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Kosmischer/Ethischer/Ästhetischer GOTT?

27. Januar 2012

Für die Griechen war der gedanklich oberste Abschlussbegriff, über den hinaus zu fragen für den Menschen sinnlos erscheinen muss, Nicht GOTT sondern LOGOS.

Und die solcherart beginnenden altgriechischen Denker entfalteten diesen Logos, also das, was wir heute wohl mit Rationalität meinen, in die drei Gedankenfelder des WAHREN, GUTEN und SCHÖNEN. Diese Trias ist auch bekannt unter der Dreiteilung als Logik-Ethik-Ästhetik. Oder auch unterschieden in Theorie, Moral (gleich Praxis) und Kunst. Ken Wilber unterschied in diesem Zusammenhang eine kognitive ES-Sprache, (die erschlösse uns das Feld der Wissenschaft, also eben die Logik im Zusammenhang mit der Frage, was können wir wissen?), eine handlungsleitende WIR-Sprache, (die leitete unser Suchen im Felde der Ethik und Moral im Zusammenhang mit der Frage, was können und sollen wir tun?) und ein ICH-Sprache, (die uns im Felde der Kunst zeigen kann, wie und was wir sehen, wenn wir unseren Blick richten auf die Welt um uns, mit uns oder in uns.)

Diese Triaden beschreiben und umfassen offensichtlich beides: das SEIN und das SEIENDE, (worin das DASEIN, um es umfassend Heideggerisch zu sagen, eingeschlossen wäre). Und dann liegt es doch nahe, sich zu fragen, wie diese drei Felder zusammengehören, wenn sie es denn tun. Überraschend findet sich hierzu eine Bemerkung bei Carl Friedrich von Weizsäcker, die diesen Zusammenhang infrage stellt, denn er sagt: „Diese Trias ist, …, nicht aus der Natur des Menschen herzuleiten. Ich kenne keine einleuchtende systematische Begründung für sie. Vielmehr scheint sie mir zu bestehen aus einer Leitpointierung, nämlich der Theorie, und ihren kompensierenden Restpointierungen, zuerst der Praxis, dann der Kunst.“

Vielleicht ist es einfach so: a) Zeit finden wir als das bewegte Sein und b) Sein als die unbewegte Zeit. SEIN und ZEIT wären dann zwei Seiten einer Form des Unterscheidens und Bezeichnens (als einer Operation) im Sinne des bekannten Kalküls von Georg Spencer Brown: Beide Seiten solch einer Form, zwischen denen der Operator oszillieren darf, zeigten dann nur die beiden Seiten einer Einheit, eben die des EINEN, des Logos, worin die Griechen das vermutete und behauptete Ganze ausdrücken wollten und das dann ein Universum wäre, eine Totalität, nämlich das in der Zeit sich entfaltende Sein als Wirklichkeit aus Möglichkeiten UND die im Sein ruhende Zeitlichkeit als Möglichkeit für Wirklichkeiten. Spencer Brown zeigt ja in seinem Kalkül, dass solch ein totalisierendes Universum immer entsteht, wenn ein ursprüngliches Möglichkeitsfeld durch eine anfängliche und alles weitere in Gang setzende Unterscheidung, einer unterscheidenden Bezeichnung, (also im Grunde ein oder das NICHTS) durch einen entschlossenen Schnitt IN FORM gebracht wird als eine INFORMATION, über die man dann – weiter unterscheidend und entfaltend – reden könnte und reden kann: und zwar mindestens und sinnvollerweise so lange, bis in der Kommunikation EGO dem ALTER signalisiert (durch schweigende oder durch artikulierte Zustimmung), er habe VERSTANDEN. Das Oszillieren des den Sinn entfaltenden Operators wäre dann das ständig bewegte MITTEILUNGshandeln, woraus sich die Luhmann’sche Kommunikationstriade aus Information/Mitteilung/Verstehen zusammensetzt.

Die für Carl Friedrich von Weizsäcker also nicht transformierbare Trias Theorie/Praxis/Kunst findet sich in zahllosen Texten und bei letztlich jedem massgeblichen Autor, wenn auch nicht immer in der selben Form. Wir finden sie als Philosophie/Religion/Poesie bei Goethe, oder als die geradezu trialektische Unterscheidung theoretisch/moralisch/ästhetisch, oder als Vernunft/Gefühl/Einbildungskraft in Friedrich Schlegels „Schriften“, oder zum Beispiel auch als das Unterscheiden (und damit Bezeichnen) zwischen Denken/Verhalten/Sinnlichkeit bei Heidegger in seinem „Nietzsche“. Der Autor Kaufmann, als er sich mit Nietzsche beschäftigte, hatte den Imperativ formuliert: Der Mensch werde Philosoph/Heiliger/Künstler und arbeite an der Verbesserung der (also seiner) Natur. Wobei der Heilige, nach Sloterdijk, als Asket in seinem ursprünglichen altgriechischen Wortsinne der Übende ist. Und mehr (aber auch nicht weniger) war von Nietzsche bei seiner Forderung oder Suche nach dem Übermenschen auch wohl gar nicht impliziert. In einem Text über Humor fand ich schon mal die Unterscheidung zwischen theoretischem, praktischem und ästhetischem Humor, (Martin Seel: „Humor als Laster und als Tugend“ in Zeitschrift MERKUR 9/10 (2002) Seite 744). Und ein paar Seiten weiter ist dann die Rede von Körper/Seele/Gesellschaft, wobei an dieser unterscheidenden Trias dann das Interessante ist, dass es bei einer parallel getroffenen Unterscheidung heisst: Physis/Psyche/Systema; die Gesellschaft steht hier also dann an der Stelle der Kunst und man sieht sie – wie Luhmann – als ein System. Wenn Luhmann in seinem 1984er Hauptwerk „Soziale Systeme“ erklärt, er gehe davon aus, dass es Systeme gibt, erkennt der Leser, dass und welchen Kunstgriff dieser grosse Soziologe hier angewandt hat.

Abschliessend noch der anekdotische Hinweis auf die drei „Lichtmetaphern“, von denen Carl Friedrich von Weizsäcker Spricht, wenn er triadisch unterscheidet zwischen Aufklärung (Griechisch), Offenbarung (Jüdisch/Christlich) und Erleuchtung (Indisch). Und in einem Philosophischen Quartett wurde einmal zwischen den beiden Initiatoren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski und ihren damaligen Gästen, deren Namen ich im Moment nicht erinnere, die redende Unterscheidung getroffen, bei einem Gespräch über die unauflösliche und sich doch immer wieder durchdringende Differenz zwischen Wissen und Glauben, zwischen Wissenschaft und Religion (bzw. Theologie), die redende und suchende Unterscheidung also zwischen einem kosmischen (die Physik betreffenden), einem ethischen (die Moral betreffenden) und einem ästhetischen GOTT; (letzteren bedarf dann der Mensch, wenn er als Physiker sich mit Ursachen und als Ethiker sich dem selbstgesetzten Entstehen und Behaupten von Sinn beschäftigt, weil ihm die Physiker sagen, die Natur kenne keine Moral, der Mensch aber, wenn er nicht zum Monster werden will, ohne Ethik und Moral nicht leben können/wollen wird. Der Mensch muss einfach zum Künstler seines Lebens werden, wenn er im blanken Schrecken des Erkennens seiner Animalität nicht untergehen will. Die Künstler wissen und spüren dies alle, und was sonst hat wohl Hölderlin gemeint, als er dekretierte: Was bleibet, stiften die Dichter.

      

    

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