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Verschleiern – Zerreden – Verantwortungslosigkeit

16. Januar 2012

Man kann die Welt, die sich immer gleich bleibt, trotz allem scheinbaren Wechsel, auf jeden Fall immer verschieden beschreiben: als einen an Realien gebundenen Sachverhalt, als einen unendlich komplexen und daher allemal strittigen Sozialverhalt oder als eine einmalige Performance mit Bindung an einen ganz bestimmten und durchaus fixierbaren Zeitverhalt. Aber genau so, wie man bei Strafe des Sichverlaufens niemals die Landkarte mit dem wahren Territorium verwechseln darf, oder die Speisekarte mit dem bekömmlichen Essen, genau so sollte man niemals eine Beschreibung mit dem Beschriebenen verwechseln. Die Sprache ist kein realer Zugriff auf die Welt, weil die Welt dazu neigt, sich einer jeden Beschreibung zu entziehen. Man überzeuge sich durch ein Selbstexperiment: Einen Orgasmus zu beschreiben oder die zahlreichen Empfindungen beim Vollzug eines immer einmaligen erotischen bis sexuellen Stellungsgefechtes, das ist philosophisch und sogar anthropologisch geradezu lächerlich, obgleich es historisch in ungezählten Büchern und Essays oder Erzählungen versucht wurde, denn wie ein jeder sogleich beschämt einsieht, gibt es für das Ficken keinen sprachlichen oder sprachförmigen Ersatz. Wer wissen will, wie das einschlägt und wie es sich anfühlt, der muss es tun. Wer anfängt, zu schreiben, der merkt sehr schnell, erstens kann alles Gesagte allemal auch vollkommen anders gesagt werden, sonst wäre die Menschheit längst verstummt, und zweitens tut nichts so weh wie die Einsicht, alles Gesagte sei allemal das Gemeinte schon nicht mehr. Beim Sprechen kann einem dieser Schrecken schon anfallen beim bloßen Mundaufmachen. Deshalb wird in der Welt unablässlich gevögelt, geredet und geschrieben. Und noch ein anderes an die Gesetze der Sprache gekoppeltes Übel kann einen zur Verzweiflung bringen: Das Problem der Plausibilität. Plausibel zu sein wird Schreibern und Sprechern nämlich von der Natur der Sprache zu leicht gemacht. Man nimmt ein paar einleuchtende Prämissen, hält sich an ein paar leicht zu erfüllende Regeln der Dignität, die man Konsistens, Kohärenz und Kongruenz nenne mag, wenn einer die akademische Kurve elegant nehmen möchte, und schon hat man einen Text, bei dem zumindest die Augen von Werbetextern oder Soziologen oder Politikern zu leuchten anfangen, von Theologen, Pharmaproduzenten, Anlageberatern, Esoterikern oder Rundfunkmoderatoren, die über neue Musik oder gar Klangkunst sprechen, gar nicht erst zu reden. Plausibilität ist die zwangsläufige Emergenz jeder andauernden Kommunikation. Und weil Kommunikation per se Gesellschaft ist, muss man sich nicht wundern, dass und wie die Gesellschaft funktioniert und zusammenhält und immer weiterbesteht, trotz aller kommunizierten Widersprüche, trotz aller kursierenden offensichtlichen Unwahrheiten, die man gar nicht Lügen nennen muss, wenn  man sich nur die Mühe macht, zu zeigen, es handele sich meistens nur um aus Faulheit, Absicht oder Geld- und Zeitmangel ungeprüfte Sachverhalte. Das meiste könnte die Gesellschaft besser wissen, aber wozu, es geht ja offensichtlich auch so. Und vor allem: die redenden und dadurch selbstverständlich auch handelnden Leute kommen wegen Verstössen gegen Sachverhalte, Sozialverhalte oder Zeitverhalte ganz selten ins Gefängnis. Die Gesellschaft hat nämlich verlernt, von handelnden Rednern oder von redenden Händlern Verantwortung einzufordern. Wahrscheinlich sogar nur aus den bereits erwähnten Zusammenhängen. Bänker, Politiker, Pharmahersteller, Schiffseigner, Fluggesellschaften, Bahnkonzerne, Materiallieferer, Konstrukteure, Architekten, Ärzte, Staatsanwälte und Richter, Kontrolleure, Gutachter, Ausschussvorsitzende, kurz alle, die andere ins persönliche Unglück stürzen können mit falschem Denken, Reden und Schreiben, sie alle verweisen auf ihre spezifischen und persönlichen Prämissen, und bums – schon sind sie davon gekommen. Lenin mit seinem zu Tode zitierten Diktum, vertrauen sei zwar gut, doch Kontrolle sei besser, der hatte damals in seinem Zürcher Exil mit diesem Spruch nur recht, weil er an zu Hause dachte, an sein leicht zu überschauendes kulakisches Russland. In der doppelten Komplexität der modernen Welt und Gesellschaft ist mit so schlichten Sprüchen kein Blumentopf mehr zu gewinnen: die Komplexität der Sachen UND die Komplexität des globalen Sozialen im Zusammenspiel mit der immer fehlenden Zeit, die mit Recht auch Geld heisst, die verhindern jede Kontrolle, jede Verantwortlichkeit, jedes klare Ja-ja oder auch Nein-nein und sie sind der Grund für das üblich gewordene Verschleiern, Zerreden und die landläufig gewohnte Verantwortungslosigkeit.

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