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Der fünfte Schiedsrichter – oder: Wenn Luhmann gepfiffen hätte

31. März 2012
(Fußball als System gesamtgesellschaftlicher Kommunikation)
 Wenn Fußball ein soziales System ist, sollte man sagen können, ob für dieses System wesentliche Elemente der Systemtheorie Luhmanns erfüllt sind: Das System Fußball muß in der Gesamtgesellschaft eine Funktion erfüllen, das gesellschaftliche Teilsystem Fußball muß für die Gesellschaft eine Leistung erbringen, und die Reflexion im System Fußball muß selbst im System darüber entscheiden, es ist ein System (Selbstreferenz) und es hat eine Umwelt (Fremdreferenz).
Die Theorie sollte Aussagen darüber machen können, ob Fußball als soziales System ein funktionales Teilsystem der Gesellschaft ist, oder eine Organisation oder eine kommunikative Interaktion. Alle drei Gesichtspunkte können überhaupt nur als zutreffend erfüllt angesehen werden, einzeln oder möglicherweise gar alle zusammen, wenn man beschreiben kann, es handele sich beim Teilsystem, bei der Organisation und/oder bei der Interaktion um gesellschaftliche Kommunikation.

Wenn Fußball ein soziales System ist, ob als Funktionssystem, als Organisation oder als Interaktion, oder anders: Wenn man Fußball als ein wie auch immer geartetes soziales System untersuchen, also beschreiben will, welche Einheit man beobachten will, braucht man eine Einheit, die unmißverständlich klar macht, es ist von Fußball die Rede und nur von Fußball. Geeignet wäre „Kommunikation“, die sich an der Leitdifferenz Fußball/Nicht-Fußball orientiert. Fußball ist überall dort, wo über Fußball/Nicht-Fußball kommuniziert wird, gleich ob es Fußballstadien oder Profifußballer oder eine Fußballzunft gibt. Eine Kommunikation setzt eine „Information“ voraus, die aus dem allgemeinen Rauschen der Welt ausgewählt und spezifiziert wird. Die Information bedarf, um zur Kommunikation zu werden, der „Mitteilung“, sei es in Form von – mündlicher oder schriftlicher – Sprache, sei es durch Handlung, Gestus, Ton oder Bild. Erst wenn die Mitteilung andere erreicht, erst wenn sie „verstanden“ beziehungsweise mißverstanden wird, ist die Kommunikation ein sinnhaftes soziales Ereignis, an welches weitere Kommunikationen anschließen können (Autopoiesis).

 Kommunikationen, die sich auf eine Leitunterscheidung spezialisieren und durch diese ihre Grenze ziehen, jenseits derer die Umwelt liegt, bilden ein System. Die Grenze ist etabliert und erkennbar, sobald Kommunikationen über Fußball und Nicht-Fußball unterscheidbar sind von solchen über gut/böse, gerecht/ungerecht, heilig/unheilig, wahr/unwahr und so weiter. Kommunikative Systeme sind im Unterschied zu lebenden, psychischen oder technischen Systemen soziale Systeme, Deshalb wird als Einheit für eine funktionale Beschreibung des Fußballgeschehens die Kommunikation über alles angesehen, was mit dem Ball, der bekanntlich rund ist, zusammenhängt, und zwar versuchsweise eben mit der Unterscheidung Fußball/Nicht-Fußball.

Schaut man einmal versuchsweise durch das Okular der funktionalen Systemtheorie, so sieht man je nach Einstellung, die das Gerät gerade hat, vielleicht irgendwie unscharf die Gesellschaft (alle reden immer über Fußball), man zoomt etwas näher heran, es erscheinen die autonomen Funktionssysteme (Fußball ist Recht, Fußball ist Kunst, Fußball ist vielleicht sogar Wissen[schaft], Fußball ist eine große Familie und erzeugt Haß und Liebe, Fußball ist zweifellos auch Politik, und falls es ein Subsystem Sport in der Gesellschaft gibt, dann ist Fußball wohl ein Subsubsystem. Auf jeden Fall aber ist Fußball eine Organisation im Subsystem Fußball. Diese Organisation heißt bekanntlich FIFA und hat in Deutschland die Unterorganisation des DFB, des Deutschen Fußballbundes. Wir zoomen noch näher heran und es erscheinen die Vereine als Organisationen. Die Vereine operieren als eingetragene Vereine oder als GmbH’s oder gar als Aktiengesellschaften im Rechtssystem und mit ihren Entscheidungen, die sie kommunikativ treffen, auch im Wirtschaftssystem (zahlen/nichtzahlen). In der Organisation Fußball werden auf allen Ebenen permanent und autopoietisch Entscheidungen getroffen, an die weitere Entscheidungen anschließen, damit jeder, den es „im Fußball“ betrifft, weitere Entscheidungen anschließen kann.

