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Wie halten moderne Regierungen ihre Massen im Zaum?

29. Februar 2012

Das berühmteste und vielleicht auch berüchtigste Konzept stammt doch wohl von Hobbes, der den Leuten einredete, der einfache gewöhnliche Mensch sei seinesgleichen reisserischer und zerstörerischer Wolf. Der Werbespruch homo homini lupus est wurde dann auch eines der ersten und dauerhaftesten Polit-Brands der Weltgeschichte, und er wurde zur Machtstütze für das Herrscherprinzip selbsternannter Könige zur Disziplinierung des Adels und zur Ruhigstellung der Massen. Die willige Hure hierbei war die Kirche, denn alle Gesalbten liessen sich von ihr salben mit dem zweiten Brandzeichen: „Von Gottes Gnaden“. So etwas zieht selbstverständlich heute nicht mehr. Heute bevorzugen die prekariaten Massen Slogans wie „Geiz ist geil“ oder gleich die Entlastungsplattform der Beruhigungsmaschine Google mit der alle guten Geister allein durch die Masse des Gebotenen verwirrenden Sonderbrandmarke Youtube, die indirekte Schwester von youporn. Versammeln sich vor der einen die stillen Onanierer und Masturbanten, die damit für keinen mehr eine Gefahr sind, nicht einmal mehr für sich selbst, weil alle wissen, die alte Pfaffendrohung, wer viel onaniere, der bekomme Rückenmarksschwindsucht, habe gar keine reale Geltung, und die anderen Bildersüchtigen lassen sich freiwillig von der schier unendlichen Fülle der Bildmeinungen von der Bildung einer eigenen Meinung abhalten. Denn Aufmerksamkeit ist nun mal eine nicht verdoppelbare Ressource, wie es die Sprache noch gewesen war mit ihrem Angebot, für einen jeden positiven Satz einen negativen zu ermöglichen.

Der naive Hegel sprach noch vertrauensvoll von seinem Morgengebet, wenn er unter der aufgehenden Sonne der Aufklärung nach dem Verlassen des warmen und bergenden Bettes seine Tageszeitung aufschlug. Zwar werden immer noch Ummengen an armen unschuldigen Bäumen abgeholzt, nur um die täglich, wöchentlich und monatlich erscheinenden Printmedien zu ermöglichen, aber unabhängig davon, was die an Wahrheiten bringen oder nicht bringen, um ihnen folgsam zu folgen muss einer zunächst einmal ja lesen können. Nach der allgemeinverbindlichen Einführung der allgemeinen Schulpflicht hatten es die von den Herrschern verordneten Volksschulen zwar geschafft, diese Kunst mindestens in unseren Breiten flächendeckend zu verbreiten, bis statistisch fast ein Sättigungsgrad von 100% erreicht gewesen zu sein schien, aber die Statistiker melden, die Zahl der Analphabeten steige nun wieder kontinuierlich an. Man braucht sich darüber nicht zu verwundern: Bilder sind einfacher im Erzeugen des Einleuchtenden und schneller und gründlicher als gedruckte Worte, die schliesslich in ihrem kognitiven Zusammenhang erst einmal interpretiert werden und in einen Vergleichskontext gestellt werden müssen.

In der Stammesgesellschaft hatten die Leute die Sprache, und in die waren alle inkludiert. Mit der Sprache kam die Lüge in die Welt, und wer nicht nur sprechen, sondern auch ein wenig denken konnte, der wusste das. Misstrauen gehörte zum kommunikativen Alltag. In der Adelsgesellschaft mit ihrer Erfindung der Schrift entstanden dann auch die schreiben könnenden Eliten. Ihr Gegenstück waren dann jene exkludierten Massen, die diese Kunst der Mitteilung nicht beherrschten. Die Höflinge logen und tricksten nun nicht mehr mit der Sprache allein, sondern auch in ihren Briefen. Der Buchdruck ermöglichte die Aufklärung und die Aufklärung machte die Revolution und den Aufstieg des Bürgertums mit dem Abwerten der Privilegien des Adels möglich. Jetzt setzte sich der Slogan durch, was man schwarz auf weiss besitze, könne man ungestraft davontragen. Das relativierte die bis dahin unangefochtenen Wahrheiten der Bibel. Bald lasen alle, und bald zweifelten alle auch an allem. Aber die Vernetzung der Wissenden wie der Unwissenden war schliesslich dennoch sehr gering.

