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Der Mensch – Suchender Erfinder und Selbstfinder

23. März 2012

Stephen J. Gould, der wortgewaltige und gedankenreiche amerikanische Biologe, er hat uns gezeigt und klar gemacht, die Metapher vom Menschen als der Krone der Schöpfung führe gedanklich bildlich in die Irre. Nicht weil er Schöpfung durch Evolution ersetzt wissen will, schliesslich ist ja metaphorisch auch die Evolution eine Schöpfung, und gleich auch noch eine doppelte: eine Schöpfung der Natur in realitate und eine Gedankenschöpfung des Menschen selber, nein, Gould hat gezeigt, dass die Evolution kein linearer Baum ist, wo oben als letzter der Mensch erscheint als dessen Krone, und Evolution sei auch keine Pyramide mit dem Menschen als ihrer abschliessenden Spitze.

Nach Gould ist die Evolution so etwas wie ein vielfältig verzweigter Busch mit mehreren voran strebenden Achsen. Mit Gewissheit fängt das Leben als die Einmalerfindung der Natur irgendwann und irgendwo einmal an. Schon das sich Aufgipfeln der anorganischen Natur hin zu vielfältigen und hochkomplexen Molekülen ist ja für sich ein schier unbegreifbares Entwicklungswunder. Dann erscheint der erste stoffwechselabhängige Einzeller. Er ist zunächst kernlos und er vervielfältigt sich durch schlichte Teilung. Das diese Realteilung selber ein Wunder ist, lassen wir einmal beiseite. Dann inkorporiert sich dieser Einzeller andere Einzeller und andere schon hochkomplexe Molekülverbände wie Mitochondrien und Kerne und wird so zum Eukaryoten mit der ihn auszeichnenden Vorsilbe Eu gleich schön.

Doch mit dieser Schönheit gab sich die strebende Natur, die natura naturans, die gebärende Natur des Philosophen Spinoza, nicht zufrieden: sie strebte nach der natura naturata, der erschaffenen Natur aus Natur. Dazu musste die schöne und beeindruckende Doppelspirale erfunden sein, womit die sexuelle Fortpflanzung ihren Siegeszug beginnen konnte: Von nun an wird ein jedes neue Exemplar einer Art beides in sich vereinen: Gestalt- und Strukturmerkmale beider Elternteile. Und der sich entfaltende und aufstrebende Busch des Lebens, er bildete vollkommen formfremde Zweige aus: der Zweig der Einzeller hielt trotzig an seiner schlichten Methode des Weitermachens im Bewährten bis heute hin fest. Dann entwickelten sich die Insekten und schufen mit der Methode, das Feste sei aussen, um das Empfindliches des Inneren zu schützen, ein Riesenreich an sich in allen Lebenslagen bis heute hin bewährenden schier unüberschaubaren Formen, gelungenen und auch manchmal aus unserer Sicht ziemlich monströsen. Aber: alles, was lebt und sich fortpflanzen kann muss letztendlich auch als gelungen angesehen und gewürdigt werden. Und was wären die vielfältigen Pflanzen ohne diese Vielfalt an Insekten.

Ein anderer Zweig am Busch des Lebens sind die Knochenwesen. Hier hat die Natur – was sie gerne tut – den Spiess sozusagen einfach einmal umgedreht: Das Feste, das Gerüst oder das Gestell, es befindet sich jetzt im inneren des Bauplans, macht sich unsichtbar, aber übernimmt nun die Last des Tragens und der Bewegung: es entstand das Knochengerüst mit seiner Meistererfindung der Wirbelsäule. Solche Wesen sind zunächst praktisch Gliederlos, bis auf die wichtigen Flossen, sie entstanden im Meer, dieser grossen Weltheimat, und wir nennen sie allgemein und umfassend Fische. Aber Fische sind neugierig, wie es alles Leben zu sein scheint: es hielt sie nicht in den Weiten der Meere, sie eroberten sich auch das Land, indem aus den Flossen Glieder wurden, Beine erst und dann auch Arme. Jetzt war die allfällige und wichtigste Erfindung erst einmal eine geschlossene, eine alles umschliessende wasserdichte aber auch wasserdurchlässige Haut, oft bewehrt mit den ererbten Schuppen, dann mit Haaren und Federn. Am gewaltigen Entwicklungsende: aufragend zu Sauriergrösse, sogar den Luftraum eroberte sich diese grosse Familie, bis die Natur – offensichtlich durch einen Zufallseingriff der anorganischen Materie aus den Weiten des Alls – diesem Grössenwahn ein evolutionäres Ende bereitet und den Kleinsäugern das Tor des Lebens nun weit aufmachte. Das war schliesslich auch die Stunde des Menschen, auch wenn es in der Entwicklung der Säugetiere noch ein sehr weiter Weg war hin zu diesem seltsamen federlosen und auch sonst schier waffenlosen Abkömmling der affenartigen Baumbewohner, der spürte, er könne auch aufrecht durchs das Leben gehen und der es infolge davon auch wagte, die Bäume und den sicheren Wald zu verlassen und hinauszutreten in die sonnenhelle, winddurchtoste aber auch auf viele Weise gefährliche offene Savanne.

Nachdem es nun einmal so weit gekommen war, war vor diesem Wesen nichts auf der Welt und nichts in der Welt mehr sicher insoweit, das er sich Werkzeuge erschaffend aufmachte, von allem die Gründe zu ergründen. Auf diesem schier unbeschreibbaren Punkt steht der Mensch heute. Er ist nur die Spitze eines der wild auswuchernden Zweige eines vielverzeigten Busches. Und Stephen J. Gould sagte, damit den vielen bekannten Kränkungen des Menschen durch den Menschen eine neue und letztgültige zufügend: Wenn die Natur, hier oder woanders im endlosen Universum noch einmal mit dem Leben anfinge (oder auch vielleicht schon – oft – angefangen habe), nie wieder werde die Evolution noch einmal genau diesen Weg beschreiten: Der Mensch ist also schon metaphorisch eine Krone, im Sinne von Einmaligkeit, aber er ist eine Krone des Zufalls, wie der andere grosse Biologe Jaques Monod sagte, ein Produkt des Zufalls in seiner immer letztgültigen Form der ihm innewohnenden Notwendigkeit. Noch einmal wird es die Gattung der uns vertrauten und doch oft so unvertrauten Menschen nicht mehr geben. Das wird uns aber gewiss nicht davon abhalten, uns unvernünftig zu verhalten, trotz des ebenso einmaligen Wunders unseres Gehirns, mit dessen Kapazität, die inzwischen weit über das Überlebensnotwenige hinausgeht, wir durchaus in der Lage sind, uns ein ziemlich umfassendes Bild zu machen vom Universum selber und von dem Wunder des Lebens in ihm. Wir, der Mensch, als dieser monodische Zigeuner am Rande des Weltalls.

(Rudi K. Sander)

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