Wenn wir noch näher heranzoomen, erscheint auch im Fußball das dritte Gesellschaftssystem: die Interaktion. Beteiligt an dieser Interaktion sind zweimal elf Spieler als momentan Aktive auf dem Platz, dazu kommen unabdingbar der Schiedsrichter und seine beiden Linienrichter, und auf den Reservebänken sitzen die zur Zeit gerade nicht spezifisch aktiven Spieler (die außer mit dem Zuschauen auch mit anderen Aktivitäten beschäftigt sein können, was aber durchaus alles beobachtet werden kann; das hängt für den Fernsehzuschauer von Kameramann und von der Senderegie ab).

Ob man die vielleicht hunderttausend Zuschauer im Stadion auch zum System Interaktion voll dazurechnen darf oder gar muß, ist vielleicht eher eine Frage des

Beobachtungsstandpunktes. Einerseits, vom Standpunkt der auf dem Feld spielenden fünfundzwanzig Personen, die ja mit Worten, Gesten und Handlungen kommunizierend die eigentliche Interaktion bilden, einerseits sind die Zuschauer die Umwelt der Interaktion, denn die Spieler und die drei Schiedsrichter betrachten sie paradox als nichtanwesend/anwesend; andererseits ist das Irritationspotential der Zuschauer für die Aktiven der Interaktion auf dem Feld keineswegs unbedeutend: es zählt zwar nicht gerade „jeder Fluch auf den Galeeren“, schon weil die Gesamtheit der Geräuschkulisse es kaum gestattet, daß ein einzelner Zuschauer sich konkret in die Kommunikation der Interaktion einklinken kann, aber es besteht offensichtlich schon eine ziemlich „feste“, weil durch die Irritation nicht wegzuleugnende lose Kopplung zwischen dem „wilden“ System der Zuschauer und der im wahrsten Sinne des Wortes laufenden Interaktion auf dem Spielfeld.

Eine Sonderrolle der Leute auf den beiden Reservebänken haben die Trainer. Sie muß man offensichtlich zum anwesenden Personal der Interaktion dazurechnen, denn ihre laufenden, wenn auch, je nach Trainertemperament, sporadischen Kommunikationen mit den Spielern ihres jeweiligen Vereins gehören zum Kommunikationsgeschehen der zentralen Interaktion zweifellos dazu. Das ergibt die pikante Variante für das kommunikative Interaktionsverhalten der Fünfundzwanzig, für jeweils elf Spieler ist der dazugehörige Trainer „anwesend“, für die anderen ist er „abwesend“.

Für den Schiedsrichter auf dem Feld gehörten bis vor kurzem die beiden Trainer am Feldrand zur zentralen Interaktion, die man das Spiel nennt, überhaupt nicht dazu. Die Trainer konnten schreien oder gestikulieren so viel und so heftig sie wollen, sie wurden ignoriert. Das hat sich durch Regeländerung der FIFA und des DFB offensichtlich geändert, wie jeder, auch wenn er wie ich keine Ahnung hat und nur gelegentlich einmal als Laie zuschaut, bei den letzten großen Spielen zu seinem Amüsement beobachten konnte. Es gibt jetzt einen vierten Schiedsrichter, einen der das Recht nach den neuen Regeln hat, unbotmäßig räsonierende Trainer vom Spielfeldrand aus dem heiligen Bereich der Reservebank zu verweisen und – notfalls durch Handanlegen – hinauszubefördern in die auch räumliche Umwelt der Interaktion, die das Spiel heißt, nämlich auf die Zuschauertribühne. Da sitzen sie dann und motzen mit schauspielerisch perfekten Gesten, denn sie wissen, sie werden beobachtet, nicht nur von den wenigen Menschen um sie herum, nein, von den Millionen Zuschauern an den Fernsehbildschirmen – wenn die Bildregie es so will.

Damit hat die künstliche Realität Fußball als kommunikatives Geschehen eine neue Wirklichkeitsdimension erhalten: Verstöße der Trainer während des

Spieles! Ohne den vierten Schiedsrichter gäbe es dies überhaupt nicht. Der Trainerzirkus war überwiegend eine Selbstdarstellung der Trainer und beeindruckte vielleicht die Zuschauer zu Hause. So entstanden Legenden (Beispiel Udo Lattek oder gar der Sprachschöpfer Trappatoni). Ab jetzt ist das fußballspezifische kommunikative Handeln des Trainers auf dem Platz effektiver Teil des Spiel.

Man würde sich freuen, wüßte man, was Luhmann als fünfter Schiedsrichter zu all dem mit seiner humorvollen ironischen trockenen Art zu sagen gewußt hätte.

(Rudi K. Sander; Bad Schwalbach) 

 

 
 
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One Comment
  1. Horst_Hirst permalink

    Lesetipp: Esser, Hartmut (1991): ”Der Doppelpass als soziales System”, in: Zeitschrift für Soziologie. 20, 153-166.

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