalten bis zuletzt: „Mein kleener Zijeuner!“

Rudolfs Kindheit unter der Obhut dieser Großmutter in jener Lichtenberger Straße war wohlbehütet. Er habe nie gehungert, war immer ordentlich gekleidet und habe es im Winter stets warm und gemütlich gehabt. Dies hat er beim Sicherinnern nach dem Krieg und der Hungerzeit stets betont. Unvergessen seien ihm stets die Tage des Heiligen Abend gewesen:

Wenn der Junge erwachte, stand neben seinem Bett auf dem kleinen Tischchen ein klitzekleines Weihnachtsbäumchen, in einem Blumentopf. Das hatte sie aus der Großmarkthalle mitgebracht, wo sie ein- und ausging, auch als sie nicht mehr am Wagen stand und mit Obst handelte. Würdevoll ging sie durch die Gänge der Großhandelsstände – ihr Sohn war in ihre Fußstapfen getreten und war dort auf eine undurchschaubare Weise „ein Macker“ –und jedermann grüßte sie respektvoll. Neben den kleinen Weihnachtsbäumchen lagen Rudolfs Geburtstagsgeschenke. Es war der feste Wille seiner Großeltern, ihr Enkel sollte nicht zu kurz kommen im Vergleich zu anderen Kindern, nur weil sein Geburtstag mit der Bescherung am Heiligen Abend auf einen Tag fiel.

Als Rudolf größer war, so zwischen zehn und fünfzehn, da spielten beide, die Oma und er, an diesem Morgen jedesmal – ohne Verabredung – das Spiel „Rudolf schläft noch“. Schaute die Oma prüfend herein, behielt der Junge locker entspannt die Augen geschlossen, stellte sich schlafend, atmete

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vertrauenerweckend gleichmäßig, so daß sie ungestört den Geburtstagstisch bereiten konnte.

Am Vormittag – es war doch schulfrei – wurde der Baum aufgestellt und geschmückt. Je älter Rudolf wurde, je mehr Anteile dieser wahrhaft rituellen Handlungen übernahm er selber. Sie gingen wie von selber auf ihn über. Alle Utensilien waren herauszusuchen und herbeizuschaffen; sie mußten sorgfältig behandelt und geordnet werden: Da war der Baumschaft zurechtzusägen und passend zu machen, damit er in den uralten Ständer hineingebracht werden konnte. Wehe, der Baum stand nicht grade! Da konnte sie ganz schön fuchtig werden. Sie hat stets den Baum selber ausgesucht und gekauft. Gewachsen mußte er sein, wie Gott sich einen Tannenbaum geträumt haben mag. Dann wurden die zwölf Kerzenhalter in den Stamm geschraubt, Kerzenhalter, – Rudolf betonte das immer wieder – wie er sie nachher nie wieder gesehen habe. Sie sind auch mit dem Haus in die Luft geflogen an jenem Maitag des Jahres 44. Es waren vier lange, vier mittlere und vier kurze. Sie wurden jeweils über Kreuz  aber so versetzt eingeschraubt, daß keine Kerze über einer anderen zu stehen kam, wegen der nach oben strahlenden Hitze. Wenn wundert es da, daß Rudolf später als Gewerbeaufsichtsbeamter die Arbeitssicherheit zu seinem Beruf gemacht hat. Wenn die Kerzen richtig standen, kamen die Kugeln an die Reihe. Es waren vierundzwanzig an der Zahl, „Apfelsinen“ und „Zitronen“, so hatte Rudolf sie als kleiner Junge getauft, weil es zwölfe gab mit einem rötlichen Flitterstreifen und weitere zwölfe mit einem gelben. Genau genommen waren es fünfundzwanzig Kugeln, denn eine, eine wahrhaftig uralte und abgeblätterte kam frontal in die hamonische Mitte des Baumes dazu. Diese Kugel stammte von Omas Bruder Johannes. Der war ein Tausendsassa gewesen und hatte vor dem ersten Weltkrieg im Zirkus „gezaubert“ und auf Jahrmärkten mit „Krimskram“ gehandelt. Er ist gefallen und liegt in Rußland begraben „auf der Düne an der Düna“. So hatte es der Oma sein Hauptmann geschrieben, und so hat sie es ihm an jedem Heiligen Abend wieder erzählt. Er war sich immer ziemlich sicher, daß dieser Bruder, ihr Johannes, der einzige Mensch war, den ihr innerstes Herz geliebt hat. Bis zuletzt hat er an jedem Weihnachtsabend an beide zurückgedacht und empfunden, auf einer himmlischen Düne über der Düna mag sie mit ihrem Bruder in Liebe vereint ihren Frieden gefunden haben.

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 Liebe Leserin: ungewollt habe ich mich bei der Überführung dieses Kapitels vertan; der Text, der ja eine Fortsetzung ist von bereits Gebotenem, sollte – von der externen Festplatte kommen – eigentlich erscheinen bei:   http://Unterschiede-unterscheiden.blogspot.com   dort finden Sie dann auch den Anfang und die vorangegangenen Kapitel. Dank für Ihr Verständnis: Rudi K. Sander, Bad Schwalbach.  

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2 Kommentare
  1. „“Und Rudolf fügte gesprächsweise immer hinzu: Für sein Teil ergebe sich: Das Bewußtsein verhalte sich zum Gehirn gleichwie der Tanz zum Tänzer.“

    Ich bin der Ansicht, solange wir glauben, dass die Erde flach ist, wird sie es bleiben.
    Die Geschichte (Deine Geschichte, Rudi?) sehr bewegend und macht Lust auf mehr.
    Müsste mehr Zeit haben, obwohl, solange ich glaube keine zu haben, werde ich wohl auch keine finden. Etwas arbeiten, etwas weiterlesen.
    Gruss und Danke für die Geschichte Daniel

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