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Das Böse im Menschen – Erbsünde oder Phantasie Einzelner?

1. März 2012

Der deutsche Jüdische Schriftsteller Josef Roth hat grossartige Romane geschrieben. „Radetzkymarsch“ zum Beispiel kennt ein jeder, der überhaupt einmal irgendetwas liest, und mit der „Kapuzinergruft“ haben sich gewiss alle Schüler einmal in ihren Deutschstunden befassen müssen. In sehr vielen Denkbereichen und auf noch mehr Argumentationsebenen ist mir Josef Roth lieber und sympathischer als es mir meine deutschen Lieblingsautoren sind, zum Beispiel die Gebrüder Mann, Hermann Hesse, Robert Musil, Gerhard Hauptmann, Günter Grass oder Heinrich Böll.

Als ein Meisterwerk innerhalb der Roth’schen Meisterwerke gilt vielen Kommentatoren sein 1929 vollendeter Roman über einen lebensstarken und gottgläubigen, in seinem Glauben unerschütterlichen Ostgalizischen Juden und seine Lebensart und die erschreckenden Lebensumstände, der den kurzen und sofort Verständnis signalisierenden Titel aus dem Alten Testament der Bibel trägt: „Hiob“.

Darin findest sich gleich zu Anfang eine den heutigen Leser sehr verstörende Stelle: Die Kinder Hiobs, zwei normale Buben, einer stark und grob, der andere fein und zierlich, sie erhalten von der Mutter den unabweisbaren Auftrag, ihren missgestalteten und wohl leicht idiotischen kleinen Bruder von nun an zu hüten und zu beaufsichtigen und ihn auf keinen Fall aus den Augen zu lassen , eben weil der in allen Punkten des Daseins der Hilfe seiner Brüder und der Mitmenschen bedürftig ist. Der Kleine heisst Menuchim. Und dann muss man lesen:

„Eines Tages im Sommer, es regnete, schleppten die Kinder (sc. seine Brüder; dB) Menuchim aus dem Haus und steckten ihn in den Bottich, in dem sich Regenwasser seit einem halben Jahr gesammelt hatte, Würmer herumschwammen, Obstreste und verschimmelte Brotrinden. Sie hielten ihn an den krummen Beinen und stiessen seinen grauen, breiten Kopf ein dutzendmal ins Wasser. Dann zogen sie ihn heraus, mit klopfendem Herzen, roten Wangen, in der freudigen und grausigen Erwartung, einen Toten zu halten. Aber Menuchim lebte. Er röchelte, spuckte das Wasser aus, die Würmer, das verschimmelte Brot, die Obstreste und lebte.“ (Suhrkamp-Ausgabe, Reihe Suhrkamp BasisBibliothek Seite 22 unten).

Wem fallen beim Lesen hier nicht sofort die waterboarding genannten Praktiken der US-Armee im Irak und im ungesetzlichen Gefängnis Guantanamo ein? Aber eine solche Reminiszens ist selber ungerecht, denn muss man als Leser, der viel gelesen und gehört und auch im nachvollziehenden Kulturbereich der aktuellen Medien miterlebt und angeschaut hat, muss man als ein solcher Leser nicht an die Berichte aus deutschen KZs denken? Aber was soll man eigentlich hier wirklich denken, wenn mann dies 1929 Geschriebene nun im Jahre 2012 (noch einmal) wieder liest? Ist Josef Roth nun ein Prophet oder nur ein pessimistischer und überaus skeptischer Menschenkenner und Anthropologe? Ist das, was Roth hier mit der unbestechlichen und neutralen Stimme des Erzählers so einfach und mit erschreckender Meisterschaft erzählt, eben auch heute und damit immer von den Menschen zu erwarten?

Der Vater dieser Kinder ist das zu bewundernde Musterbeispiel eines frommen und dennoch durchaus aufgeklärten Juden, der sein Leben in Ostgalizien leben muss, als im Herrschaftsbereich der ehemals riesig ausgedehnten K.u.K.-Monarchie Österreich, einem Staat, organisiert als ein Kaiserreich, das bis hin an die Adria reichte und sich über den Balkan bis nach Ungarn erstreckte und ungezählte Völkerschaften erfasste, umschloss und einschloss. Dieses Österreich-Ungarn wird von Roth im tiefsten Grunde immer verteidigt und meist mit grosser Liebe und Einfühlungskraft beschrieben. Was sieht Josef Roth hier, was will er uns mit einem solchen Text, mit einer solchen Schilderung überhaupt sagen? Dabei ist Roth doch einer, der an den Menschen glauben will, auch wenn er allen Fortschritt verteufelte und den Verlust des allgemeinen Gottesglaubens so sehr bedauerte, dass er, der selber fromme und überaus aufgeklärte Jude, vielen schon wie ein Katholik erschienen ist.

Es bleibt einfach die grosse Frage des Königsberger Philosophen deutscher Zunge, Emanuel Kant offen: was ist der Mensch?

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One Comment
  1. Maren :-) permalink

    Der Mensch ist alles…

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