Doch dann kam das Telefon, das Radio, das Fernsehen und schliesslich das Internet. Und das war – so schien es zunächst – für die Herrschenden gar nicht nett. Sofort erschienen auch die entsprechenden Warner auf dem Plan. Doch die Herrschenden, diejenigen, die wirklich die Macht haben, weil sie sie auch bezahlen können, diese Herrschenden waren schneller und gründlicher als jemals zuvor in der Geschichte der medialen Beruhigung der immer prinzipiell zum Aufstand und Widerspruch neigenden Massen. Kein technisches Gerät erzeugte solche eine ungeheure Verbreitungsrate wie der Computer und das mit ihm verbundene oder zu verbindende Handy. Das war die neue Aufmerksamkeit bindende Kette, an die jene Herrschenden der Neuzeit und Moderne und der schon bei uns angekommenenden sogenannten nächsten Gesellschaft nun für immer die nach Information strebenden Menschen zu fesseln wussten. Für alle sichtbarer Prototy des scheindemokratisch legitimierten Herrschers war der Medientycoon Berlusconi als Nachfolger der wahren römischen Cäsaren: Er beherrschte nicht nur die Regierung und das Rechtswesen, er beherrschte vor allen Dingen die öffentliche und die veröffentlichte Meinung als der Herr über drei Fernsehsender. Doch die unsichtbare Macht der Internetgemeinde hat ihn wohl doch am schlechten Ende gestürzt. Nun tobt also eine Schlacht in den digitalisierten Medien: Zwar kann hier nun jeder, der schreiben kann, auch öffentlich schreiben, aber keiner weiss nun mehr, wer dort schreibt, und die Zahl der gekauften Schreiber und der freiwilligen Trolle scheint schneller zu wachsen als jene Treuen, die immer noch glauben, man könne mit offenem und ehrlichen Schreiben in den BLOGs die Welt der Meinungen beeinflussen und zum guten und besseren verändern.

Die Regierungen und die hinter ihnen Herrschenden, sie wollen die Macht über das Netz und den vollen Durchblick darin. Keiner kann sagen, ob es ihnen gelingen wird, die naturgemässe wahre Komplexität des Netzes insoweit zu reduzieren, dass es möglich sein wird, einen jeden, der in ihm schreibt, am Ende auch festzunageln. Technisch wäre es wohl möglich, aber entscheidend wird sein, ob man es politisch auch durchsetzen kann. Sollte dies der Fall sein, dann gnade uns Gott, wenn der neue Weltdiktator sein grausames Haupt erheben wird: Die Welt wird dann ein einziges KZ werden. Die Herrschenden werden dann lückenlos wissen, wo die Trotzigen sitzen, die ihnen zu widerstehen trachten. Sie gilt es denen dann, sie zu vernichten. Und das wirklich Schreckliche ist: Die Menschen zeigen vertrauensvoll im Netz ihre wahren Blössen. So wie Hagen durch Kriemhilds ungewollten Verrat wusste, wo Siegfrieds schwache Stelle war, in die hinein er seinen Speer schleudern konnte, so trachten die Herrschenden uns allen nach der reinen Seele. Sie gestatten uns in den neuen Foren wie Mao „tausend Blumen“ spriessen zu lassen, und die werden sie uns dann, wenn die wahre und letzte Machtstunde geschlagen haben wird, ins freche Maul stopfen. Cave canem, hiess es einmal in Rom an den Haustüren der Reichen, und gemeint waren tatsächlich Wachhunde. Heute muss es heissen cave regem: Hütet euch vor denen, die euch regieren!

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