Skip to content

Der Mensch – Erzähler und Erzählung

6. Februar 2012

Der Franzose Lyotard, ein grosser Erzähler, wenn auch kein sehr deutlicher, dafür ein umso deutbarer, woraus sich sein Ruf wohl erklären mag, dieser Lyotard hat sich nun eine besondere Erzählung ausgedacht: er hat uns weisszumachen versucht, es ist ihm vielleicht sogar gelungen, die Zeit der grossen Erzählungen sei nun für immer zu Ende. Der Mensch sei nun aufgeklärt, er lebe nun sehr modern, im Zeitalter der Postmoderne, und es es gebe zwar noch viele kleine, täglich wechselnde Neuigkeiten, aber unter dieser Sonne eigentlich nichts mehr wirklich Neues. Fukiyama stimmte ihm sofort zu und erklärte die Geschichte, auch einer der grossen Erzählungen, für beendet. Man sollte meinen, nun habe weltweit das Zeitalter der interessanten Langeweile begonnen, wenn nicht gar ihrer nutzniessenden Langweiler.

Peter Sloterdijk, auch einer der ganz grossen Erzähler, er hat uns nun ein Buch angekündigt, jedenfalls hat sein wie immer etwas voreiliger Verlag dies getan. Das Buch sollte im Herbst 2011 erscheinen, mir lief schon das Wasser im Munde zusammen, dann wurde das mögliche Erscheinungsdatum verschoben, zuerst auf das Frühjahr 2012, und nun soll Sloterdijks grosses Opus erst im Kommenden Jahr das helle Licht der Buchmessen überstrahlen. Wer oder was an der Ver-Schiebung schuld ist, weiss ich nicht, naturgemäss kann es nur der Autor sein, der seinen Manuskriptplan zu früh und zu voreilig angekündigt hat. Aber der wird sagen, es gebe täglich so viel Neues und auch Grosses zu erzählen, dass es daher nicht leicht sei, einen temporären Schnitt zu machen, damit die Erzählung über die grossen Erzählungen schliesslich einmal abschliessend beginnen könne. Ich lasse es hierbei bewenden und erkläre dennoch freimütig, mich als herzlich angetan, weil ich den Erzähler Sloterdijk sehr schätze, aber bereit bin, mich dennoch oder gerade deshalb auf sein angekündigtes Buch sehr zu freuen.

Wenn man es ruhig und gelassen so für sich selber bedenkt, sozusagen in Gedanken vor sich hin erzählend, nur einmal versuchsweise und vollkommen für sich selber, dann muss man sich sagen, es gebe – genau genommen – nur drei wirklich grosse Erzählungen. Sie tragen die Titel: „Die Natur“, „Der Mensch“ und „Die Kultur“.

Die Erzählung über die Natur beginnt mit der einen grossen Frage, warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts. Kaum war die Sprache erfunden als die Möglichkeit, zu fragen und zu antworten, und kaum war die genannte erste grosse Hauptfrage wie ein Hut in den Ring der möglichen grossen Erzählungen fordernd und herausfordernd hineingeworfen, da vollendeten die Sprache sprechenden Sprecher leichtfertig schon die erste der grossen Verwirrungen, sozusagen die Mutter aller folgenden möglichen Verwirrungen. Aus der greifbaren Tatsache, dass da ausserhalb des erzählenden Menschen etwas IST, und weil ein jeder Aussagesatz, auch der kürzeste, sein Satzsubjekt mit der gewollten Satzausage, dem Prädikat, durch dieses IST verbindet, schon wurde flugs aus dieser Verbindung, diesem Satzelement des Bindens und Verbindens „Das Sein“. Weit und breit niemand, der warnend seinen Zeigefinger hob: Achtung!, bitte sprechend und Erzählend nichts grösser machen als es ist. Wörter, die festgestellte Eigenschaften markieren sollen, solche Wörter wie wahr, gut oder schön, solche Wörter gehören nicht aufgeblasen wie ein Luftballon zur Wahrheit, Güte oder Schönheit. Sollte irgendwo eine Katze auf einer Matte liegen, und sollte irgendwer dies für beachtenswert und für irgendwie und für irgendwen als bedeutungsvoll erachten, so möge er zeigend auf diese Katze und diese Matte hinweisen und verweisen und ruhig und gelassen sagen, wenn es der andere durchaus wissen möchte: „Da liegt eine Katze auf einer Matte“. Der Hörer, wenn er guten Willens ist, wird hinschauen, um sich selber vom Gesagten zu überzeugen, (sapere aude), und er wird aufrichtig und treu antworten: „Du hast recht, es ist wahr, da liegt eine Katze auf dieser einen besonderen Matte. Und diese Katze, ich kenne sie, denn sie gehört ja zu unserem Hause, diese Katze fängt Mäuse, das ist gut für sie und für uns, und ich sage mal, obgleich es vielleicht nur meine persönliche Meinung und Ansicht ist, die Meinung und Ansicht eines idiosykratischen Beobachters, diese Katze sieht auch noch gut aus und das finde ich schön.“ Viel mehr ist beim Erzählen eigentlich nicht drin.

Deshalb heisst es auch in der weltweit grössten schriftlichen, also geschriebenen und viel später auch gedruckten Überlieferung, alle Rede sei Ja-ja oder Nein-nein, weil alles, was hierüber hinausgehe, von Übel sei. Das hat selbstverständlich dennoch niemanden davon abgehalten, Übles zu tun und dann auch noch darüber zu reden. Womöglich dann aus dem Getanen eine grosse Erzählung zu machen. So entstanden aus den Taten der Menschen die vielen Erzählungen, die man zusammenfassend die eine Erzählung namens Geschichte nennt. Die Ängste des Menschen und seine Hoffnungen auf Erlösung von allen lebend vorgefundenen oder auch eingebildeten Übeln und Gefahren verdichtete dann der erzählende Mensch in die verschiedenen grossen Erzählungen, die man zusammenfassend Gottesgeschichten nennt oder gleich – es auf den Punkt bringend – Theologie.

Der Versuch, die Geschichte der Natur nicht zu eng – oder besser überhaupt nicht – mit der Theologie zu verbinden, schaffte dann die grosse Erzählung der Philosophie. Aus der Philosophie, also aus dem Versuch, die Natur der Natur und die Natur des Menschen zu erklären, sind dann im Laufe der – sagen wir mal – letzten viertausend Jahre, mit dem anerkannten Schwerpunkt und Wendepunkt vor zweieinhalb Tausend Jahren, der sogenannten Achsenzeit vor allem in Griechenland, und soweit es das Abendland und damit Europa betrifft, die zahlreichen und ständig sich weiter aufteilenden Wissenschaften entstanden. Die seltsame Folge ist, der moderne einzelne Wissenschaftler weiss von seiner punktuellen kleinen Wissenschaft ALLES, aber vom Grossen und Ganzen weis er praktisch gar NICHTS mehr. Jedenfalls weiss er seinen mit ihm lebenden Mitmenschen von dieser seiner Wissenschaft partout nichts mehr zu erzählen, jedenfalls nichts mehr, was ein normaler, ein normal ausgebildeter Mensch auch tatsächlich verstehen und nachvollziehen kann.

Die bis heute nicht endgültig ausgetragene Spannung zwischen den Erzählungen der Theologie und denen der Philosophie, wobei an die Stelle der Philosophie ja nun – wenn auch nicht absolut – die Wissenschaften getreten sind, diese Spannung und auch dieser aus ihr resultierende anscheinend unüberbrückbare Graben, als zusammenfassende Erzählung hat er üblicherweise den Namen Kultur, und als erzählte Geschichte eben den Namen Kulturgeschichte. Diese Spannung hat geführt zu der klugen Einsicht in die Relativität alles Gesagten, also immer zu der Bezogenheit auf etwas anderes, selber auch immer nur relatives. Die Fachleute sagen dann, es gibt keine endgültigen Signifikate, es gebe immer nur gleitende Signifikanten. Diese „Verschiebung“ aller spezifischen Bedeutungen als einer temporären Deutung trägt den einschüchternen französischen Namen différance, ein unübersetzbares Wortspiel mit dem französischen Wort différence für Unterschied. Man siehr: ein einziger Buchstabe kann einen Unterschied machen, der – nach Bateson – wirklich einen Unterschied macht. Der erzählende Mensch ist ein Spieler, ein sprechender und schreibender Sprachspieler. Bei diesem Spiel sollte man aber nie leichtsinnig und leichtfertig die Sprache und ihre immer nur schwebenden Erklärungskraft auf’s Spiel setzen, wie es heutzutage die Börsenzocker so leichthin und vollkommen verantwortungslos mit dem Geld tun. Jeder Sprecher sollte immer eingedenk bleiben der grundlegenden Einsicht, alles Gesagte könne allemal auch anders gesagt werden. Die harte Folge: fest geglaubte Einsichten von heute sind potentiell stets die Irrtümer von morgen. Daran arbeitet die Menschheit als die niemals zu summierende Summe aller zeitweise gültigen Einsichten und Ansichten.

Die grösste Errungenschaft der Kulturgeschichte ist die Einsicht, die sich endlich fast flächendeckend verbreitet und durchgesetzt hat, das alles, was der Mensch weis und zu wissen glaubt, bei aller Schönheit und auch Brauchbarkeit, dennoch – wegen der Endlichkeit des Menschen – nichts weiter ist als ein Machwerk im allerbesten Sinne dieses Wortes. Der Mensch weiss verlässlich immer nur das, was er machen kann. Und weil dieses sein Wissen, wenn es nicht von allen gewusst wird, auch eine Macht sein kann, mit deren Hilfe Menschen auch andere Menschen unterdrücken und in Schach halten können, deshalb gibt es in dieser Menschenwelt auch die – vielleicht unaufhebbare – Spannung zwischen den Verschleierern und den Offenlegern. Die Mächtigen wollen ihre ihnen zugewachsene oder auch demokratisch zugeteilte Macht möglicht lange behalten und möglichst nur mit Wenigen teilen. Das sind die Verschleierer, die Liebhaber des Klandestinen und der Intransparenz. Und die Offenleger, die sich optimistisch seit zweihundert Jahren auch die Aufklärer nennen lassen und selbst zu nennen belieben, sie tragen die Fahne der Transparenz und Durchsichtigkeit aller Menschlichen Verhältnisse unter den Feldzeichen des Lichtes und der grellen Beleuchtung aller Verhältnisse vor sich her, um dann ihrerseits das Wissen zu beherrschen. Deshalb ist eben nichts wichtiger geworden, als über das Tun und Treiben auch der Aufklärer alle anderen aufzuklären. Das nennt man dann Abklärung der Aufklärung.

Ein Ende ist also nicht abzusehen. Und gerade deshalb darf man sich freuen auf das Erscheinen des neuen Buches von Sloterdijk über seine Erzählung der grossen Erzählungen. Einer seiner nicht unbedingt wohlmeinenden Freunde hat ihn einmal etwas herabsetzend einen Dampfplauderer genannt. Sloterdijk sollte dies unbekümmert als einen Ehrentitel annehmen: wo die meisten Erzähler, wenn sie sich das Komplexe und schwierig zu Durchschauende als Thema vornehmen, nur mit klappernden Gedankenhandwebstühlen arbeiten, muss dem Vorsteher des Philosophischen Quartetts jeder neidlos bescheinigen, seinen Gedankenwebstuhl – gemeinsam mit Rüdiger Safranski – tatsächlich wie mit Dampf betrieben in Schwung gebracht zu haben. Und die darauf fabrizierten monatlich herausgebrachten Denkmuster haben tatsächlich die herrlichsten Farben und Formen. Man muss es diesen beiden ganz transparent sich gebenden Vordenkern tatsächlich lassen: Sie holen auch aus ihren jeweils zwei als kompetent erklärten Gästen alles heraus, was man mit geschickten Fragen so aus klugen Leuten herauskitzeln kann.

Ob man nun liest oder irgendwo irgendwem zuhört, irgendwann stösst man immer auf das Wort komplex und auf den Begriff der Komplexität. Man sollte sich dabei immer vor Augen halten, Komplexität – als Wort und Begriff – ist quasi ein Paradoxon: es meint schlicht und einfach Undurchschaubarkeit im allerwörtlichsten Sinne. Solcherart erscheint es fast wie eine Schwester des dunklen Wortes Chaos. Und diese Tatsache und dieser Umstand ist dennoch durchschaubar und leicht zu erklären: Immer wenn die Zahl der Elemente eines Sampels oder eines Systems so gross geworden ist, dass es dann tatsächlich praktisch unmöglich geworden ist, auch mit Hilfe von schnellen und mächtigen Computern, alle diese Elemente real und sinnmachend miteinander zu verbinden, dann – und nur dann! – spricht man von Komplexität. Mit anderen Worten, und dies ist zugleich die Erklärung dieses unabweisbaren Zusammenhangs: wenn die Zahl der Elemente auch nur linear anwächst, schon dann wächst die mögliche Anzahl der dann denkbaren Verknüpfungen dieser Elemente miteinander und untereinander auf eine logarithmische Weise in der Potenz dieser Linearität. Die Wachstumskurve der Verbindungen geht also sehr bald und dann verdammt schnell steil nach oben und tendiert sozusagen gegen unendlich, (jedenfalls was die erfassbare und mit technischen und gedanklichen Mitteln mögliche Einfangbarkeit anbetrifft). Vollkommen unterschieden hiervon ist der Begriff des Komplizierten: Ein Airbus, eine Raumstation, eine Mondrakete, sie mögen aus noch so vielen Teilen bestehen: Der Gesamtkonstrukteur, den man ja in einer Person mit seinem Team personifizieren kann, er wird in seinen Konstruktionsplänen und in den so sprichwörtlich gewordenen „Blaupausen“, (die es technisch gar nicht mehr gibt), stets auf den Punkt in seinen Papieren und Unterlagen verweisen können, wo sich dieses eine Teile tatsächlich befindet und was es nach seinem Willen leisten soll und auch leisten wird. Das wäre Kompliziertheit. Etwas ganz anderes ist die Frage, was passiert, wenn etwas beim Betrieb ausfällt. Wenn eine solche komplizierte Maschine in Betrieb ist, passiert ja sozusagen alles dann Mögliche gleichzeitig. Und dann wird ein solches kompliziertes System quasi kontingent: Jedes einzelne Teil hat die Möglicheit, zu versagen oder nicht zu versagen, und niemand kann sagen und schon gar nicht vorhersagen, wann dies tatsächlich geschehen wird. Dieser Zusammenhang des möglichen Gesamtversagens einer Kompliziertheit, der ist selber komplex, also undurchschaubar. Und deshalb werden bei Apparaten und Maschinen, die lebensnotwenig funktionieren müssen, die hierfür wichtigsten und unverzichtbaren Teile, Komponenten und Komponentengruppen mehrfach ausgelegt, also redundant gemacht. Der Begriff Redundanz kommt aus der technischen Informationstheorie, die zwischen Sender, Kanal (mit Rauschen) und Empfänger unterscheidet: Ein Telegramm „Eintreffe morgen 17.00 Hauptbahnhof“ wäre sehr ungeschickt, denn stets beim Fehlen eines dieser vier Wörter würde ein Zusammentreffen der Partner infrage gestellt. Wer verstehen will, weil er verstehen muss, wird dann schnell fordern: „bitte ETWAS mehr >Butter bei die Fische<„, der Absender muss sein Telegramm redundant machen: mehr Wörter, mehr Fakten, ein wenig mehr an vermeintlich Überflüssigem.

Weil irgendwann ein jeder Text ein Ende haben muss, wie eine Schulstunde oder eine Vorlesung oder ein Seminar – man kann ja stets wieder zu einer anderen Zeit mit einem anderen Gedanken neu beginnen – soll hier jetzt erst einmal Schluss sein: Natur, Mensch und Kultur sind nicht nur komplizierte, sondern sie sind komplexe Gegenstände, mit deren Beschreibung der Mensch als ihr und sein Beobachter, (als Beobachter des Beobachters), niemals zu Ende und auch im allerbesten Falle immer nur halbwegs zurande kommen kann und auch nur kommen wird. Aber daran wird der Mensch, so lange er dafür sorgt, immer wieder neu anfangen zu können, nicht scheitern. Die Menschheit muss sich – bei aller chaotisch erscheinenden Komplexität – nur halbwegs redundant verhalten, getreu der Maxime eines verstorbenen klugen deutschen Physikers, der seinen Ruhm als Kybernetiker 2. Grades in den USA begründete: Handle immer so, dass sich die Zahl deiner Möglichkeit mindestens nicht verkleinert, besser aber noch vergrössert.

Advertisements

From → Uncategorized

One Comment
  1. I like this „story“ (erzhählung klingt besser) but will not press the like-button.

    Two typo’s:

    Fukiyama should be Fukuyama
    „Man siehr: ein einziger Buchstabe“ should be „Man sieht: ein einziger Buchstabe“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: